Schlachtfeld Agora – ein Kinofilm über die spätantike Philosophin Hypatia
16. März 2010, 14:12
Uhr
Wer den letzte Woche angelaufenen Film „Agora - Die Säulen des Himmels" noch auf der Leinwand sehen möchte, wird sich sputen müssen. In den großen Saal eines Bielefelder Innenstadtkinos haben sich am Sonntagabend gerade einmal sechs oder sieben Zuschauer verloren; das deutet auf eine rasche Absetzung der spanischen Produktion vom Spielplan hin. Die Kurzkritik in der FAZ war informativ, doch ungnädig:
»Hypatia war eine Philosophin im spätantiken Alexandria, die im Jahr 415 von christlichen Fanatikern gesteinigt wurde. Seit dem achtzehnten Jahrhundert wird sie in Gemälden, Dramen, Gedichten und Romanen als Märtyrerin der Wissenschaft gefeiert. Alejandro Amenábar versucht diese Figur nun im Zeichen des von den Hütern des westlichen Imperiums ausgerufenen „Kampfes der Kulturen" zu aktualisieren. Sein in einer Kulissenstadt auf Malta gedrehter Film zeichnet die zelotischen Christen nach dem Vorbild des muslimischen Mobs im zeitgenössischen Hollywoodkino und ihre Bischöfe als geifernde Proto-Imame, während die tapfere Hypatia (zwischen Muse und Meduse: Rachel Weisz) als Vorkämpferin einer aufgeklärten Vernunftreligion auftritt. Aber alle Aktualisierung hilft nichts, wenn die Darsteller abwechselnd wie Ölgötzen oder Krawallschurken agieren und Amenábars Regiekonzept sich in einer kulinarischen Google-Earth-Perspektive auf das Geschehen erschöpft. Was den Regisseur von „Open your Eyes", „The Others" und „Das Meer in mir" geritten hat, sich in den trostlosen Säulengängen des Sandalenkunstgewerbes zu verirren, bleibt das größte philosophische Rätsel dieses Films. „Agora" ist der zum moralapostolischen Weihespiel vergorene Marmor-Stein-und-Eisen-Reißer à la „Gladiator". Dann doch lieber das Original.«
Nun, ganz so schlimm fand ich es nicht. Sicher nimmt der Film Partei für Hypatia, und wenn der Bischof Kyrill seine mönchischen Sturmtruppen auf die Philosophin losläßt, indem er einen Abschnitt aus dem 1. Paulusbrief an Timotheus vorliest (1. Ti. 2,8-15) - dort heißt es u.a.: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, daß sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten." -, dann paßt das zum ‘Presseclub' letzten Sonntag im Ersten, als eine wohl eher linke Journalistin die Mißbrauchsfälle zum Anlaß nahm, die angeblich vom Apostel Paulus verordnete Frauenfeindlichkeit der Katholischen Kirche zu brandmarken und neben der Abschaffung des Zölibats auch die Zulassung von Frauen zum vollen Priesteramt zu fordern. Amenábars Streifen läßt sich also auf verschiedene Weise ‘lesen', auch als feministisches Manifest, und natürlich sehen die christlichen Aktivisten hier so aus wie die arabisch-palästinensischen Terroristen in „Delta Force", jener mitreißenden, zugleich kindischen amerikanisch-israelischen Propagandaphantasie nach dem Entebbe-Unternehmen im Juli 1976 (in der übrigens auch ein abgründiger christlicher Mönch eine Rolle spielt: Er spioniert für den Mossad). Aber man kann Denunzierung der Christen in „Agora" durchaus als Erinnerung daran verstehen, welch langen Weg die Kirche seit damals noch zurücklegen mußte. Vor allem aber wird sehr schön vor Augen geführt, wie aufgeladen und konfliktträchtig das Leben in der Metropole Alexandria war - übrigens nicht erst um 400 n.Chr. Religiöse Gegensätze überkreuzten sich mit sozialen Spannungen und der Anfälligkeit des labilen Großorganismus Stadt für alle möglichen Heimsuchungen. Das legte den Gemeinschaften nahe, sich abzuschließen und um ihre Kultorte zu sammeln, die so zu Symbolen der Dissoziation wurden. Die Gewaltbereitschaft der Serapis-Anhänger war nicht geringer oder besser, nur weil diese aus der Defensive kamen, und der Steinigungs-Hinterhalt, in den einige Juden eine Gruppe von Kyrill-Anhängern lockten, erscheint zwar als ein Vergeltungsakt, aber ein überschießender, und führt mit tragischer Folgerichtigkeit zu einer weiteren Eskalation. So wird die Agora, im klassischen Hellas noch ein Zentralort der um das für die Polis Beste ringenden Bürgergemeinde, zum Schlachtfeld der Religionen und Kulturen. Um den Preis, nicht sehr spannend zu sein, bemüht sich der Film um historische Genauigkeit, nicht nur in der Ausstattung. Deutlich wird etwa, wie sehr die im Museion und in der Bibliothek von Alexandria gelehrte Philosophie ihrerseits spirituelle Züge in sich aufgenommen hatte. Hypatia und ihre Schüler werden als ein höchst privilegierter Kreis vorgestellt, und die erotische Spannung zwischen Lehrerin und Schülern in dieser als geschlossen vorgestellten Gemeinschaft erscheint aus aktueller Sicht nur deshalb nicht anstößig, weil die Schüler hier junge Männer sind und die Avancen von einem der ihren ausgehen, nicht von der Philosophin. Diese bleibt übrigens - ironische Pointe - aus freiem Entschluß ehelos und hat offenbar auch keinen Sex, lebt mithin zölibatär und nur ihrer Liebe zur Erkenntnis ergeben, einer Erkenntnis, die sich buchstäblich auf die höchsten Sphären der kosmischen Ordnung bezieht; diese ihrerseits war nach stoischer und neuplatonischer Auffassung ein Geschöpf Gottes.
