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Biopolitik

"Lieber Bein ab als arm dran" - Body Identity Integrity Disorder und das Selbstbestimmungsrecht

06. März 2009, 09:06 Uhr

Über Menschen mit „Body Identity Integrity Disorder" (BIID), die sich wünschen  hatte ich vor kurzem in diesem Blog schon berichtet. In Frankfurt a.M. beginnt heute eine zweitägige Konferenz, die das Thema zum Gegenstand hat. Neben drei Betroffenen, die ihre Geschichte schildern, dominieren psychologische und neurowissenschaftliche Ansätze. Die als psychische Störung verstandene BIID soll im Gehirn lokalisiert werden. Dort werden dann auch Ansätze für therapeutische Strategien gesucht. Dass der renommierte Neurowissenschaftler Wolf Singer einen Beitrag auf der Tagung hält („Neural representation of the body image in healthy subjects") wird das (wissenschaftliche) Interesse an diesem Thema sicher befördern.

Bei Menschen, die sich wünschen, dass bei Ihnen bestimmte Gliedmaßen amputiert oder auch eine Querschnittlähmung herbeigeführt wird, ist die Tagung teilweise auf Kritik gestoßen: Sie fühlen sich durch den psychologisch und psychiatrisch dominierten Ansatz stigmatisiert und wehren sich dagegen therapiert, statt entsprechend ihren Wünschen behandelt zu werden. Das Selbstverständnis von Menschen, die zu dieser Gruppe gehören, beschreibt ein Kommentar auf der Webseite „orthopoint": „Der Begriff BIID beschreibt den Endpunkt einer akzeptablen aber seltenen Identitätsfindung hinsichtlich des eigenen Leibs, der gewohnte öffentliche Deutungsmuster des Leibs schockierend in Frage stellt. Ähnlich willkommene Anregungen, gewohnte Denkmuster zu durchbrechen, ist die Homosexualität und die Transsexualität. Auch die Begegnung mit ihrer Realität, kann ein Schockerlebnis sein. Eine freiwillige Amputation kann die Identität der Menschen festigen, die sie wünschen."

Dass das andere anders sehen, ergibt sich schon aus der Beteiligung von Betroffenen ander Frankfurter Konferenz. Wer mehr über die Selbstwahrnehmung von BIID-Betroffenen erfahren will, stößt dann recht schnell auf die Seite BIID-Dach, wo auch über Erfahrungen mit Therapeuten brichtet wird:

„Viele Menschen haben sich ihrem Arzt oder einem Psychotherapeuten anvertraut. Die allermeisten haben gute Erfahrungen gemacht. Allein schon mit jemandem darüber zu reden hilft. Therapeuten haben viele gute Ideen, wie man mit BIID umgehen kann, wie man Schuld- und Schamgefühle überwindet. Und sie können helfen, innerlich klarer und sicherer zu werden. Wenn Du eine/n gute/n Therapeuten suchst, geben Dir im Forum andere Betroffene gerne Hinweise. An der Universität Frankfurt haben sie viel Erfahrung mit BIID. Du kannst dort anonym, kostenlos und unverbindlich anfragen. Möglicherweise sind Therapeuten, die mit Transsexuellen Erfahrung haben, besonders gut auf Menschen mit BIID vorbereitet."

Der Ton des Textes, der die Betroffenen-Sicht wiederzugeben scheint, überrascht, wenn man ins Impressum schaut. Betreiber der Webseite ist ein Therapeut: Prof. Dr. Erich Kasten vom Institut für Medizin. Psychologie der Universität zu Lübeck. Ob das jetzt eine besonders raffinierte Strategie der Patienten-Akquise ist oder ein guter Service für Betroffene von einem Profi, der über gute Ressourcen verfügt, sei dahingestellt, etwas mehr Transparenz wäre bei einem so heiklen Thema sicher angebracht.

 Eine ganz andere Sichtweise prägt einen langen, leider nur auf Englisch (immerhin besser als wäre er in Latein geschrieben) verfügbaren Aufsatz von Nance Riffe: "Voluntary Amputation and Disability Rights: Theorizing Disability through the Environment, Embodiment, and Choice"  Die Autorin vertritt darin die Auffassung, dass Menschen, sie nennt sie „Wannabes", die sich eine Behinderung wünschen das herkömmliche Verständnis von Behinderung unterlaufen und Aktivisten für Behindertenrechte eine neue Argumentationsebene verschaffen: Choice. Die Begrifflichkeit ist im us-amerikanischen Kontext der „Pro Choice"-Debatte über das Recht auf Abtreibung zu verstehen. Die Autorin verweist in ihrem Aufsatz auf die Frage, die Behinderten immer wieder gestellt wird: „Wünscht ihr Euch nicht auch, nichtbehindert zu sein." - Angesichts dieser Frage, so meint sie, seien Wannabes „ein Beweis dafür, dass Behinderung etwas Wünschenswertes sein kann, dass Behinderung nicht nur etwas ist, das jemand erleidet. Für Wannabes macht es ihre Identität aus, jemand zu sein, der eine bestimme Beeinträchtigung hat." Das erinnert an die Debatte, die es vor einigen Jahren gab, als ein lesbisches gehörloses Paar anstrebte ein gehörloses Kind zu bekommen. Identität, Selbstbestimmung und die Möglichkeiten und Grenzen sie herzustellen, werden wohl ein großes Thema der Medizinethik der nächsten Jahre werden. Dass es wohl heute schon Kontakte zwischen Menschen mit BIID gibt und Sterbehilfeorganisationen, zeigt ebenso wie die von Nance Riffe gezogene Parallel zu Behinderten und die in der Debatte ohnehin präsente Querverbindung zum Thema Transsexualität, wie hier sehr unterschiedliche Ansätze zusammenfinden können - ich habe allerdings Zweifel, dass "Selbstbestimmung" und "Choice" (Wahlrecht) auf Dauer als Bindeglied tragfähig sein werden, da diesen Begriffen wie gerade die bioethische Debatte zeigt, auch etwas sehr formalistisches anhaftet.

Es gilt wie immer: Kommentieren Sie den Beitrag gerne, Sie müssen sich nicht anmelden.

 

 

 

Kommentare

Christiane

06. März 2009, 10:22

http://www.behindertenparkplatz.de

Ich finde es erschreckend, dass sich Menschen regelrecht in Gefahr bringen, um ein Körperteil loszuwerden. Ich kann da keine positive Einstellung gegenüber Behinderung erkennen und es geht ja wirklich darum, dem eigenen Körper massiv Schaden zuzuführen. Wie sollen Mediziner das mit ihrem Grundverständnis ihres Berufes vereinbaren? Einen positiven behindertenpolitischen Aspekt kann ich auch nicht erkennen. Viele der Wannabes wollen ja nur einen Teil der Behinderung haben, beispielsweise gerne Rollstuhl fahren, aber der Stress mit den Behindertentoiletten ist ihnen schon zu viel. Wasch mich, aber mach mich nicht nass.... Ich habe den Eindruck, dass es vielen um Aufmerksamkeit geht, was durchaus auch eine psychische Erkrankung sein kann. Wer im Rollstuhl durch eine deutsche Stadt fährt, kann sich nicht mehr über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen.

Von mir aus können sich alle Leute, die Lust haben, in den Rollstuhl setzen. Ist ja auch wirklich ganz praktisch manchmal, aber dafür muss sich niemand ein Bein abhacken oder sich auf Bahngleise legen. Wenn sich Menschen massiv gefährden, um an sich etwas zu verändern, kann ich daran nichts Gutes sehen und frage mich auch, ob sie nicht eher psychologische Hilfe benötigen als jemand, der ihnen das Bein abnimmt.

