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Allerseelen

Herr Gauck: Das ist uns're Gegenwart

22. Februar 2012, 14:11 Uhr

Kein Brot da. Und auch kein Kuchen.

Die Bäckersfrauen drüben auf der anderen Straßenseite raten mir, ein ganzes Brot zu nehmen. Gut, dann also keine halben Sachen. Auf dem Tresen sind Schnittchen mit einer Art Obatzda zum Probieren präsentiert. "Zu scharf?" fragt die Verkäuferin schnell. Der Obatzda besteht nicht aus Camenbert und anderen Weichkäsen. Der verwendete Käse ist Schafskäse. Die Gewürze undefinierbar, aber lecker. Und zu scharf ist er schon gar nicht.

Vielleicht hatte die Bäckersfrau Angst, dass der Obatzda mir zu scharf ist, weil das deutsche Essen nicht sonderlich scharf ist. Als "deutsch sozialisiert" hat sie mich wohl wahrgenommen, weil ich mein Brot auf Deutsch bestellte. Die nachfolgende Kundin bestellt auf Türkisch - und wird dann auch auf Türkisch bedient. Obwohl ich es eigentlich kann, trau ich es mir meist nicht, am Ende mit "Teşekkürler" oder "Teşekkür ederim" zu danken - beim Gemüsehändler versuche ich es manchmal, murmle es dann aber eher verschämt, mit gesenktem Blick.

Ich lebe im bürgerlichen Teil des Berliner Stadtteils Kreuzberg, in "Kreuzberg 61". Thilo Sarrazin hat mit seinen "Thesen" viele Menschen hier abgewertet. Er ist in Kreuzberg nicht willkommen. Als er im letzten Jahr mit der Journalistin Güner Balci einen Rundgang über einen Markt im Kreuzberger Nachbarbezirk Neukölln machte, auf einem Markt für Obst, Gemüse und andere Dinge, da sagten die Leute hinter den Marktständen:

"Wir sind keine Ausländer mehr. Wir sind hier zu Hause." und "Wenn du sagst: Türken, Araber - dann ziehst du jeden rein. Aber nicht jeder ist gleich. Ich arbeite, ich zahle meine Steuern. Meine Frau arbeitet, sie zahlt auch Steuern."

Ob jemand deutsch sei, hänge von seinen Gefühlen ab, sagt Sarrazin in dem Video später zu der ihn begleitenden Journalistin. Praktischer als solche Gefühlsduselei ist der deutsche Pass, der eindeutig festlegt, wer deutsch ist und wer nicht.

Nun haben wir also eine Debatte über Joachim Gauck und seine Einstellungen zu Einwanderung und Deutschland. Als Präsident der Bundesrepublik Deutschland nicht unerheblich. Gaucks Vorgänger Wulff hatte hierzu klar Stellung bezogen. "Der Islam gehört zu Deutschland" sagte er - ein eher dünner Satz, aber Menschen, deren Vorfahren aus muslimisch geprägten Ländern in Deutschland eingewandert sind, wurden dadurch aktiv einbezogen und wertgeschätzt. In den letzten Tagen war im Fernsehen zu beobachten, wie genau diese Community dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Wulff hinterherweinte wie keine andere.

Nun also Gauck. Über seine Einstellungen können wir anhand unterschiedlicher Interviews mutmaßen. Er sagte der Süddeutschen zum "deutschen Integrationsproblem"

Es besteht nicht darin, dass es Ausländer oder Muslime gibt - sondern es betrifft die Abgehängten dieser Gesellschaft. Darum erscheint es notwendig, und das ist meine Kritik an Sarrazin, genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen. Und plötzlich wird aus einem Hype eine nüchterne Debatte.

Wir wissen aufgrund dieses Zitats erst einmal nicht, ob er mit den "Abgehängten" alle meint, die in unserem Land von der Teilhabe ausgeschlossen sind, oder die, die sich in Hartz-IV und Armut eingerichtet haben, weil sie keine andere Perspektive haben. Ob er meint, dass das Problem nicht die Herkunft sei, sondern die soziale Lage. Weiteres über Gaucks Haltung zum Thema können wir im Fernsehkanal der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erfahren. Laut publikative.org sagte er auf die Frage, ob er den Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" auch so gesagt hätte:

Also, das ist ein Problem der Wortwahl. Ich weiß was er meint, und ich denke, dass er in dieser Beschreibung etwas, was irgendwann einmal sein wird, vorgezogen hat. Denn wir würden uns eigentlich nicht helfen, wenn wir Fremdheit und Distanziertheit übersehen würden in der guten Absicht, ein einladendes Land zu sein. Diese gute Absicht ist ja lobenswert, aber wir haben doch ganz andere Traditionen, und die Menschen in Europa, das sehen wir allüberall, nicht nur in Deutschland, sind allergisch, wenn sie das Gefühl haben, dass was auf dem Boden der europäischen Aufklärung und auch auf dem religiösen Boden Europas gewachsen ist, wenn das überfremdet wird, um einen Begriff zu verwenden, der in Deutschland verpönt ist, aber ich verwende ihn hier ganz bewusst, denn ich habe in, sagen wir, älteren Zivilgesellschaften als Deutschland es ist, etwa in den städtischen Milieus von Rotterdam und Amsterdam oder Kopenhagen, wo wirklich die Menschen unverdächtig sind, Rassisten zu sein, dieses tiefe Unbehagen alteingesessener Europäer gegenüber dieser Form von, ja, plötzlicher Koexistenz, aber nicht mit einem System, mit dem wir jederzeit auf einer Wellenlänge kommunizieren, sondern, darum macht sich das am Islam fest, da entsteht eine Debatte mit voraufgeklärten Politikvertretern, das ist weniger politisch, aber es ist vor der Aufklärung, was in Teilen unserer Moscheen hier verbreitet wird, und auch der Ansatz des Islam ist nicht durch eine Reformation gegangen, wie in Europa, und auch nicht durch eine europäische Aufklärung, und deshalb jetzt einen Zustand zu beschreiben, als wäre dieser kulturelle Schritt innerhalb der muslimischen Welt schon vollzogen, das täuscht uns über diese Fremdheit, die nach wie vor existiert, hinweg.

Ich lese aus diesem Transkript heraus: Gauck hätte den Wulff-Satz so nicht gesagt. Auch spricht er von einer Fremdheit, ja, er verwendet gar den Begriff einer "Überfremdung". Dass "der Islam nicht durch die Aufklärung gegangen ist", kann man auch von anderen hören und es ist ja wohl auch sachlich richtig.

