Der Karstadt-Krimi: Tag der Entscheidung
01. September 2010, 20:39
Uhr
Die Frage, wer die Warenhauskette Karstadt aus der Insolvenz
führen wird, steht unmittelbar vor der Entscheidung - und das Pendel scheint
sich immer mehr dem Privatinvestor Nicolas Berggruen zuzuneigen. Auch die
beteiligten Banken, die das Rennen über das Vermieterkonsortium Highstreet
lange offengehalten haben, vermitteln diesen Eindruck zunehmend glaubwürdig. Es
geht um 25 000 Arbeitsplätze.
Die Deutsche Bank, die von Berggruen in einem Gespräch mit der
F.A.Z. ob ihres Verhaltens in der vergangenen Woche noch scharf angegangen
worden war, pocht jedenfalls darauf, ausschließlich Berggruen zu unterstützen.
Es gelte das, was der Vorstand in Frankfurt sage, in diesem Fall der zuständige
Jürgen Fitschen. Andere Wahrnehmungen hätten nie der offiziellen Linie
entsprochen. Nur Berggruen habe einen gültigen Kaufvertrag mit dem
Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg, der folglich mit niemand anderem
verhandeln könne. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs, die ebenso
wie die Deutsche Bank für einen Teil der Highstreet-Geldgeber steht, hatte
schon vor Wochen deutlich gemacht, an ihr werde ein Lösung mit Berggruen nicht
scheitern. Auch das wurde zuletzt auf Nachfrage wiederholt und bekräftigt - obwohl es immer
wieder Streitigkeiten im Konsortium gab und gibt.
Verdi und Görg für Berggruen
Hinzu kommt, dass sowohl die Gewerkschaft Verdi als auch
Görg sehr deutlich Stellung für Berggruen beziehen. Görg hat das Angebot des
italienischen Unternehmers Maurizio Borletti für Karstadt am Dienstag in einem
Brief an dessen Unternehmensgruppe sogar als „substanzlos" verworfen. Borlettis
Erklärung, er habe unterschriftsreife Verträge für eine Karstadt-Übernahme
vorgelegt, treffe nicht zu. Darüber habe er auch den Gläubigerausschuss
informiert, der über das Schicksal von Karstadt entscheidet.
Ein angeblich bereits unterschriebener Mietvertrag zwischen
Borletti und Highstreet liege ihm nicht vor, schreibt Görg. Der
Insolvenzverwalter bezweifelt zudem, ob Borletti Karstadt, wie von seinen
Anwälten angekündigt, tatsächlich ohne eine kartellrechtliche Prüfung
übernehmen könne. Hier gebe es Widersprüche. Müssten die Kartellbehörden einer
Übernahme zustimmen, würde sich eine Entscheidung über die Zukunft von Karstadt
weiter verschieben. Borletti habe sich zudem nicht zu Kreditkonditionen seines
Partners Gordon Brothers geäußert. Offen sei etwa, zu welchen Bedingungen und
gegen welche Sicherheiten der Finanzinvestor Geld zur Verfügung stellen wolle:
„Jeder der Beteiligten - Senior- wie Mezzanine-Kapitalgeber - kann, soll und
muss wissen, dass Borlettis Papiere nicht unterschriftsreif sind", schreibt
Görg mit Blick auf die Kapitalgeber des Vermieterkonsortiums Highstreet weiter.
Offiziell bis um 24 Uhr am Donnerstag muss Berggruen eine Einigung mit
Highstreet erzielt haben, damit der von ihm Anfang Juni unterzeichnete
Kaufvertrag auch gültig werden kann. Die Verhandlungen könnten sich wohl aber
auch bis in die Morgenstunden hinziehen.
Die Entscheidung
Am Donnerstagvormittag treffen sich in London zunächst die
Highstreet-Gläubiger, die als sogenannte Senior-Kapitalgeber über Anleihen
direkt an der Finanzierung der Karstadt-Immobilien beteiligt sind (Bondholder).
Bei dieser über die Immobilien abgesicherten Gläubigergruppe gilt eine
Zustimmung als wahrscheinlich. Schwieriger ist die Lage bei den
Mezzanine-Gläubigern. Diese Kapitalgeber sind direkt an Highstreet beteiligt.
Darlehen von Mezzanine-Gläubigern sind in der Regel nicht über Vermögenswerte
wie Immobilien abgesichert - und die Finanzierungskonstruktionen, um die es geht, sind sehr kompliziert. Allein hier gibt es nochmals drei verschiedene Gläubigergruppen A, B und C mit unterschiedlichen Interessen. Wie zu hören ist, gibt es aber durchaus einen Plan, wie alle Mezzanine-Gläubiger unter einen Hut zu bringen wären.
In zwei getrennten
Abstimmungen müssen diese Geldgeber, die in den beiden Lagern um die Deutsche
Bank und Goldman Sachs gebündelt sind, die von Berggruen geforderten
Mietsenkungen billigen - oder ablehnen. Bei den Mezzanine-Gläubigern ist eine
Zustimmungsquote von 100 Prozent erforderlich.
Ringen bis zu letzten Sekunde
Freitag früh um 10 Uhr muss ein Ergebnis vorliegen: Dann
will das Essener Gericht über die Annahme des Insolvenzplans entscheiden. Im
Lager Borlettis hingegen hält man auch hier noch eine Verschiebung für möglich -
und arbeitet offenbar bis zuletzt daran, in den Abstimmungen der Gläubiger zu
punkten.
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