Sarah Roth

06. März 2009, 12:49

http://badhairdaysandmore.blogspot.com

Oft wird BID in Zusammenhang mit Transsexualität gebracht. Tatsächlich gibt es eine parallele Zwischen den beiden Phänomen.

Das neuronale Körperbild entspricht nicht dem tatsächlich gegebenen.

Aber da hören die Parallelen für mit auf. In einem transsexuellen Befindet sich normalerweise ein durch und durch gesundes Gehirn – das aber vollständig gegengeschlechtlich ist ( siehe: badhairdaysandmore.blogspot.com/.../krperliche-ursachen-der-transsexualitt.html ) und das geht weit über ein nicht passend vernetztes Organ hinaus. Auch geht es bei transsexualität nicht um das Amputieren eines Organs (wie der Volksmund es gerne unterstellt) sondern es findet ein Umarrangieren von Gewebe statt – bei dem Möglichst viel Erhalten werden soll, insbesondere die Sensititvität. Und bei transsexuallen Menschen kommt der Aspekt der Identität mit zum Zuge. Wie jedes Kind orientieren und identifizieren sie sich am eigenen Geschlecht – dem des Gehirns. Wenn bereits ein kleines Kind sagt, es ist ein Mädchen oder Junge, im Gegensatz zu ihrem äusseren, dann ist die Sache mit dem neuronalen Körperbild noch nicht so bestimmend. Erst wenn die Pupertät einsetzt und die sich sekundären Geschlechtsausprägungen entwickeln, wird dieser Teilaspekt zu einer ganz eigenen Hölle (was schlecht recherchierten Bericht wie diesen www.faz.net/.../Doc~E78C47A7636FB4038A4FB26CBF497E0A4~ATpl~Ecommon~Scontent.html besonderst zynisch für Betroffene macht)

Wo sich nun parallelen finden lassen, ist, dass eine Störung dieses „Gefühl“ auslösen kann, und das ist der Grund, warum die Psychologie selbst wenn die Behandlung für BID zugelassen wird einen Fuss in der Tür hat. Und die Gefahr ist gross, dass die Fehler, die bei transsexuellen Menschen nicht nur gemacht wurden, sondern immer noch gemacht werden, die Psychopathologie die BID trotz aller gesicherten Erkenntnisse in Hinsicht neuronaler Ursachen zur psychischen Entwicklungsstörung erklären will – und die nächste Suche nach dem heiligen Gral beginnt:

badhairdaysandmore.blogspot.com/.../die-suche-nach-dem-heiligen-gral.html

Sansibar oder der letzte Grund

06. März 2009, 15:20

1. Eine operative Geschlechtsumwandlung führt, wenn sie vollständig durchgeführt wird, zur Unfruchtbarkeit des Mannes. Damit ist in jedem Fall eine im geisteswissenschaftlichen Sinne gemeinte "Selbstverstümmlung" durchgeführt worden.

2. Die BIID-Diskussion schadet, so wie sie jetzt geführt wird, in jedem Falle sowohl den Transsexuellen als aber auch den "Betroffenen" von BIID.

a) Es könnte sein, dass sie von den Problemen, die die Psychiatrie derzeit mit ihren Behandlungansätzen von GID hat und dem Wind, der ihr aus vielen anderen Bereichen in diesem Bereich entgegenbläst, ablenken will und ein ähnliches Problem im Vorfeld der Neuauflage des DSM in die öffentliche Diskussion bringen will.

b) Es gibt innerhalb der angelsächsischen Psychiatrie derzeit heftige Diskussionen, ob es ethisch noch vertretbar ist, bestimmte sogenannte Persönlichkeitsstörungen noch länger als Krankheit zu betrachten. Da kommt natürlich eine neue Störung gerade gelegen, bei der es ein Weg gibt, sie zu behandeln, deren Behandlungsweise aber gesellschaftlich einstweilen nicht durchsetzbar ist.

c) Dabei hat die amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie vermutlich aber unterschätzt, dass eventuell die Gesellschaft sich weiterentwickelt hat und es ggf. Stimmen gibt, die freiwillige Amputationen gar nicht für so unethisch halten.

Cave: Michael First, der an der Konferenz teilnimmt, ist zentraler Sachbearbeiter der nächsten Ausgabe des DSM. Und die deutschen Psychos freuen sich auf neue Kunden.

d) Genau, hier wird ein neuer "heiliger Gral" inizieiert. Nach Aussagen führender deutscher Hirnwissenschaftler, die natürlich in FFM nicht eingeladen worden sind, läßt sich derzeit die Ursache, die Beeinflussung, die Herkunft sogeannter Korrelate, die per fMRT nachgewiesen werden können, nicht ermitteln. Ein bekannter Hirnforscher aus Heidelberg sagte mir "dazu brauchen wir noch 30 Jahre".

e) Die Anerkennung der Tatsache, dass es weder für Transsexualität noch für ADHS und auch nicht für BIID keine naturwissenschaftlich anerkannte Ursache gibt, könnte ja durchschnittlich intelligente Personen dazu veranlassen, ganz einfach mal zu schreiben, dass es eben solche und solche Menschen gibt, bei denen persönliche Einstellungen sehr unterschiedlich und sehr weit voneinander entfernt liegen. Würde man das akzeptieren, dann würden Transsexuelle oder Menschen mit BIID von Psychiatern auch nicht mehr stigmatisiert werden können, denn dann wird die Diskussion dahin verlagert wo sie hingehört: In die Mitte der Gesellschaft.

Warum soll eine Anpassung des biologischen Geschlechts an das intellektuell gedachte Geschlecht oder die Veränderung des Köpers im Sinne einer Anpassung an den intellektuell empfundenen Zustand des Körpers krankhaft sein? Reicht ür die Begründung tatsächlich aus, dass der Körper “heilig” ist? Mir ist das zu klerikal, um im Bilde zu bleiben.

Ich erwarte in den nächsten Jahren auf diese Frage einige logische Antworten!

Es darf vermutet werden, dass sich die Psychiatrie und Psychologie an BIID verheben wird, da die Gesellschaft nun (mehr) Erfahrung hat im Umgang mit Transsexualität, der Tatsache, dass Homosexualität keine Krankheit und keine strafbare Handlung mehr ist und durch Bodymodification, die zunehmend von einer Subkultur in die "Hauptkultur" übergeht.

Ich verstehe nicht, wie man in Frankfurt so unklug sein konnte, führende deutsche und europäische Hirnforscher zu dem dubiosen Treffen nicht einzuladen. Noch unverständlicher ist, dass Philosophen und Juristen offensichtlich ebenfalls nicht gefragt worden sind. Arnd Pollmann, der sich laut Orthopoint ja auch mit BIID befasst hat, hat nach mir vorliegenden Erkenntnissen gar keine Einladung bekommen.

Ich vermute, dass deutsche Wissenschaftler versuchen, die meiner Meinung nach nur zweite Wahl sind, sich mit einem neuen Thema einen Namen zu machen, aber letztendlich weder die öffentliche Stimmung richtig eingeschätzt haben noch das Problem mit seiner gesellschaftlichen, politischen und ethischen Sprenkraft richtig einzuschätzen wissen.

Sarah Roth

06. März 2009, 19:54

http://badhairdaysandmore.blogspot.com

> 1. Eine operative Geschlechtsumwandlung führt, wenn sie vollständig durchgeführt wird, zur Unfruchtbarkeit des Mannes. Damit ist in jedem Fall eine im geisteswissenschaftlichen Sinne gemeinte "Selbstverstümmlung" durchgeführt worden.