Warum Gauck allerdings meint, dass die Menschen "in den städtischen Milleus in Rotterdam" nicht verdächtig seien, Rassisten zu sein, ist mir nicht ganz verständlich. In fast allen Ländern Europas haben sich seit einigen Jahren populistsche Parteien etabliert. Beispiele für populistische Parteien: "Vlaams Belang" (Belgien), die FPÖ bzw. das BZÖ (Österreich), die SVP (Schweiz) und der "Front National" (Frankreich). In Rotterdam gewann der Populist Pim Fortuyn bereits 2002 mit der Partei "Lebenswertes Rotterdam" die Kommunalwahl. "Lebenswertes Rotterdam", bei Wikipedia als "rechtsbürgerlich" bezeichnet, wurde stärkste Partei - und löste damit die Sozialdemokraten ab, die in den drei Jahrzehnten zuvor stärkste Partei bei Wahlen geworden waren.

Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung konstatiert in "Nach ihrer Etablierung - rechtspopulistische Parteien in Europa" (PDF), Seite 67:

Wenn sich die Themen der Populisten im demokratischen Mainstream etablierten, stünden Werte wie Gleichheit, Minderheitenschutz und die freie Rede auf dem Spiel. Ohnehin fahren viele europäische Regierungen in der Immigrationspolitik nun einen härteren Kurs. In Belgien beispielsweise bewirkte das Vlaams Belang trotz mangelnder Regierungsbeteiligung (durch einen sogenannten Cordon sanitaire der etablierten Parteien) eine Veränderung der policy bezüglich der Migrations- und Integrationspolitik.

Die repräsentative Demokratie stützt sich auf Pluralismus, und der Eintritt eines Populisten in ein System polarisiert die Meinungen. Für nicht-populistische Parteien und Politiker aus den Reihen der Volksparteien bedeutet das eine immense Herausforderung: Sie müssen - wie der große, mittlerweile verstorbene Denker Ralf Dahrendorf konstatierte - die große Simplifizierung vermeiden und doch die Komplexität der Dinge verständlich machen. Zugleich müssen sie nach Popularität streben, ohne sich jede boulevardisierte Aufregung in der „Betroffenheitsdemokratie" auf ihre Fahnen zu schreiben.

Die politische Auseinandersetzung mit dem Populismus ist also nicht leicht, weil er simplifiziert, weil er mit Stimmungen, Gefühlen und Charisma operiert - und natürlich mit Vorurteilen. Laut Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet Populismus "eine Politik, die sich volksnah gibt, die Emotionen, Vorurteile und Ängste der Bevölkerung für eigene Zwecke nutzt und vermeintlich einfache und klare Lösungen für politische Probleme anbietet".

Joachim Gauck hat in dem Interview mit der Süddeutschen auch gesagt, er sei "unglaublich allergisch gegenüber einer Politik, die maßgeblich auf Angstreflexe setzt". Meiner Ansicht nach trifft diese Beurteilung auch auf die Diskussion um Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" zu. Es ist richtig, die Reflexe, die in der Debatte hochkamen, ernst zu nehmen und nicht wegzuschweigen, sondern sich ihnen zu stellen. Denn die Vorurteile sind ja da. Wie aber schon die Konrad-Adenauer-Stiftung konstatiert hat: populistische Debatten bewirken auch eine Veränderung der Politik der etablierten Parteien.

Und Gauck sagte in dem viel zitierten Interview auch:

Wir haben geglaubt, wir sind nicht nur eine Gesellschaft deutscher Dumpfnickel. Wir sind eine bunte, lebendige Gesellschaft. Wow. Schön. Aber es funktioniert eben nicht alles so harmonisch, wie sich das einige gewünscht haben. Jetzt schlägt das Pendel zurück.

Es stellt sich die Frage, wie damit umzugehen ist, mit den deutschen Dumpfnickeln, die ja, wie Gauck in dem Interview auch richtig erkannt sind, Modernisierungsverlierer sind, Angehörige der Mittelschicht, die Angst vor einem Abstieg haben. Und was es bedeutet, dass es "nicht so gut funktioniert" und wie wir mit dem "zurückschlagenden Pendel" umgehen können - das sollte man Joachim Gauck fragen.

Es ist gut, dass im Internet solche Fragen diskutiert werden. Und es ist gut, dass Informationen über Gaucks frühere Äußerungen über das Internet verbreitet werden. Aber es ist wichtig, diese nicht verkürzt zu diskutieren, so wie es einige Male, bei Twitter und anderswo, passiert ist. Denn sonst bedient man sich derselben Mittel wie die der auf anderen Seite. Der Mittel der Populisten, die verkürzt zitieren und Stimmung machen. Und wenn man sich der Mittel der Populisten bedient, dann haben die gewonnen.

Genauso wie dann, wenn man in deren Diskurs eintritt oder gar ihre Positionen übernimmt. Und das ist leider schon häufig genug geschehen. Diskutieren wir wir es! Inhaltlich.

---

Korrektur im Vergleich zu früherer Artikel-Version: Güner Balci und Thilo Sarrazin waren in der Doku "Darf man das? Mit Sarrazin in Kreuzberg" nicht auf einem Markt in Kreuzberg unterwegs. In der Doku zu sehen ist der Markt am Maybachufer - im Stadtteil Neukölln. "Herzlich willkommen in Kreuzberg" sagt Balci ganz zu Beginn. Ob Balci weiß, dass sie sich in diesem Moment in Neukölln befand?

Veröffentlicht 22. Februar 2012, 14:11 von Julia Seeliger
Kommentare

jan.dark

22. Februar 2012, 20:54

"Aber es ist wichtig, diese nicht verkürzt zu diskutieren, so wie es einige Male, bei Twitter und anderswo, passiert ist. Denn sonst bedient man sich derselben Mittel wie die der auf anderen Seite. Der Mittel der Populisten, die verkürzt zitieren und Stimmung machen. "

Von den Befürwortern Gaucks ist immer häufiger zu hören, dass die Gegner zu kurz zitiert hätten. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Nachvollziehbar wäre es, wenn das Urteil von einer neutralen Instanz käme. Wenn es aber von den Befürwortern pauschal kommt, sieht das eher so aus, als wenn man ohne Argumente Kritik abbügeln wolle. Zur Sache reden wäre besser, als den den unbestimmbaren Begriff "verkürzt".

