Die Achillesferse der Energiewende: Die Anbindung von Offshore-Windparks
22. Februar 2012, 12:57
Uhr
Zum
Jahreswechsel hat der Cuxhavener Windpark-Projektentwickler PNE Wind einen
großen Erfolg gefeiert: Das Unternehmen konnte den geplanten Nordsee-Windpark
„Gode Wind II" an den dänischen Investor Brancor Capital Partners verkaufen.
Ein entscheidender Grund für die Kaufentscheidung war, dass der niederländische
Netzbetreiber Tennet garantiert hat, die Anlagen an das Stromnetz
anzuschließen. „Das heißt, dass wir den Windpark sehr schnell in Betrieb nehmen
können", sagte Kim Brangestrup von Brancor Capital Partners dieser Zeitung zum
Vertragsabschluss. Seine Botschaft war klar: Ohne Netzanschluss wäre das
Interesse erlahmt.
Aber es ist
genau das zuständige Unternehmen Tennet, das sich in diesen Tagen um das zügige
Voranschreiten dieser Anschlüsse von Windparks auf See (Offshore) sorgt. Und
das sind nicht die einzigen Probleme der Gesellschaft, deren Transportnetz von
der Nordsee bis zu den Alpen reicht. In einem Schreiben an
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), den das Unternehmen Ende der
vergangenen Woche abgeschickt hat, schlägt Tennet die Gründung einer neuen
Gleichstrom-Netzgesellschaft vor. Diese Gesellschaft soll die neuen
Anschlussleitungen für die Offshore-Windparks planen, finanzieren, bauen und
betreiben.
Schnell Rechtssicherheit schaffen
Der
Netzbetreiber fordert den Gesetzgeber außerdem auf, Rechtssicherheit darüber zu
schaffen, wie mit der Haftung bei Nichtverfügbarkeit oder verspäteter
Fertigstellung des Anschlusses von Offshore-Windparks zu verfahren sei. Der
RWE-Konzern kritisiert zum Beispiel, dass der Netzbau für seine Windpark
Nordsee Ost schon ein Jahr im Verzug ist, und prüft deshalb die Aussichten
einer Schadenersatzklage. Wo Versicherungen nicht mehr einspringen, müsse eine
„Sozialisierung der Schäden" ermöglicht werden, findet Tennet deshalb. Zudem
brauche man eine Offshore-Langfristplanung. Und: „Um die Investitionssicherheit
für Windparks und Netzbetreiber zu gewährleisten, sollten die vorgeschlagenen
Regelungen noch vor der Sommerpause 2012 Eingang in den Gesetzgebungsprozess
finden." Tage zuvor hatten die Niederländer und der Energieversorger RWE schon
den Ausbau von weiteren Windpark-Projekten gestoppt. Man werde keine neuen
Bauaufträge mehr ausschreiben, sondern nur die bestehenden Projekte
weiterverfolgen, hieß es. Mit einem Investitionsvolumen von bislang 5,5
Milliarden Euro sei eine finanzielle Kapazitätsgrenze erreicht. Investitionen
von 15 Milliarden Euro allein für die Offshore-Anbindungen seien nicht von
einem einzigen Netzbetreiber zu tragen, schreibt der Tennet-Vorstand an Rösler.
Das ist für
die Ausbaupläne der Bundesregierung ein Schlag. Denn Tennet ist für den
Stromanschluss aller in der Nordsee geplanten Windparks zuständig. Nach
geltender Rechtslage ist der örtliche Netzbetreiber verpflichtet, die Anlagen
anzuschließen. Die Kosten nebst festgelegter Rendite kann er über eine Umlage
auf alle Verbraucher abwälzen. Laut dem Energiekonzept der Bundesregierung
sollen Ende 2022 Windkraftanlagen mit 13 Gigawatt Leistung in Nord- und Ostsee
stehen. Davon habe Tennet nun die Anbindung von rund 5,3 Gigawatt auf den Weg
gebracht.
Die neue
Gleichstrom-Übertragungsgesellschaft, die Tennet vorschwebt um die
Schwierigkeiten zu beheben, soll aus den vier großen Übertragungsnetzbetreibern
(Tennet, Amperion, 50Hertz und die Netze von ENBW) in Deutschland bestehen.