Es gibt viele Facetten des Geschlechts, und keine muss zu 100% Eindeutig sein.  Letztlich kann es  nur die Person selbst Wissen und Bestimmen (und es muss nicht unbedingt eins von zweien sein). In diesem Sinn kann es keine Geschlechtsumwandlung geben. Wohl aber staatlich geforderte Zwangskastration zur Anerkennung des Personenstandes - gerade für transsexuelle Männer eine unsinnige Forderung.

Mein Bias Faktor schlägt immer an, wenn Geschlechtsangleichungen nur aus einer Richtung betrachtet werden. Der von transsexuellen Frauen. Das relativiert es für mich auch, wenn sie die Gesellschaft aufordern, doch offener mit dem Thema umzugehen, denn offensichtlich sind sie selbst nicht ganz Frei von entsprechendem Denken.

Und das Mädchen mit Hoden und Penis, Jungens mit Vagina und Gebährmutter geboren werden können - eine Tatsache, die dank genügend Studien über die

Ausprägung von Gehirnen längst erwiesen ist, zeigt wie unsinnig die Gedanken, die zu Ihrem 1. Geführt haben überhaupt sind.

Die Frage ist nicht, "Warum will ein Mann eine Frau werden?" (die umgekehrte Fage wird (siehe Bias) fast nie gestellt) sondern, "Warum will eine Frau keinen Penis und Hoden haben?" Und da liegt die Antwort auf der Hand. ""Warum will ein Mann eine Frau werden?" ist aber genau DIE Frage, die sich die Psychokaste andauernd stellt.

Ilja Ruhl

07. März 2009, 03:56

http://www.gemeindepsychiatrie.info

Ein ethisch und medizinisch sicherlich sehr schwer lösbares Thema. Gerade wollte ich noch mit der Körperintegrität transsexueller Menschen argumentieren, die sich an körperlichen Normen orientieren, da werde ich zu Recht durch einen obigen Text auf den Umstand der Unfruchtbarkeit durch entsprechende chirurgische Eingriffe aufmerksam gemacht. Abgesehen davon, dass ich diese Integrität durch persönliches Kennenlernen von Betroffenen schon teilweise revidieren musste. So gibt es durchaus z.B. ursprünglich Frauen mit Transsexualität, die sich über Brustentfernung und Hormonbehandlung einem männlichen Phänotypen partiell angleichen (inklusive offizieller Namensänderung in einen männlichen Namen), aber die Veränderung weiterer Geschlechtsmerkmale für sich ablehnen und mit einer (lesbischen) Frau in Partnerschaft leben. Auf meine damaliges Nachfragen, dass ich dies alles nicht zusammenbekommen würde, bekam ich den nett gemeinten Hinweis, nicht "immer in Schubladen zu denken". Somit fällt die Argumentationslinie körperliche Integrität aus den oben genannten Gründen als Argument gegen operative Eingriffe bei Menschen mit BIID aus.

Ethisch ließe sich hinterfragen, inwieweit Menschen die von einer schweren körperlichen Behinderung betroffen sind, akzeptieren könnten, dass Menschen aufgrund einer vielleicht zukünftig als psychische oder neurologischen Erkrankung definierten Störung das Recht hätten, diese in eine körperliche Behinderung umzuwandeln, um so ihren Leidensdruck zu mindern. Reflexartig ist man hier geneigt, einem Menschen mit einer solchen vielleicht  extremen Ausformung des Narzissmus die Hilfe in Form einer radikalen körperlichen Gratifikation zu Versagen, weil bei einer vordergründig als Persönlichkeitsstörung erscheinenden Abweichung andere - wenn auch sehr eingeschränkte - therapeutische Optionen zu eröffnen sind. Problematisch ist hier sicherlich die Unkenntnis, über Entstehung und Ursachen der BIID. Zudem ist diese Störung, dadurch, dass man ihr einen Namen gegeben hat aus meiner Sicht noch nicht ausreichend definiert und abgegrenzt. So wird z.B. von Sacks eine m.E. eher neurologisch zu typisierende   Störung beschrieben, in der ein Patient sein Bein nicht mehr als Teil seines eigenen Körpers wahrnimmt, sondern als Fremdkörper.

Auch wäre interessant, wie stark die Ausprägung der Stigmatisierung gegenüber den Betroffenen seitens der Gesellschaft ist, wenn eine erwünschte Amputation vorgenommen oder eine Querschnittslähmung herbeigeführt worden ist. Auch wenn im alltäglichen Miteinander die Gründe für die erworbene körperliche Behinderung nicht offenbar werden, so lassen sie sich vermutlich gegenüber den MitarbeiterInnen im rehabilitativen und medizinischen Bereich nicht vollständig verbergen. Der Prozess der Akzeptanz gegenüber dieser Störung wird vermutlich sehr lange dauern.

Wenn auch nur eingeschränkt brauchbar und nicht direkt übertragbar wären hier zur Einschätzung der Akzeptanz bzgl. der Störung die Einstellungen gegenüber Menschen, die aufgrund z.B. einer Depression oder des Versuchs eines Bilanz-Suizids eine körperliche Behinderung davontragen.

Die Vergleichbarkeit ist insofern eingeschränkt, als das in der Regel das Ziel der Handlung eben nicht die Behinderung, sondern der Tod war und die Behinderung aufgrund einer selbständigen Handlung verursacht wurde, und nicht durch einen kontrollierten chirurgischen Eingriff.

Ich fände die Klärung folgender Fragen interessant, um eine Einschätzung der „Problematik“ zu treffen:

1.Inwieweit hat sich sich das Phänomen bereits in der Vergangenheit (im historischen Sinne) gezeigt.

2.Lässt sich zwischen einem neurologischen und psychischen Phänomen unterscheiden?

3.Welche Kosten kämen auf das Gesundheitssystem zu, wenn man den Betroffenen ihren Wunsch nach körperlicher Integrität erfüllen würde (das ist eine sicherlich zu kritisierende Frage, aber wie ich finde eine legitime)

4.Gibt es bereits Therapieansätze die den Leidensdruck so weit verringern, dass der Wunsch nach einer körperlichen Modifikation in den Hintergrund tritt.

5.Ist die Anzahl der Betroffenen bekannt.

6.Gibt es erste Einschätzungen, wo das Phänomen bei jenen, die eher in das psychische als in das neurologische Spektrum fallen (falls eine solche Klassifizierung eindeutig möglich ist), kategorial zu verorten ist.

7.Bei wievielen Menschen auf der Welt kam es zu einer Operation und haben diese zu einer  eindeutigen Verringerung des Leidensdrucks geführt. Wie hat die soziale Umwelt darauf reagiert.

Sansibar oder der letzte Grund

07. März 2009, 11:00

1.Inwieweit hat sich sich das Phänomen bereits in der Vergangenheit (im historischen Sinne) gezeigt.

Es gibt lediglich eine Quelle aus Frankreich:

Sue J.J., [richtig: Jean-Baptiste]: Anecdotes historiques, litteraires et critiques, sur la medicine, la chirurgie, et la pharmacie, Chez la Bocher, 1785

Auf Grund der Tatsache, dass in Westdeutschland und nach der Wiedervereinigung in ganz Deutschland keine zentralen Statistiken über Amputationen geführt werden und seit Jahrhunderten die Mediziner über ihre Tätigkeit ein heute nicht mehr nachvollziehbares Geheimhaltungsbrimborium veranstalten, dürfte es schwer werden, hier Klarheit zu bekommen. Ich schlage vor, die DDR Statistiken zwischen 1978 und 1979 zu untersuchen. Da sind 30 Jahre vergangen, so dass Ansprüche und Strafmöglichkeiten verjährt sind. Das müßten Medizinsoziologen durchführen. Auf der anderen Seite braucht man für die Realisierung keinen Arzt, denn Alkohol tut im Rückenmark seine wirklich anregende Wirkung und Trockeneis für die Verbrennung der Haut am Bein ist billig. Mit anderen Worten: “BIID” wurde und wird vom Individuum meist selbst geregelt.