Ansonsten bin ich ein wenig irritiert über die Attitüde. Die rechten Parteien (CDU, CSU, FDP, SPD, Grüne) haben sich ohne Piraten und LINKE auf einen Kandidaten geeinigt, den sie zu Wahl des Bundespräsidenten vorschlagen. Nun glit es, für dne Kandidaten Werbung bei der Bundesversammlung zu machen (wo die LINKEN und ich glaube auch die Piraten) dabei sein werden.  Deshalb gilt es nun, dass man bis zum 18.3. (evtl.) sich ein Bild von den Kandidaten machen muss. Einen kennen wir, die anderen noch nicht. Da wird man aber nach der Wahl auch nicht sagen können, dass 30 Tage nach dem Rücktritt Wulffs eine verkürzte Zeit sein würde, wenn der Kandidat durchfällt.  

Ich glaube, dass das Abheben auf Verkürzungen nicht ein geeigneter Beitrag ist, die KandidatInnen den WahlmännerInnen schmackhaft zu machen. Wir werden über Gaucks Taten diskutieren müssen, viel Zeit ist nicht.

Julia Seeliger

22. Februar 2012, 20:58

Bei Twitter wurde verkürzt, ich habe es erlebt. Nun ist es aber schon besser geworden. Und ich würde jetzt gern zur inhaltlichen Debatte kommen.

olm

22. Februar 2012, 21:24

Schöner Artikel. Vielleicht bekommen wir ja eine Bundespräsidentin Klarsfeld. Mich würde das freuen. Eben las ich zum ersten Mal (!) in diesen Tagen in einer Zeitungsmeldung von einer "Debatte" über Gauck. Vor zwei Tagen war Gauck ja ausgemachte Sache, und der Rest nur noch Formalie. Heute gibt es also für die Presse eine Debatte über den bisher einzigen Kandidaten und seine Positionen. Wäre das nicht eine Selbstverständlichkeit? Schon, aber wir haben eigentlich nichts mitzureden, und die Debatte führten andere bereits, die "kein Signal für schwarzgrün setzen" oder ein Signal für Merkels Schwäche setzen oder irgendwas anderes signalisieren wollten, oder nur aus einer alten Nummer nicht mehr rauskamen.

~

Einer hat heute freundlich abgelehnt, und gesagt, er würde nicht zum Spielball der Parteien werden wollen, die das Amt instrumentalisierten, und sich im Übrigen freundlich über Gauck geäußert. Das war der linke Kabarettist, den man angeblich nicht ernst nehmen kann. Ein anderer, ein echter Bürgerrechtler von 89, auch Pfarrer, schreibt heute beim 'Freitag': "Laut und deutlich will ich aussprechen: Gauck ist die falsche Person. Wir haben es „mit einem tönenden Erz und einer klingenden Schelle zu tun.“ Diejenigen, die uns freudig lächelnd den Gauck servierten, als Deutschlands Superdemokraten, denen gefriert das Lächeln wohl langsam. Recht so - so gehts ja nicht!

Juh

22. Februar 2012, 22:17

Ist das die erste Debatte, die durchs Netz zieht? Am Anfang wird immer verkürzt, sich aufgeregt... Manchmal ist es so, als würde man 300 Menschen gleichzeitig beim denken und sich eine Meinung bilden zusehen - muß man da jeden Gedanken auf die Goldwaage legen? Ich meine nein. Wichtig ist, was sich dann herausschält. Für mich ist das folgendes: Ich finde Gauck labert - und zwar so, daß man ihm nie ein skandalträchtiges Zitat unter die Nase reiben können wird. Wenn man nicht verkürzt und genau zuhört oder liest, dann kommt man jedoch mE nicht auf ein "hat er ja alles nicht gesagt", sondern auf ein "hat er eigentlich doch so gesagt", wenn auch verklausuliert. Einige loben das als seine hervorragende Rhetorik. Ja, mag sein. Für mich nutzt er diese jedeoch, um seine erzkonservativen Sichtweisen mit einem Lächeln und quasi unangreifbar zu verbreiten - und wenn man das dan hinterfragt oder nicht damit zufrieden ist, kann einem vorgehalten werden, man wäre halt nicht so analytisch und differenziert wie der Herr Gauck.

Das sei alles, wie es ist. Das entspricht aber nicht dem, was ich von einem Bundespräsidenten erwarte. Wenn wir diesen schon nicht abschaffen, dann will ich da keinen konsevativen, rückwärtsgewandten Prediger sehen den dem Volk die Leviten liest (S21, Occupy, Hartz4, ...) sondern einen, der ab und an die Politikerkaste daran erinnert, worauf es dem Volk ankommt. Und das kann Gauck - wie auch immer er sich zu Sarrazin stellt, ob dies und das in Prag unterschreibt und/oder Transatlantiker ist, wen er beschimpft oder nicht und ob und wie er "überfremdung" gesagt hat, ganz wurst - das wird er nicht ausfüllen können, und das wird er auch nicht als seine Aufgabe sehen.

Gauck wird ein Präsident. Gauck wird vielleicht auch ein Präsident sein von dem mein sagen wird "er war nicht der schlechteste". Aber Gauck wird so nicht mein Präsident.

Julia Seeliger

22. Februar 2012, 23:44

Will auch irgendwer was zum Thema des Artikels sagen?

Juh

23. Februar 2012, 00:03

Zu welchem Artikel? ;)

Ja, scheiße, hab ich das nicht? Dann drück ich mich falsch aus, sorry. Also nochmal:

1. Wenn jemand auf Twitter schnell etwas verkürzt wiedergibt, ist das nicht immer gleich fieser Populismus, sondern manchmal ein schnell hingeworfener Gedanken oder ein Aufreger

2. Ja, davon sollte man sich nicht instrumentalisieren lassen sondern man sollte selbst nachlesen + denken

3. Ja, solche Aufregungswellen ebben ab und zeigen oft nicht die Krönung menschlichen Zusammenlebens und Verhaltens

4. Mit Kontext sind die Aussagen Gaucks differenzierter

5. Bei genauer Betrachtung sagt er aber (teils zwischen den Zeilen oder dadurch, dass er es überhaupt so anspricht; siehe Yücel in der taz) das, was ihm viele vorwerfen - nur nicht so laut

6. ergo: kritik ist berechtigt, zwar nur so, wie man jeden anderen konservativen auch kritisieren würde, aber nichtsdestotrotz berechtigt.

Julia Seeliger

23. Februar 2012, 00:06

Nein, es geht hier nicht um das Internet. Höchstens um seine Rolle beim Verstärken von Stimmungen. Aber eigentlich geht es hier um Populismus.

