Linde-Chef Reitzle: Deutschland kann Euro-Austritt verkraften
15. Januar 2012, 21:07
Uhr
Der Chef des Gase- und Energiekonzerns Linde hat recht, und
er muss das so auch einmal sagen dürfen: Wenn der Euro auseinanderfiele, könnte
Deutschland den Schock verkraften, und die Wirtschaft wäre nach einigen Jahren
relativ betrachtet sogar wettbewerbsfähiger. Natürlich wäre ein solcher Schock
alles andere als wünschenswert, und er ist auch nicht wahrscheinlich. Aber es
wäre für die Diskussion über die Zukunft des Euro – und die deutsche
Verhandlungsposition in Brüssel – hilfreich, würde dieses Szenario von den
Politikern nicht tabuisiert. Denn der Druck auf die Euro-Krisenländer, ihre
Bürokratie und Arbeitsmärkte zu modernisieren, die Steuerhinterziehung zu
bekämpfen und das Rentenalter zu erhöhen, muss auch in den nächsten Monaten und
Jahren unbedingt aufrechterhalten werden, soll die Krise bewältigt werden.
Linde-Chef Wolfgang Reitzle ist nicht naiv. Er weiß, dass Deutschland, wenn es
in der Welt weiterhin relevant sein will, alle Anstrengungen unternehmen muss,
um den Euro zu retten. Er hofft darauf, dass Italien & Co ihre
Schwierigkeiten anpacken und lösen. Er sagt den Deutschen aber auch: Erpressen
lassen muss sich das Land nicht.
Hier die zugehörige Meldung:
Wolfgang Reitzle, der Vorstandsvorsitzende des Münchner
Gase- und Energieunternehmens Linde, ist nicht der Meinung, dass die
Gemeinschaftswährung um jeden Preis gerettet werden muss. Der Linde-Chef und
Aufsichtsratsvorsitzende des Automobilzulieferers Continental glaubt zwar, dass
der Euro nicht auseinanderbrechen wird. Er fürchtet aber, dass der Reformwille
in den Krisenländern nachlässt, wenn am Ende doch immer die Europäische
Zentralbank (EZB) eingreift. Falls es jedoch nicht gelinge, die Krisenländer zu
disziplinieren, müsse Deutschland aus dem Euroraum austreten, sagte Reitzle dem
„Spiegel“.
Dies würde dann zwar zu einer Aufwertung „der D-Mark, des
Euro-Nord, oder welche Währung wir dann auch hätten“, führen. Deshalb würde in
den ersten Jahren die Arbeitslosigkeit steigen, weil der Export durch die
Aufwertung und damit die Verteuerung der deutschen Produkte stark sinke. Dann
würde der Druck zunehmen, noch wettbewerbsfähiger zu werden. Die deutsche
Wirtschaft könnte diesen Schock aber nach einigen Jahren überwunden haben,
glaubt Reitzle: „Schon fünf Jahre später könnte Deutschland im Vergleich zu den
asiatischen Wettbewerbern noch stärker dastehen.“ Das gesamte Szenario sei für
ihn nicht wünschenswert, dürfe aber auch kein Tabu sein.
Die derzeitigen Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB
hält Reitzle jedenfalls für falsch, doch gebe es keine andere Möglichkeit, wenn
man verhindern wolle, dass die Währungsunion auseinanderbreche. Zudem sei das
Problem tatsächlich noch viel größer, da auch die Ungleichgewichte im
Zahlungsverkehr der Notenbanken des EZB-Systems (Target 2-Salden) wüchsen. Das
bedeute, dass die Handelsbilanzdefizite der Krisenländer von der Bundesbank
garantiert würden – auf die Deutschen entfalle derzeit ein Volumen von 550
Milliarden Euro: „Damit finanzieren wir deutsche Automobile und
Werkzeugmaschinen, die nach Spanien oder Italien geliefert werden, im Prinzip
selbst.“ Zudem gingen in diese Salden rund 100 Milliarden Euro ein, die die
Italiener in den vergangenen Monaten aus ihrem Land abgezogen und zum Beispiel
in Immobilien in Berlin angelegt haben.
Griechenland hat keine Chance mehr, in der Währungsunion zu bleiben
Für Griechenland sieht Reitzle ohnehin keine Chancen mehr,
in der Währungsunion zu bleiben. Griechenland müsse mittelfristig austreten.
Die Kapitalmärkte hätten das Thema längst abgehakt. Die Schulden Athens werden
nach der Überzeugung des Linde-Chefs nicht zu 50 oder 70 Prozent, sondern zu
100 Prozent abgeschrieben werden müssen.
Mit seinen Aussagen hebt sich Reitzle stark von anderen
Spitzenmanagern ab. Im Sommer hatten 50 von ihnen Anzeigen unter dem Titel „Der
Euro ist notwendig“ geschaltet. Darin machten sie auf die Vorteile des Euro
aufmerksam und forderten Hilfen für die Krisenländer. Linde selbst macht aber
auch nur noch rund ein Drittel seines Umsatzes in Europa.
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