2.Lässt sich zwischen einem neurologischen und psychischen Phänomen unterscheiden?

Die Einordnung in beides ist m.E. überflüssig. Maßgeblich ist die individuelle Lebensgeschichte eines “Betroffenen” an der mit ein wenig Kenntnis der Materie ablesbar ist, ob die Person eine Identität hat, die dem körperlichen Zustand nicht entspricht.

Da ich gedanklich der Antipsychiatriebewegung nahestehe, argumentiere ich, dass beides unnötig ist. M.E. hat der Mensch das Recht auf seinen Körper, da sollten sich Psychos schön heraushalten.

3.Welche Kosten kämen auf das Gesundheitssystem zu, wenn man den Betroffenen ihren Wunsch nach körperlicher Integrität erfüllen würde (das ist eine sicherlich zu kritisierende Frage, aber wie ich finde eine legitime)

Das kann man sicher berechnen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Kosten im Gesundheitsbereich ständig steigen und derzeit um die 234 Milliarden Euro liegen (auf die Schnelle gelesen bei: de.wikipedia.org/.../Gesundheitssystem_Deutschlands), dürften 200 Personen mit Amputationen, Querschnittlähmungen oder Erblindungen rein rechnerisch kaum ins Gewicht fallen.

4.Gibt es bereits Therapieansätze die den Leidensdruck so weit verringern, dass der Wunsch nach einer körperlichen Modifikation in den Hintergrund tritt.

Das kann ich ihnen nicht beantworten, da mich diese Frage nicht interessiert. Ich will eine Realisierung und werde sie bekommen ohne Psychogerede und Giftcocktails.

5.Ist die Anzahl der Betroffenen bekannt.

Nein, sie dürfte so hoch sein, wie die von Ihrer Zunft jahrelang falsch berechnete Anzahl von GID-Betroffenen, die bei einem Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung liegt. Diese Berechnungen sind im Netz nachlesbar und stammen von Mathematikern und Medizinsoziologen in den USA, die das in den 80er Jahren berechnet haben. Dort wurde auch geschrieben, dass Ihre Zunft die Zahlen immer dann klein reden, wenn es sich um ethisch schwierige Fragestellungen handelt oder fraglich ist, ob es sich um eine Krankheit handelt (GID ist natürlich keine Krankheit, zumindest konnte Ihre Zunft diesen Beweis bis heute nicht erbringen).

7.Bei wievielen Menschen auf der Welt kam es zu einer Operation und haben diese zu einer  eindeutigen Verringerung des Leidensdrucks geführt. Wie hat die soziale Umwelt darauf reagiert.

Im deutschen Gesundheitswesen gibt es eine einzige Realisation, bei der eine Krankenkasse involviert war. Sie hat alle Kosten (Auslandsbehandlung inclusive Übersetzungkosten und prothetische Versorgung mit einem C-Leg ) übernommen. Die Leute, die es selbst machen oder es in Asien oder Südamerika es machen lassen, sind ja nicht so dämlich, dass sie anschließend dies ihrer KK mitteilen. Da ist immer in sozialrechtlicher oder privatrechtlicher Hinsicht Betrug im Spiel (Angabe falscher Ursachen, Vorlage falscher Bescheinigungen asiatischer Ärzte). Es ist ja naiv zu glauben, dass sich solche Leute irgendwo befragen lassen oder melden.

Zum Rest Ihrer Thesen:

Sie haben geschrieben:

“Ethisch ließe sich hinterfragen, inwieweit Menschen die von einer schweren körperlichen Behinderung betroffen sind, akzeptieren könnten, dass Menschen aufgrund einer vielleicht zukünftig als psychische oder neurologischen Erkrankung definierten Störung das Recht hätten, diese in eine körperliche Behinderung umzuwandeln, um so ihren Leidensdruck zu mindern.” Zitat Ende

Das ist m.E. keine ethisches Problem, sondern ein politsches, denn die Gesellschaft könnte auf die Idee kommen, dass Behinerung in der Zukunft kein Problem mehr ist, deren Auswirkungen  und Eintritt in Ansätzen finanziell ausgeglichen werden sollte. Da sehe ich ein erhebliches soziales Problem.

“Reflexartig ist man hier geneigt, einem Menschen mit einer solchen vielleicht extremen Ausformung des Narzissmus die Hilfe in Form einer radikalen körperlichen Gratifikation zu Versagen, weil bei einer vordergründig als Persönlichkeitsstörung erscheinenden Abweichung andere - wenn auch sehr eingeschränkte - therapeutische Optionen zu eröffnen sind. “ Zitat Ende

Eben, das ist ein psychiatrischer Reflex aus der Suppenküche der Geschichte, der in der Postmoderne wohl kaum noch nachvollziehbar ist. “Narzissmus” ist ein literarischer Begriff, der dort auch gedanklich verbleiben sollte. Wollen Sie hier eine politische Diskussion mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert führen? Erklären Sie mir mal, wodrin denn die “Persönlichkeitsstörung”, die Sie hier als Psychiater unterstellen, liegen soll, wenn die Identität bei mir, die eines Menschen mit einer Querschnittlähmung ist. Sie sind bei mir auf dem gleichen Holzweg, wie sie falsch Menschen einschätzen werden, deren weibliche Identität in einem falschen männlichen Körper steckt.

Beweisen Sie mir in einem Laborversuch bitte den direkten Zusammenhang zwischen Körper Geist und Seele. Erklären Sie mir Ihre den derzeitigen hirnwissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu wider laufenden Vorstellungen über diese Einheit. Wiese wollen Sie mich dazu zwingen, etwas zu schützen an meinem Körper, das was ich noch nie als schützenswert erachtet habe? Welches moralische und ethische Recht haben Sie dazu? Was müssen das für inhumane Lehrsätze sein, die Sie und Ihre Kollegen dazu verleiten, Menschen, die eine operative Geschlechtsumwandlung wünschen, zwei Jahre lang zwangsweise mit Ihrer Zunft zu konfrontieren. Wir leben im 21. Jahrhundert und nicht mehr in der -Monarchie zu S. Freuds zeiten.

“Auch wenn im alltäglichen Miteinander die Gründe für die erworbene körperliche Behinderung nicht offenbar werden, so lassen sie sich vermutlich gegenüber den MitarbeiterInnen im rehabilitativen und medizinischen Bereich nicht vollständig verbergen.”

Sie sind sehr überzeugt von Ihrem Berufsstand. Was aber gegen Ihre These spricht sind zwei Argumente:

a) Wir alle haben seit unserer frühen Kindheit unsere Neigung vor Eltern, Mitschülern, Ehepartner gelernt perfekt zu verstecken. Um wenigstens annähernd im Sinne unserer Identität zu leben, haben wir uns medizinische Hilfsmittel beschafft, uns Freiräume geschafft, diese unbemerkt zu benutzen. Wir haben gelernt, bezüglich dieser Angelegenheit uns so zu verstellen, dass man uns nichts angemerkt hat. Diese Fähigkeiten werden uns auch in der kurzen Phase der Rehazeit von einem großen Nutzen sein. Auch Sie als Psychiater würden und werden niemals weder in mein Hirn sehen können, noch mir eine Zeile nachweisen können (freiwillig werde ich übrigens mit keinem Psychiater sprechen wollen, das muß dann schon ein Gericht veranslassen und auch dann würde ich mit dem kein einziges Wort über die Angelegenheit wechseln)

b) Die Tatsache, dass jährlich eine unbekannte Anzahl von Personen mit BIID in deutschen Rehazentren sind widerlegt ebenfalls Ihre These, denn wenn die Therapeuten etwas gemerkt hätten, dann wäre das Problem ja schon einige Jahrzehnte länger bekannt.