Also: wie begründest du Punkt 4) deiner Aussage? Und mich interessiert noch, wie du meinst, genau kritisieren zu können angesichts deiner Aussage in Punkt 6).

jan.dark

23. Februar 2012, 00:32

"Alteingesessener Europäer"

Herr Gauck ist in seinen Ansichten offenbar sehr unhistorisch. Sein Gerede von den alteingesessener Europäern und wider die Moscheen, zeugt von großen Bildungslücken. Bevor die Christen aus dem Nahen Osten ihre Religion, der herr Gacuk anhängt, nach Europa brachten, pflegten die alteingesessenen Europäer rechts des Rheins Wotan zu fröhnen und in den Wäldern zu hocken wie Armin der Cherusker und links des Rheines fröhnte man Iupiter und pflegte die Hochkultur. Dann kamen die Christen aus dem Morgenland und brachten das dunkle Mittelalter. Die Religion, die Herr Gauck vertritt, brachte Hexenverbrennung, Inquisition und Spaltung. Bis nach dem 30-jährigen Krieg die alteingessenenen Europäer den Einfluss der Religion des Herrn Gauck zurückdrängten. Herr Gauck sieht sich populistisch nur eine winzigen Ausschnitt verkürzter Geschichte an, um seine populistischen Thesen unter das Volk zu bringen. Das ist ähnlich unseriös wie sein Verhalten zur Ehe. Ich habe Verständnis dafür, wenn es bei Menschen nicht klappt, bis dass der Tod sie scheidet, beieinander zu bleiben, obwohl sie es sich versprochen haben. Aber ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass ein evangelischer Pastor jahrelang seiner Gemeinde die 10 Gebote predigt (inkl. sechstes Gebot: du sollst nicht ehebrechen) und dann in aller Öffentlichkeit schamlos jahrelang die Ehe bricht wie Herr Gauck. Dann soll er sich scheiden lassen, aber nicht sein Priesterleben als Heuchelei vorführen. Hier mangelt es an moralischer Integrität. Von einem Bundespräsidenten darf man erwarten, dass er nicht öffentlich die Ehe bricht. Just diese Spaltung seiner Moral macht ihn für mich unglaubwürdig. Von daher ist es völlig bedeutungslos, dass man spitzfindig die Äusserungen dieses Mannes deutet. Im Zweifelsfall ist er unzuverlässig und macht das Gegenteil von dem, was er mit großem Pathos wie selbstverständlich von anderen fordert. Zusammen mit seiner Ungebildetheit über die Geschichte seiner Heimat ist der Kandidat ein ungeeigneter Populist. Da ist Udo Lindenberg ja noch integerer.

olm

23. Februar 2012, 00:32

Aber was soll man zum Rechtspopulismus noch sagen? Ich meine, bis Brejvik konnte man das alles noch als irgendwie Teil des demokratischen Spektrums ansehen, die haben sich ja auch immer sehr bewusst versucht von richtigen Nazis abzusetzen. Sarrazin ist ja auch weiterhin in der SPD. Aber seit Brejviks Massenmord, und seit im Zuge dessen auch einige Verbindungen zwischen klassischem Rechtsextremismus und Rechtspopulismus offenbar wurden, hört der Spaß sozusagen auf. Und ich will einfach keinen Bundespräsidenten, der irgendwann öffentlich aufgetreten ist oder Interviews gegeben hat, in denen er in diese Ecke blinkt, sich mit ihr identifiziert, sich als ihr gemäßigter Flügel geriert und einen Teil der Bevölkerung zu "Fremden" stempelt, die auf diffuse Weise irgendwie ungut und gefährlich sind. Gibts da denn überhaupt noch Diskussionsbedarf?

Juh

23. Februar 2012, 00:40

Populismus? Populistisch haben sich mE SPD, Grüne und FDP verhalten, die mit Gauck jemanden anpreisen, der angeblich so volksnah ist und nicht im Verdacht steht, als langjähriger Berufspolitiker im nächsten Jahr uns alle wieder mit irgendwelchen schmierigen Geschichten aus seiner Vergangenheit zu belästigen. Hinzu kommt noch das Image des guten Theologen, Widerständlers und unbeugsamen Stasi-Bekämpfers. (Und nutzen so nebenbei die Befürchtungen und Erwartungen der Bevölkerung schamlos für parteipolitische Zwecke aus)

DAS ist populistisch.

Drei Leutchen, die sich im Netz, in der Presse oder in der Kneipe darum streiten, was Gauck eigentlich auszeichnet, was gegen ihn spricht oder ob er ein guter Bundespräsident wird (oder ellenlang seine Texte interpretieren), das ist nicht populistisch.

Juh

23. Februar 2012, 00:58

zu 4. mit mehr Kontext kann man Gauck natürlich zu gute halten "das hat er so nicht direkt gesagt" - dafür redet er auch zu gut. man darf aber auch bei gauck zwischen den zeilen lesen und fragen, warum er manche dinge überhaupt so anspricht, wie er es tut. z.B. www.taz.de/Kommentar-Gauck!88277/

oder blog.till-westermayer.de/.../gauck-auf-der-goldwaage - wie ausführlich muss man eigentlich werden damit es nicht als "verkürzt" gilt?

zu 6. gauck ist für mich ein stino erzkonservativer, ganz egal, ob er sich 'links' nennt. ich sehe keinen grund, warum ich ihn demnächst in seiner rolle als buprä - wenn er sich äußert wie bisher - stärker, weniger oder anders kritisieren sollte als andere konservative oder neoliberale. (sollte momentan jmd "nazi" oder "hassverbrecher" schreien, dann ist das der aufregungswelle geschuldet und morgen eh vergessen)

fazfazfaz123

23. Februar 2012, 01:17

Mal sehen, wie er demnaechst tatsaechlich deutscher Bundespraesident ist. Freiheit ist ja noch kein Inhalt der Politik. Freiheit als solche ist garnichts. Weder Ja, noch Nein, es ist allein eine Moeglichkeit mehrerer Entscheidungen, welche die richtige oder beste ist, haengt von ganz anderen Fragen ab. So ist er einfach irgendwo stehengeblieben, ein politisches Fossil aus 1989 oder so. Sagt doch der Ossi heute in Luebbenau: Ich bin kein Ossi, ich bin 1994 geboren!

fazfazfaz123

23. Februar 2012, 01:40

Ja, und es ist auch eine sehr grobe Vereinfachung von DEM Islam zu sprechen.

~

In Persien und so weiter gibt es viele unterschiedliche Menschen und fuer viele ist der Koran vor allem Poesie. Er verbindet Leute aus verschiedenen Gegenden, Genf und Amman etwa, die sich dann ueber ihre Lieblingssure unterhalten. Waehrend der Deutsche Erbsen zaehlt oder "Plagiate" bei Guttenberg, statt das Werk einfach einmal ganz zu lesen und sich ueber den Inhalt, den es ja ganz unabhaengig von der Frage der Autorschaft auch gibt, zu unterhalten. Immerhin hatte es einer der fuehrenden deutschen Verfassungsvergleiche fuer gut oder sogar beser gehalten. Ist die Promotionsordnung die Aufklaerung? Ist nicht, was wir fuer Aufklaerung halten, vielleicht einfach nur lutherische Politik in den Bauernkriegen? Wie aufgeklaert war den Calvin? Wie aufgeklaert ist der Papst?

