Keine eigenen Apothekenpläne mehr: Celesio will ein guter Partner sein
15. Februar 2012, 08:24
Uhr
Der neue Vorstandsvorsitzende des Stuttgarter Pharmagroßhändlers Celesio AG,
Markus Pinger, rechnet für die kommenden fünf bis zehn Jahre mit einer
deutlichen Deregulierung und Konsolidierung des Arzneimittelhandels in Europa.
„Profitieren würden davon nach amerikanischem Vorbild die großen Drogerie- und
Supermarktketten", sagt Pinger im Gespräch mit dieser Zeitung. „Angesichts der
Erfahrungen mit der Finanzkrise und dem wachsenden Druck auf die Sozialsysteme
ist dies wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit." Anbieter wie der asiatische
Einzelhandelskonzern A.S. Watson, der an der Rossmann-Gruppe beteiligt ist,
bereiteten sich schon auf diese Entwicklung vor. Der Druck auf die unabhängigen
Apotheken, von denen es zurzeit allein in Deutschland gut 21000 gibt, würde
dann deutlich zunehmen. „Deshalb bieten wir ihnen unsere Partnerschaft in einem
europäischen Apothekennetzwerk an. Wir wollen dadurch die inhabergeführte
Apotheke und ihren öffentlichen Versorgungsauftrag stärken."
Netzwerkstatt eigener Apotheken
Ein solches Netzwerk, argumentiert Pinger, könne unter anderem die
Einkaufsmacht der unabhängigen Apotheken gegenüber der Pharmabranche bündeln.
Von der Idee, auf den zunehmenden Druck mit dem Aufbau einer eigenen
Apothekenkette in Deutschland zu reagieren, hält Pinger - im Gegensatz zu
seinem im Sommer abgelösten Vorgänger Fritz Oesterle, der dieses Experiment
unter dem Markennamen Doc Morris begonnen hatte - dagegen nicht viel. „Wir
verstehen uns als Partner", betont er die neue Stoßrichtung. Sie basiert auf
einer teuer erkauften Einsicht: Der Vorstoß mit Doc Morris habe das Unternehmen
kurzfristig 30 Prozent seiner Kunden gekostet, bilanziert Pinger. „Und es hat
Zeit gebraucht, sie zurückzugewinnen."
Auch die Versuche mancher Pharmakonzerne, den Großhandel über den
Direktvertrieb an die Apotheken zu umgehen, sieht Pinger nach eigener Auskunft
skeptisch. Die Logistik mit ihren vorgeschriebenen Kühlketten für eine Reihe
von Arzneimitteln sei dafür zu aufwendig; außerdem sei es schwer mit dem
Betriebsablauf einer Apotheke zu vereinbaren, entsprechend der bisher üblichen
Frequenz zwei- oder dreimal am Tag gleich von einem ganzen Dutzend Herstellern
beliefert zu werden. Zurzeit liegt der Anteil des Direktvertriebs am deutschen
Arzneimittelmarkt nach Angaben aus der Branche bei rund 16 Prozent.
Den Pharmagroßhandel insgesamt sieht Pinger nach Jahren mit sinkenden
Erträgen unter Zugzwang. Die Händler werden sich nach seiner Einschätzung
künftig durch spezielle Angebote stärker voneinander unterscheiden. In Brasilien
sei ein mögliches Zukunftsmodell zu besichtigen: Dort hat Celesio eine
spezialisierte Tochtergesellschaft gegründet, die teure und aufwendig zu
transportierende Medikamente wie Krebsmittel an eine ausgewählte Zahl großer
Kliniken und Apotheken liefert, die regelmäßig Bedarf an diesen Arzneimitteln
haben. „Das sehen wir nicht nur in Brasilien als Wachstumsgeschäft, sondern
auch in Europa."
Ende der Strategie der Diversifizierung
Von Oesterles Strategie der Diversifizierung hat sich Pinger, der vom
Konsumgüterhersteller Beiersdorf zu Celesio gewechselt ist, indes schon kurz
nach seinem Amtsantritt distanziert. Eine Reihe von Zukäufen aus Oesterles
Ägide stehen seitdem zur Disposition, vor allem aus dem wenig profitablen
Dienstleistungsbereich. Insgesamt ist das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen
(Ebitda) zwischen 2007 und 2010 bei leicht steigendem Umsatz von 843 Millionen
auf 699 Millionen Euro gesunken. Für das vergangene Jahr werden nur noch 575
Millionen Euro erwartet. Pinger will diese negative Entwicklung mit der
Konzentration auf das Kerngeschäft und Wachstum im Ausland, etwa in Brasilien,
umkehren.
Celesio gehört zur Duisburger Haniel-Gruppe und rangiert mit einem
Marktanteil von rund 16 Prozent in der Liste der wichtigsten deutschen
Arzneimittelgroßhändler etwa gleichauf mit dem Frankfurter Wettbewerber Anzag,
aber deutlich hinter Phoenix aus Mannheim (30 Prozent Marktanteil). Die Branche
hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Ertragskraft verloren, weil die
gesetzlich geregelte Großhandelsmarge gesenkt wurde, viele Apotheker aber
weiterhin auf die in üppigeren Zeiten üblich gewordenen Rabatte auf die
Arzneimittelpreise bestanden. Der Branchenverband Phagro bezifferte die
Umsatzrendite vor Steuern vorübergehend sogar als negativ. Zuletzt hat das Ende
2010 verabschiedete Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts (Amnog) die
Vergütung neu geregelt; für 2011 galt eine von den Großhändlern besonders
kritisch gesehene Übergangsregel.
Unter Mitarbeit von Sebastian Balzter.
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