Alte Sprachen unter weltumspannenden Denkmalschutz?
19. Dezember 2011, 07:10
Uhr
Die von der UNESCO geführte Liste der Güter des Welterbes
wird jeden Dezember länger. Lokale Interessen und Initiativen versprechen sich
einen Zugewinn an Prestige, mit dem man für den Tourismus werben kann.
Unterschieden werden Natur- und Kulturerbe. Die jeweils politisch
Verantwortlichen sind zur Erhaltung verpflichtet; ein Eingriff wie die Querung
des Elbtals bei Dresden durch die Waldschlößchenbrücke kann zum Verlust des
Prädikats führen (was viele Dresdner nicht viel schert). Bisweilen gibt die
UNESCO auch Mittel zur Erhaltung frei.
Selbstverständlich sind auch zahlreiche antike Überreste
Teile des Welterbes, so in Afrika alle wichtigen Orte und Ruinen des
pharaonischen Ägypten, aber auch die Reste Karthagos, Hatra im Irak, ferner
Tyros, Baalbek und Petra. In Griechenland gehören neben der Athener Akropolis
auch die Heiligen Bezirke in Delphi und Olympia dazu, in Italien Herculaneum,
Pompeji und die Villa Hadriana in Tivoli, in England der Hadrianswall. Bei uns der Limes.
Gibt es bald ein neues Feld? Eine Initiative akademischer
Organisationen aus mehreren europäischen Ländern sammelt Unterschriften für die
Idee, Latein und Griechisch zum Welterbe zu erklären. Wer die einschlägigen
bildungs- und kulturpolitischen Debatten ein wenig kennt, ist mit den
Argumenten vertraut. Dazu gehört selbstverständlich auch die Klage über die
Ökonomisierung des Denkens und die damit verbundene Herkunftsvergessenheit. Auf
Latein klingt das wunderbar; hier ein Ausschnitt:
Periculum
igitur est ne, hac recentiore aetate, qua saepe homines nonnisi effrenata lucri
cupiditate impelluntur aurique sacra fame tantum excitantur, iuniores hoc
inaestimabili patrimonio orbentur, quippe quod neque honore alatur, neque
usquam vulgo tradatur colaturque, neque, nisi ab exigua hominum manu peculiarem
quandam provinciam singulariter tractantium, quanti sit percipiatur.
„Es besteht die Gefahr, daß in unserer Zeit, in der Menschen
oft von nichts anderem als von entfesselter Gier nach Gewinn angetrieben werden
und sich nur ‘vom verfluchten Hunger nach Gold' (sehr hübsch: ein früher geflügeltes Wort aus Vergil, Aeneis
3,57) in Erregung versetzen lassen, die jungen Leute dieses
unschätzbaren Erbes beraubt werden, weil dieses nicht mehr in Ehren steht,
nirgendwo mehr breit weitergetragen und gepflegt wird, und auch nicht mehr
wahrgenommen wird, wie wertvoll es ist - abgesehen von einer kleinen Schar von
Menschen, die bestimmte Spezialdisziplinen pflegen, und das auch noch
isoliert."
Der deutsche Text beginnt ebenso markant wie merkwürdig: „Menschliche Kultur im Westen
ebenso wie im Osten hat oftmals das Bedürfnis nach Sprachen verspürt, die
geeignet sind, nicht nur geographische Grenzen zu überwinden, sondern auch das
Diktat der Zeit." Wie kann „menschliche Kultur", die doch kein selbst denkender
Akteur ist, sondern eine Summe von sinnvermittelnden Diskursen und Praktiken,
Zuschreibungen und Selbstzuschreibungen, ein Bedürfnis verspüren, und dann auch
noch nach einer ganzen Sprache? In der altgriechischen Übersetzung sind es,
sehr viel konkreter, „alle weisen und gebildeten Menschen" (pantes hoi
sophoi kai pepaideumenoi anthropoi), in der lateinischen - analog - die homines
ubicumque cultum humanitatemque invenerunt et coluerunt. Die cultura
stammt aus dem italienischen Original des Aufrufs; das in die anderen modernen
Sprache zu übernehmen war offenbar nicht schwer. Erst die Übertragung in eine
antike Sprache offenbart die hinter der Abstraktion verborgene Hohlheit des
Satzes. (Früher gab es unter Philosophen die Ansicht, ein Satz, den man nicht
ins Griechische oder Lateinische übersetzen könne, sei als sinnlos entlarvt.)