Abschließend: Das öffentliche Verhalten der Psychiatrie in Deutschland (siehe z.B. die PR Veröffentlichungen des Verlags in dem Prof. Erich Kasten für seine mit neun (!) Personen durchgeführte “Studie” und die öffentlichen Aussagen in deutschsprachigen Medien) ist m.E. ethisch nicht tragbar und politisch unklug. Ich habe mit mindestens 50 Ihrer Kollegen gesprochen (Telefon, Email). Keiner hatte die Bildung und die Herzensbildung, das Problem zu begreifen. Alle haben stereotyp sich auf teilweise inhalstleere Lehrsätze berufen, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Für mich persönlich sind Sie und Ihre Kollegen außerhalb des WWWs trotz meiner langen Antwort hier keine Gesprächspartner mehr. Außerdem wiederhole ich meine oben gemachte Aussage: Ihre Zunft wird sich am Problem BIID verheben, wenn Sie nicht ganz schnell die weiteren Professionen, die an Erklärungen, Antworten und Lösungsvorschlägen arbeiten (Philosophie, Rechtslehre, Soziologie) an der Diskussion beteiligen. Und es wird Ihrer Profession nicht gelingen, freiwillige Amputationen zu verhindern. Es wird Ihrer Profession nicht gelingen, Menschen mit “BIID” für in irgendeiner Art und Weise für krank zu erklären und öffentlich zu stigmatisieren. Auch die Mitglieder Ihrer Profession leben, wenn vielleicht nicht bewußt, im 21. Jahrhundert. Da ist vieles anders als in Freuds  Zeit.

nicole

07. März 2009, 12:25

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich bin glücklich, in einer Zeit und einer Gesellschaft zu lben, in der wir schon ganz schön weit darin gekommen sind, Diskriminierung und Schubladendenken abzuschaffen. Aber diese BIID-Leute gehen mir echt zu weit - und andererseits nicht weit genug. Der englische Begriff "wannabees", normalerweise pejorativ gebraucht, trifft es ganz gut: diese Leute sind nichts als Möchtegerns! Wenn sie sich eine Behinderung (ich benutze jetzt diesen Begriff mal der Einfachheit halber), dann sollen sie doch bitte genug Mumm haben, sich selbst zu verstümmeln oder es einfach drauf ankommen zu lassen, z.B. im Straßenverkehr - da habe ich mir meine Behinderung zugezogen. Dann haben sie das richtige, das echte Erlebnis: Schock, Verlust der Kontrolle, Lebensgefahr, etc., alles eben, was so dazu gehört, wenn man durch einen Unfall oder eine Krankheit körperlich behindert wird -  von den Menschen, die bereits mit einer schweren Behinderung geboren werden, ganz zu schweigen. Aber nein, sie wollen alles schön sauber und ordentlich und geregelt, diese erbärmlichen Jammerlappen!! Medizinische Eingriffe, alles schön unter Kontrolle, womöglich auch noch von den Krankenkassen bezahlt, zu fordern - wie jämmerlich und feige!!

Und wenn wir schon dabei sind, im Namen von Diversity: warum nicht auch Junkies und Alkoholikern von staatlicher Seite ihr Recht darauf garantieren, sich kaputt zu machen? Warum magersüchtige  Mädchen nicht sich unter ärztlicher Aufsicht zu Tode hungern lassen? Oder wie wäre es mit Ritzen oder sonstiger Selbstverletzung unter Zurverfügungstellung schöner steriler Skalpelle? Ist doch schließlich auch stigmatisierend, all solche Leute als krank zu behandeln und ihnen therapeutische Hilfe anzubieten, oder?

nicole

07. März 2009, 12:47

@ sansibar: erklären Sie mir doch mal, was die "Identität" eines Menschen mit Querschnittslähmung ist? Anders als das Geschlecht, da Sexualität ein so zentraler Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit ist - kein Missverständnis, ich behaupte nicht, dass sie festgelegt oder gar biologisch determiniert ist. Aber wenn ich nicht querschnittsgelähmt bin, und dann zum Beispiel nach einem Unfall querschnittgelähmt - hat sich dann meine Identität geändert? Bin ich dann ein anderer Mensch? Und Sie, in Deutschland, was hätten SIe denn mit einem Querschnittsgelähmten in  einem abgelgenen, rückständigen Dorf z.B. in irgendeinem afrikanischen Land zu tun? Und fals sie es noch nicht begriffen haben: jemanden als "krank" einzustufen, ist keine Stigmatisierung, um Gottes Willen! Wenn ich das Bedürfnis habe, mich selbst zu ritzen, wenn ich magersüchtig bin,... - dann bin ich krank und benötige Hilfe. Vielleicht will ich diese Hilfe nicht, sehe mich selbst nicht als krank  -  aber das ist dann wieder eine andere Sache und kann übrigens Teil der psychischen Störung sein, wie es ja z.B. auch Merkmal einer Sucht ist, sich erstmal nicht süchtig zu fühlen, bzw. zu leugnen. Oder vielleicht treffe ich ganz bewusst die Entscheidung, mich kaputt zu machen, und will deshalb keine Hilfe. Aber hören Sie doch auf mit diesem Stigmatisierungsgefasel!. Und übrigens, bevor sie mich als jemanden abtun, der keine Ahnung hat: ich bin seit einem schweren Verkehrsunfall als Kind auch behindert und freue mich des Lebens. Aber die Behinderung macht nicht meine Identität aus (auch wenn sie mich natürlich prägt), und ich kenne keinen Behinderten, bei dem sie das tut, im Gegenteil, wir alle würden uns entschieden dagegen verwehren, über bestimmte körperliche Merkmale definiert zu werden. Schließlich ist es ja auch nicht meine Identität, braune Augen u haben oder eine Brille zu tragen. Und das bringt mich wieder zu meiner Anfangsfrage an Sie zurück...

Außerdem, wenn Sie sich sehnlichst wünschen, querschnittsgelähmt zu sein, warum gehen Sie dann nicht einfach das Risiko ein und stürzen sich vor ein Auto oder von einem nicht allzu hohen Gebäude?! Der Kontrolverlust gehört nämlich auch zu einer Behinderung. Aber dazu sind Sie dann wohl doch zu sehr in einer gewissen Identität verwurzelt: der des stets auf Sicherheit bedachten deutschen Bürgers...

Ilja Ruhl

07. März 2009, 12:52

Hallo Sansibar,

schade, dass Sie meine Begrifflichkeit "reflexartig" nicht als selbstkritische Haltung erkannt haben.

Reflexartig steigen Sie stattdessen auf die antipsychiatrische Schiene auf (weil Sie in mir einen Psychiater vermuten), bleiben m.E. darin aber nicht stringent.  Wenn BIID nicht als Krankheit definiert wird, dann ist doch zu befürchten dass die Betroffenen alle medizinischen Folgekosten selbst zu zahlen hätten. Die antipsychiatrische Haltung, "es gibt keine psychischen Erkrankungen bzw. Störungen im medizinischen Sinne" lässt sich im Falle von BIID kaum durchhalten, möchte man an den medizinischen Hilfen partizipieren. Diese Partizipation lehnen die antipsychiatriebewegten Menschen doch gerade ab. Übrigens hätten Sie durch einen Blick auf die oben genannte Homepage  sehen können dass ich der Profession, mit deren Angehörigen Sie nicht mehr sprechen, nicht angehöre.

