Die Welt der Internet-Adressen wird größer
12. Januar 2012, 16:16
Uhr
Die Welt
der Online-Adressen wird bald größer: Unternehmen, Städte und Regionen bekommen
im Internet ab sofort die Möglichkeit, eigene Adress-Endungen auf ihren Namen
zu buchen, sogenannte Top-Level-Domains. Denkbar wären damit Adressen für Internetseiten,
die zum Beispiel auf „.frankfurt", „.bahn" oder „.taunus" enden. In den
Vereinigten Staaten wird eine starke Nachfrage nach Adressen wie „.car",
„.love", „.movie", „.web" und „.gay" erwartet. Tatsächlich beworben haben sich
in Deutschland nach bisherigen Informationen Unternehmen wie SAP, Linde und
RWE. Die zuständige Internet-Verwaltung, die amerikanische Icann (Internet
Corporation for Assigned Names and Numbers), nimmt die Bewerbungen um die neuen
Endungen seit Donnerstag dieser Woche entgegen. Das Bewerbungsfenster schließt
Mitte April.
Die
Angelegenheit ist allerdings kostspielig: Allein die Bewerbung kostet rund 120
000 Euro, danach müssen zur „Bewirtschaftung" der Domain die kompletten
Aufgaben eines Internet-Unternehmens übernommen werden. Dafür sind ein eigenes
Geschäftskonzept und ein entsprechend hohes Startkapital nötig. Der Grund ist,
dass Icann den wirtschaftlichen Betrieb der Adress-Endungen langfristig sichern
will. Das ist nach Schätzungen mit Kosten von rund 200 000 Euro im Jahr verbunden.
Zusätzlich sind nach Angaben des deutschen IT-Branchenverbandes Bitkom abhängig
vom Aufwand bis zu einer halben Million Euro für Projektmanagement, Technik und
Rechtsberatung nötig.
Nichts für Privatleute
Privaten
Nutzern steht die Registrierung nicht offen. Allerdings dürften die
entsprechenden Kosten für diese Zielgruppe auch viel zu hoch sein.
Voraussichtlich Anfang 2013 sollen die neuen Endungen dann nach einer Prüfung
durch die Icann freigeschaltet werden.
Jeder Name
einer Domain im Internet besteht aus einer Folge von durch Punkte getrennten
Zeichenfolgen. Die Bezeichnung Top-Level-Domain („Bereich oberster Ebene")
bezeichnet dabei den letzten Namen dieser Folge. Ist der vollständige
Domain-Name einer Website „beispiel.com", so entspricht das rechte Glied (.com)
der Top-Level-Domain dieses Namens. Die Registrierungsstelle legt dafür einen
Datenbank-Eintrag über den Inhaber an, der entsprechende Abfragen ähnlich einem
Telefonbuch, ermöglicht.
„Alle
interessierten Institutionen sollten jetzt aktiv werden, wenn sie die neuen
Möglichkeiten schnell nutzen wollen", sagte Dieter Kempf, der Präsident des
Bitkom zum Beginn der Bewerbungsfrist. In Deutschland gibt es laut Bitkom unter
anderem Initiativen für die Adressen „.berlin", „.hamburg" und „.köln".
Branchen-Domains wie „.film", „.hotel" oder „.shop" seien ebenfalls geplant.
Für einprägsame Adressen mit den schon lange eingeführten Endungen wie „.com",
„.org", „.net" oder Länderkürzeln wie „.de" sind die Namen schon knapp
geworden. Wer nach Möglichkeiten sucht, eine neue Geschäftsidee oder
Unternehmung mit dem entsprechenden Namen auch im Internet erreichbar zu
machen, wird oft enttäuscht. Die Erweiterung der Domain-Endungen gilt in der
Branche deshalb gar als „historischer Schritt", der diese Möglichkeiten nun
deutlich erweitern soll.
Die
amerikanische Regierung allerdings hatte die Icann noch Anfang Januar
aufgefordert, die Pläne noch einmal zu überdenken. Viele Unternehmen hätten in
Beratungen mit dem Wirtschaftsministerium die Erweiterung der Adressräume
kritisiert. Sie befürchteten, dass Unbefugte ihre Unternehmens- oder
Markennamen als Top Level Domain registrieren könnten. Nach Angaben des Bitkom
soll durch entsprechende Angebote für Markenrechtsinhaber aber verhindert
werden, dass Websites zu Spekulationszwecken reserviert werden. Abgeschmettert
wurde unter anderem ein amerikanischer Vorschlag, der Staaten ein Vetorecht
eingeräumt hätte. Regierungen haben nun die Möglichkeit, die Icann bei der
Vergabe unverbindlich zu beraten.
Potentielles Desaster?
Der
Vorsitzende der amerikanischen Handelskommission FTC, Jon Leibowitz rechnet
gleichwohl mit einem „potentiellen Desaster", das mehr Online-Kriminalität zur
Folge haben wird. Auch in der Internet-Gemeinde stoßen die neuen Domains
inzwischen auf Kritik. Mit der Erweiterung der Endungen werde kein Vorteil,
sondern nur Redundanz produziert, von der letztendlich nur Google profitiere,
sagte die Internet-Pionierin Esther Dyson dem „Wall Street Journal". Wenn ein
Unternehmen wie die Hotel-Kette Marriott neben der Adresse „marriott.com" auch
„marriott.hotel" registrieren könne, müsse es seine Marke mit einer
Reservierung der Adresse dann auch geradezu schützen, selbst wenn das
Unternehmen die neue Domain nie gebrauche. Für Marken-Anwälte könne daraus ein
lukratives Geschäftsfeld entstehen.
Die mit
diesen Vorwürfen konfrontierte Icann will das Bewerbungsverfahren entsprechend
„transparent und fair" gestalten. Die Erweiterung sorge für mehr Wettbewerb und
mehr Möglichkeiten für einprägsame Web-Auftritte. So will das Oberhaupt der
afrikanischen Volksgruppe der Zulu nach Icann-Angaben „.zulu" für alle seine
Stammesmitglieder registrieren lassen, die über viele afrikanische Länder
verstreut sind. Auch die Katalanen in Spanien hätten Interesse an einer
gemeinsamen Endung .cat bekundet.
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