~

Wir sollten den Islam nicht unterschaetzen und auf die Studenten aus jenen Laendern hoeren, die fuer das groesste Uebel daheim den Mangel an politischer Kultur halten. Wer immer es ist, er schreit als erstes: Kopf ab! Leider jetzt auch in Syrien. Regime change ist nur ein anderes Wort dafuer. Wir sagen Islam, wenn wir verschiedene Zustaende in jenen Laendern meinen, sind aber keinen Deut besser.

~

Was wissen wir zum Beispiel vom Brautgeld und aehnlichen Einrichtungen, die hinter den Zustaende stehen, die uns unaufgeklaert vorkommen, weil wir Krankenkassen und Hartz 4 haben, aber ersten komplizierter sind und zweitens mit dem Islam absolut nichts zu tun haben. Schafft das Brautgeld ab und die Frauen sind frei. Das ist aber leider nicht so leicht und kostet vor allem viel Geld, das es in jenen Laendern nicht gibt.

~

Leider ist Gauck nur ein Ideologe. Er glaubt tatsaechlich, der Sozialismus sei eine Erfindung der DDR gewesen oder sagt es doch jedenfalls. Freiheit ist ziemlich trivial, Politik ist etwas anderes.

Paul

23. Februar 2012, 08:33

@Jan.Dark

"Wenn es aber von den Befürwortern pauschal kommt, sieht das eher so aus, als wenn man ohne Argumente Kritik abbügeln wolle."

Hallo aufwachen, was kann man denn noch mehr machen als - wie in diesem Artikel geschehen - die Originalquellen aufrufen, Wort für Wort durchgehen und kommentieren. Was hat das mit pauschalem Befürworten zu tun?  Debattierst du schon oder twitterst du noch?

Quantenwelt

23. Februar 2012, 09:51

http://www.quantenmeinung.de

Verkürzungen von Aussagen sind meines Erachtens immer dann kein Problem, wenn die Aussagen einigermaßen klar sind. Dann kann man hinterher sehen, ob sie Verkürzung sinnentstellend war oder nicht. Auf Twitter wurde ja nicht zuletzt deshalb verkürzt, weil eine Nachricht nur 140 Zeichen zulässt.

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Aber kommen wir zum Thema. Dass man Gaucks Ansichten nicht auf 140 Zeichen verkürzen kann, spricht aus meiner Sicht eher gegen als für ihn. Es führt nämlich dazu, dass wir letztlich alle hineinlesen können, was wir wollen.

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Problematisch an den hier zitierten Aussagen ist, dass  Gauck nicht Ross und Reiter nennen. Es geht um "den Ansatz des Islam", um den "Boden der europäischen Aufklärung " und um "was in Teilen unserer Moscheen hier verbreitet wird". Solche Aussagen sind geeignet "Angstreflexe" auszulösen. Jedenfalls bietet er keine Lösungsvorschläge für das Problem an. Ja, er gibt nicht einmal klar an, worin er überhaupt ein Problem sieht.

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Nach allem, was ich bisher von Gauck gelesen habe, ist es wohl kaum eine Beleidigung, wenn ich ihn als konservativen Politiker einordne. Falls ich mit dieser Einordnung richtig liege, erstaunt mich das Unverständnis von Teilen der Presse, für den Widerstand gegen diesen Präsidentschaftskandidaten. Es sind nun einmal nicht alle Bürgerinnen und Bürger konservativ.

Winston Smith

23. Februar 2012, 11:11

Wenn wir nun also eine inhaltliche Debatte führen möchten - wäre es nicht mal Zeit für ein Interview mit einem Fachmann über die von Gauck geäußerten Ansichten zum Holocaust, z.B. im Kontext des Historikerstreits? Recherche und so - das können Journalist/innnen doch. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich

"Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocausts. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist."

ganz prima als Kristallisationspunkt für eine inhaltliche Debatte eignet. Aber dafür bräuchte man fundierten Input statt immer nur Empörung.

Julia Seeliger

23. Februar 2012, 11:28

Winston Smith: Ja, ich würde ja gerne zusammen mit einem Historiker / einer Historikerin Gauck interviewen. oder ein Gespräch zwischen Gauck und einem Historiker / einer Historikerin machen. Dafür muss ich aber erst die Inhalte ordnen und Hinweise sammeln. Und dafür gibt es dieses Blog.

olm, Quantenwelt: keine Ahnung, meinen Sie, dass Gauck (u.a.) Populismus und Islamfeindschaft und Vorurteile gedanklich zusammenbringt? Auch das müsste man bei ihm eigentlich mal nachfragen. Und warum, wenn es so ist, wie Sie sagen, fragt die "Mainstream-Presse" sowas nicht? Was glauben Sie?

Und: Danke Paul. Das war schön.

Julia Seeliger

23. Februar 2012, 11:38

Passend zum Thema: www.tagesspiegel.de/.../6241528.html

Vorfall in der Berliner S-Bahn: Ein Mann hatte die Fünftklässler der E.-O.-Plauen-Grundschule auf der Fahrt vom Ostbahnhof zum Alexanderplatz mit Worten wie „Türkenpack, ab nach Auschwitz“ bedacht, andere Fahrgäste in dem gut besetzten Zug rührten sich nicht. Als die Lehrer am Alexanderplatz den Zugführer um Hilfe baten, verwies dieser lediglich auf die Bundespolizei.