Vielmehr habe ich versucht, das "Problem" aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, ohne den Anspruch, bereits eine Lösung gefunden zu haben.

Ilja Ruhl

07. März 2009, 12:55

http://www.gemeindepsychiatrie.info

Asche auf mein Haupt, das ich versehentlich "mit fremden Federn" geschmückt habe. Meine Homepage hat nicht die Endung .de sondern info. Ich bitte um Entschuldigung.

Sansibar oder der letzte Grund

07. März 2009, 15:19

Jo, ich finde es gut, dass es so viele chrstlich denkende Menschen gibt, die den Körper geschützt sehen wollen und das auch dann, wenn dieser Schutzbedarf in begründeten Fällen gar nicht besteht. Und was begründet ist, das sollen bitte die Psychos entscheiden. Das Prinzip der Freiheit des Einzelnen hatt ja schon S. Freud nicht so ganz verstanden und es wurde in der -Monarchie auch nicht ganz so hoch gehalten.

Identität bezieht sich im Zusammenhang mit „BIID“ nicht auf eine Behinderung, sondern den Zustand des Körpers, den die Gesellschaft als Behinderung bezeichnet.

Das Label Behinderung (querschnittgelähmt zu sein wird als eine Behinderung gesellschaftlich begriffen), das darf künstlich nicht hergestellt werden weil gesellschaftlich eine Behinderung dem medizinischen Modell von Behinderung folgend eben als schadhafter und defizitärer Zustand begriffen wird. Aber das kann eben auch ander zu sehen sein und da beginnt dann die politische Diskussion.

Bei BIID geht es darum, z.B. bei dem Wunsch nach einer Querschnittlähmung, den Zustand „kein Gefühl“, keine „willkürliche Bewegungsfähigkeit“ im Unterkrörper zu erreichen. D.h. es soll der Körper der im Kopf vorhandene Realität über den Zustand des eigenen Körpers angepasst werden. Mir ist klar, dass das für Personen, die in diesem Zustand nicht leben, kaum oder gar nicht nachvollziehbar ist.

Es geht natürlich nicht darum, etwas zu erreichen, was die Gesellschaft eine Behinderung nennt, auch wenn die in rechtlicher sozialer und politischer Hinsicht eintritt. Von daheher ist es politisch durchaus fraglich, ob in einem solchen Zusammenhang von einer Selbstverletzung geschrieben werden kann. Ich glaube das nicht und der Vergleich mit Verletzungen aus anderen Gründen hinkt, da die genannten Ursachen eben nicht die Ursachen sind für den Wunsch nach einer freiwilligen Amputation.

„Der Kontrolverlust gehört nämlich auch zu einer Behinderung. “

Das lese ich zum ersten mal. Könnten Sie das bitte näher erläutern?

Lieber Herr Ruhl,

Sie brauchen sich wegen der falschen URL nicht zu entschuldigen. Schade, dass ich erst jetzt weiß, dass Sie kein Psycho sind. Aber dann brauchen Sie sich ja von dem auch nichts zu herzen zu nehmen was ich geschrieben habe.

“Wenn BIID nicht als Krankheit definiert wird, dann ist doch zu befürchten dass die Betroffenen alle medizinischen Folgekosten selbst zu zahlen hätten.”

M.E. nicht. Die Behandlungskosten müssen zuerst selbst bezahlt werden, bzw sollten durch die Sozialhilfe getragen werden. Das Ergebnis ist eine Behinderung und das Vorliegen einer Behinderung unabhängig von ihrer Ursache berechtigt zu Leistungen und Unterstützungen aus dem Rehabilitationsrecht. Das soll nicht heißen, dass hier grundsätzlich solche Leistungen abgefragt werden sollen.

Nun, ich sehe die ärztliche Hilfe im Sinne einer schönheitschirurgischen Dienstleistung und nicht als originäre Leistung eines Arztes im Sinne einer Heilleistung. Man muß ja nicht alle Meinungen übernehmen, wenn man einer Idee wie der der Antipsychiatriebewegung lediglich nur nahe steht.

Sansibar oder...

07. März 2009, 15:32

Nicole schrieb:

“erklären Sie mir doch mal, was die "Identität" eines Menschen mit Querschnittslähmung ist? Anders als das Geschlecht, da Sexualität ein so zentraler Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit ist - kein Missverständnis, ich behaupte nicht, dass sie festgelegt oder gar biologisch determiniert ist. Aber wenn ich nicht querschnittsgelähmt bin, und dann zum Beispiel nach einem Unfall querschnittgelähmt - hat sich dann meine Identität geändert? Bin ich dann ein anderer Mensch? Und Sie, in Deutschland, was hätten SIe denn mit einem Querschnittsgelähmten in einem abgelgenen, rückständigen Dorf z.B. in irgendeinem afrikanischen Land zu tun?”

Ich bezeichne in diesem Zusammenhang “Identität” als Begriff für die reflektierte Wahrnehungen aller meiner Lebensvollzüge. Äh, Moment mal, was habe ich da geschrieben?  Also, wenn ich von A nach B reise, dann unternehme ich die Reise als Fußgänger. Aber ich denke mir seit meinem 8. Lebensjahr, dass ich diese Reise lieber als Mensch mit einer Querschnittlähmung unternehmen würde. Ich weiß aus Erfahrung, wie man Züge als Rollifahrer benutzt. Ich kenne die Probleme, die sich ggf. daraus ergeben können für mich und eventuelle Begleiter. Dabei spielt meine körperliche Erfahrungswelt eine wichtige Rolle, die so angelegt ist, dass ich meinen Unterkörper nicht mehr spüren will und zudem die mir uneingeschränkt zur Verfügung stehenden motroischen Funktionen eben nicht haben will. Das heißt aber nicht, dass ich das werden will, was die Gesellschaft als “Behinderter” bezeichnet. Sondern, um es noch einmal zu schreiben, ich will mein Leben so führen dürfen und können, wie es meiner nur im Kopf befindlichen sunjektiven Erfahrungswelt entspricht. Das verstehe ich unter einer Identität als Mensch, der eine Querschnittlähmung will.

Tobias

08. März 2009, 13:18

In Bezug auf die Abhandlung über die Website BIID-DACH.org und der dabei in den Raum gestellten Möglichkeit, daß es sich um ein Werkzeug »zur Patienten-Akquise« handeln könnte, stellt sich die Frage ob dem Blogger bei seiner Recherche (?) in den Sinn gekommen sein könnte, daß es aus ganz bestimmten Gründen problematisch sein mag, wenn ein oder mehrere BIID-Betroffene sich mit Namen und Adresse dort eingetragen hätten?

Was nutzt einem der umsichtige Umgang mit diesem an sich bereits schwierigem Thema, in Interaktion mit Nicht-Betroffenen wie der »Gesellschaft« ja noch viel mehr, wenn journalistische Beiträge aufgrund schlechter Recherche oder – auch das gibt es leider in »unserer Mediengesellschaft« – schierer Sensationslust jegliche Seriösität bereits zu Beginn zu torpedieren imstande sind?

