Gegendarstellung zu "Reden wir also über Auschwitz"
15. Februar 2012, 07:00
Uhr
In der
Internetausgabe der FAZ vom 09.2.2012 ist ein Blog-Eintrag mit der Überschrift
"Reden wir also über Auschwitz" veröffentlicht worden, der in Bezug auf meine
Person die Behauptung enthält:
"Der ehemalige
CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann bezeichnete mal die Juden als
''Tätervolk'' - eine typische Täter-Opfer-Umkehr."
Dabei handelt
es sich um eine unrichtige Tatsachenbehauptung, die ich wie folgt
richtigstelle:
In der Rede zum
Tag der Deutschen Einheit am 03.10.2003
habe ich gesagt: "Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als
auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit
einiger Berechtigung als "Tätervolk" bezeichnen. Das mag erschreckend
klingen. Es würde aber der gleichen
Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. Meine Damen und
Herren, wir müssen genauer hinschauen... . Weder "die Deutschen" noch "die Juden"
sind ein Tätervolk."
Neuhof, den
10.02.2012
Martin
Hohmann
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Reden wir also über Auschwitz
Opfer fein
Opfer Opfer Opfer sein
von nichts gewuszt
ne schlechte tarnung
ob du dir das selber glaubst?
Hier kommt die Warnung!
(Egotronic: Von nichts gewuszt)
Unbequeme Wahrheiten sind unbequem. Der erste richtig große Applaus in der Jauch-Sendung vom vergangenen Sonntag brandete auf, als Anita Lasker-Wallfisch sagte: "man muss auch vorsichtig sein mit der Jugend, die nicht zu überfüttern mit dem Holocaust. Diese Generation hat keine Schuld". Die Auschwitzüberlebende hatte gerade von ihren Zeitzeugengesprächen in Schulen erzählt.
Auch in der Jauch-Sendung wurde, wie so häufig, beklagt, dass das Dritte Reich und der Holocaust in Schulen über Gebühr behandelt würde. Jedoch wird das Thema keinesfalls zu häufig behandelt - sondern falsch. Wenn Marina Weisband sagt, es seien zu viele Zahlen, dann deckt sich das mit Forderungen von Pädagogen. Der Unterricht muss sich ändern.
Allein die Zahlen - mit denen bei diesem Thema übrigens viel gelogen wird - sind es aber wohl nicht. Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie wir stöhnten, als mal wieder 1933 dran war - doch an Unterricht zum Holocaust selbst erinnere ich mich ehrlich gesagt überhaupt nicht. Einmal waren wir in einer Gedenkstätte, in Neuengamme. Dunkel erinnere ich mich an Gemäuer und Verliese.
Verdrängt?
Allerdings erinnere mich noch sehr gut an das allererste Mal, als in der Schule das Gespräch auf die NS-Zeit kam. Sechste Klasse. Der Lehrer sagte: "Nationalsozialismus, das setzt sich zusammen aus national und Sozialismus".
Ob das bei meinem Lehrer Propaganda war oder Dummheit, weiß ich nicht. Bei der CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach weiß man auch nicht so genau, was sie dazu trieb, auf Twitter zu schreiben, die NSdAP sei eine linke Partei gewesen, denn sie sei ja für den Sozialismus gewesen. Das provozierte Kritik, unter anderem Form von Anzeigen für Geschichts-Nachhilfeunterricht, die sich plötzlich überall im Bundestag fanden.

In der Nachhilfe-Anzeige wird auch angesprochen, dass Steinbach die Deutschen für die "zweite große Opfergruppe des Zweiten Weltkriegs neben den Juden" halte. Die Tätervolk-Debatte um den ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann - ein weiteres Beispiel. Und auch in Österreich betrügt man sich selbst gern mit der Argumentation, man sei das "erste Opfer" Hitlerdeutschlands gewesen.
Ja, wer hört schon gern unangenehme Wahrheiten. Auch in Familien wird das meist totgeschwiegen. Eine nationale Psychose.