olm

23. Februar 2012, 12:00

@Julia

Tja, gute Frage, warum nimmt die Mainstreampresse ihn da so in Schutz. Meine Vermutung wäre, dass sich das aus verschiedenen Quellen speist. Zum einen wurde Gauck aus der Springerecke mit aufgebaut als Heilsgestalt, als Bundespräsident des Volkes. Sicher auch dadurch genießt er wie andere vergleichbare Bild-Titel-Phnomene (Guttenberg, die eine aus dem Dschungelcamp, Lena, dieser Eisbär damals, etc.) große, wenn auch vielleicht etwas unreflektierte, unpolitische, Popularität in der Bevölkerung. So ähnlich wie anfangs auch Guttenberg. Diese Medien können nun nicht mehr anders, und wollen wohl auch nicht. Dann gibt es darüber hinaus viele andere parteinahe Medien. Normalerweise fetzen die sich bei vielen Themen. Hinter Gauck stehen aber alle Parteien, und damit auch viele verbundene Medien, ob sie nun die CDU oder die SPD verteidigen (die taz hebt sich da wohltuend ab, wo Gauck doch ausgerechnet bei Grünen-Anhängern die größte Zustimmung hat). Und schließlich kommt hinzu, dass die ganze Kritik und Debatte ja aus dem Netz kam. Das blamiert die Printmedien ein wenig. Dort war ja lange Zeit, 2010 schon diese Debatte zu führen. Stattdessen wurde aber lieber eine "Die Linke will Stasijäger Gauck nicht wählen"-Debatte geführt. Nun fragen die Leute auf enmal, wer dieser Gauck denn überhaupt ist - vorher wurde er ja eher als "Bürgerrechtler" quasi durchgewunken. Letztlich kriegt die Lichtgestalt nun einerseits Risse, weil andere Bürgerrechtler von 89 sich negativ über Gauck äußern, und sagen, er sei gar keiner. Und weil zugleich immer klarer wird, dass Gauck politisch nur einen kleinen Teil des Spektrums vertritt (die rechte Junge Freiheit titelte gestern übrigens "Wir sind Bundespräsident"). Und seine Weisheiten entpuppen sich bei näherer Betrachtung, wenigstens zum Teil, auch als ziemliche Plattitüden (Freiheit und Verantwortung, Demokratie ist gut - naja...). "Der Kaiser ist ja nackt", die Luft wird sozusagen rausgelassen. Es wird spannend, wie die Debatte weitergeht. Jetzt, wo es eine gibt. Aber eins ist auch klar, außer der Linken will eigentlich keine Partei/Parteispitze aus dem Bundestag diese Debatte jetzt, kurz vor der Wahl.

olm

23. Februar 2012, 12:21

Speziell zu der Figur des "Fremden" nochmal, und die im Kontext von Gaucks "Überfremdungs"-Zitat: Das will mir einfach nicht einleuchten. Da haben also welche Namen mit vielen üs und beten zu einem Allah oder auch nicht, und haben Vorfahren, die von woanders sind (aber wer hat das nicht in Deutschland, ich habe das auch). Und die sollen nun das Fremde sein, und das ganze andere aber nicht, das soll das Eigene sein?

.

"Es ist eine fremde, seltsame Welt" sagt Kyle MacLachlan in David Lynchs "Blue Velvet", als das junge Paar die Abgründe hinter der heilen-Welt-Kulisse seiner Vorstadt-Nachbarschaft entdeckt. Da geht es aber nicht um "Kopftuchmädchen". Das Fremde beginnt eventuell schon im Hobbykeller des netten Nachbarn. Mir ist ganz viel fremd in diesem Land, so gesehen. Mein Gemüsehändler gehört eher nicht dazu, er ist nett und höflich, wahrscheinlich Muslim, vielleicht auch nicht, und macht mir immer gute Preise, weil ich oft da bin. Fremde zahlen bischen mehr. Fremd ist mir persönlich eher der Sexshop mit "altdeutschem" (Gauck) Betreiber und Publikum. Mir sind einige regionale Traditionen anderer Bundesländer so fremd wie Stammesrituale auf einem anderen Kontinent. Aber ist das irgendwie produktiv, sich mit so einer Begrifflichkeit daran abzuarbeiten? Ich bin da eher neugierig, erstaunt, mal fasziniert, mal abgestoßen, mal sympathisiere oder kopiere ich, und packe das auch noch in meine Patchwork-Identität...

.

Man kann es vielleicht darauf schieben, dass ich einer anderen Generation angehöre, im Westen in einer Großstadt aufgewachsen bin. Aber auch dieser Bundespräsidentenkandidat und seine Bemerkungen zur Fremdheit Anderer bleiben mir sehr - fremd.

estlandia

23. Februar 2012, 12:33

Gauck ist ein schlaues Kerlchen. Er formuliert seine Äußerungen so, dass sie sowohl den Erzkonservativen das Herz erwärmen als auch die Mittig-Gemäßigten zufriedenstellen.

Nur der Empfindsame, scheint es, erkennt darin den über 70-jährigen Mann, der als Kind seiner Zeit ebenfalls zu den Abgehängten unserer Gesellschaft gehört. Das ist kein Vorwurf an ihn, das ist der Lauf der Dinge. Ich glaube nicht, dass Gauck als Präsi Deutschland nützt. Er wird denen nützen, die das bestehende System noch ein bisschen länger laufen lassen wollen.

Gauck wird die Rolle einer Ritalinpille übernehmen, die der deutschen Gesellschaft verabreicht wird.

Es stimmt, seine Zitate wurden auf Twitter verkürzt wiedergegeben. - Komisch ist aber, dass wenn man in die Quellen schaut, sich oft herausstellt, dass die Verkürzung gar nicht viel anderes aussagt als die Aussage im Kontext hergibt.

Mit anderen Worten: Die Verkürzung ist eine falsche Methode, trifft bei Gauck aber erstaunlich oft den Kern dessen, was er meint.

Meiner Meinung nach.

Julia Seeliger

23. Februar 2012, 12:40

"Es ist eine fremde, seltsame Welt" sagt Kyle MacLachlan in David Lynchs "Blue Velvet", als das junge Paar die Abgründe hinter der heilen-Welt-Kulisse seiner Vorstadt-Nachbarschaft entdeckt. Da geht es aber nicht um "Kopftuchmädchen". Das Fremde beginnt eventuell schon im Hobbykeller des netten Nachbarn. ....

Danke! Solche Kommentare wärmen das ♥

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P.S. wundere mich, warum niemand was zu Banlieues in Lyon etc. schreibt. Wäre evtl. spannend gewesen zu diskutieren, was der Unterschied zu Kreuzberg ist. Aber muss auch nicht sein.

Quantenwelt

23. Februar 2012, 16:18

http://www.quantenmeinung.de

"meinen Sie, dass Gauck (u.a.) Populismus und Islamfeindschaft und Vorurteile gedanklich zusammenbringt?"

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Die hier zitierten Passagen sind jedenfalls nicht geeignet, Vorurteile zu zerstreuen und Populismus zu entkräften. Ich würde nicht so weit gehen, Joachim Gauck schlechte Motive vorzuwerfen. Es könnte sein, dass er bewusst so formuliert, dass er Rechtspopulisten und gemäßigte Konservative gleichermaßen zufriedenstellt und Gegnern keine Angriffsfläche bietet. Es könnte aber auch der ehrliche Versuch sein, allen Seiten gerecht zu werden und niemanden in eine politische Ecke zu stellen. Es ist also vielleicht der Versuch, das "tiefe Unbehagen alteingesessener Europäer", also die Ängste von Teilen der Bevölkerung ernst zu nehmen.

