Richtig küssen, Frau Pauer!
07. Januar 2012, 11:44
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Die Autorin Nina Pauer hat auf zeit.de die These aufgestellt, die "Mentalitätsreform des alten Männerbildes", habe "inzwischen groteske Züge angenommen". Das eigene Leben "reflektierend und ständig bemüht, sein Handeln und Fühlen sensibel wahrzunehmen, nach außen zu kehren und zu optimieren", habe sich der junge Mann "auf einer ewigen Metaebene verheddert, von der er nicht wieder herunterkommt".
Ich weiß nicht, in welchen Kreisen Frau Pauer verkehrt und was für Exemplare ihr im Rahmen ihres Beziehungslebens so begegneten - aber die Frustration scheint ja tief zu sitzen. Auf "die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy" schreibt Pauer weiter. Alles habe angefangen mit Herbert Grönemeyers "Wann ist ein Mann ein Mann?".
Verwirrende Vielfalt
Man kann ja viel an den Feminismen der heutigen Zeit kritisieren. Man kann kritisieren, dass die Stimme von Männern zu wenig gehört wird. Man kann auch kritisieren, dass Jungen- und Männerarbeit, die in einer Zeit der Transformation der Geschlechterrollen notwendig ist, von Feministinnen manchmal abfällig betrachtet wird. Und es hat sich ja schon eine Menge geändert - was zweifellos für viele Männer und Frauen, die die Rollen von Männern und Frauen als sich ergänzenden Dualismus sehen, sehr verwirrend sein muss.
Noch in den 50er Jahren durften Frauen nicht arbeiten, wenn ihr Mann ihnen das nicht erlaubte. Heute sind Frauen in einem Dilemma: Zusätzlich zur Reproduktionsarbeit, die immer noch zum großen Teil an ihnen hängenbleibt - und da ändern auch zwei oder sechs Vätermonate nicht viel dran - müssen sie sich heute auch auf dem Arbeitsmarkt beweisen. Besonders schlimm trifft das die Alleinerziehenden, im allgemeinen Frauen.
Billige Klischees
Jedoch zu sagen, wie es Frau Pauer tut, dass wir einfach nur das Rad der Zeit zurückdrehen müssen und zu Klischees zurückkehren, ist billig. Zwar spricht Pauer von ihren privaten Erlebnissen mit Männern - bezieht dies aber auf eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung. Sie verallgemeinert ihre persönliche Beziehungsgeschichte und leitet aus negativen Erlebnissen eine Kritik an modernisierten Geschlechterrollen ab.
Denkt man Pauers Position weiter, bedeutet das dann nämlich auch, dass Frauen wieder als Menschen wahrgenommen werden, die nicht richtig denken können. Wesen, die mehr Körper sind und weniger Geist. Die am besten zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern, während der Mann im Öffentlichen der Jagd nach Geld und Ruhm nachgeht. Die Folgen eines solchen, dualistischen Geschlechterbildes: Frauen sind finanziell schlechtergestellt. Aus Frauensicht also nicht erstrebenswert.
Unglück in der Beziehung
Weitere Folgen: Unglück in der Beziehung. Erst kürzlich war im Spiegel zu lesen, dass ungleiche Beziehungen nicht so glücklich und stabil sind wie gleichwertige. Gleichberechtigung und eine gerechte Aufteilung der Arbeit zahlt sich also auch im Privaten aus. Man verstehe mich nicht falsch: Jede hat das Recht, ein Macho-Arschloch zu heiraten. Aber beschweren soll sie sich danach nicht.
Ich musste erst lernen, dass das Private auch politisch ist. Dass Beziehungsglück auch eine Menge mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat. Und dass Sex und Gefühle eine Rolle spielen. Und dass an Reflexion und Gespräch darüber kein Weg vorbeigeht. Dass es einen sexuellen Konsens geben muss, den man vor dem Sex verhandelt, damit man beim Sex nicht mehr nachdenken muss.
Pauer berichtet in ihrem Text nämlich von einem Fall, dass ein junger Mann "zu lange" darüber nachdenkt, ob er die junge Frau einfach küssen kann."Und schafft es danach schließlich doch noch, die junge Frau kurz zu küssen, nur um sich danach sofort für seine plumpe Hemmungslosigkeit zu entschuldigen".
Küssen ohne zu fragen ist uncool
Und das sollte er auch. Ein Mann kann gar nicht zu lange nachdenken, ob er eine Frau "einfach küssen" kann. Einfach küssen ohne vorher zu fragen ist reichlich uncool, egal, wer da wen küsst. Ob ein Mann eine Frau küsst, eine Frau eine Frau oder ein Mann einen Mann. Oder ein Transgender einen Intersexuellen. Mir ist es mal passiert, dass mich einer einfach versuchte zu küssen. Daraufhin habe ich "Nein" gesagt, mich schlafen gelegt und die Person danach nie wieder getroffen.
Das ganze Gerede ist wichtig. Ich hatte auch mal einen Partner, mit dem ich versuchte, über die Beziehung zu sprechen - und der dann sagte, ich solle "aufhören mit dem Psychogequatsche". Und letztens hatte ich eine Brieffreundschaft mit einem Mann, mit dem ich über Gefühle zu sprechen versuchte. Und er wollte oder konnte seine Frauen-Frustrationen nicht ausdrücken. Das musste dann am Ende ich für ihn tun.
Zweifellos gibt es zahlreiche Männer, die ihre Gefühle ausdrücken können. Ihre Bedürfnisse kennen. Und die wunderbare Nachrichten mit sexy Inhalten schreiben. Aber ganz grundsätzlich sind Gefühle kein Attribut von Männlichkeit. Männer gehen Fußballspielen und Bier trinken. So das Klischee. Und dieses Klischee wirkt. Kinder wachsen von früh an mit ihm auf, in Filmen sind harte Cowboys und weinende Prinzessinnen zu sehen. Auch in den Nachrichten sieht man häufig weinende Frauen und handelnde Männer.
Gefühle sind wichtig
Gefühle sind wichtig. Man muss keine Angst vor ihnen haben, sondern muss mit ihnen umgehen können. Das dauert. Frauen und Männer müssen das lernen. Genauso, wie man das Flirten lernen muss. Das ist kompliziert, das verursacht Frustration, wenn es nicht klappt. Aber es gibt Hoffnung, man kann es lernen. "Ich Tarzan - Du Jane" ist keine Lösung. Im Übrigen würden sich viele Männer auch freuen, wenn die Frau mal den ersten Schritt macht. Habe ich aus geheimen Kanälen erfahren.
Anstatt ein reaktionäres Gesellschafts- und Männerbild zu vertreten, sollte Nina Pauer vielleicht einfach mal anders küssen. Vielleicht selbst mal fragen, ob man den Mann küssen darf? Vielleicht mal nicht normgerechte Kuss-Stellungen ausprobieren? Ein anderes Küssen ist möglich - dann klappt's auch mit dem Nachbarn.
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