Kusch kuscht - welcher Wiedergänger nutzt die Chance?
21. Februar 2009, 23:41
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Roger Kusch, lesen wir jetzt blattauf blogab, gibt seinen lukrativen Job als Sterbehelfer auf. Dass der ehemalige Oberstaatsanwalt, der hier auch schon als „guilltonierender Lächler" skizziert wurde, jetzt etwas weinerlich beklagt, wie belastend die Auseinandersetzung um Sterbehilfe für ihn und für die war, die bei ihm Hilfe, also den Tod, nachgesucht hätten, passt ins eher trostlose Bild des Mannes, der als mutiger Vorkämpfer in die Annalen der Sterbehilfebewegung eingehen wollte, der jetzt aber doch angesichts des erstinstanzlichen Eilbeschluss einer Verwaltungsgerichtskammer vom Ehrgeiz Rechtsgeschichte schreiben zu wollen, ganz plötzlich verlassen wurde (so wie ihn schon kurz nach der Gründung seiner Partei, deren Namen sich niemand merken konnte, die Wähler und andere guten Geister verlassen haben). Der schnelle Abtritt ist die andere Seite seiner starken, stets die eigene Person ins Licht rückenden Auftritte: Kusch geht es, was auch immer er macht, in erster Linie um Kusch. Und Kusch ist eben nicht der uneigennützig handelnde Gutmensch, als der er sich gerne darstellt, sondern zur Zeit jemand, gegen den ermittelt wird und der daher auch ein gewisses Interesse daran hat, die Ermittler gnädig zu stimmen um so strafrechtlich möglichst ungeschoren davon zu kommen - zumal für ihn, bei einer Verurteilung wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, auch noch seine Anwaltszulassung auf dem Spiel steht. Grund genug also jetzt in einer Art tätiger Reue, den Rückzug anzutreten.
Und wie geht es weiter? So wie es ausschaut versucht der ehemalige Hamburger Justizsenator auch die - vermutlich einträgliche - Gemeinnützigkeit seines Vereins „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V." zu retten, der bis vor kurzem noch einen schnellen Link auf die Suizidbegleitungs-Homepage gelegt hatte, mit der Kusch sich ein lukratives Zubrot verdiente. Jetzt, nachdem sich auch das Finanzamt für die Art und Weise des Zusammenspiels von Verein „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V." und dem echten Sterbehelfer Dr. Roger Kusch interessierte, ist dort zu lesen: „Der Verein bietet keine Suizidbegleitung an, stellt keine Suizid-Anleitungen zur Verfügung, vertreibt keine Suizidmittel und nennt auch keine Bezugsquellen." Und auch Kusch persönlich, fordert nur noch die Ärzteschaft auf, jetzt tätig zu werden: "Ärzte können die notwendigen Rezepte ausstellen, ohne die Gefahr einer Strafverfolgung befürchten zu müssen." (was so nur teilweise richtig ist).
Auch wenn man hoffen möchte, dass Kusch sich jetzt von den Anstrengungen seines praktischen Tuns und den zahlreichen Medienauftritten erstmal ausdauernd erholen wird, steht zu befürchten, dass er uns als publicitybewußter Propagandist der Sterbehilfe auch weiterhin nicht erspart bleiben wird.
Das mag man, wie ich, ärgerlich finden. Problematisch ist etwas anderes, dass nämlich der mediale Erfolg, den der echte Roger Kusch erreichen konnte, sich ohne große Mühe vom nächsten wahren Kusch wiederholen lassen wird - so wie auch Kusch selbst letztenendes nur ein Wiedergänger medienbewußt auftretender Sterbehelfer wie Prof. Julius Hackethal oder Hans Henning Atrott war. Dass der als Sterbehelfer zurückgetretene Kusch im "Spiegel" jetzt ankündigt Menschen, die sich an ihn wenden, künftig an "Dignitas" verweisen zu wollen, zeigt das Problem: Ob Kusch anreist oder "Dignitas" tätig wird, macht in ethischer und gesellschaftlicher Hinsicht keinen Unterschied.
Längst hat sich in (zu) vielen Köpfen die Vorstellung festgesetzt, dass schwerkranken oder auch nur das Pflegeheim fürchtenden Menschen den Tod zu bringen ein Akt der Befreiung wäre. Solange das Weiterleben mit schweren Behinderungen und Krankheiten wie selbstverständlich als Fehler gesehen wird, den es tunlichst zu vermeiden gilt („dann lieber tot"), braucht sich einer wie Kusch nicht um den Spendenfluss zu sorgen. Auch dass angesichts des Todes von Eluana Englaro vielerorts schnell, ohne großes Nachdenken und mit Selbstverständlichkeit die Schlagzeile getextet wurde „Sie durfte endlich sterben" signalisiert, dass Kuschs Abtritt nur eine kurze Episode am Rande bleiben wird. Die Ideen, die er auch nur aufgegriffen und in ein geschicktes PR-Konzept umgesetzt hat, prägen weiterhin die Vorstellung zu vieler Menschen über ein Leben im Zustand von Pflegebedürftigkeit und mit schwerer Behinderung. Wer wünscht, dass wir dauerhaft von Akteuren wie Roger Kusch verschont bleiben, muss versuchen, andere Bilder vom Leben mit Behinderungen und im Alter in den Köpfen zu beleben und zu erzeugen. Das wird aber ohne eine nachhaltige tatsächliche Veränderung der durch veraltetet Konzepte, zu schlechte Bezahlung und zu geringe Personalschlüssel geprägten Situation in der Pflege, insbesondere in stationären Einrichtungen, nicht gelingen. Ideologiekritik alleine ist viel zu wenig....
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