Italien: Ein dickes Lob für Mario Monti aus Davos
28. Januar 2012, 11:41
Uhr
Der Chef des Schuhherstellers
Geox, Mario Moretti Polegato, ist ein guter Bekannter des neuen italienischen
Premierministers Mario Monti. Er glaubt an die Zukunft seines Landes und mahnt
auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos aber dazu, die Jugend nicht aus den Augen
zu verlieren.
Herr Polegato, wie sehr wird
die italienische Wirtschaft unter den beschlossenen Konsolidierungsmaßnahmen
leiden?
Die Maßnahmen, die das Dekret „Salva Italia" (Rette Italien) der
neuen Regierung beinhaltet, dienen dazu, die Staatsverschuldung zu reduzieren
und 2013 einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Diese Maßnahmen umfassen
somit auch Steuererhöhungen, die trotz der Reduzierung von öffentlichen Abgaben
zuerst keinen positiven Einfluss auf das Wachstum unseres
Bruttoinlandsproduktes haben. Sie sind jedoch zur Stärkung Italiens und damit
auch Europas notwendig, um international wettbewerbsfähig zu sein.
Gehen die bisherigen Schritte denn weit genug? Welche weiteren
Reformen sind aus der Sicht eines international tätigen Unternehmers nötig?
Das Dekret muss umgehend von Maßnahmen begleitet werden, die
darauf ausgerichtet sind, das Wirtschaftswachstum in Italien zu fördern.
Das heißt?
Ich spreche von Liberalisierung und davon, Anreize zu Forschung
und Innovation zu schaffen. Die Krise, in der wir uns gerade befinden, zwingt
das Land, solche Reformen zu beschleunigen, die - obwohl notwendig - stillstanden,
weil die Politik sie nicht durchsetzen konnte.
Was halten Sie vom neuen Premierminister Mario Monti?
Meiner Ansicht nach ist Professor Monti - den ich persönlich
sehr gut kenne, da wir beide Professoren an der Mailänder Universität Bocconi
sind - die beste Wahl für unser Land. Er ist ein international angesehener
Ökonom, hat eine große Erfahrung mit Blick auf Europa und die Kompetenzen, um
Italien wieder den Rang und die Glaubwürdigkeit zu geben, die der dritten
Wirtschaftsmacht des Kontinents zustehen sollte.
Das mag sein, aber ist den Italienern denn zum Beispiel ein
Mentalitätswandel weg von der Steuerhinterziehung möglich?
Mehr als ein Mentalitätsproblem ist das Phänomen der
Steuerhinterziehung - und Italien hat hier ja kein Monopol - meiner Ansicht nach
darauf zurückzuführen, dass viele Bürger kein Vertrauen in den Staat und seine
nationalen und lokalen Institutionen haben. Das führt dazu, dass viele nicht
das Pflichtgefühl entwickeln, ihren Beitrag an die Staatskasse abzuführen. Wenn
in Italien dem Bürger die entsprechenden Leistungen geboten werden, alle die
gleichen Steuern zahlen müssen und vor allem die Steuerhinterziehung konsequent
verfolgt wird, bin ich überzeugt, dass dieses Problem gelöst werden kann. Dies
ist eine vorrangige Aufgabe der neuen Regierung.
Sind die jungen Italiener noch von den Vorteilen eines vereinten
Europa überzeugt?
Das Thema der Jugend ist mir sehr wichtig. Italien, wie auch
Deutschland, ist demographisch eines der „ältesten" Länder der Welt, was ein
ernsthaftes Problem ist. Wir haben heute eine sehr hohe Arbeitslosenquote bei
Jugendlichen. Von den rund 4 Millionen Italienern, die im Ausland leben, sind
mehr als die Hälfte jünger als 35 Jahre. Viele junge Leute, die in Italien ihre
Ausbildung gemacht haben, gehen aber nicht nur aus Gründen des Gehaltes ins
Ausland, sondern auch, weil in Italien die Kultur des Leistungsprinzips nicht
ausreichend entwickelt ist. Was Europa betrifft, so schwächen die Divergenzen
der einzelnen Staaten vor allem bei den Jugendlichen das Vertrauen in die
Europäische Union. Dieses Risiko dürfen die europäischen Regierungen nicht
ignorieren. Wie kürzlich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gesagt hat,
beginnt das Wachstum Europas bei der Beschäftigung der Jugendlichen. Das
Gleiche sagen Monti sowie weitere Staatsoberhäupter.
Beurteilen Jugendliche die Politik anders als ältere
Generationen?
Allgemein haben die Jugendlichen verstanden, dass die Schwäche
Europas zum Großteil in der Abwesenheit einer echten, gemeinsamen Politik -
abgesehen von der einheitlichen Währung - zu sehen ist. Europa benötigt also
dringend eine gemeinsame Politik, vor allem mit Blick auf die Steuern und die
Außenbeziehungen.
Wie beurteilen die Italiener die Rolle Deutschlands in Europa?
Ist Deutschland auch ein Vorbild?
Monti hat während seiner letzten Berlin-Reise gesagt: „Ich liebe
Deutschland und betrachte es als Vorbild ..." Die Italiener sind sich der
Bedeutung der deutschen Wirtschaft in Europa absolut bewusst, und sie wissen,
dass Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner ist. Heute ist es jedoch
vor allem die Dynamik der Wirtschaft, die die Aufmerksamkeit der italienischen
Öffentlichkeit auf sich zieht - und die Frage, wie Deutschland seine
Führungsrolle bei der aktuellen Krise wahrnehmen wird.
Wie schätzen Sie die weitere konjunkturelle Entwicklung in
Italien und Europa für Ihr eigenes Unternehmen ein?
Jedes Land, das Mitglied der Europäischen Union ist, muss heute
seinen Beitrag leisten, um seine Wettbewerbsfähigkeit sowie die Europas zu
steigern. Italien muss alles dafür tun, seinen Staatshaushalt zu verbessern und
zu stabilisieren. Vor allem muss das Wirtschaftswachstum gefördert werden, ohne
das die aktuelle Krise des Misstrauens der Investoren in den Euro nicht
überwunden werden kann. Ich glaube, dass diese Bemühungen noch lange andauern
werden, aber auch dass die Europäische Union diese Herausforderung besteht.
Und was Geox betrifft?
... sind wir heute ein „Global Player", der zwar seine
Hauptmärkte in Europa hat, aber auch auf anderen Kontinenten, insbesondere in
Asien, stark expandiert.
Das Gespräch führte Carsten Knop.
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