Die Hypatia des Films ist nun das Gegenteil einer weltabgewandten Intellektuellen. Sie kennt ihre Stadt sehr genau, und macht dennoch die Erfahrung, die auch heute gelegentlich zu machen ist: Man kennt seine Stadt, seine Schule (oder seine Verkehrsbetriebe) sehr genau, und dann passiert dort etwas, was man bis dahin nicht für möglich gehalten hätte.
Was die Verstrickung Hypatias in das (kirchen-)politische Machtspiel zwischen den Hauptfiguren - der Patriarch Kyrill mit seinen Parabolani (kirchlichen ‘Krankenpflegern'), Synesios von Kyrene, dort Bischof, Rivale Kyrills und früher Schüler Hypatias, sowie Orestes, ebenfalls zuvor Schüler Hypatias, vor Amtsantritt getaufter Christ und zugleich als römischer Präfekt Vertreter der staatlichen Ordnung - angeht, so entscheidet sich der Film für die eindeutige Opferrolle Hypatias. Sie weiß um die Intrigen ihrer einstigen Hörer, aber auch, daß Kyrill „schon längst gewonnen hat". Ob Kyrill den Lynchmord in Auftrag gegeben hat, läßt sich nicht sagen. Auch scheint Hypatia keine dezidierte Verteidigerin des ‘Hellenismus', also des Paganismus gewesen zu sein (als Tochter des Bibliothekars mußte sie natürlich für die Bewahrung der mehr als tausendjährigen geistig-literarischen Tradition eintreten). Aber sie ging offenbar bei Orestes ein und aus. Dieser ließ es auf eine Machtprobe mit Kyrill ankommen, und der Film deutet zumindest an, daß der Patriarch Hypatia angreifen ließ, weil er Orestes nicht direkt angehen konnte. Dieser hatte, so zeigt sich im Film ebenfalls, die schwierigste Aufgabe, da er - als Christ - die Autorität der Staatsmacht zu behaupten hatte, aber keinen handfesten Kampf mit dem christlichen Mob und seinem Führer führen konnte.
Unerweislich und ganz unwahrscheinlich ist die astronomische Entdeckung der Film-Hypatia: Kurz vor ihrem Tod soll sie das heliozentrische Weltbild Aristarchs durch die Annahme elliptischer Planetenbahnen plausibel gemacht und damit das ptolemäische Weltbild widerlegt haben. Aber das folgt dem Gesetz der (film-)rhetorischen Überhöhung: Hypatia war eben nicht nur eine Märtyrerin des freien Denkens und selbstbestimmten Lebens einer Frau, ihre Ermordung hat die Welt auch um eine Erkenntnis gebracht, die dann erst Johannes Kepler volle 1200 Jahre später machen sollte.
Chr. Lacombrade betont in seinem höchst instruktiven Beitrag zum „Reallexikon für Antike und Christentum" (RAC 16, 1994, 956-967) wohl mit Recht, daß die Wirkung Hypatias bei weitem die Bedeutung ihrer geschichtlichen Persönlichkeit übersteigt - „Agora" ist der vorläufig letzte Beleg dafür. Schon in der Spätantike, weiter dann in Byzanz und wieder ab dem 15. in italienischen Neuplatonikerzirkeln avancierte sie zur Heroine, einer Art Schwester im Geiste von Julian ‘dem Abtrünnigen'. „Wie auf Julian griff man seit der Reformationszeit immer dann auf Hypatia zurück, wenn es die katholische Kirche oder allgemein das Christentum zu kritisieren oder zu bekämpfen galt." Voltaire hat sie gepriesen, und im 19. Jh., dem Zeitalter des weltanschaulich aufgeladenen Historienromans, machte Charles Kingsley sie populär (Hypatia, 1853, dt. mehrfach seit 1858). In dieser Linie liegt auch Arnulf Zitelmanns Jugendbuch, das ich vor vielen Jahren mit großem Eindruck gelesen habe.
Eine wunderbare, materialreiche Handreichung zum Film für den Schulunterricht, aber auch für ‘normale' Kinogänger, die mehr wissen wollen, hat das „Institut für Kino und Filmkultur e.V." erstellt - sehr empfehlenswert. Dort auch weitere Links und Literatur.
Vgl. auch Berthold Seewald in der „Welt"; sehr schön, was er über den „Sandalenfilm" sagt: „Er kann ein ferner Spiegel der Gegenwart sein, moralische Philippika und politisches Plädoyer, von beklemmender Aktualität und antiqaurischer Gelehrsamkeit, philosophisches Traktat und Blockbuster - und das alles in einem."
Wenn Sie diesen Beitrag kommentieren möchten, bitten wir Sie, sich vorher anzumelden.
Nutzen Sie dazu das Login-Feld oben im Kopf rechts. Dort können Sie sich auch neu
registrieren, falls Sie noch kein Passwort haben.