Antikes auf dem Gabentisch. Buchtips zum Verschenken und Selberlesen
12. Dezember 2011, 09:45
Uhr
Unter den Buchempfehlungen der Feuilletonredakteure
verschiedener Blätter waren dieses Jahr sehr wenige Bücher zur Antike. Hier
eine kleine Ergänzung - ohne Bücher, die an dieser Stelle schon in der einen
oder anderen Form vorgestellt wurden.
Kompakter Überblick für Einsteiger
Eine
moderne, schlechthin allumfassende und damit nichtssagende Definition von
Kulturgeschichte zitiert Klaus Bringmann einleitend nur zur Abschreckung (Kleine
Kulturgeschichte der Antike. 272 S., 45 Abb., 11 Karten, C.H. Beck, München
2011, kart., € 14,95). Der beneidenswert belesene Frankfurter Emeritus greift
lieber auf antike Kulturentstehungslehren zurück und beruft sich auf Lukrez, De
rerum natura 5,1448-57: „Schiffe und Bestellung der Felder, Mauern,
Gesetze, / Waffen, Straßen, Bekleidung, das übrige, was dieser Art ist, / die
segensreichen Folgen, auch die Wonnen des Lebens alle von Grund auf: / Lieder,
Gemälde und kunstvolle, wohlgeglättete Standbilder / hat die Gewöhnung und
zugleich die Erfahrung des rastlosen Geistes / die Menschen allmählich gelehrt,
indem sie Schritt für Schritt vorangingen. / So bringt die Zeit allmählich ein
jedes zum Vorschein. / Und der Geist stellt es in die Gefilde des Lichts; / Denn
sie sahen im Inneren, dass eins aus dem anderen sich erhellte, / bis es durch
kunstvolles Können den höchsten Punkt der Vollendung erreichte."
Intuitiv
in die antike Kollektivseele zu schauen und der Pointe den Vorzug gegenüber den
Tatsachen zu geben ist Bringmann Sache nicht. Mit Egon Friedell mag er nichts
zu tun haben; seine Leitlinien sind klar: materielle und gesellschaftliche
Voraussetzungen, überlieferte Phänomene, chronologischer Zusammenhang,
Entwicklung ohne Teleologie. Übernommen wird Burckhardts Potenzenlehre in
differenzierter Form - Kultur eingebettet in die anderen großen „sittlichen
Mächte" (wie Droysen sie faßte): Wirtschaft, Gesellschaft, Religion und Staat.
Die Darstellung folgt den Großepochen von Homer bis Justinian; Abbildungen und
vor allem viele eingestreute Quellenzitate sorgen für Abwechselung. Nicht nur
die Resultate der kulturellen Dynamik werden beschrieben, Bringmann skizziert
auch die Voraussetzungen prägnant, etwa die reziproke Großzügigkeit der Reichen
und Mächtigen (Euergetismus). Dem Hellenismus und dem Judentum gilt des Autors
besonderes Interesse; die insgesamt sehr ausgewogene und disziplinierte
Darstellung verrät jahrzehntelange Lehrerfahrung. Diese immunisiert auch gegen
die Gefahr, den jeweils letzten Modetrend aufzuschäumen. Beinahe provozierend
führt Bringmann im Ausblick Ranke an, der als universelles und übernationales
Erbe an das nachantike Europa vier „Produktionen der römischen Kaiserzeit"
ansprach: die antike Literatur, das römische Recht, das Kaisertum und das
Christentum.
Orientierung für Fortgeschrittene
Auch Karl-Wilhelm Welwei neigt nicht dazu, seinen Gegenstand
zwischen Vexierspiegel zu stellen. Seine Griechische Geschichte. Von den
Anfängen bis zum Beginn des Hellenismus (587 S., 34 Abb. auf Tafeln, 22
Karten, Verlag Schöningh, Paderborn, geb., € 49,90) beginnt mit Problemen der
Ethnogenese und mündet in eine knappe Skizze von Aspekten der griechischen
Kultur. Im Zentrum stehen die Prozesse der politischen Selbstorganisation und
Institutionalisierung sowie die Konfrontationen zwischen den Gemeinwesen.
Probleme tastend zu umkreisen ist Welweis Sache nicht, und man kann auch
dieses, zu Beginn des neunten Lebensjahrzehnt geschriebene Buch nach Denkstil
und Duktus als Gegenentwurf zu Christian Meier verstehen. Wer nur die knapp
drei dem Prozeß gegen Sokrates gewidmeten Seiten (325-27) liest, merkt sofort,
wie kenntnisreich, abwägend und daher treffend der Autor dieses so oft und
leicht skandalisierte Ereignis durchleuchtet. Die Geschichte der antiken
Hellenen entbehrt eines politischen und gedanklichen Zentrums, wie es Rom für
den anderen Teil der Epoche bildet. Hier ohne Verfremdung oder Idealisierung
Sinn zu bilden stellt eine Leistung dar, wie sie nur Wenigen gelingt. Welweis
Prosa ist schnörkellos und dicht an Informationen, zugleich beinahe erholsam,
weil die griechische Geschichte gleichsam in ihrer sachlichen Immanenz
vorgestellt wird - alle Probleme liegen auf einer mittleren Ebene, der
Gesamtrahmen wird stillschweigend vorausgesetzt, die politische Geschichte
steht wie selbstverständlich im Zentrum.