Dieses hier ist zwar »nur« ein Blog. Aber eines unter dem Segel einer seriösen deutschen Tageszeitung. Da läuft man schnell Gefahr, mit Blog-Einträgen wie diesem das wichtigste Gut dieser Institution zu unterminieren.

Sansibar oder der letzte Grund

08. März 2009, 18:13

Hm. Also ich denke, dass Tolmein schon weiß was Selbsthilfe ist. Auch ich vermisse letztendlich jeden typischen Hinweis auf eine seriöse Selbsthilfeorganisation. Bisher waren das immer Vereine, die eine der demokratischen Grundverfassung hier entsprochen haben. Als "Betroffener" habe ich übrigens rein gar nichts von dem gefunden, was mich und andere mir bekannte Personen mit der gleichen Problematik könnte weiterbringen. Dort stehen ohne Nachweis Behauptungen, die mir als "Betroffener" u.U. sogar schaden könnten. Unter Selbsthilfe verstehen hier, so glaube ich zu wissen, Alle etwas anderes. Eine gute Seite, wo man etwas über Selbsthilfe lernen kann, ist www.kobinet-nachrichten.org. Aber die von Tolmein genannte Website kann ich als Betroffener nur als etwas misslungene Aufforderung begreifen, einen Psycho oder eine PsychoIn (gibt es das Wort, heute ist Weltfrauentag) zu besuchen.

Phil

08. März 2009, 23:45

http://www.biid-dach.org

Sehr geehrter Herr Dr. Tolmein,

Herr Professor Dr. Kasten hat sich (gratis) zur Verfügung gestellt, nach außen als Betreiber der Website aufzutreten, damit die Betroffenen, die die Seite tatsächlich ganz allein gestalten, anonym bleiben können. Vielleicht können Sie aus Ihrer juristischen Fachkenntnis uns helfen, auf optimale Weise anonym und doch hilfreich zu wirken.

Auch der von Ihnen zitierte Text stammt ausschließlich von Menschen mit BIID. Herr Prof. Dr. Kasten ist zwar damit einverstanden, hat aber keinen Einfluss auf die Formulierung und den Inhalt gehabt.

Ihre Unterstellung, Herr Prof. Dr. Kasten wolle möglicherweise Patienten anziehen, halte ich für eine unangebrachte Unterstellung, die ich von Ihnen nicht erwartet hätte. Sie hätten ja auch einfach mal Prof. Dr. Kasten fragen oder ein Mail an die auf www.biid-dach.org angegebene Email-Adresse schicken können.

Ab morgen wird im Impressum klargestellt, dass Prof. Dr. Kasten nur der leider für rechtliche Zwecke notwendige Website-Verantwortliche ist, als Treuhänder der Selbsthilfegruppe sozusagen.

Auf der Tagung in Frankfurt wurde niemand stigmatisiert. Wer nicht dort war und die Vorträge und insbesondere die sehr offene Diskussion nicht gehört hat, sollte sich mit solchen Vorwürfen zurückhalten. Denn genau die Frage wurde mehrmals in Frankfurt behandelt: ob man überhaupt neurologische und psychologische Erkenntnisse und Therapieversuche braucht oder die Betroffenen einfach frei sein sollten, sich zur Operation zu entscheiden.

Der von Ihnen erwähnte Neurologe Prof. Dr. Singer hält es übrigens durchaus für wahrscheinlich - bei aller Unsicherheit der Forschungslage -, dass eine so lang, so intensiv bestehende Erscheinung nicht zum Verschwinden gebracht werden kann und dass also für einige Betroffene vermutlich nur die Operation ein besseres Leben bringt. Alles unter der Einschränkung, dass man eben noch zu wenig weiß.

Viele Grüße

Phil B.

Erich Spannaus

09. März 2009, 17:49

http://keine

@Tobias

Ich vestehe diese Kritik sehr gut, unter einer Selbsthilfe verstehe ich eben "Selbst" Hilfe. Und nicht die Interessen von Psychologen, Ärzten und Co.

Oliver Tolmein

09. März 2009, 18:06

Tobias und Phil, Danke für die Klarstellung, die mir aber auch erforderlich scheint, denn der Eindruck war - für mich als unbefangenen Leser - merkwürdig. Zur Frankfurter Tagung habe ich Stimmen wiedergegeben - ich war nicht dort, war aber fürs Panel vorgesehen und wäre auch hingegangen, wenn mir nicht etwas berufliches dazwischen gekommen wäre. Wichtig ist mir, dass versucht wird mit Offenheit an die Lage heranzugehen und nicht einen Königsweg zu proklamieren (Königswege sind in bioethischen Fragen meistens Sackgassen). Professor Dr. Kasten, den ich nicht kenne, habe ich gar nichts unterstellt, sondern Überlegungen erwähnt, die mir in den Kopf kamen und zu mehr Transparenz aufgefordert, die jetzt ja erfreulicherweise da ist.....

Gerne bald mehr dazu (und wegen der Homepage können wir an anderer Stelle gerne Überlegungen anstellen, ich bin da über die Kanzlei ja gut erreichbar).

Sansibar oder der letzte Grund

09. März 2009, 18:21

Nicht stigmatisiert? Nicht diskriminiert? Das mag dem Wortlaut nach so zu verstehen sein. Es ging und es geht aber um die Gesamtumstände, unter denen in Deutschland dieses Thema (bewußt?) durch Ärzte lanziert worden ist und es geht um das durchaus berechtigte Interesse von Wissenschaftlern (Psychologen) ihrer Aufgabe nachzukommen, nämlich menschliches Verhalten zu erforschen. Das stellt tatsächlich keine Stigmatisierung da und wird von der Gesellschaft erwartet.

Der Grad auf dem aber diese Gruppe wandert ist sehr schmal und da kann man ohne Medienerfahrung und Medienkenntnisse leicht abstürzen. Das ist leider passiert. Die Gazetten belegen es.

Abschließend: Neuerdings wird BIID im Bereich der Zwangserkrankungen diskutiert. Im Oktober gibt es einen neuen Kongress, u.a. zum Thema BIID. Diesmal ist schon klarer wo der Hase langläuft. War schon beim Sex im Zusammenhang mit BIID nichts zu holen und fanden sich kaum verwertbare sogenannte Korrelate, so muß es doch jetzt ein Zwang sein. Wer den DSM-Eintrag aber bis zu seinem Ende mit seinen Anhängen zum Thema Zwang liest, der wird leicht feststellen, dass auch Zwang nicht zutrifft. Aber die im Internet und somit öffentlich geführte Diskussion geht weiter. Sie besagt, eine Krankheit machen wir noch daraus und das ist das, was man als Stigmatisierung in der Psychologie und Psychiatrie bezeichnet. Der Link verweist auf einen Kongress in München, der sich mit "krankhaften" Zwängen befasst, auch dort trritt die ach so nette Frauenriege wieder auf:

www.zwaenge.de/Tagung_2009_Vorp.pdf

Der auf der Website biid-dach abgebildete Ansatz ist gut gemeint aber auf einem Niveau realisiert, das man nur als kindlich bezeichnen kann. Der sprachliche Duktus ist m.E. herablassend. Offensichtlich kann man sich dann so darstellen, wenn einem nahegelgt zu sein scheint, die Psychiatrie nötig zu haben. Das ist dann das Ergebnis von Stigmatisierung. Aber soweit haben weder an dieser öffentlich geführten Diskussion die Ärzte gedacht noch die wenigen "Betroffenen". Klar im Dunstkreis von "Abartigkeit" "unethischem Denken" "Selbstverstümmelung" da kann man Logik, Anstand, politisches Fingerspitzengefühl und Weitsicht natürlich vergessen. So etwas gab es in DE schon mal zwischen 1933 und 1945, nur da betraf es Milionen, jetzt nur 8000 Menschen.

