Philoktet, x 3 + 1
24. Februar 2012, 10:20
Uhr
Von der Aufführung von Heiner Müllers Philoktet im
Jungen Theater zu Göttingen Ende 1989 habe ich nur noch einen Regieeinfall im
Gedächtnis: Die drei Schauspieler hatten keine festen Rollen, sondern jeder
spielte jede Figur, aktuell jeweils identifiziert nur durch einen Gegenstand,
etwa einen Helm.

Müller hatte sich mit dem Stoff um 1960 herum befaßt,
basierend auf dem gleichnamigen Drama des Sophokles. Der Mythos geht ungefähr
so: Der thessalische Held Philoktet ist durch seinen Bogen berühmt, den er von
Herakles zum Dank dafür erhalten hat, daß er dessen Scheiterhaufen anzündete.
Er beteiligt sich am Zug gegen Troia, wird aber unterwegs von einer Schlange
gebissen. Da die Wunde nicht verheilt und einen fürchterlichen Gestank entwickelt,
setzt Odysseus ihn allein, nur mit dem Bogen bewaffnet, auf der Insel Lemnos
aus. Im zehnten Kriegsjahr ergeht jedoch die Prophezeiung, daß Troia nur mit
dem Bogen des Philoktet erobert werden kann; daraufhin schicken die Griechen
Odysseus und Diomedes nach Lemnos. Sie können Philoktet überreden, nach Troia
zu fahren. Dort wird er geheilt und tötet den Paris durch einen Pfeilschuß.
Bei Sophokles begleitet der Achilleus-Sohn Neoptolemos den
Odysseus, um das Vertrauen des Philoktet zu gewinnen. Odysseus benutzt
Neoptolemos nur, um an den Bogen zu kommen; als er den vor Schmerzen
schreienden Philoktet zurücklassen will, hat Neoptolemos Mitleid und schlägt
sich auf die Seite des Leidenden. Die Pattsituation wird von Herakles als deus
ex machina aufgelöst. Müller nahm an der sophokleischen Variante eine
entscheidende Änderung am Schluß vor: Philoktet wird nicht gerettet, sondern
von Neoptolemos ermordet, bevor er seinerseits Odysseus töten kann.
Den Anlaß für die Reminiszenz an die Aufführung in Göttingen
bildet eine Neuübersetzung des sophokleischen Philoktet bei Reclam. Paul
Dräger läßt dem Heft mit der Medea des Euripides nun dieses Stück
folgen, mit einem ähnlichen Interesse: Das Nachwort konzentriert sich auf die
Veränderung der mythischen Erzählung durch Sophokles, sowohl gegenüber einem -
von Dräger schon für das 5. Jahrhundert angenommenen - mythographischen
Handbuch als auch gegenüber den gleichnamigen Dramen des Aischylos und des
Euripides. Die sind zwar verloren, aber eine Schrift des kaiserzeitlichen Intellektuellen
Dion Chrysostomos (Der Bogen des Philoktet), dem noch alle drei Stücke
vorlagen, erlaubt einen Vergleich.
Seine Spannung erhält der Stoff bei Sophokles, weil dem
durchtriebenen und skrupellosen Odysseus Neoptolemos als moralisch integre Gestalt
gegenübergestellt wird. Konsequenterweise scheitert Odysseus am Ende mit seinem
Plan, was den Eingriff von oben erforderlich macht.

Nicht ganz so ausgeprägt wie bei der Medea bietet
auch dieses Heft Philologie im (neugestalteten) gelben Gewand. Es gibt eine
lange Liste von Varianten im griechischen Text, Anmerkungen, Bibliographie und
ein höchst instruktives Nachwort (S. 129-142). Sehr zu begrüßen: Dräger hat
eine eigene Übersetzung der erwähnten Schrift des Dio Chrysostomos angefertigt
und beigegeben, so daß der Leser den Vergleich der drei Stücke nachvollziehen
kann. Und all das wieder zu einem entwaffnenden Preis: 3,80 Euro.
Hier als Probe der Beginn von Odysseus' Eingangsmonolog:
„Der Strand ist dies des ringsumflossnen Lands
von Lemnos, unbetreten und auch nicht bewohnt von
Sterblichen, wo ich - o du, der von der Griechen bestem
Vater aufgezogen ist;
Achilleus' Kind du, Neoptolemos - den Melier,
des Poias Sohn, einst habe ausgesetzt,
beordert, dies zu machen, von den Herrschenden,
da er von fressend Krankheit
triefte an dem Fuß,
als uns es weder möglich wurde, Weiheguss noch Rauchopfer
in Ruhe anzurühren, sondern er
durch wilde Misstöne das ganze Feldheer stets im Banne
hielt,
mit seinem Schreien, Heulen. Aber was ist's notwendig,
hiervon
zu reden? Denn es ist für uns der Augenblick zu langen
Reden nicht,
damit er nicht mein Kommen etwa merke und ich zuschütte
den ganzen ausgeklügelten Gedanken,
mit welchem auf der Stelle einfangen zu können ihn ich
wähne."
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