Vesuvgeschichten in Halle – Blicke auf eine Ausstellung
21. Dezember 2011, 08:39
Uhr
Die entschleunigten Tage ‘zwischen den Jahren' bieten sich
an für Ausstellungsbesuche. Freunde der Antike sind dieser Tage verwöhnt:
Pergamon in Berlin, die frühe Kykladenkultur in Karlsruhe und seit kurzem Pompeji,
Nola, Herculaneum: Katastrophen am Vesuv in Halle a.d. Saale (Landesmuseum
für Vorgeschichte). Ich habe die Schau mit ihren rund 700 Objekten noch nicht
sehen können, aber es bleibt noch reichlich Zeit, bis zum 8. Juni. Gelesen habe
ich zwei Berichte, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Zwei
interessante Stücke auch unter dem Gesichtspunkt Antike in
Qualitätszeitungen.
Berthold Seewald setzt in der WELT unter der Überschrift „Antike Sensation unter Vulkanasche und
Bimsstein" ganz auf die ruhelose Zukunftsgespanntheit, welche die
Klassische Archäologie trotz ihres antiken Gegenstandes zu einer durch und
durch von der Moderne geprägten Wissenschaft macht. Die von den i.J. 79
verschütteten Städten am Vesuv ausgehende Faszination werde von einer Hoffnung genährt: „In der luxuriösen
Villa de Papiri, die seinerzeit auch ein Opfer des Vulkans wurde, könnte sich
eine Bibliothek erhalten haben, in der die Klassiker der lateinischen und
griechischen Literatur überdauert haben. Und je mehr die Entwicklung der
Technik voran schreitet, desto größer der Wunsch, mit neuen Ausgrabungen die
Probe aufs Exempel zu machen."
Neue Texte finden zu wollen ist nun aller
Ehren wert, obwohl die bekannten nie ‘endgültig' erschlossen und verstanden
sein werden und viele von ihnen immer noch aufschließender Kommentarwerke
entbehren. Auch bei den rund 1800 verkohlten und verpreßten Papyrusrollen aus
der Villa di Papiri geht es um eine nachholende Erschließung, wurden sie doch
schon in der 1750er Jahren entdeckt. Die geräumige
Anlage, in der neben den Rollen auch erlesene Kunstwerke gefunden wurden,
gehörte, so nimmt man an, ein gutes Jahrhundert vor dem Ausbruch Lucius
Calpurnius Piso, Konsul 58 v.Chr., Schwiegervater Caesars und Opfer einer bösen
Schmährede Ciceros, die alle Topoi des Genres vereinigt.
Zwei dieser Rollen sind in Halle zu sehen. Die
Hoffnung der Forscher, sie zu entzifferen, liegt jetzt auf neuen mikrofotografischen und multispektralen Verfahren. Was man
bislang identifizieren konnte, gehörte zu einer Spezialsammlung von Schriften
epikureïschen Inhalts. Doch Seewald kennt die Regeln des Spiels: Weitere
Grabungen sind teuer - zumal nebenan, in Pompeji, noch nicht einmal das
Ergrabene gegen Verfall gesichert werden kann -, und öffentliche Aufmerksamkeit
ein knappes Gut. Also wird die Phantasie beflügelt, die jeder Schatzsuche
vorausgeht: „Wenn ein römischer Aristokrat sich aber einer derartige
Büchersammlung leistete, wird er dem Stil der Zeit gemäß auch eine
standesgemäße Bibliothek mit lateinischen und griechischen Klassikern gehabt
haben. Die aber ist noch nicht gefunden worden und wird daher im Schlamm des
Vesuvs vermutet. Darin, so die Hoffnung, könnten sich zahlreiche verschollene
Werke der frühen lateinischen und hellenistischen Literatur befinden. Man
bedenke: Allein von den 40 Bücher umfassenden ‘Historiai' des berühmten
Historikers Polybios (um 200-120) sind gerade einmal fünf Bücher und Auszüge
aus den übrigen erhalten. Der Rest ist verschollen." Seewald läßt den
Zusammenhang nicht im Vagen: „Auch mit der Schau in Halle könnte das Interesse
wachsen, die Gelder für neue Grabungen aufzuwenden." Fairerweise erwähnt er
auch die realistischeren Ziele der Schau, die anschaulich machen wolle, „wie
reiche Römer in ihren Sommerresidenzen in Herculaneum gelebt haben. Und wie
anders das Leben in der benachbarten Landstadt Pompeji war, deren Bewohner sich
weniger der Sommerfrische als der Landwirtschaft hingaben." Doch „Pompeji und
Herculaneum, diese beiden Urzellen der Archäologie, sind also weiterhin für große
Entdeckungen gut." Viel Stoff für die Zukunftswissenschaft also.
