Altgriechisch für alle?
14. August 2010, 17:12
Uhr
Mary Beard greift in ihrem TLS-Blog eine kleine Diskussion
auf. Der „Guardian" hatte auf seiner Webseite eine „Umfrage" initiiert: „Is
learning Classical Greek a good idea?" Das Ergebnis bei solchen Unternehmungen,
die nicht von demoskopischen Experten begleitet sind und auf der Aktivität von
Interessierten basieren, kann niemals beanspruchen, valide zu sein, weil sich
v.a. engagierte Zeitgenossen mit dezidierten Ansichten äußern; so kommen bei
den (überdies kostenpflichtigen) TED-Umfragen auf diversen Videotextseiten
Zustimmungen etwa für ‘Die Linke' von 70 % und mehr zustande.
Aber spielen wir das Spiel einmal mit. 80% pro Griechisch,
20 % dagegen. Nun hängt die Umfrage offenbar mit dem sog. Iris-Projekt
zusammen, das sich dafür stark macht, Kinder in Primary Schools Griechisch zu
lehren, damit sie besser mit dem Englischen zurechtkommen. (Die vollständige
Frage lautet in diesem Sinn: „Greek lessons will be introduced in the classrooms of inner-city schools to help primary children from deprived
backgrounds improve their English. Is this a good idea?") Diesem wohlmeinenden
Utilitarismus kann Beard wenig abgewinnen. Zwar könne man eine große
internationale Konferenz in Athen abhalten, auf der nicht nur die Leistungen
der Alten gewürdigt werden, sondern auch das Potential dieses Erbes „as a
source for solutions to challenges that the world faces today and to those that
it will inevitably come to face in the future" auslotet. Aber sehr seriös sei
eine solche Verheißung universaler Heilung nicht. In der Tat. Sie atmet den
gleichen Geist, der auch hierzulande seit Jahrzehnten die Bildungsdiskussion
dominiert und dafür sorgt, daß jeder Verweis auf Wilhelm von Humboldt und seine
Grundidee am Ende einen Schwindel darstellt - selbst bei denen, die etwa das
Humanistische Gymnasium hochhalten wollen. Denn jeder Bildungsinhalt, jedes
Curriculum und jede Methode müssen sich heuer rechtfertigen aus einem
Objektbezug: Schüler und Studenten sollen „fitgemacht" werden für den
Arbeitsmarkt, die globale Welt und wünschbare Verhältnisse wie Frieden, saubere
Umwelt, multikulturelles Zusammenleben oder gute Ernährung. Humboldt dagegen
wollte, daß die Menschen - und zwar sehr viele Menschen aus allen Ständen, wie
man damals sagte - Griechisch lernen um ihrer selbst willen, damit sie
selbstverantwortlich handelnde Subjekte sein können.
Beard denkt in die gleiche Richtung, bleibt aber einen
Schritt vorher stehen. Griechisch lerne man nur, „to be able to read the
extraordinary and still important literature that survives in ancient Greek."
Zu ergänzen wäre, daß die griechische Sprache für eine
subjektbezogene Bildung eben besonders geeignet erscheint, weil sie in
wesentlichen Eigenheiten auf Reflexion und Abstraktion angelegt ist. Jacob
Burckhardt notierte: „Es scheint als ob das Griechische schon die künftige
Philosophie virtuell in sich enthielte. Seine unendliche Schmiegsamkeit an den
Gedanken überhaupt, dessen durchsichtigste Hülle es ist, (...). Die
Leichtigkeit der Bildung von Substantiven zur Bezeichnung von Abstractis.
Leichte Schöpfung von Abstarctis überhaupt. (...) Der Vorrath von Bezeichnungen
alles Geistigen schon aus der frühen Zeit.. (...) Die Neutra der Adjectiven
(als Bezeichnung von Principien, Elementen etc. ...) Ja schon das Neutrum
pluralis des bloßen Adjectivs: tà. (...) Der unendliche Reichthum aller
Bezeichnungen und Schattierungen des Bedingten und Unbedingten im Verbum. Das
Medium. Der Infinitivus loco substantivi. Die Präpositionen mit Pronominibus:
... tà eph' hêmin was von uns abhängt, etc." Und die Literatur? Zufällig
stoße ich auf einen Aufsatz des Gräzisten Hans Diller (1905-1977): Das
geistige Wagnis der Griechen, geschrieben 1965. Auch Diller verweist auf
das Potential des Altgriechischen, Lernende zur Reflexion über die
Möglichkeiten von Sprache insgesamt anzuregen. Vor allem aber geht es ihm um
eine Haltung, die in den besten Stücken griechischer Poesie und Prosa zu finden
sei: „Auseinandersetzung mit dem, was
dem Menschen gegenübersteht; der Trieb, das Gegenüberstehende zu erkennen;
Beunruhigung durch das, was nicht aus den Voraussetzungen, die der Mensch
mitbringt, begriffen werden kann; Verantwortung für das, was man denkt, sagt
und tut - das scheinen mir die Tendenzen zu sein, die das geistige Wagnis der
Griechen ausmachen. Daß sie auf den Aufnehmenden bildend wirken, steht außer
Zweifel; ihre Bildungskraft scheint mir elementarer und konkreter zu sein als
die eines Strebens nach ‘Bildung an sich'." Vor allem diese Distanzierung
von einer gängigen humanistischen Leerformel überzeugt.
