Ein ♥ für Nerds!
29. Januar 2012, 12:44
Uhr
"Störe meine Regexes nicht". Eines von vielen gespeicherten Zitaten aus meinem geliebten Chat, in dem ich immer herumhänge. Oder in Nerdsprache: Der Chat, in dem ich immer lauere.
Was Regexes sind, weiß ich nicht, ich nehme an, es hat etwas mit Programmieren zu tun. Darüber sprechen die anderen auch gern mal, ich kann dann nicht mitreden. Fiona bald schon: Sie lässt sich gerade von zwei anderen aus dem Chat Programmieren beibringen, und zwar von Grund auf. Darüber berichtet sie in ihrem Blog "Fiona lernt Programmieren".
Fiona vernerdet jetzt. Und das als Frau! Kann das überhaupt gehen? Sind Nerds nicht männliche, pizzaessende Einzelgänger, die nur ihren Computer lieben?
Das alte Klischee
Soweit das Klischee. Vor einigen Jahren kloppte ich in meinem Blog mal Nerdklischees und es kamen zahlreiche spannende Assoziationen heraus. Auch auf Beziehungen kam die Debatte recht schnell. Schon damals kommentierte Tessa: "Ich würde über jeden meiner Exfreunde und auch über den aktuellen sagen, dass sie Nerds sind." Und: "Ich würde sogar behaupten wollen, es gibt Nerds, die mit Computern und Web eher wenig am Hut haben."
Halten wir also fest: Nerd ist jemand, der speziell interessiert und/oder speziell intelligent ist. Nerdtum muss nichts mit Computern zu tun haben. Ob ein Nerd lieber Mittelalter-Klamotten näht oder Musik macht, kommt auf den Charakter an. Und, was in einer Welt, die Männern die Ratio und Frauen das Emotionale zuschreibt, so gern vergessen wird: auch Frauen können Nerds sein.
Nerdtum und Sexyness
Und das Nerd-Klischee wird gerade wieder gerne strapaziert. Der Tagesspiegel wartet - Aufhänger Piratenpartei - mit "Verpeilt ist sexy" auf. Einer ganzen "Phänomenologie einer seltsamen Spezies von der Antike bis heute" - und zwar "Mit Selbsttest". Das mag nicht ganz ernst gemeint sein, zeigt aber dennoch, dass sich nicht nur der Begriff des Geeks, der früher auch gern synonym mit Nerd verwendet wurde, gewandelt hat. Zwar fährt der Tagesspiegel-Artikel alle Klischees noch einmal auf, es wird "eine kopflastige Intelligenz - zu Lasten der Körperlichkeit" halluziniert und am Ende wird es gar biologistisch - die Verbindung von Nerdtum mit Sexyness ist dennoch bemerkenswert.
In einer sexualisierten Welt sind diejenigen, die keinen Sex haben, abgewertet. Asexualität ist ein Thema, das totgeschwiegen wird. Und wem Asexualität zugeschrieben wird, der steht in dieser Welt als Verlierer da. Oder als Verliererin.
Julia Schramm produzierte großes Geheule
In einem Nebensatz schrieb Julia Schramm in ihrem Beitrag "Einfach mal zuhören" auf heise.de den Nerds mangelnde Flirtfähigkeit zu. Schramm sprach von "der eigenen Unfähigkeit, mit Frauen so umzugehen, dass sie einen nicht mit dem Prädikat 'nett' abbügeln". Großes Geheule war das Echo. Eigentlich ging es in dem Artikel im Feminismus, das trat angesichts der Nerdbeschimpfung aber in den Hintergrund.
Anfang Januar erschien ein Blogartikel, der sich mit "Piraten, Pornos und Postgender" befasste. Auch hier wurde die Zuschreibung vom unsexy Nerd wiedergekäut, und zwar sehr tabulos. Die Behauptung aufgestellt, eine "typische junge Frau behandelt den Nerd mit seinem Bedürfnis nach Sexualität doch eher als Bedrohung, und ein Nerd, der Sex will, ist weitaus schlimmer als von dem braungebrannten Arschloch aus dem Fitnessclub zwischen zwei Energydrinks in der Umkleide eben mal in den Hintern gefickt zu werden." Dabei spiele es keine Rolle ob der Nerd pervers oder Vanilla veranlagt sei, oder wie liebevoll oder romantisch er ist. "Ein Nerd wird es maximal in die Friendzone einer typischen jungen Frau schaffen, die Eier wurden ihm im Kopf der Frau schon beim ersten Blick abgenommen."
