Prost Neujahr! Auf bessere Pflege 2009?
30. Dezember 2008, 10:47
Uhr
Vor zwei Tagen ist die Mutter einer guten Freundin
gestorben. Es war, wie man so sagt, ein guter Tod: Die fast 90 Jahre alte Frau
war zu Hause, ihre Familie war bei ihr, sie litt keine Schmerzen. Die meisten
Menschen, wenn sie gefragt werden, sagen, sie wollten genau so sterben. Sehr
viel seltener wird gefragt, wie die Menschen die Zeit bis zu ihrem Tod leben
wollen. Frau S. war seit langem dement, ein paar Jahre lang hatte sie im Heim
gelebt, war dort offensichtlich unglücklich, so dass die Familie sich
schließlich entschlossen hat, sie nach Hause zu holen. Zu Hause musste sie
regelmäßig fixiert werden: Sie war unruhig, ging sonst im Nachthemd auf
Wanderung. Während freiheitsentziehende Maßnahmen im Pflegheim richterlich
genehmigt werden müssen, können Betreuer, meistens sind das dann die Kinder,
ihre Eltern zu Hause ohne jede Kontrolle fixieren, wenn Sie es für erforderlich
halten.
Die Pflege hatten Pflegekräfte aus Polen übernommen, nur so
war die erforderliche Rund-um-die-Uhr-Versorgung auf Dauer zu finanzieren, ohne
dass - mit allen Konsequenzen, die das gehabt hätte - das Sozialamt eingreifen
musste: Die Gelder aus der Pflegeversicherung reichen für eine so umfangreiche
Versorgung allenfalls als Zuschuss.
Trotz des Versuchs die Pflege extrem kostengünstig zu
organisieren und obwohl Frau S. während ihres Arbeitslebens gut verdient und
Rücklagen gebildet hatte, ging das Geld allmählich zur Neige. Hätte Sie noch
ein Jahre länger gelebt, wäre der Weg zum Sozialamt wohl unvermeidlich gewesen.
Wäre sie zuvor länger im Heim geblieben, hätte sie schon viel früher finanziell
aufgeben müssen.
Eine Familie, die einen pflegebedürftigen Angehörigen hat
(oder sogar mehrere), hat ein beträchtliches soziales Problem: der
erforderliche persönliche und fürsorgliche Einsatz kostet Zeit, psychische und
physische Kraft; sie muss sich aber mindestens so dringlich mit den
finanziellen Konsequenzen dieser Situation auseinandersetzen.
Und die pflegebedürftigen Menschen, die Familien haben, sind
noch verhältnismäßig gut dran. Was ist mit kinderlosen Singles, die
pflegebedürftig werden? Um die sich niemand kümmert, die für diesen Ernstfall
nicht vorgesorgt haben oder, warum auch immer, nicht vorsorgen konnten? 2008
war das Jahr der großen Pflegeversicherungsreform. Von den großen Problemen der
Pflege ist dabei kein einziges gelöst worden. Weder ist die finanzielle Absicherung
der Pflege gelungen, noch ist in den Blick genommen worden, dass es bei Pflege
um mehr (und anderes) geht, als darum, morgens und abends zu füttern und zu
waschen. Der Kriterienkatalog,
mit dessen Hilfe die etwa 10.500 Pflegeheime, die es in Deutschland gibt, ab
2009 bewertet werden sollen, zeigt zwar Ansatzpunkte: wie die Pflegeheime
angesichts ihrer Rahmenbedingungen den qualitativen Sprung nach vorne schaffen
sollen, wird dadurch aber gerade nicht deutlich. Vor allem wird eine bessere Pflege,
die mehr den Charakter einer Assistenz haben müsste, nicht durch Bewertungspunkte
in Kriterienkatalogen begründet. Dass gerade auch Pflege aktive Teilhabe am
gesellschaftlichen Leben ermöglichen und sein muss, ist von Politik und
Rechtsprechung, aber auch in der Gesellschaft heute nicht anerkannt. Noch
irrritierender erscheint mir, dass auch kaum darüber geredet wird - wenn die Pflege nicht gerade zum Skandal
wird, Mißhandlungsfälle in Pflegeheimen in die Schlagzeilen kommen oder das geldträchtige
Wirken einer Pflegemafia an den Pranger gestellt werden kann.
Gute Vorsätze zum Neuen Jahr? Kaum jemand wird sich darunter
vorstellen, auch einmal darüber nachzudenken, wie man leben möchte, wenn man
vieles nicht mehr selber machen kann (das Sektglas mit den eigenen Händen schwenken
zum Beispiel). Aber wer, dem Geist der Zeit folgend, 2009 seine
Patientenverfügung machen möchte, sollte vielleicht auch darüber nachdenken,
wie er die Wochen, Monate, vielleicht auch Jahre davor verbringen möchte - und was
er oder sie heute schon tun muss, damit das gelingen kann.
Nachtrag: In der Post der
Kanzlei, für die ich arbeite, wenn ich gerade keine Blogs schreibe, liegt eine
Todesanzeige. Der 46jährige, schwerstpflegebedürftige Mandant ist kurz vor
Weihnachten gestorben. Drei Tage zuvor hatten wir noch Termin vor dem Sozialgericht.
Seine Klage richtete sich gegen das Sozialamt, das ihm die seit langem begehrte
Aufstockung der Pflege von 12 auf 16 Stunden am Tag nicht bewilligen wollte.
Der Mandant konnte kein Glas alleine hochheben und nicht einmal die Fernbedienung
selbstständig bedienen. 12 Stunden alleine, bewegungslos im Bett liegen fand
das Sozialamt nicht unangemessen. Sonst, so hieß es, müsse er halt ins Heim
gehen (wo er natürlich nicht mehr Versorgung bekommen würde, aber die dann fürs Sozialamt kostengünstiger). "Gekämpft - Gehofft - Erlöst" hat die Familie die Todesanzeige
überschrieben. Erlöst - wovon? Auf jeden Fall wohl von seinem individuellen
Pflegenotstand.