Ein Pendant der curricularen Idee für die englischen
Primary Schools findet sich auch hierzulande: Verhilft Latein türkischen
Kindern zu besseren Integrationschancen? Vor gut zwei Jahren war in einem
Bericht von Heike Schmoll zu lesen (FAZ v. 20.3.2008): „Die Lernziele des
altsprachlichen Unterrichts richten sich nach der politischen Ausrichtung des
zuständigen Bundeslandes. Während sich Bayern im Gymnasialunterricht auf
Humboldt beruft, steht in Berlin die ‘interkulturelle Handlungskompetenz' im
Vordergrund. Das Ernst-Abbe-Gymnasium in Berlin-Neukölln mit einem
überwiegenden Anteil ausländischer Kinder (80 Prozent) hat daraus das Beste
gemacht: Von den 494 Schülern lernen über 60 Prozent Latein, knapp ein Drittel
der Abiturienten verlässt die Schule mit einem Latinum. Die meisten türkischen,
arabischen oder persischen Gymnasiasten, die sich für Latein entschließen, da
sind sich die Lehrer sicher, weisen dadurch wesentlich bessere Deutschkenntnisse
auf. Wissenschaftliche Arbeiten zum Vergleich der lateinischen und türkischen
Sprachstrukturen gibt es bisher nicht, doch in beiden Sprachen gibt es keinen
bestimmten Artikel, der türkischen Schülern offenbar das Deutschlernen
erschwert. Wichtiger noch ist aber die regelrecht völkerverbindende Funktion,
die der Lateinunterricht in solchen Klassen erfüllt: Es werden nicht nur
Fremdheitserfahrungen thematisiert, sondern auch entsprechende Texte gelesen,
etwa die Türkischen Briefe des Ghislain de Busbecq, der vom römischen Kaiser
Ferdinand I. im 16. Jahrhundert zum osmanischen Sultan Süleyman geschickt
wurde. (...) Auch wenn die Altphilologen immer wieder hervorheben, dass Latein
kein Elitefach mehr sei, sind gerade die ausländischen Schüler stolz auf das
Latinum, das ihnen den Zugang zu vielen Studienfächern eröffnet."
Noch einmal zurück nach England.
Mary Beard hat wieder viele Kommentare provoziert. Vor allem viele sehr kluge:
„I'm basically in agreement; but I suspect that it really is true, as the Iris
people are arguing, that Greek improves children's English. (...) I suspect
that the special "for-its-own-sakeness" of saying "we're
learning Greek because we've discovered it's actually quite fun and special and
we want to read Greek" will actually be more effective in the old
"transferable skills" department than "we're learning Greek in
order to stop us writing would of for would have". But of course you have
to sell it to the LEA and to the school and to the parents and to the children
..."
In die gleiche Richtung: „I've said
it before in these spaces but, at the risk of irritating some people, I'll say
it again. There is a common but misguided idea nowadays, especially in
education, that everything must be regarded as a means to something else. Learning
Classical Greek can be regarded in that way - as a means to reading the plays
of Aeschylus, for example - but it need not be. It can be seen as an end, for
which the means to do it exist. It can be rightly useless. Raymond Tallis gives
the title "The Uselessness of Art" to the second half of his book
"Newton's Sleep". In the postscript, he writes "... between the
soluble exigencies of need and the inevitability of death, useless art finds
its necessary function." Perhaps it's going too far to put learning
Classical Greek on a level with the creation and experience of works of art,
but I think you can see it as useless in that way."
Aus persönlichem Erleben: „For what
it's worth, Mary - I found learning classical Greek helped HUGELY with a
borderline dyslexia. You have to think about sentence construction, for one
thing. And it doesn't let you get away with careless grammar."
