Trojaner, zu Unrecht gescholten
02. November 2011, 09:40
Uhr
Nicht überraschend kommt in der Debatte um die sog.
Bundestrojaner immer wieder einmal, am Rande, der mythologische Hintergrund zur
Sprache. Ein prominenter Archäologe empörte sich neulich gesprächsweise: Obwohl
doch im Mythos die Griechen die Angreifer waren, würden in diesem Ausdruck die
armen Trojaner zu den Bösen; das entspreche dem orientalistischen Reflex des
Westens, alle Übel aus dem Osten kommen zu lassen - ein Skandal.
Etwas weniger heftig in die Tasten griff in der WELT
kürzlich Michael Stürmer in einem locker-belehrenden Artikel, Überschrift:
„Nicht die Trojaner, die Griechen sind die Täter. Seit der Entdeckung des
Bundestrojaners gelten sie wieder einmal (!) als Inbegriff für Spionage und
unberechtigtes Eindringen." Doch selbst Stürmer, einst ein bekannter
Neuzeithistoriker, der in Marburg u.a. bei Karl Christ studiert hatte und nach
eigenem Bekunden auch aus der Alten Geschichte Angebote hatte, nennt die
Nomenklatur, Computer-Eindringlinge als Trojaner zu bezeichnen, „wo doch die
Griechen sich der massenmörderischen Kriegslist bedienten", nicht weniger als
„intellektuell falsch und historisch (!) ungerecht". Und der Autor - der
offenbar den Trojanischen Krieg in der homerischen Version für ein
geschichtliches Ereignis hält - hat auch gleich eine patente Erklärung für den
Fehler zur Hand: Zu vermuten sei, daß ein Computer-Nerd „sich der frühen
College-Unterweisung in ‘Western Civ' - Westliche Zivilisation - erinnerte und
die Geschehnisse durcheinanderbrachte". Da kennt einer das amerikanische
Grundstudiumscurriculum!
Die richtige Erklärung dürfte viel einfacher sein. Im
Englischen heißt das Trojanische Pferd, die Ur-Metapher für unbemerktes,
fatales Eindringen, „Trojan horse". Das ist für Kommunikationsgewohnheiten von
Computerbegeisterten zu lang. Eine Abkürzung macht phonetisch nichts her. Also
kappt man das Pferd, weil ohnehin jeder die Geschichte kennt (und sie richtig
verstanden hat). „Trojan" für sich ist aber auch ein Substantiv, zumal in der
Großschreibung als Name. In der deutschen Übersetzung dann eben (fälschlicherweise) der „Trojaner".
Die Kommentare zum Artikel des ehemaligen Gelehrten stellen das treffend klar.
Fazit: Sprache ist ein quecksilbrig Ding, zumal in den
Räumen der Neuen Technologien. Kassandra und westlicher Orienthaß können im
Schrank bleiben.
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