So selbstverständlich wie Dosenbier: die Wikipedia und das Altertum
26. Mai 2011, 17:21
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Die Wikipedia ist längst Teil unserer Lebenswelt. Ob das gut oder schlecht sei, diese Frage zu stellen ist ungefähr so sinnvoll wie eine Debatte über die Wünschbarkeit von Luxus-SUVs, Dosenbier und iPhones. In Anfängerveranstaltungen versucht man Studierenden die Unterschiede zu erklären. Ich habe dazu ein Merkblatt Nachschlagewerke verfaßt, in dem es heißt:
„Die Wikipedia zu benutzen ist inzwischen im Studium gängige Praxis; auch Lehrende tun das. Es gibt Qualitätsvergleiche zu einzelnen Fachgebieten, in denen die Wikipedia gegenüber dem Brockhaus nicht schlecht abschneidet. Dennoch existieren Probleme, die gerade im Rahmen eines wissenschaftlichen Studiums sehr gewichtig sind:
1. Die Einzelartikel stellen stets ein work in progress dar, und es gibt keine Kontrolle durch einen fachlich ausgewiesenen Herausgeber oder Fachgebietsbetreuer.
2. Die Nachweispraxis ist besonders in der deutschen Wikipedia oft lax, so dass die einem Artikel zugrunde liegenden Quellen meistens nicht zu erkennen sind. Die Literaturhinweise sind generell dürftig und führen meist nicht zu den grundlegenden wissenschaftlichen Publikationen. (Etwas besser: die englischsprachige Version; vgl. auch: Wiki Classical Dictionary).
Die Wikipedia bietet gewiss zahlreiche zutreffende Informationen und diskutable Deutungen. Doch diese sind nicht zuzuordnen, werden von keiner namentlich kenntlich gemachten und als fachlich ausgewiesen bestätigten Person verantwortet. Wissenschaftliche Arbeit bedeutet - entgegen verbreiteten Ansichten - aber nicht, zutreffende Informationen und plausible Deutungen zu finden und zusammenzufügen, sondern ist geprägt von einem nie stille stehenden Diskussionsprozess zwischen Individuen mit zuschreibbaren Argumenten und der Fundierung durch Quellen und Literaturangaben."
Indes, die Qualitätsfrage ist beinahe ein Nebenkriegsschauplatz. Viel wichtiger ist der Kulturwandel, den die wikipedia mit sich gebracht hat. Schlimm sind nicht einzelne schwache Artikel - zumal es auch viele sehr gute gibt -, schlimm ist, daß Studierende offenbar immer öfter Texte oder Textpassagen ohne Kennzeichnung in ihre Ausarbeitungen übernehmen; das beginnt im Essay für einen Grundkurs und endet bei Studienabschlußarbeiten. Und sehr oft ist die Quelle wikipedia. Es ist die leichte Verfügbarkeit durch copy und paste, die dazu verführt, sich nicht mehr die Mühe zu machen, Daten, Fakten und Zusammenhänge zu recherchieren und dann - darauf kommt es an - die Präsentation dem eigenen Erkenntnisziel unterzuordnen. Studierenden muß mit einigem Aufwand erklärt werden, warum eine in fast allen Bereichen des Alltags gebräuchliche Praxis tabu sein muß, wenn es darum geht, durch das Studium einen eigenen geistigen Habitus, eine intellektuelle Persönlichkeit auszubilden. Das Erstaunen bei den Adressaten ist kein Wunder, wenn bereits von Sechstkläßlern erwartet wird, elaborierte Referate mit PowerPoint-Präsentationen zu halten, obwohl ihnen dafür die Voraussetzungen fehlen und es auch gar nicht nötig ist. Hier wird wikipedia zur früh verabreichten kostenlosen Droge, wird Wissen (um von Bildung zu schweigen) auf Informationen reduziert.
Von diesem Kardinalproblem einmal abgesehen, haben Altertumsforscher schon früh die Chancen digitaler Ressourcen erkannt und genutzt. Von der Gnomon-Datenbank war hier schon die Rede. Nun zieht am 10./11. Juni eine Tagung in Göttingen Bilanz, mit nicht weniger als 26 Vorträgen und dem Anspruch, weit über die pragmatisch-technischen Fragen nach einer zweckmäßigen Gestaltung von Auskunftsmitteln hinauszugehen: Wikipedia trifft Altertum. Freies Wissen, Neue Medien, populäre Wissensvermittlung und Enzyklopädien in den Altertumswissenschaften. Vorgesehen sind Bestandsaufnahmen (Altphilologie bzw. Klassische Archäologie bzw. Ägyptologie in der Wikipedia), Beispiele für Modernisierungen von Uraltem („Das Rheinische Museum im Internet: Alte Gelehrtentradition und moderne Technologie"; „Abgestaubt und eingescannt: Papyrologie goes Internet"), grundsätzliche Reflexionen („Herakles am Scheideweg. Überlegungen zur Strukturierung von enzyklopädischem Wissen über das Altertum in Wikipedia"; „‘Wikipedia' und ‘historische Bildung'"), Informationen („Die Datenbank bio-bibliographischer Artikel klassischer Philologen"), Leistungsvergleiche („Wikipedia versus Buchlexikon am Beispiel des Sachgebietes ‘Antike Architektur'") und Konfrontationen („Demokratische Wissenschaft oder Pöbelherrschaft? Die Alte Geschichte und die Wikipedia").
Ein Besuch in Göttingen lohnt immer, an dem genannten Wochenende aber vielleicht besonders.
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