Auch der Vergleich mag helfen. Burckhardts Urteil, das Altgriechische so viel
reicher als andere Sprachen, etwa Arabisch, mag von mangelnder Kenntnis und
Eurozentrismus zeugen. Aber: „I do absolutely believe that Greek is a wonderful
language to learn for itself, and also so that you can read the original Greek
literature, but I think the fact that it helps children improve their English
is too easily dismissed here. I've been specifically told by a native Chinese,
fluent English speaker how jealous his is about how in English you can look at
a word you've never seen before and break it down to its parts to figure out
basically what it means, where in Chinese you either have the character
memorized or you don't. Greek, Latin, and French are how you recognize those
roots, and give you an understanding of the elements of language that I don't
think it's possible to get just from English alone."
Ein Senior geißelt mit Recht die
Irrungen und Ideologeme der muttersprachlichen Didaktik und Methodik, die auch
hierzulande seit Jahrzehnten so verheerende Spuren hinterläßt: „I never
encountered classical Greek at school. I did enjoy my three years of Latin and
I found it greatly enhanced my appreciation of my native English; but no, it
didn't actually help me speak or write better English. School English classes
drummed into me all the stuff nowadays considered to be inhibitory of
self-expression, or liable to make students feel they are from the wrong sort
of home, or some such rubbish. When I started three years of Latin in 1944 at
the age of 11, I had learned in school English classes about parts of speech,
and parsing sentences, and tenses, and subjects and objects, and subordinate
clauses - all the grammar and syntax stuff - not to mention spelling, and
punctuation, and writing essays and precis. It helped, too, that I read a lot
and learned to appreciate clear and unambiguous (and therefore efficient)
writing. There's no substitute for good formal teaching, at as early an age as
possible, in learning English; later, you learn a classical language to
exercise the mind or perhaps to make contact directly with what its writers and
historians had to say."
Ein anderer fordert genauere
Bestimmungen: „It always astonishes me how much discussion of
"usefulness" goes on without anyone asking, "Useful for
what?" Useful for having enough food, clothing, shelter, etc to stay
alive? Useful for acquiring such a surplus of material things as may make life
pleasant as well as possible? Useful for enlarging the world of which one's
thoughts and imagination are free (the chief value, I take it, of learning
Greek)? Useful for directing one's souls towards God and the end for which it
was created? And one may add others. Without a doctrine and definition of ends
all talk about means is meaningless.
Und welcher Blogger würde sich
nicht über einen grundvernünftigen Kommentar wie den folgenden freuen: „I
suspect it's a mistake to overemphasize or to dismiss either the utilitarian or
the non-utilitarian arguments for Greek: awareness of a language significantly
different from one's own inevitably, it seems to me, will increase awareness of
how languages can and do work, which is likely to enhance sensitivity to the
structure of one's own language (Afrikaans, Latin, and ancient Greek certainly
had this effect for me), and with ancient Greek there is the added benefit for
English speakers of the direct and indirect influences of Greek vocabulary,
while only ancient Greek will give direct access to writings and ideas that
cast a very long shadow in many ways and the ability to read which is useful to
the historical, philosophical, religious, academic or literary endeavours of many;
none of which is to dispute the inherent pleasure or the value of being able to
read works in the original.
What I do, however, think very
unfortunate is the specific wording of the Guardian poll, in particular
"Classical Greek is the root of civilisation". Even the most ardent
supporter of the classics would surely not wish to claim that the Greek
language alone (as opposed to, say, the art and architecture, culture, history,
and so on) is historically important, while "the root" (as opposed
perhaps to "a root") seems excessive, and Greek is more or less (if
at all) significant to "civilization" depending on which specific
historical or modern variety of thereof one considers.
That is to say, if overstated
arguments are not helpful to the cause of teaching classical subjects, nor, it
seems to me, is silly and avoidable hyperbole."
- Jacob Burckhardt, Werke. Kritische Gesamtausgabe.
Band 21: Griechische Culturgeschichte, Band III: Die Kunst. Die Poesie. Zur
Philosophie und Wissenschaft. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Leonhard
Burckhardt, Fritz Graf und Barbara von Reibnitz. München/Basel 2002, 329f.
- Hans Diller, Das geistige Wagnis der Griechen
(1965), in: ders., Kleine Schriften zur antiken Literatur, hgg. von H.-J.
Newiger und H. Seyffert, München 1971, 609-617, Zitat: 617.
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