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Beides können wir uns aber nicht von einem Bundespräsidenten wünschen. Ob er nun bewusst Vorbehalte gegen Ausländer toleriert oder sie nur als existent wahrnehmen möchte, in jedem Fall tut er nichts, sie zu entkräften.

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Warum die Mainstreampresse hier keinen Druck macht? Ich denke, dass die verantwortlichen Redakteure eine weitere Konfrontation scheuen. Es gibt bereits Vorwürfe, "die Presse" hätte den alten Präsidenten aus dem Amt getrieben, jetzt wollen sie sich nicht auch noch den Vorwurf einfangen, den einzigen Konsenskandidaten madig zu machen. Das würden sie nur tun, wenn eindeutigere Aussagen von Gauck vorlägen.

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P.S. Wird das Siezen jetzt in Blogs üblich? Bei mir Siezen die Kommentatoren auch immer öfter.

Faznet18

23. Februar 2012, 16:56

Gauck wird  die politischen Debatten in Deutschland kräftig anheizen mit seinen ziemlich konservative Auffassungen. Ich freue mich aber darauf, nicht weil ich selbst dieser Richtung anhänge, beileibe nicht. Aber eine tiefschürfende politische Debatte um lebensentscheidende Zukunftsfragen wäre doch mal ein erster guter Schritt zum Übergang von der 'Repräsentativen Demokratie' zur Bürgergesellschaft.

Ich bin es  leid, mir ewig die gleichen ideologischen Stereotypen von politischen Parteigängern und deren Lobbyisten anzuhören. Differenzierung und Abwägung steht dringend an. Einige, nur beispielhafte Thesen zur Debatte:

- Der Islam  fächert sich in Deutschland auf zwischen Säkularisierung und Radikalisierung, führt darüber aber keine von außen erkennbare Auseinandersetzung

- Das gegenwärtige Verständnis von "Europa" erstreckt sich von der Hoffnung auf Bewältigung der Kapitalmarkt- Krise bis zur Suche nach die Grenzen überschreitenden Nachbarschaften, Freundschaften und Gemeinschaften

- Die Debatte über die Frage, wie Soziale Gerechtigkeit zu erreichen ist, oszilliert zwischen Vorschlägen zur Umverteilung und Aufforderungen zur "Selbsthilfe"

- Internationaler Friede, Freiheit, Gerechtigkeit und Fortschritt lassen sich nicht  durch  überkommene Bündnis- Prämissen, oder durch Globalisierung oder Klima- und Umweltschutz- Debatten erreichen.

Gauck an der Spitze des Staates sollte (und wird hoffentlich) durch seine eigenen Beiträge einer demokratischen Auseinandersetzung in Deutschland um solche und anderen wichtigen Gegenwartsfragen auf die Sprünge helfen.

Meine Hoffnung ist, dass er dazu beiträgt, endlich ohne Phrasen und Parolen, über Vereinfachungen und Etikettierungen hinweg "zu den Sachen selbst" zu kommen. Die sattsam bekannten "Parteiideologen" und die "Meinungsmacher" alle Schattierungen sollen  sich endlich neuen Herausforderungen gegenüber sehen. Gauck könnte so in etwa den Anforderungen entsprechen, wie sie an den Diskurs in einer modernen Gesellschaft  Mitteleuropas zu stellen sind. Derzeit laufen wir anscheinend gerade erst mal in eine Aufwärmphase hinein.

Oliver-August Lützenich

23. Februar 2012, 21:39

http://SprechLichtung.blogspot.com/

Die Verschiedenheit von Vorstadt-Quartieren und Kreuzberg liegt erst mal in der Entfernung zur Mitte, aber auch in der Zusammensetzung der Bewohner. Sie scheinen noch nicht durch eine Vorstadt in F gefahren zu sein, sonst wäre das kein Vergleichsthema. Vergleiche mit Kreuzberg bieten nur Innenstadt-Bezirke der franz. Grossstädte, z.B. das 11. und 20. Arrondisment in Paris. Ehemalige Arbeiterviertel mit Heute hohem Einwandereranteil und vielen Studenten.

Grüsse vom Marheinekeplatz!

Oliver-August Lützenich

23. Februar 2012, 22:52

Ein wenig iFragen zum Thema Populismus, Gauck, Integration und die aktuelle Debatte um die Form und den Inhalt von Gesellschaften. Brauchen die Menschen noch Staaten? Brauchen Menschen noch einen Überbau, ein "Gemeinwesen", eine organisierende, verwaltende, schützende, versorgende, einhegende Grossform? Oder sind Wir Menschen schon soweit diese "Haut" abzustreifen, Uns von Nationen zu befreien und Uns Selbst zu organisieren, zu verwalten, zu bilden, zu schützen und zu versorgen und so einiges mehr? Also ich, Oliver-August Lützenich, schaffe das noch nicht, ich brauche den Überbau, die Einhegung und Organisation noch. Für die auch von mir ersehnte Lebensform der "Herrschaftslosigkeit" (Anarchie?) fehlt noch so ziemlich jede Voraussetzung. Da ich also noch den Staat brauche, als deutscher Mensch also Deutschland, stellt sich mir schon länger die Frage: Was sind die Kriterien, die Konzepte, also die Inhalte in der "deutschen" Haut? Deutschland, was sind Sie? Kommen Sie, lassen Sie Uns einen Katalog erarbeiten, mit allen Punkten, die Wir in Deutschland einfüllen und die es eindeutig und unterscheidbar von Sambia, von Ecuador, Thailand ... abgrenzen, selbstverständlich auch von den europäischen Nachbarn. Wenn dann der Katalog vorliegt, können Wir ihn Jedes Mensch vorlegen, das mit Uns hier leben möchte.

Aber selbstverständlich zuerst den bereits hier lebenden Menschen. Wir verpflichten Uns dann Alle auf diesen Katalog von Begriffen, Haltungen, Gefühlen, Handlungen und Verboten, die dann das Deutsch-Sein beinhaltet. Dann wissen wir was Deutsch ist und Jene, die hierher kommen, wissen worauf sie sich einlassen. Das wäre doch was, oder?

Wenn schon den Meisten Menschen die Definition und die Inhalte des persönlichen Selbst ein Rätsel sind, so haben Wir dann wenigsten ein wenig Sicherheit bei der Wahl und der Ausgestaltung der Gesellschaft, in der Wir leben.