Nerds mit Uralt-Klischees zu entsexualisieren, das kann auch der Neid des aufgepumpten Prolls sein, der seine Felle davonschwimmen sieht. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Verlierer des Partnerkarussels die formal niedrig gebildeten Männer und die hoch gebildeten Frauen sind.
Strickjacken und Nerdbrillen
Seis drum: Wer diese "typische junge Frau" ist, verrät der Autor nicht. Passt aber ganz gut in die Zeit, in der über Frauen- und Männerbilder diskutiert wird. Auch Nina Pauer sprach in ihrem Schmerzensmänner-Artikel auf zeit.de ja vom "verunsicherten jungen Mann" und "der jungen Frau". Ja, es scheint aktuell Trouble zu geben mit Strickjacken- und Hornbrillenträgern - Achtung, das heisst heute Nerdbrille. Die alle scheinen das klassische Geschlechterbild für einige durcheinanderzubringen. Und jetzt eben auch noch der Nerd.
Ich mag Nerds. Bin ich deswegen eine untypische Frau? Ganz jung bin ich auch nicht mehr, laut Wikipedia bin ich seit letztem Sonntag 33. In den letzten Jahren hab ich ein paar Nerds kennengelernt. Wenn ich nicht selbst einer bin! Sogar ein richtiger Computer- und Zahlennerd. Ich war als Jugendliche in einer Mathetalent-Gruppe, ich liebe meinen Computer und mute ihm nichts außer Internet, Strom und Freier Software zu. Einige meiner besten Freunde sind Nerds. Männer und Frauen. Die meisten von ihnen führen ein ordentliches Beziehungs- und Familienleben. Mit oder ohne Kinder. Manche dieser Nerds sind gar verheiratet!
Heiße Nerds
Nerds sind cool und finden Freunde, weil sie intelligent sind. Man kann sich mit ihnen gut unterhalten. Sie können vernünftig mit digitalen Kommunikationstechnologien umgehen. Man muss nicht mit ihnen telefonieren, sondern kann sich im Chat sexy oder unsexy Nachrichten schicken. Viele von ihnen hören die gute Musik der Computergeneration: Elektro. Die heissesten Partys sind die vom Chaos Computer Club oder nerd-assoziierte Technofestivals im Berliner Umland.
Wenn wir schon bei den Klischees sind: Nerds wird Technikkompetenz zugeschrieben, sie dürften Sexspielzeuge bedienen können. Viele kennen sich mit Internetpornografie gut aus und haben sich viele Gedanken über ihre sexuellen Vorlieben gemacht. Oftmals hinterfragen Nerds Gegebenes grundsätzlich ("Nichts ist, wie es scheint"), auch das führt zu einer gewissen Offenheit, zum Undogmatischen. Zum Beispiel bei Beziehungen und bei sexuellen Orientierungen. Polyamorie, Bisexualität, Gender Trouble - alles dabei und erlaubt. Auch für heterosexuellen Sex ist es nicht schlecht, wenn sich das Gegenüber nicht ausschließlich an der Ästhetik von Standard-Pornografie orientiert.
Lasst es euch ein für allemal gesagt sein: Auch Nerds haben Sex, guten Sex. Nerds führen ganz normale Beziehungen. In Mannheim gibt es "Nerd & Sexy" Parties. Nerds finden es nicht witzig, entsexualisiert zu werden, genau wie es andere Gruppen - zum Beispiel Homosexuelle, Polyamore und Nicht-Verheiratete - nicht witzig finden, ständig sexualisiert zu werden.
Nun muss ich aber weiter rumnerden. So wie Archimedes, schönes Nerd-Beispiel aus dem Tagesspiegel-Artikel:
Man denke an Thales, der beim philosophischen Spaziergang in den Brunnen fiel oder an Archimedes, der dem anstürmenden Soldaten ein trotziges „Störe meine Kreise nicht" entgegen schleuderte.
Also, stört meine Bloggerei nicht. Oder wie man in meinem Chat sagen würde: Störe meine Regexes nicht. Was auch immer das bedeutet. Nerdette Fiona wird es vielleicht wissen. Auch wenn sie in der Nerdklischee-Fernsehsendungs-Vergleich-Grafik ganz klischeehaft als "stupid girl" getaggt ist.

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