Ganz
anders Andreas Kilb in der FAS. Er betont die verstörende Wirkung der Funde auf
einen Betrachter in der Gegenwart. Den Umgang mit Katastrophen und das Wissen
um die Bedrohtheit von Ordnung beschäftigt ganze Sonderforschungsbereiche, und
die Hallenser Schau tut das Ihre, um die Vergangenheit in diesem Sinne zum
Reden zu bringen. Etwa darüber, wie sich Menschen in einem solchen Desaster
verhalten:
„Die
Täter kamen in der Dämmerung. Sie liefen an den Villen vorbei, die schon
geplündert und von den Dieben markiert worden waren - ‘doummos pertousa',
„durchlöchertes Haus", stand an einer von ihnen in fehlerhaftem Latein -, bis
sie zu einem in der Nähe des Theaters gelegenen Häuserblock gelangten, dessen
teils unversehrte Dächer und Außenmauern reiche Beute verhießen. Mit
Spitzhacken schlugen sie sich den Weg aus dem von Säulen gerahmten Peristyl,
dessen Becken und Beete unter Bimssteinbrocken begraben waren, in die Quartiere
des Hausherrn frei.
Ein Kind, das seinen schmalen Körper durch die
kleinsten Öffnungen zwängte, diente ihnen als Späher. An einem Mauerloch,
hinter dem scheinbar die Räume der Sklaven begannen (in Wahrheit war es die
Wohnung des Verwalters, in der bronzene Werkzeuge, Glasvasen und Siegelringe
lagen), machten die heimlichen Besucher kehrt. In einem kleinen Saal daneben
hieben sie mehrere Löcher in die bemalten Wände, um in den angrenzenden
Korridor vorzudringen.
Dann, plötzlich, kam der Tod. Bis heute weiß
niemand genau, woran die drei Gestalten, deren Überreste in den Trümmern der
Villa des Menander im Süden des Grabungsgeländes von Pompeji gefunden wurden,
gestorben sind - an giftigen Gasen, einem unerwarteten Mauersturz, einem
blutigen Streit. Aber fast alles spricht dafür, dass sie nicht beim Untergang
der Stadt am 24./25. August des Jahres 79 (danke dem aufmerksamen Experten, s. den Kommentar) ihr Leben verloren, sondern erst Tage
später. Dass sie zu den Menschen gehörten, die den Ausbruch des Vesuvs
überstanden hatten und nun versuchten, aus der Katastrophe das Beste für sich
selbst herauszuholen."
Die
Vesuvstädte sind für Kilb nicht Exerzierfeld einer unvollendbaren,
naturwissenschaftlich optimierten Wissenschaft, sondern ein anthropologischer
Grenzfall und Quelle nachhaltiger Irritation: „Die Faszination, die seit gut 250 Jahren von den Ruinen von Pompeji und
Herculaneum ausgeht, hat viel mit dem Schnappschuss-Charakter des Infernos zu
tun, das die beiden Städte vernichtete. Hier hatte die Antike keine Zeit,
langsam zu verfallen, christliche und germanische Formen anzunehmen, Tempel in
Kirchen und Theater in Burgen zu verwandeln. Stattdessen wurde sie wie von
einem gigantischen Graphitblitz auf die Fotoplatte der Geschichte gebannt. Die
Läden und Garküchen, die Vasen und Geschirre, die Zimmer mit den Pflanzen- und
Mythenmalereien sehen aus, als wären sie gerade erst verlassen worden, und auf
den Pflastersteinen glaubt man die Eselskarren rumpeln zu hören."
