So viel Antike war selten: aktuelle Medientips
07. Januar 2012, 20:38
Uhr
Während der Blick auf den Geschichtsunterricht (nicht nur zu antiken
Themen) wenig Freunde macht, kann man nicht sagen, Geschichte (nicht nur Alte)
spiele im Aufmerksamkeitshaushalt der Menschen keine Rolle. Im Gegenteil. Oder:
zumindest Medienmacher scheinen vom Gegenteil überzeugt zu sein.
Dieser Tage kam wieder die monatliche Liste mit TV- und Radiotips zur
Antike, verschickt von einem hiesigen Altphilologen. Wer auch nur das
Brauchbare aufnimmt, könnte seinen ganzen Unterricht nur aus der Mediathek
bestreiten (was natürlich schlecht wäre!). In der Tat: seit das gesamte
deutschsprachige Radioprogramm überall in sehr guter Qualität digital zu
empfangen ist, dazu alle Dritten Fernsehprogramme, und seit die öffentlich-rechtlichen
Spartenkanäle und die privaten Sender ihre Programme mit Dokumentationen
auffüllen, ist Schlaraffenland angesagt:
2.-5.1., 3sat, je 45': vier Teile Marmor, Macht und Märtyrer, über
die Stadt Rom
6.1., MDR, 60': Lexi-TV. Troja -
Mythos einer untergegangenen Stadt
6.1., Wiederholung 7.1., Phoenix,
je 50': drei Teile Rom - Die letzte Grenze, über die Römer in Britannien.
7.1., Phoenix, 45':Kleopatras
wahres Gesicht
7.1., ntv, 110': Odyssee - Mythos
oder Wahrheit?
7.1., ntv, 50': Zeus. Herrscher des
Olymps
8.1., N24, 115': Rom - Bauwerke der
Caesaren
8.1., N24, 55': Petra - Stadt im
Fels
8.1., SWR 2, 100': James Joyce:
Ulysses. 1. Telemachos (auch DLF,
10.1.)
13.1., Dradio Kultur, 360': Lange
Nacht. Hippokrates (auch 14.1.)
15.1., N24, 45': Das Kolosseum -
Arena der Gladiatoren
15.1., N24, 45': Die wahre
Geschichte: Gladiator
17.1., Bayern3, 60': Planet Wissen.
Das Jahr und seine Kalender. Mit Jörg Rüpke
17.1., Dradio Kultur, 30': Das
Lächeln der Nofretete. Die ägyptische Königin in der Literatur
18.1., 3sat, 45': Karthago -
Supermacht am Mittelmeer
19.1., ntv, 55': Panzer. Technik
der Antike
19.1., ntv, 55': Mega-Festungen der
Antike
20.1., Phoenix, 45': Kleopatra.
Porträt einer Mörderin
und so
weiter und so fort.
Heute
morgen im Zeitungsladen fiel mein Blick auf eines der zahlreichen
Geschichtsmagazine, die es mittlerweile gibt, abgesehen von DAMALS meist
Ableger von Zeitungen oder allgemeinen Magazinen. Spectrum der Wissenschaft
epoc. Das Magazin für Archäologie und Geschichte hat „Sklaven im Altertum"
auf dem Cover, ein weiterer Schwerpunkt gilt Alexander dem Großen. Abweichend
von anderen Magazinen ist hier das Bemühen erkennbar, aktuelle Forschungen
vorzustellen. Im einleitenden Magazinteil sind das u.a. eine hethitische
Löwenstatue aus Kunulua, ein Mosaik aus einem Haus in Rom, das mit den
Trajansthermen überbaut wurde, eine Gladiatorenkaserne in Carnuntum, ein
römisches Schwert aus dem Kontext des Jüdischen Aufstandes 70 n.Chr. und eine
bemalte Hausfassade aus der prähistorischen Siedlung bei Wennungen
(Burgenland).
Zum
Schwerpunktthema Sklaverei, das sich ja für eine plakative Inszenierung gut
eignet, gibt es wohltuend Differenziertes. Andrea Binsfeld vom Mainzer
Akademieprojekt stellt Äußerungen antiker Juristen und Philosophen zusammen und
skizziert, wie schwierig das Phänomen zu fassen, da es zahlreiche Formen von
Unfreiheit neben der Kaufsklaverei gab. Iris Samotta erklärt im Rahmen ihres
Forschungsprojekts zum Menschen als Handelsware in der Antike, warum die
‘Logistik' der Sklaverei so wenige greifbare Spuren hinterlassen hat. Man lernt
etwas über die Semantik des Sklavenhändlers; Herodots aitiologische Erzählung
über den ersten namentlich bekannten Sklavenhändler - Panionios - wird
quellenkritisch dekonstruiert, die Vita des Lykaon in der Ilias als
Beleg für frühen Sklavenhandel interpretiert. Auffällig und der Interpretation
bedürftig ist das durchweg geringe Ansehen von Sklavenhändlern, obgleich ohne
ihre Tüchtigkeit die Alltags- wie die Arbeitswelt der Antike sehr viel anders
ausgesehen hätten. - Aus einem französischsprachigen Wissenschaftsmagazin
übernommen ist ein kurzer Bericht über den Vorschlag, jungsteinzeitliche
Grabbefunde im Elsaß als Belege für Sklaverei schon in dieser historischen
Formation zu lesen.