Auch die nächste Behauptung erschließt sich nicht leicht:
„Solche Sprachen ermöglichen eine Begegnung des Wissens und der Erfahrung
verschiedener Epochen, indem sie diese in eine unveränderliche Form bringen."
Hier ist vergessen, wie viele Veränderungen das Wissen und die Erfahrung der
Antike im Laufe des Überlieferungsprozesses erfahren haben, nicht nur durch die
schlichten Überlieferungsverluste, die weit mehr als 95% der am Ende der Antike
vorhandenen Texte verzehrt haben, sondern auch durch die vielfältigen
Übersetzungs- und Interpretationsvorgänge im Laufe der Rezeption. Den
‘originalen Sinn' der antiken Texte überhaupt nur erkennen und sichern zu wollen
ist ein vergleichsweise spätes Bestreben - und Produkt eher einer Entfremdung
denn einer Annäherung. Generell irritiert in der deutschen Fassung eine
Semantik der Fixierung: Da ist von der „unveränderlichen Gestalt der Liturgie"
die Rede, zu der die lateinische Sprache einen wesentlichen Beitrag geleistet
habe. Lateinische Sprache und römisches Recht werden beschrieben als „Zement,
der das bunte Mosaik der Völker kulturell vereinheitlichte, die seither Teil
dieser Tradition sind". Eine ziemlich gruselige Metapher, und davon abgesehen
auch nicht richtig. Zwar hat das Studium der iustinianischen Redaktion des
römischen Privatrechts seit dem Mittelalter Sprache und Denkhabitus von
Juristen in ganz Europa wesentlich geformt, aber von einer kulturellen
Vereinigung kann selbst auf dem Gebiet der Rechtspraxis nicht die Rede sein,
sieht man sich die sehr verschiedenen Rezeptionen und Rechtsverfahren in
Ländern wie England, Frankreich und Deutschland an. Später wird dem Latein die
Fähigkeit zugesprochen, „sich von Zeit zu Zeit selbst zu erneuern und sich an
die verschiedenen Erfordernisse der Welt anzupassen". Das ist nicht falsch,
paßt aber nicht recht zu der zuvor eingeschlagenen Linie.
Geschickt zählt der Appell zunächst einige inaktive
Sprachen außerhalb von Europa auf - Sanskrit, klassisches Arabisch,
mittelalterliches Persisch, Altchinesisch - „all diese Sprachen und die
Zivilisationen, für die sie stehen, sind ein großartiges und bedeutendes Erbe,
das es zu schützen und zu verteidigen gilt". Europa ist also Teil eines
globalen Reigens und aufgefordert, sein eigenes Erbe nicht zu vergessen.
Die Argumente, warum Griechisch als die Sprache, „in welcher der intellektuelle
Wortschatz Europas geformt wurde", und Latein „mit seiner Erhabenheit und
Konkretheit" wichtig sind, sind, wie gesagt, die bekannten. Wer schon der
Ansicht ist, daß der Mensch ohne ein langes kulturelles Gedächtnis existieren,
aber nicht gattungsgemäß leben kann, wird sie überzeugend finden. Wer hingegen
meint, die Moderne, Postmoderne und Hypermoderne habe mit den knapp drei
Jahrtausenden zuvor eigentlich nichts mehr gemein und der heute lebende Mensch
bedürfe daher allenfalls gelegentlich eines oberflächlichen Blicks auf eine
musealisierte oder inszenierte Vergangenheit, um das Gefühl der Unbehaustheit
zu unterdrücken, wird es wichtiger finden, den iuniores Funktionswissen
für die drei einzig wichtigen Tätigkeiten zu vermitteln: für Arbeit, Konsum und
ständige Pseudo-Kommunikation. Befähigung zur Selbstsorge reduziert sich dann
auf gesunde Ernährung und das Überziehen eines Kondoms, historische
Orientierung auf die Konditionierung gegen ‘rechts'. Verfechter dieser Sicht
dürften übrigens gar nichts einzuwenden haben gegen die Ahnengalerie: „Thomas
von Aquin, Giordano Bruno und Erasmus von Rotterdam, Thomas More und Galileo,
Descartes und Leibniz, Newton und Gauß - alle drückten sich lateinisch aus und
stimmten ein in einen Chor Tausender von Stimmen: denen von Wissenschaftlern,
Schriftstellern, Rechtsgelehrten, Philosophen, Mathematikern und Humanisten,
die zusammen Europa geschaffen haben." Aber das kann man auch gut einer
Handvoll Spezialisten überlassen.
