Bildung statt Pränataldiagnostik: Alle inklusive!
28. Januar 2009, 07:33
Uhr
Die Möglichkeiten zur vorgeburtlichen Selektion von
Behinderten werden größer, die Bemühungen zur Inklusion von Menschen mit
Behinderungen, die dennoch leben, sind dagegen vergleichsweise bescheiden. Das
Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit
Behinderungen, das nach zähem Ringen nun auch von Deutschland
ratifiziert worden ist (den Fachbegriff „Inklusion" in der deutschen
Fassung aber hartnäckig und irreführend mit „Integration" übersetzt), soll den
Weg in eine bessere Zukunft ebnen. Das Potenzial hat die neue
Menschenrechtskonvention, die als erstes Gesetz in Deutschland die
Teilhabeansprüche von Menschen mit Behinderungen in Deutschland recht umfassend
regelt - etwas, was der deutsche Gesetzgeber, der ansonsten durch aus regelungswütig
und detailverliebt ist und sogar das Kreuzen von Eisenbahnschienen mit
Autostraßen in ein Gesetz gegossen hat, noch nicht geschafft hat.
Damit die Konvention in Deutschland nicht ein Packen Papier
bleibt, der an vielen Orten dekorativ liegen bleibt, haben Behindertenverbände
die Kampagne „alle inklusive! Die neue UN-Kovnention" ins Leben gerufen. Am
Donnerstag den 29. Januar 2009 findet in Berlin die erste große Fachkonferenz
im Rahmen der Kampagne statt, die sich mit Fragen der Bildungspolitik für Menschen
mit Behinderungen befasst. Lebenslanges Lernen wird derzeit auf der politischen
Ebene nämlich allen dringend empfohlen, wenn behinderte Menschen allerdings
Unterstützung für weiterführende Bildungswege beantragen, geraten sie schnell
an die Grenzen der ihnen zugedachten Leistungen - ein Selbstbestimmungsrecht wird ihnen da eher weniger zuerkannt.
Das Flugblatt mit dem für die Fachkonferenz eingeladen wird umreißt
die Bedeutung des Themas: "Von den knapp 500.000 Schülerinnen und Schülern mit
sonderpädagogischem Förderbedarf werden weniger als 16 Prozent in Regelschulen
unterrichtet." Tatsächlich führt schon diese Formulierung mitten ins Problem hinein,
denn wieso werden behinderte Schülerinnen und Schüler hier als Menschen mit „sonderpädagogischem
Förderbedarf" dargestellt? Zur Überwindung von Barrieren wie Treppen, fehlenden
Gebärdensprachdolmetscherinnen oder unzulänglichen Hilfsmitteln für Blinde und
Sehbehinderte bedarf es keiner sonderpädagogischen Förderung. Gefordert ist Barrierefreiheit
- beispielsweise durch Unterricht in Gebärdensprache.
Das Konzept der Inklusion reicht aber noch weiter:
Behinderte sollen sich nicht einfach an die Erfordernisse in einer von
Nichtbehinderten bestimmten und geprägten Welt anpassen. Schule soll für alle
Kinder inklusive sein - und damit auch so konzipiert, dass alle etwas davon
haben: Ein Weg, den Pisa-Gewinner
Finnland geradezu mustergültig vorexerziert. Hier differenzieren die Lehrer
im Unterricht in den ersten neun Jahren individuell nach Leistungsfähigkeit, es
soll aber niemand zurückbleiben. Auch Kindern mit Behinderungen werden in
dieses differenzierende Einheitssystem einbezogen. Das ermöglicht Selbstbestimmungsrechte.