Den
Höhepunkt des Bandes bildet der Artikel aus der Feder des Klassischen
Archäologen Tonio Hölscher über Alexander. Anstatt zum x-ten Mal den Feldzug
nachzuerzählen, konzentriert sich Hölscher ganz auf das Erscheinungsbild des
Königs, das „nach allem, was wir wissen, sensationell gewesen sein" muß. Seine
Ausstrahlung stellte in der antiken „Kultur der unmittelbaren Präsenz" ein gar
nicht zu überschätzendes Kapital dar. Nicht nur in den Porträts, auch im
persönlichen Auftreten setze er sich vom traditionellen Ideal des gemessen
auftretenden Herrschers ab. Mit wenigen Strichen kennzeichnet Hölscher, einer
der besten Kenner antiker Porträts überhaupt, die verschiedenen, durch römische
Kopien bekannten Darstellungstypen. Außerdem weist er mit Recht darauf hin, in
welchem Ausmaß Alexander sein Leben entlang von mythischen Vorbildern, zumal
Achilleus und Herakles, ‘organisierte". Die „Macht des biographischen Musters"
prägte die Rolle des jugendlichen Kriegers. Den Kriegszug gegen das Perserreich
interpretiert Hölscher als Kette großer symbolisch-ritueller Handlungen und
Auftritte. Nur die letzte Erfüllung des mythischen Vorbilds, den frühen Tod,
hat Alexander nicht selbst inszeniert. Dennoch erschien und es erscheint es so
folgerichtig, daß man sich einen altgewordenen Alexander kaum vorstellen kann -
ähnlich wie heutzutage James Dean.
Hölschers
Bilanz weitet den Befund überzeugend ins Grundsätzliche:
„Alexander
»der Große« zeigt mit fast unheimlicher Klarheit, welche Kraft visuelle Leitbilder
und mythische Vorstellungen entwickeln können. Denn all dies geschah nicht während
einer archaischen Vorzeit, sondern in einer Welt der radikalen Aufklärung,
geprägt von der Geschichtsschreibung eines Herodot und eines Thukydides sowie
der Philosophie eines Platon und eines Aristoteles. Die Menschheit schreitet
nicht vom Mythos zum Logos voran, nicht von irrationalen Vorstellungen zu
einem rationalen Verständnis der Welt. Vielmehr sind von Anbeginn und bis in
unsere Tage Mythos und Logos miteinander verwoben. Alexanders weltumstürzende Energie
und ihre Übertragung auf Zehntausende von Soldaten wäre<n> ohne das
Leitbild seiner Heldengestalt und sein mythengleiches Handeln gar nicht möglich
gewesen.
Allerdings
wird an Alexander auch die Kehrseite solch geschichtlicher »Größe« deutlich.
Er hat für seine Vision großartige alte Kulturen zerstört und zehntausende
Menschenleben geopfert. Selbst noch in den nationalen Ideologien der
Gegenwart setzt er polarisierende Kräfte frei, die einer Politik des Friedens
nicht förderlich sind.
Viele Althistoriker haben sich bemüht, aus den Bildern und
Mythen den »wahren« Alexander herauszuschälen. Doch ist das nicht nur ein
hoffnungsloses Unterfangen, sondern auch ein falsches Ziel. Alexander hat seine
Rolle mit der Kraft seiner visuellen und mythischen Leitbilder gespielt. Und
diese Leitbilder waren keine bloße Fassade, sie waren seine gelebte Wirklichkeit."
Katharina Bolle ergänzt die Schwerpunktsetzung ihres
Doktorvaters mit einem schönen Artikel auf die Wandlung Alexanders zur
Märchenfigur in der europäischen und islamischen Welt des Mittelalters.
Gute
Autoren und eine reiche Bildausstattung zu einem vernünftigen Preis (€ 7,90)
anzubieten geht ohne Werbeeinnahmen nicht. Hinter einer Strecke mit superben
Fotos aus der Schädelkultausstellung in Mannheim beginnt eine sage und schreibe
52 extra gezählte Seiten umfassende Artikelserie über die Ostseepipeline, „eine
Kooperation von Nord Stream" mit drei Wissenschaftsmagazinen aus Deutschland,
den USA und Rußland. Mit eigenem Impressum und Editorial eigentlich ein Magazin
im Magazin, mit namentlich gezeichneten Beiträgen und im Layout nicht vom Rest
der Zeitschrift zu unterscheiden. Erst beim Lesen merkt man, daß es sich um
Werbung für Anspruchsvolle handelt, wenn es etwa um die Umweltrisiken geht und
das zugehörige Interview nicht mit einem Experten vom BUND geführt wird,
sondern mit einer dänischen Projektmanagerin, die an der
Umweltverträglichkeitsstudie für das Projekt mitgewirkt hat. Themenauswahl
Gestaltung zielen eindeutig auf ein technikaffines Publikum. Ich verdränge das
leichte Unbehagen an der Vermischung von redaktionellem und PR-Journalismus und
freue mich an den fundierten, lehrreichen und gut lesbaren Beiträgen.

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