Doch
das ist nur ein Teil des Bildes. Kilb nimmt den Titel der Ausstellung ernst: Es
geht um eine ganze Landschaft, deren Bewohner immer wieder vom Vesuv
heimgesucht wurden. „Die Hallenser
Kuratoren haben das Beste getan, was eine Ausstellung über Pompeji und
Herculaneum außerhalb der Grabungsstätten selbst tun kann: Sie haben ihr Thema
in eine weitere historische Perspektive gestellt. Zu ihr gehört die Chronologie
der Naturkatastrophen in Kampanien ebenso wie die Chronik der Italienreisen des
Rokokofürsten Leopold von Anhalt-Dessau und seines Architekten Erdmannsdorff.
Schon in vorgeschichtlicher Zeit hatte der Vesuv Lava gespuckt, um 1900 vor
Christus fiel ihm die frühbronzezeitliche Siedlung von Nola zum Opfer, und in
der Spätantike trugen die Ausbrüche und Erdbeben des fünften und sechsten
Jahrhunderts zum Niedergang der Region um Neapel bei." Man wird sich, so
ist zu ergänzen, das Leben der Menschen dort sehr genau ansehen müssen, um
vielleicht daraus zu lernen, mit Blick auf die anstehenden Klimakatastrophen
etwa; schon jetzt handeln die seriösen Debatten vom Leben mit ihnen -
was mancherorts auch bedeuten wird: Hier können Menschen künftig ohne hohes
Risiko nicht mehr leben! -, während vielfach noch mit einer faustischen
Könnens-Zuversicht gestritten wird, wie man die Atmosphärenerwärmung begrenzen
kann.
Kilb
hat ferner im Blick, wie Pompeji das europäische Imaginäre immer wieder
beflügelt hat, von der Landschaftsgestaltung bis zu den erotischen Phantasien,
die zwischen antikem und modernem Betrachter so etwas wie einen
augenzwinkernden Pakt begründen:
„Erdmannsdorff und sein fürstlicher Gönner
wiederum brachten aus Pompeji die Idee eines künstlichen Vulkans mit, der
schließlich in Leopolds Wörlitzer Gartenreich Gestalt annahm. Für das
antikisierende Lusthaus, das er in den Sockel des Kulissenbergs einbaute, ließ
sich der Architekt von der Residenz der britischen Lady Hamilton inspirieren,
einer europaweit bekannten Schönheit, die ihre Gemächer mit Kopien von
Tänzerinnenfresken aus der gerade entdeckten „Villa des Cicero" schmückte. Die
fast gleichzeitig freigelegte Marmorfigur jenes Pans, der in unverblümter
Geilheit mit einer rücklings hingestreckten Ziege kopuliert, ruhte derweil
ebenso im Antikendepot des Königs von Neapel und Sizilien wie andere drastische
Erotika aus Pompeji. Noch heute kann man sie im Archäologischen Nationalmuseum
nur nach Anmeldung besichtigen. Bis Anfang Juni treibt es der Pan jetzt in
Halle."
Kuratoren und Pressesprecherinnen müssen von
Sensationsfunden sprechen. Doch selbst wenn das Gezeigte nicht sensationell
sein sollte, kann der Besucher eine Präsentation erwarten, die ihn nicht zum
Gast degradiert, den man zum bloßen Staunen in die Schatzkammer führt. Hier
wurde in den letzten Jahren nach meinem Eindruck viel gesündigt. Kilb ist
begeistert:
„Vorbildlich ist das Licht- und Raumkonzept
der Ausstellung. Mit Punktstrahlern illuminiert, schweben die Exponate in
entspiegelten schwarzen Vitrinen. Die einzelnen Sektionen rings um den weiten
Innenhof des Museums stellen Zusammenhänge her, ohne den Betrachter zu
entmündigen. Nachgebaute Räume, Bildtafeln, Modelle, Projektionen und kostbare
Originale ergänzen einander zwanglos. So und nicht anders muss man die Antike
heute zeigen - und nicht nur sie. Viele deutsche historische Museen könnten
sich von Halle eine Scheibe abschneiden."
Schon um herauszufinden, ob das stimmt, werde ich
möglichst bald nach Sachsen-Anhalt aufbrechen.
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