Die Initiative hingegen
zielt auf nicht weniger als ein rollback: „Die neuen, berufsbezogenen
Anforderungen sind dabei, den Latein- und Griechischunterricht an den Schulen
in ganz Europa nach und zu verdrängen. Die künftige Bildungselite unseres
Kontinents riskiert daher, die Vergangenheit, in der die Wurzeln unserer
Zivilisation und unserer Gedankenwelt liegen, fast vollständig außer Acht zu
lassen. Man kann sich nicht mit einer durch Übersetzungen und modernisierte
Zusammenfassungen erworbenen flüchtigen und oberflächlichen Kenntnis
zufriedengeben, und auch der Umstand, dass die Sprachen Latein und Griechisch
an den Hochschulen zwar gelehrt werden, um zukünftige Altertumswissenschaftler
auszubilden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nicht mehr die
allgemeinbildende Aufgabe haben, es dem gebildeten Menschen zu ermöglichen,
sich auf die Wurzeln seiner Vergangenheit zu berufen, sondern einzig und allein
dazu dienen, einen Arbeitsplatz zu bieten und einen Beruf auszuüben."
Ein Appell kann die
Wirklichkeit ignorieren, denn er dringt auf Veränderung. So sehr die unsichtbar
gewordenen Fäden zu betonen, an denen wir in Gestalt der Alten Sprachen am
Früheren hängen, ist aber vielleicht keine so kluge Strategie, denn wer will schon
an Fäden hängen? Latein und Griechisch zu lernen ist vielmehr unzeitgemäß,
individuell, a-modisch, ein Pochen auf Freiheit, ein Aufstand gegen allfällige
Forderung, die Ausbildung noch praxistauglicher zu machen.
Wie man ein Naturdenkmal schützt, ist klar: indem man
keine Autobahn hindurchführt. Auch beim Kulturdenkmal liegen die Maßnahmen
meist auf der Hand. Wie sehr das oftmals bloße Forderung bleibt, löst im Fall
von Pompeji jährlich wiederkehrende Klagen im Feuilleton aus. Aber wie schützt
man zwei inaktive Sprachen, deren Aggregatzustand höchst komplexer Natur ist?
Auch hier halten sich die Überraschungen - verständlicherweise
- in Grenzen. Die UNESCO wird ermahnt, „die europäischen Regierungen dazu
aufzurufen, sich in der Bildungspolitik für den Schutz des Latein- und
Griechischunterrichtes einzusetzen als des wichtigsten Ausdrucks der kulturellen
Identität Europas". Ohne den Superlativ wäre der Appell noch schwächer, aber er
öffnet auch Flanken. Könnte man nicht genauso gut mehr Unterweisung in der
Philosophie Kants fordern (der seine wichtigsten Schriften in Deutsch schrieb),
oder - ganz aktuell - ein Studium von Karl Marx? Man sieht: Schon eine so wenig
konkrete Forderung hat ihre Tücken.