Eingebunden werden sollten zudem die nötigen Fernleitungen von der Küste in die
Industriegebiete im Süden. Das komme dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziel
einer Deutschen Netz AG nahe. Allerdings solle der Staat sich nicht daran
beteiligen. Diese Gesellschaft könne dann auch gleich den Bau eines weiteren
„Overlay-Netzes" in Deutschland übernehmen, mit dem die bestehenden
Leistungsengpässe zwischen Nord- und Süddeutschland behoben würden. Von den
anderen Transportnetzbetreibern wurden diese Vorschläge zunächst mit großer
Zurückhaltung aufgenommen.
Dabei hat
die jüngste Frostperiode gezeigt, dass die Transportinfrastruktur die
Achillesferse der Energiewende ist. Bei dem über viele Stunden extrem hohen
Stromverbrauch konnten die Netzgesellschaften zwar einigermaßen den benötigten
Bedarf sicherstellen. Aber die an vielen Stellen bis an die Grenzen
beanspruchten Netze boten keinerlei Reserven mehr, um regenerativen Strom
geordnet zu steuern. So ist allen Energiefachleuten klar, dass ein
beschleunigter Netzausbau Priorität haben muss. Aber die Realität sieht eben
anders aus. In diesem Jahr ist zwar die vom Bundeswirtschaftsminister
eingerichtete Arbeitsgruppe „Beschleunigung der Netzanbindung von
Offshore-Windparks" gestartet. Sie soll mit Betroffenen aus der
Energiewirtschaft, Zulieferindustrie und den zuständigen Behörden die
Voraussetzungen für eine schnellere Umsetzung der Netzanträge ausarbeiten. Aber
dem staatlichen niederländischen Netzbetreiber Tennet geht es um mehr, auch um
den Abtransport der Windenergie in die großen Verbrauchszentren. Deshalb hat
Rösler jetzt Post bekommen.
Bundesnetzagentur begrüßt Überlegungen
Immerhin:
Bei der Bundesnetzagentur rennt Tennet mit seinen Überlegungen für eine
Netzgesellschaft offene Türen ein. Zu den Einzelheiten des Schreibens wollte
sich ein Sprecher zwar nicht äußern. Grundsätzlich aber steht die
Aufsichtsbehörde nach den Worten ihres Präsidenten Matthias Kurth dem Gedanken
einer deutschen Netzgesellschaft „sehr aufgeschlossen gegenüber und hat darüber
Dutzende von Gesprächen geführt". Es gebe dafür ein günstiges Zeitfenster, weil
viele Investoren nach interessanten, aber risikoarmen Anlagemöglichkeiten
suchten. Für die Anbindung der Offshore-Windparks haben die Netzbetreiber bei
der Regulierungsbehörde bis Oktober 2011 zwanzig Projektpläne im Investitionsvolumen
von 11 Milliarden Euro eingereicht. 13 Anträge mit einem Volumen von 5,4
Milliarden Euro sind davon schon genehmigt. Weitere 4,2 Milliarden Euro hat der
Regulierer für die Leitung an Land zugesagt, mit denen Lücken im bestehenden
Netz geschlossen werden sollen. Die Zusagen der Netzagentur sind Voraussetzung,
damit die Projektkosten später in die Berechnung der Netzentgelte einfließen
können. Dabei wird mit der für Netzinvestitionen üblichen Rendite von etwa 9
Prozent des Eigenkapitals kalkuliert.
Die
detaillierte Ausbauplanung für die neuen Trassen geht allerdings erst in diesen
Monaten in ihre entscheidende Phase. Wesentliche Eckpunkte sollen im deutschen
Netzentwicklungsplan verankert werden, um die anschließenden lokalen und
regionalen Planungsverfahren zu beschleunigen. Und „ob wir den Strom als
Wechselstrom oder Gleichstrom übertragen und wo der Einsatz von
Hochtemperaturleitungen angebracht ist, kann einmal vorab geklärt werden",
sagte Kurth. Dadurch könne vermieden werden, dass in jeder Gemeinde die
Diskussion über die richtige Technik aufflammt.
Unter Mitarbeit von Helmut Bünder und Werner Sturbeck.
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