Sie sagen: unmöglich, geht nicht, mach ich nicht mit, FREIHEIT! Keine Festlegungen! Naja, dann ... eben nicht. Werden Wir also nie wissen, was "Deutsch" ist, wird Uns vielleicht auch nicht fehlen, obwohl so etliche darauf stehen, aufs Deutsch sein, aber worauf stehen Die dann? Ahh, ich habs, der Boden ists, der deutsche Boden, aber Halt, da war doch was ... das kann es also nicht oder nicht mehr sein. Das macht es schwer, wenn es weder der Boden, noch die generationenlange Herkunft ist, ganz schön schwierig für alle Staatsrechtler und Staatsphilosophen dafür eine bodenlose und vergangenheitsvergessene Lösung zu finden, da haben es die Nationalisten und Faschisten und ihre Annäherungen einfacher, die vergessen einfach alles und halten sich an einem blossen Wort fest: Deutschland. Sooo leeer. Jetzt sagen Sie nicht: hören Sie auf damit, sondern erklären Sie meinen Nachbarn, die in der "Türkei" und "Serbien" geboren wurden, was Sie zu "Deutschen" macht, was Sie dafür brauchen und dafür tun müssen, sprechen tun Sie diesen Dialekt schon, aber ist das alles? Ach es ist schon ein Kreuz mit der "Zugehörigkeit", Mensch weiss nie so RECHT mit Was Mensch es darin genau zu tun hat? Weder mit dem Staat noch mit den Mit-Menschen und das soll wohl auch so sein, also alles normal. Weiter so. Und: Rita Süssmuth for Präsident! Rita gefällt mir.

Jan Dark

24. Februar 2012, 12:57

@Paul

"Hallo aufwachen, was kann man denn noch mehr machen als - wie in diesem Artikel geschehen - die Originalquellen aufrufen, Wort für Wort durchgehen und kommentieren. Was hat das mit pauschalem Befürworten zu tun?  Debattierst du schon oder twitterst du noch?"

Das ist doch nicht gemacht worden. Was hier in dem Artikel steht, sit doch nur ein winziger Ausschnitt von dem, was Gauck seiner Umwelt mitgeteilt hat.

Wir haben ja nicht mal angefangen, über die Dialektik des Herrn Gauck zu reden:

- Er rdet großspurig von Freiheit udn wenn seine Söhne 1988 in die Freiheit wollen, versucht Gauck sie in der unterjochenden Diktatur festzuhalten, in der er es sich kuschelig gemacht hat. Anstatt in den Westen und die Freiheit zu gehen, kuscht er vor dem System und wird aus Not Theologe, nicht aus Überzeugung

- jahrelang hat er von dem Geld der Gläubigen in der Kirche gepredigt "Du sollst nicht ehebrechen". Nun soll er als bekennender Ehebrecher, der sich nicht scheiden lässt, wie es moralisch integer wäre, Bundespräsident werden und die Werte der Christen öffentlich verhöhnen, in dem er mit seiner Konkubine umherzieht? Wenn Gauck Bundespräsident wird, werde mich meinen Kindern raten, den Umgang mit ihm auf jeden Fall zu meiden, weil er nicht die geringste Glaubwürdigkeit besitzt. Weder im Hinblick auf Ehe, noch auf Freiheit. Wo ist das im Artikel zu finden, obwohl es "verkürzt" auf Twitter diskutiert wurde?

Ich bleibe dabei: die Befürworter wollen die Diskussion von der Sachebene ablenken auf ein Längenthema, wobei die angemessene Länge von den Befürwortern bestimmt wird. Heraus soll dabei kommen, dass ein bekennender Ehebrecher unsere Grundwerte in die Tonne tritt (Siehe GG und besonderer Schutz der Ehe und Familie). Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe Verständnis dafür, wenn Menschen nicht bis zum Tod zusammen bleiben, weil es nicht klappt. Das ist traurig, aber kann passieren. Aber dann muss man knosequent sein und sich scheiden lassen. Die Ehe aufrecht zu erhalten und in höchsten Ämtern mit der Konkubine herumzugauckeln, ist nicht mit meinem Wertgefüge vereinbar und tritt christliche Werte mit Füßen.

Irene

24. Februar 2012, 16:10

http://www.twitter.com/irene_muc

Schon kurios, jetzt wählen Grüne einen Bundespräsidenten, der von "Überfremdung" raunt. Andererseits, die Grünen hatten es ja auch lange mit der Fremdheit, nur hieß sie da "Multikulti" und machte die Stadt so schön bunt.

davidly

26. Februar 2012, 23:09

Friedrich Küppersbusch: Gauck. Statt Präsitainment jetzt wieder Syrien, Sozialstaat, Energiewende. Ich befürchte eine Entpolitisierung der Bunten.

Lohnt sich:

http://www.taz.de/Die-Woche/!88484/

Thorsten Haupts

28. Februar 2012, 18:41

@Quantenwelt:

"Ob er nun bewusst Vorbehalte gegen Ausländer toleriert oder sie nur als existent wahrnehmen möchte, in jedem Fall tut er nichts, sie zu entkräften."

Entkräften kann man nur, was nicht existiert. Und die Vorbehalte existieren. Mit einem gewissen Recht. Wir können uns jetzt alle einmal vorstellen, wir seien Frauen, Schwule, Liberale. Und exakt heute hätten unsere ausländischen Mitbürger aus arabischen Ländern und der Türkei in Deutschland das (politische) Sagen. Würden wir uns noch sicher fühlen? Wer diese Frage nicht aus voller Überzeugung mit "Ja" beantworten kann, hat diese Vorbehalte selber.

Gruss,

Thorsten Haupts

Thorsten Haupts

28. Februar 2012, 18:49

@Julia Seeliger - Populismus:

Die Frage, wie man mit Populisten umgeht, ist so alt, wie die Menschheit. Mit nüchternem, sachlichen, auf Fakten basierendem Diskurs kommt man nicht weiter, weil man damit zu wenige Menschen erreicht. Populisten sprechen die viel wirkungsmächtigeren Emotionen von Menschen an. Weshalb übrigens alle erfolgreichen Politiker (egal, ob links oder rechts) immer auch Populisten sein werden. Gegen Populisten helfen letztlich nur Populisten anderer Richtungen. Von vornherein verloren hat, wer es ausschliesslich mit dem Verstand versucht. Nicht umsonst ist das Kommunistische Manifest vermutlich um den Faktor einhundert bekannter, als das KAPITAL - ein Appell an das Gefühl versus eine Einladung an den Verstand.

Gruss,

Thorsten Haupts

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Waschb??rpower » ??ber die Fremdheit

22. Februar 2012, 22:07

Springfield, without i!

09. März 2012, 09:40

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