Besser also die rein
symbolische Tat: Die Regierungen sollten sich dafür einsetzen, „dass Latein und
Griechisch zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt werden, da diese Sprachen
nicht nur von europäischer Bedeutung sind, sondern auch außerhalb von Europa
als vereinigendes Element der westlichen Welt und als unschätzbares Erbe
wirken, das uns von einer über zweitausendsiebenhundert Jahre währenden
Kulturgeschichte anvertraut worden ist". Doch auch diese Forderung hat ihren
Haken, für den die Initiatoren jedoch nichts können - er liegt im Wesen des
Konzepts „Welterbe", das im Grunde gedankenlos globalisiert, was gar nicht
globalisiert werden kann und muß. Es gibt zwar kein isoliertes Klima in Bayern,
und Regulierungsmaßnahmen für die Finanzmärkte allein durch die deutsche
Regierung versprechen wenig Erfolg. Klima und in Millisekunden um die Welt
geschossenes virtuelles Geld sind globale Phänomene. Aber alle Stätten von
Weltkultur- und -naturerbe haben zunächst einmal gar keine globale Bedeutung,
weil Bedeutung immer etwas ist, was von bestimmten Personen oder Gruppen
zugeschrieben wird. Danach muß man sehen, ob es funktioniert. Die UNESCO kann
gewisse Voraussetzungen und Anreize setzen, aber ob der Grand Canyon oder die
heilige Stadt Anuradhapura in Sri Lanka für mich
Bedeutung haben oder nicht, ist meine ganz individuelle Entscheidung. Gemeinsam
sind dem Klima, dem Finanzsystem und dem Welterbe nur der deklarierte Anspruch,
schützend und steuernd einzugreifen.
Doch
wem soll der Schutz der lateinischen und altgriechischen Sprache übertragen
werden? Auch hierfür hat der Appell einen Vorschlag: Er fordert, „die italienische Regierung zum ‘Garanten der Erhaltung
des Lateinischen und Griechischen' zu ernennen und durch die Pflege dieser Sprachen
sowie der Philosophie dazu beizutragen, der jüngeren Generation eine
weltumspannende humanistische Bildung zu ermöglichen, die sich nicht auf
Ausbildung beschränkt, und Italien zum ‘symbolischen Schatzhaus' und
Begegnungspunkt der lateinischen und griechischen Kultur zu ernennen, damit
sich ein Interesse entwickelt, das alle Bereiche seiner Kultur, von der Schule
bis zur wissenschaftlichen Forschung, vom Theater bis zu den Massenmedien
umfasst". Wüßte man nicht, daß der Aufruf von zwei italienischen Institutionen
ausgeht (dem „Istituto Italiano per gli Studi Filosofici" und der „Accademia
Vivarium novum"), müßte man fragen, was nun gerade die Regierung Italiens dazu
prädestiniert, Sachwalter der beiden Sprachen zu sein. Selbstverständlich ist
die römische Vergangenheit in Italien noch vergleichsweise lebendig, aber
primär als nationale Vergangenheit. An italienischen Universitäten ist ebenso
ein Abbau der Geisteswissenschaften im Gange wie in England oder Deutschland.
Und das Griechische, das übrigens meist an zweiter Stelle genannt wird? „Dank
seiner besonderen geographischen Lage", so heißt es, „konnte die griechische
Kultur in Italien blühende Kolonien und außergewöhnliche philosophische Schulen
entwickeln."
Man kann das ganze
Unternehmen sicher honorig nennen; die Möglichkeiten, via Internet Menschen
ähnlichen Sinnes zu versammeln und für eine Sache einzutreten, müssen ja auch
einmal ein gutes Ziel haben (hier etwa das Lateinerforum). Die Frage, ob der altsprachliche Unterricht nicht
eher ein Qualitäts- als ein Quantitätsproblem hat, mag hier auf dieser Ebene
des Grundsätzlichen auf sich beruhen. Es geht um Aufmerksamkeit, Ressourcen und
Wettbewerb. Aber die Kernfrage bleibt unbeantwortet: Wie stellt man inaktive
Sprachen unter Denkmalschutz? Oder gibt es eine Alternative zum Denkmalschutz?
Italien müßte einen totalen Umbruch erleben, sich neu gründen und der letzten
fünfzehn Jahrhunderte genug schämen, um das Lateinische wieder einzuführen, als
Symbol des Neuanfangs und normative Erinnerung an eine große Zeit. Wie Griechenland
ab 1830 Teile des Altgriechischen und Israel seit 1948 das Hebräische.
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