Für Abenteuerlustige im Kopf
Robin Lane Fox, Reisende Helden. Die Anfänge der
griechischen Kultur im homerischen Zeitalter. Stuttgart (Klett-Cotta) 2011
... und zu Fuß
Arnold Esch, Zwischen Antike und Mittelalter. Der Verfall
des römischen Straßensystems in Mittelitalien und die Via Amerina. Mit
Hinweisen zur Begehung im Gelände. München (C.H. Beck) 2011
Für Augenmenschen
Bevor das Pergamonmuseum für eine längere Renovierung
geschlossen wird, ist sie noch bis nächsten Herbst zu sehen: die spektakuläre
Ausstellung „Pergamon. Panorama der antiken Metropole". In das von Yadegar
Asisi gestaltete Panorama muß man sich vom Aussichtsturm in der Mitte
hineinziehen lassen; keine Schilderung kann das Meisterwerk auch nur annähernd
angemessen beschreiben. Mit Recht wurde der Zeitschnitt nicht im Hellenismus
gesetzt, der Zeit des Großen Altars, sondern in der Zeit Hadrians, als Stadt
und Provinz ihre beste Zeit hatten. Doch die Bauten aus der römischen Phase -
Stadion, Theater und Amphitheater - spielen im Panorama nur eine Nebenrolle,
liegen im Mittelgrund und dominieren daher die Szenerie nicht.
Anders als das Panorama kann man die Ausstellung mit nach
Hause nehmen. Das vorzügliche Begleitbuch zur Ausstellung (Pergamon.
Panorama der antiken Metropole. Für die Antikensammlung der Staatlichen
Museen zu Berlin hgg. von Ralf Grüßinger, Volker Kästner und Andreas Scholl.
592 S., zahlr. z.T. ganzseitige farbige u. s/w Abb., Großformat, Michael Imhof
Verlag, Petersberg 2011, in der Ausstellung € 29,95) bietet nicht weniger als
65 reich illustrierte Essays zu allen erdenklichen Themen von der Geschichte
Pergamons über die streckenweise geradezu dramatische Entdeckungs- und
Grabungsgeschichte, Topographie und Architektur, Herrscher und Hof, Kulte und
Heiligtümer sowie Pergamon als Polis bis hin zu Skulptur und Handwerk und der
Rezeptionsgeschichte. Dort erfährt man u.a., daß es schon 1886 ein
Pergamon-Panorama - genauer: ein Halbpanorama - gab, das zahlreiche Besucher
begeisterte, aber leider nicht konserviert wurde.
Der ebenfalls mustergültige Katalogteil des Bandes
verdeutlicht, warum eigentlich nur in Berlin eine solche Ausstellung ‘gestemmt'
werden kann: Viele der Exponate stammen aus eigenen Beständen, und die
wissenschaftliche Kompetenz in den Museen und der Berliner Archäologie
insgesamt sorgt für sachkundige Texte. Ob es die Bundeskanzlerin schon einmal
in die Schau verschlagen hat? Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht:
Von ihrer Wohnung am Kupfergraben blickt sie genau auf die Panoramarotunde und
das Pergamonmuseum.
Für intellektuell Neugierige
Was
geschieht, wenn in einem politischen System ohne geschriebene Verfassung und
Verfassungsgericht Normen im Widerspruch zueinander stehen? Die römische
Republik war so ein System. Unter verschiedenen Paradigmen - Staatsrecht,
Gesellschaftsordnung, konsensorientierte politische Kultur - hat man dessen
Stabilität zu erklären gesucht; dem stand die eruptive und schrittweise
eskalierende Gewaltausübung gegenüber. Dass die institutionelle Ordnung mit
ihren vielen Widersprüchen Regelkonflikte und Blockaden des gesamten Betriebs
nicht verhindern konnte, weiß man seit langem. Die sozialgeschichtlich
ausgerichtete Forschung (M. Gelzer, F. Münzer, J. Bleicken u.a.) sah die
republikanische Verfassung als Mechanismus, der nur funktionieren konnte, weil
(und solange) die gesellschaftliche Grundlage bestand: die römische Nobilität
und ihr Konsens über Ziele, Normen, Hierarchien und Verhaltensweisen. Die
jüngeren Forschungen zur politischen Kultur (M. Jehne, K.-J. Hölkeskamp, E.
Flaig u.a.) haben aufgezeigt, daß dieser Konsens sowie der Gehorsam des Volkes
gegenüber der Elite nicht selbstverständlich und prästabil waren, sondern immer
wieder durch performative Akte und Praktiken gemeinschaftlichen Handelns und
Sehens (Versammlungen, Prozessionen, joviale oder autoritäre Kommunikation,
Gesten, Sprechakte, exempla, Konstruktion eines mos maiorum u.a.)
generiert und gefestigt werden mußten.
