Der erste Espresso des Jahres: Zehn Jahre im (nicht immer ernsten) Rückblick
01. Januar 2010, 18:00
Uhr
Der
erste Espresso des Jahres ist zugleich das Abschiedsgetränk auf ein Jahrzehnt,
an dessen Anfang so mancher glaubte, das Ende der Konjunkturzyklen stehe bevor.
Der amerikanische Mischkonzern General Electric schaffte es auf wundersame
Weise, von Quartal zu Quartal etwas mehr zu verdienen und etwas mehr Umsatz zu
machen. Internet-Gurus wie der damalige Chef des Computerherstellers Sun, Scott
McNealy, glaubten zudem, neueste technische Errungenschaften wie etwa der
Siegeszug des Internets würden es der gesamten Wirtschaft erlauben, von so
erbärmlichen Dingen wie konjunkturellen Abschwüngen verschont zu bleiben.
Die Technik hat den Bankern geholfen, die Blase aufzupumpen
Das
ist nur ein schöner Traum geblieben, was nicht zuletzt mit dem tatsächlich
großen technischen Fortschritt der vergangenen zehn Jahre zu tun hat. Die
Banker jedenfalls wären ohne die Hilfe ihrer ausgefeilten Computerprogramme
nicht in der Lage gewesen, die Finanzprodukte zu bauen, die die Welt der
Wirtschaft vor einem guten Jahr an den Abgrund geführt haben.
Ein
anderer Traum des Jahrzehnts war es, dass man mit staatlich gefördertem
Hausbesitz in den Vereinigten Staaten ein Integrationsmodell für eine sehr
bunte Gesellschaft aus diversen Einwanderergruppierungen gefunden zu haben
glaubte. Auch das ist schiefgelaufen - in Verbindung mit den Finanzprodukten,
die sich die Banker an ihren Computern ausgedacht haben. Siehe oben.
Privatanleger hatten an den Börsen Pech
Im
Laufe der vergangenen zehn Jahre hatte man auch die Vermutung, die Menschen
würden mit der Hilfe von Internet und Computer wenigstens eine bessere
Kontrolle über ihre privaten Finanzen erlangen. Schließlich ist es kein Problem
mehr, von daheim jegliche Bankgeschäfte abzuwickeln, angefangen von der simplen
Überweisung bis hin zum sogenannten „Day Trading", dem schnellen Umschlag von
Papieren an der Börse. Dass die Menschen mit diesen neuen Möglichkeiten aber
tatsächlich besser mit ihrem Geld umgehen können, darf bezweifelt werden. Die
Deutschen jedenfalls stehen den Finanzmärkten im Allgemeinen und dem
Aktienbesitz im Besonderen am Ende dieses Jahrzehnts skeptischer gegenüber als
zu seinem Beginn. Denn sie haben als Privatanleger zwei große Kursabstürze
erlebt - und an den zwischenzeitlichen Aufschwüngen kaum teilgenommen.
Geträumt haben in der zurückliegenden Dekade auch viele von der sogenannten
personalisierten Medizin, von Medikamenten also, die perfekt auf die
individuellen Ausprägungen einer Krankheit bei einem einzelnen Patienten
zugeschnitten sind. Möglich werden sollte das durch die gefeierte
Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Doch bisher schießt die Pharmaindustrie
mit ihren sogenannten Blockbuster-Medikamenten, die für Milliardenumsätze
stehen, noch immer breit auf Massenindikationen. Von einem Durchbruch der Gen-
beziehungsweise Biotechnologie in der Pharmaindustrie kann - noch - keine Rede
sein, jedenfalls nicht mit einem Blick auf den heutigen Patienten.
Was bleibt sind Apple und Google
Was
bleibt, sind Apple und Google. Das ist kein Scherz: Wenn etwas in diesem
Jahrzehnt noch viel besser gelaufen ist, als es von größten Fans eines
Unternehmens mit traditionell überzeugter Anhängerschaft vermutet werden
konnte, dann sind es die Produkte dieses Computerherstellers aus Kalifornien,
der mit dem iPod nicht nur das Musikgeschäft auf der Welt auf neue Füße
gestellt hat, sondern mit dem iPhone auch den Markt für die mobile Telefonie -
und mit einem neuen, sogenannten Tablet-Computer möglicherweise in der Zukunft
die Nutzung bisher gedruckter Medien. Angeblich wird Apple ein entsprechendes
Gerät schon im Januar 2010 vorstellen. Finden wird man darauf gewiss so manche
Information über die Suchmaske des Internetkonzerns Google - der anderen großen
Erfolgsgeschichte dieses Jahrzehnts.
Und
nicht zu vergessen: Was bleibt, ist natürlich auch das Ende des Kaffees als
„normales" Getränk. Am Anfang des neuen Jahrzehnts trinken wir Latte macchiato,
Cappuccino, Caffè Latte - oder trinken einen Espresso in der Lounge. Und wer jetzt den Kaffee auf hat: Ja, es stimmt, das neue Jahrzehnt beginnt eigentlich erst Anfang 2011.
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