Warum stellen die Piraten Georg Schramm auf?
19. Februar 2012, 10:16
Uhr
Es macht wenig Spaß, über die Piratenpartei zu schreiben. Ihre Mitglieder und Anhänger reagieren auf dreierlei Weise auf Kritik. Die meisten antworten gar nicht oder bleiben freundlich, was normal und gemütlich ist. Doch eine kleine Minderheit bei Twitter ist immer wieder unangenehm. Die Unerfahreneren werden unhöflich, ja beleidigend. Die Erfahreneren relativieren, weichen aus, stellen Rückfragen, obwohl schon alles geklärt ist. Laberei anstatt Politik?
Natürlich gibt es eine Menge cooler Piraten. Ich kenne eine Menge von ihnen persönlich. Und bislang dachte ich, die Berliner Piraten würden absolut zu den "Coolen" gehören in dieser Partei. Klar linkes Profil, professioneller Auftritt, nette Leute. Ich hab den Berliner Piraten bei der Abgeordnetenhauswahl meine Stimme gegeben. Niemals zuvor hat eine Wahl so viel Spaß gemacht. Gerne gab ich den Piraten meine Stimme: sie machten mit Netzpolitik, Kritik an Gentrification, Drogenpolitik und Familienpolitik Werbung. Das sprach mich, Mitglied der Grünen, mehr an als die Kampagne meiner eigenen Partei, die mir zudem zu sehr auf Köpfe und Schwarz-grün setzte.
Was die Piraten da jetzt im Abgeordnetenhaus machen, davon höre ich so. Christopher Lauer soll da Reden halten und die anderen machen lustige Geräusche dazu. Alexander Morlang ist nun Vorsitzender eines Ausschusses, der sich mit Fragen der Informationsgesellschaft befasst. Und überhaupt ist das ja nicht schlecht, dass mal Piraten in ein Parlament gekommen sind. Ansonsten würden die anderen Parteien ja niemals ihre Kultur- und Netzpolitik hinterfragen. Da machen die Piraten Druck und das ist auch gut so.
Jetzt, heißt es bei Twitter, könnten die Piraten, genauer gesagt: die Berliner Piraten, einen alten Mann für die Wahl zum Bundespräsidenten aufstellen. Den Kabarettisten Georg Schramm. In "Neues aus der Anstalt" kandidierte Schramm mal kabarettistisch als Bundespräsident. Mit dieser Begründung könnte man allerdings auch Rainald Grebe nominieren.
Partei der Infrastruktur, nicht der Köpfe
Und überhaupt: das Schramm-Gehype bei Twitter verwundert schon. Denn sollten die Piraten nicht eigentlich die Forderung nach der Abschaffung des Bundespräsidentenamts erheben? Würde das nicht zu ihnen passen? Wer, wenn nicht sie, die Partei der Infrastruktur anstatt der Köpfe, die neue Anti-Parteien-Partei, wer außer ihnen könnte diese Forderung, die doch durchaus mal diskutiert werden könnte, authentisch erheben.
Und warum die große Begeisterung für Georg Schramm? Ich unterstelle den Piraten, dass sie diese hegen, weil Fefe das in seinem Verschwörungstheorie-Blog vorgeschlagen hat und ein paar weitere Prominente vom Chaos Computer Club (CCC) ein paar Tweets verfassten, die sehr häufig retweetet wurden. Da kann man sich schon fragen, ob da überhaupt eigene Ideen vorhanden sind - oder ob man sich eben die ganze Zeit vom CCC trollen lässt. Alllzu ernsthaft erscheint das ja nicht, neben Schramm werden von Fefe noch Silvana Koch-Mehrin, Stefan Mappus und Roland Koch ins Spiel gebracht.
Daher müsst ihr jemanden wie Georg Schramm nehmen, um es wenigstens maximal unangenehm für die anderen Parteien zu machen, denn der hat ja genug richtige Dinge zu sagen, wenn die Medien ihn interviewen. Oder halt jemanden aus deren Reihen, der ausreichend diskreditiert ist, um ihnen maximal unangenehm zu sein.
Inhaltliche Kritik an Georg Schramm
Es wurde auch inhaltliche Kritik an Georg Schramm laut. Im Zentrum dieser Kritik stehen Aussagen von Schramm in Youtube-Videos - zum Beispiel dieses Interview, das Schramm der obskuren Organisation "We are Change" gegeben hat. Laut 20min.ch ist "die Bewegung mit weltweiten Ablegern" in den USA entstanden.
Die Verschwörungstheoretiker halten die 9/11-Anschläge für eine Inszenierung von US-Geheimdiensten. Weitere seltsame Ansichten der Gruppe: Der norwegische Attentäter Anders Breivik soll eine Marionette der Nato sein und die Klimaerwärmung eine Lüge. Zudem hält «We are Change» wie die amerikanische Tea-Party-Bewegung Obamas Geburtsurkunde für eine Fälschung.
In dem Interview spricht Georg Schramm über Bildung, Soziales und Wirtschaft. Einmal werden Banken von ihm als "Schädlinge" bezeichnet. Ansonsten spricht Schramm über die wachsende Ungleichheit in der Bundesrepublik und die schwindende Durchlässigkeit sozialer Schichten. Propagiert die "Anthroposophen-Bank" GLS. Eine Bank, bekannt als Bank für Ökos und Weltverbesserer. Blöde Fragen der Schweizer Verschwörungstheoretiker zu 9/11 und Chemtrails biegt er geschickt ab. Als er zur Bilderberg-Konferenz gefragt wird, beklagt er, dass die Liste der Teilnehmer von Josef Ackermann zusammengestellt werde und lästert dann noch ein wenig über "Joe Ackermann".
Parasit und Wirtstier
Um Schramm jedoch "Antisemitismus" zu unterstellen, wie es das Blog "Emanzipation oder Barbarei" macht, muss man den Begriff weit fassen. Bei "Emanzipation und Barbarei" wird davon gesprochen, dass Schramm von Bankern als "Parasiten" und vom "uns" - bzw. dem "Volk" - als "Wirtstier" spricht. Zweifellos problematische Metaphern, regressive Kapitalismuskritik, menschenfeindliche Sprache.
Zweifellos begibt sich Schramm hier in sprachlich hochproblematische Gefilde, die Puristen nicht hören wollen und auch als Ausdruck eines zunehmenden Populismus gesehen werden können. Jedoch ist die Grenze zwischen Populismus und Zuspitzung fließend - zudem, wenn man nichts mehr sagen "darf", und gerade als Kabarettist, ist eine kraftvolle Kritik der Verhältnisse nicht mehr möglich. Nicht zuletzt passt solche Regression zur Piratenpartei.
Kritikwürdig ist, dass Schramm überhaupt mit "We are Change" gesprochen hat. Kritikwürdig ist, dass Kritik wie immer oberflächlich weggewischt wird, inhaltliche Argumente wurden mir bezüglich Schramm nicht genannt. Kritikwürdig ist auch, dass sich eine Partei zu einem Kandidaten treiben lässt vom Betreiber eines Verschwörungstheorie-Blogs. Kritikwürdig ist, dass man hierfür offenbar sämtliche Prinzipien von Basisdemokratie über den Haufen wirft. Und am aller kritikwürdigsten ist, dass die Piratenpartei scheinbar schon so sehr im Arsch der Institution ist, dass sie nicht die Abschaffung des Bundespräsidenten-Amtes fordert, sondern mitschwimmt im Spiel. Und wie andere Parteien einen - wenngleich durchaus unterhaltsamen - Kandidaten aufstellt.
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