Christoph
Lundgreen zeigt nun in seiner Dresdner althistorischen Dissertation (Regelkonflikte
in der römischen Republik. Geltung und Gewichtung von Normen in politischen
Entscheidungsprozessen. Historia Einzelschriften, 221. 375 S., geb. € 68,00, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2011), wie mit Konfliktfällen umgegangen
wurde; die untersuchten Felder sind Wahlen, Provinzvergabe, Sakralrecht und
Triumphbewilligung. Im Mittelpunkt steht die Gegenüberstellung von festen
Regeln und weichen Prinzipien, deren Zusammenspiel ein Schlüssel für die
Rekonstruktion römischer Normen ist. Im Sinne eines modernen Strukturbegriffs,
wonach Strukturen nicht als fixiertes Gerüst von Normen gefaßt werden dürfen,
vielmehr das Produkt von Routinen, Setzungen und Aushandlungen darstellen,
konzentriert er sich auf die fluiden Grenzfälle der politischen Ordnung.
Generell ist anerkannt, daß die flexible Handhabung der Regeln und Normen ein
wesentliches Instrument der herrschenden Aristokratie war, situative
Erfordernisse - etwa in Krisensituationen wie dem Hannibalkrieg bewährte Männer
in Kommandopositionen zu bringen - und grundsätzliche Voraussetzungen zur
Sicherung des Zusammenhaltes in einer zugleich prinzipiell egalitären und
hochgradig auf Wettbewerb ausgerichteten aristokratischen Elite, v.a. eine
breite Streuung von Chancen und halbwegs gesicherte Erwartungen, in ein
produktives Verhältnis zu bringen.
Lundgreen
verläßt nun endgültig das ganzheitliche Modell eines hierarchisierten und damit
zumindest theoretisch konsistenten Normengefüges zugunsten einer
systemtheoretisch inspirierten Annahme verschiedener „Geltungssphären", die
indes nicht von grundsätzlich verschiedenen Akteuren bespielt wurden und daher
nicht gänzlich voneinander getrennt werden konnten. Er unterscheidet Regeln,
Normen und Prinzipien und zeigt, daß Konflikte besonders zwischen verschiedenen
Geltungssphären entstehen konnten und dann fast immer ad hoc als
Einzelfrage gelöst wurden, meistens vom Senat, der u.a. dadurch seine herausragende
Rolle in der res publica begründen konnte. So war es etwa im Falle der
Bekleidung eines Amtes über mehr als ein Jahr (Iteration) möglich,
Regelverstöße dadurch zu entschärfen, daß sie gar nicht thematisiert wurden und
daher konflikt- und geräuschlos abliefen. Auf anderen Feldern war ‘der
Normalfall' lediglich Prinzip ohne große oder gar zwingende Verbindlichkeit,
von dem abgewichen werden konnte, ohne daß die Grundnorm destabilisiert worden
wäre. „Die Fragen bleiben bewusst offen, sind nicht durch Tradition fixiert und
damit je nach Sichtweise unklar und unsicher oder aber flexibel zu handhaben.
Rechte und Möglichkeiten mussten immer wieder ausdiskutiert werden."
Überraschend gering ausgeprägt war die
Neigung zur Sanktion. Daß Kontroversen über Regelgeltung/-verstoß/-suspendierung
etc. „in einem von verschiedenen Prinzipien konstituierten Rahmen ablaufen und
am Ende keine rein willkürliche, arbiträre und nur persönliche Entscheidung"
darstellten, war eine wesentliche Voraussetzung für die stabile Akzeptanz eines
flexiblen Comments innerhalb der Aristokratie, deren Mitglieder nicht fürchten
mußten, daß Erwartungen beständig und v.a. ohne ihr Zutun düpiert werden.
Als
ein wichtiges Ergebnis hält Lundgreen fest, dass die meisten Konflikte innerhalb
der untersuchten Felder nicht durch den Verweis auf eine höhere Norm, sondern
durch eine Abwägung zwischen verschiedenen Normen entschieden wurden. Regeln
wurde nicht blind gefolgt, sondern man hielt an der Option fest, zu beraten und
zu entscheiden. Das Verhältnis verschiedener Geltungssphären von Normen stellte
sich unscharf und fließend dar, mit dem Potential zu Patt-Situationen, heraus.
Um die stets mögliche Lahmlegung zu verhindern, bedurfte es einer homogenen
Führungsschicht und überzeugender Argumente im Einzelfall.
Lundgreen beansprucht nicht, eine neue Erklärung
für die Zerstörung der republikanischen Ordnung gefunden zu haben. Aber einen
Baustein: Die Analyse der Regelkonflikte biete „das Bild einer Gruppe von
Entscheidungsträgern, deren Konflikte nicht mehr flexibel gelöst, sondern eher
ge- und verregelt werden, deren Disposition zum Nachgeben geringer wird und
deren inhärente Verhinderungsmechanismen sowohl für Blockaden sorgen als auch
(z.T. gewaltsam) übergangen werden. Dass Normverhärtung als Reaktion auf
Regelkonflikte nicht nur eine Lösung war, sondern Teil des Problem wurde,
dürfte deutlich geworden sein."

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