Es ist kalt, winterkalt. Bitterkalt. Das Lager Auschwitz 1 sieht aus wie ein gemütliches Backsteindorf. Hinein, hindurch unter dem zynischen "Arbeit macht frei". Wir sind mit einer Gruppe deutscher, österreichischer und polnischer junger Erwachsener da. Eine Baracke nach der anderen. Haare, Brillen, Prothesen - alles haben die Nazis weiterverwendet. Und die Arbeitskraft der Gefangenen. Kapitalistische Verwertung als Abfallprodukt der Menschenvernichtung. Einer Menschenvernichtung, die auf der Nazi-Ideologie der Ungleichwertigkeit fußte.
Das sollten wir alles wissen. Wissen wir aber nicht. Wollen wir nicht hören. Relativieren. Das "private Auschwitz" verdrängen.
Nach jeder Baracke wird es schlimmer. Die ersten fangen an zu weinen. Kellerverliese. Menschenversuche. Draußen beginnt es zu schneien. Schwer vorstellbar, wie Menschen hier auch nur drei Tage überlebt haben. Jeden Tag harte Arbeit. In Sträflingskleidung. Barfuß. Im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wird wieder gelacht. Buffer Overflow. Grauen an Grauen. Schriftzüge "Verhalte dich ruhig" an den Wänden der Baracken. Und die Gaskammern.
Deutsche Gaskammern.
Etwas mehr als 67 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wird nun bei Günther Jauch darüber diskutiert, wie mit dieser Schuld umzugehen ist. Am Ende der Sendung soll Jauch selbst zerknirscht über den Verlauf der Sendung geäußert haben, schreibt Marina Weisband in ihrem Blog. Weisband berichtet dort noch von ihrem Verstummen angesichts der beeindruckenden Biografie Anita Lasker-Wallfischs und twitterte das wunderbare Wallfisch-Zitat: "Ich darf hier rauchen, ich habe Auschwitz überlebt."
Einig war man sich in der Sendung, dass es keinen "Schlussstrich" unter die deutsche Geschichte geben solle. Lasker-Wallfisch sagte: "Schuld habt ihr nicht. Aber ihr habt eine Verpflichtung, daran zu denken und euch wie anständige Menschen zu benehmen". Richtig ist: eine individuelle Schuld am Holocaust kann jemand, der 1991 geboren ist, nicht haben.
Schlussstrichdebatten sind nichts neues, es hat sie in der Geschichte der Bundesrepublik immer gegeben. Die letzte große war 2006 bei der Fußball-WM im eigenen Land. Im neuen scheinbar so positiven Schwarz-rot-gold-Patriotismus schwingt wohl auch immer ein Stück Schlussstrich-Sehnsucht mit.
Ich fühle, wie sich alles wandelt
Und wie ich selber ändern kann,
was mich beengt in meinem Leben
Denn mit Ändern fängt Geschichte an.
Wohin es geht, das woll'n wir wissen
Und betreten neues, deutsches Land.
Ich freu' mich auf mein Leben
Mache frische Spur'n in den weißen Strand.
Das Lied "Was es ist" von MIA. wurde auch in Neonazikreisen gern mal gehört. Man kann es für Antifa-Paranoia halten, was hier zu dem Song analysiert wurde. Die zitierten Sätze könnten aber auch den Nerv des deutschen Opferkults getroffen haben - frische Spuren im weißen Sand, mit Ändern fängt Geschichte an.
Dummheit und Propaganda können dazu führen, dass wir vergessen. Vergessen ist bequem.
Wie die Verbrechen der Nazis im Gedächtnis bleiben können, wenn alle Zeitzeugen tot sind - dieses Problem ist nicht trivial lösbar. Im Internet blühen die Meinungen. In Leserkommentaren wird Propaganda gemacht und mit falschen Zahlen operiert.
Doch das ist noch lange nicht so weit. Es gibt noch mehr als 20.000 Holocaust-Überlebende. Hätten Sie's gewusst?
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Bildnachweis Steinbach: publikative.org
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