Gaitis

12. März 2009, 22:50

http://www.biid-dach.org

Lieber Sansibar,

Du schreibst immer nur von Stigmatisierung, Psychos, gelegentlich auch schon einmal von Hexenverfolgung und viele andere nicht zielführende Dinge. Mit dieser Wortwahl und diesem Ton bringst Du nur Zwietracht in die kleine Anzahl Betroffener und zwingst uns durch Beschimpfungen von uns wohlgesonnenen Fachleuten zu mancher wortakrobatischer Übung.

Du schreibst am 6. März, dass Du beklagst, dass Deiner Meinung nach führende Wissenschaftler nicht zum Kongress eingeladen worden waren. Ich hatte Dich bereits im Dez./Jan. darum gebeten, Dich einzubringen und 'Deine' Experten mit ins Boot zu holen, damit die Veranstaltung mit so guten und wichtigen Leuten wie möglich besetzt wird. Aber Du hast ja nur Deinen Hass auf alles, was 'Psycho...' in seiner Berufsbezeichnung trägt und jegliche Zusammenarbeit kategorisch abgelehnt und zusätzlich noch zum Boykott aufgerufen.

Dass diesem Boykottaufruf nicht viele gefolgt sind, fand ich sehr gut. Auch ich war auf dem Kongress und ich kann Phil und Tobias zu 100 % in ihrer Einschätzung beipflichten. Alle anwesenden Psychologen haben bestätigt, dass BIID an sich keine Krankheit ist, sondern eine - aus welchen Gründen auch immer herrührende - Störung des Körperempfindens, die in dem Satz 'mit nur einem Bein [einem Arm, einer Lähmung, ...] bin ich endlich vollständig' eine wunderschöne Beschreibung erfährt.

Selbstverständlich sind auch jetzt Ethiker, Juristen und Hirnforscher mit im Boot, die - jeder aus seiner Sichtweise - an einer Erklärung und an einer möglichen Therapie von BIID arbeiten. Und alle beteiligten Verantwortlichen hatten die 'elektive Amputation' als eine mögliche Therapieform genannt. Dass diese in der heutigen deutschen Gesellschaft nicht ohne Weiteres einfach umzusetzen ist, ist eine Herausforderung, der sich auch die im Herbst 2008 gebildete BIID-Kommission annimmt.

Ich weiß auch nicht, wo Du den Vergleich mit 'Zwangserkrankung' herholst. Weder Kasten noch Stirn noch Brugger noch First konnten irgend einen Zusammenhang von BIID mit bekannten psychischen Krankheiten herstellen. Das macht es für sie natürlich schwerer als wäre BIID z.B. eine Form der Schizophrenie (was sie natürlich nicht ist). Daher kommen aber die Schwierigkeiten, wie man eine Behandlung durchführen soll, wenn sich BIID als 'nicht therapierbar' im klassischen Sinne herausstellt (wofür es viele Datenpunkte gibt). Wenn es aber keine Krankheit ist (und BIID ist im eigentlichen Sinne keine), dann DARF natürlich auch kein Arzt operieren. Daher muss an einem DSM-Eintrag gearbeitet werden, nicht um uns zu Kranken zu erklären und nicht um den Psychos Aufträge zu schaffen, sondern um uns wirkungsvoll zu behandeln.

Um nochmals auf Stigmatisierung zurückzukommen: Keiner wurde auf dem Kongress stigmatisiert. Nicht von den 'Psychos', nicht von den Ärzten und nicht vom interessierten nicht-betroffenen Publikum. Und keiner der auf biid-dach teilnehmenden Betroffenen fühlt sich stigmatisiert, von wem denn auch? Was auf unserer Homepage steht, wurde von Betroffenen geschrieben und entspringt dem Gefühl und dem Bewusstsein, BIID zu haben. Wenn Du es besser und schöner schreiben kannst, dann fühle Dich frei, die Zeilen zu verschönern.

Und, mit Verlaub, der Vergleich mit 1933-1945 Deines letzten Beitrags ist so etwas von schwachsinnig, dass ich darauf nicht mehr eingehen muss...

Gaitis

12. März 2009, 23:19

http://www.biid-dach.org

Lieber Sansibar,

vielleicht solltest Du wissen, dass die drei Frankfurter Wissenschaftlerinnen sich nicht nur mit BIID befassen, sondern sich intensiv z.B. um Patienten mit Waschzwang kümmern. Dies ist eine Zwangserkrankung und warum sollten die drei nicht auf den Kongress, der ihr "Gebiet" betrifft, fahren? Dass BIID keine Zwangserkrankung ist, hat Frau Thiel in ihrem Vortrag in Frankfurt berichtet. Sie wird das Gleiche auf ihrem Poster tun (denn nur diese Auswertung wird den experimentellen Ergebnissen gerecht) und somit in der Fachgemeinde den vielleicht irgendwo angeschlagenen Ton, BIID sei eine Zwangserkrankung, den Wind aus den Segeln nehmen.

Sansibar...

13. März 2009, 10:37

Sie sollten zuerst einmal nachlesen was Stigmatisierung bedeutet. Ich denke nicht, dass sie davor geschützt sind. Der Boykottaufruf war sehr erfolgreich, dass Ihnen das entgangen ist, kann ich nicht verstehen. Arnd Pollmann war nicht eingeladen und er hat eine der wohl wichtigsten Beiträge in der letzten Zeit zu diesem Thema geschrieben. Auch Schramme, der in UK lehrt, war nicht eingeladen. Dann hätte man noch Frau Prof Schöne-Seife einladen können, aber deren medizinethische Grundhaltung passt sicher nicht zur Psychiatrie.

Richtig, einige Psychos halten "BIID" nicht für eine Krankheit, fühlen sich aber zustaändig und entwickeln eine rectsunverbindliche "Behandlungsstrategie" für diverse Fachgesellschaften. Da fragt man sich doch, ob Psychos hier im Sandkasten spielen, oder ob Sie nicht ganz begriffen haben, was die Aufgabe von klinischen Psychologen und Psychiatern ist. Aber das blenden Sie aus Ihrer Realitätswahrnehmung lieber aus.

Die Mehrheit der Beteiligten ist der Meinung, dass BIID lediglich als Forschungsgegenstand in diesen Bereich gehören könnte, dass aber die Frage, wie man mit dem Anspruch auf eine freiwillige Amputation umgehen sollte, eine gesellschaftliche Frage ist, so wie die schwierige Frage nach der Sterbehilfe, der notwendigen Unterstützung der Palliativmedizin und all der anderen schwierigen Fragen die die Medizin der Gesellschaft so aufgedrängt hat.

Wer einen irrationalen Waschzwang in Verbindung mit "BIID" bringt, der muß sich schon die Frage gefallen lassen, ob er das Problem tatsächlich erkannt hat. Diese Erkenntnis spreche ich den der psachiatrischen Frauenriege ab. Die Veröffentlichungen belegen dies m.E.

Die Bias DSM Eintrag und legale Amputation ist Ihre These, die, wie Sie wissen von mir als falsch zurückgewiesen wird. Die Argumente zur Auslegung des § 228 lassen auch eine andere Lösung des Problems zu, wenn man sich an den wenigen Veröffentlichungen der herrschenden Lehre orientiert. Dass zahlreiche Vertreter der juristischen Lehrmeinung das anders sehen, sei hier auch erwähnt.

Wer so wenig Gespür für soziale Sachverhalte hat wie Sie und eine "Nichtkrankheit" in ein für die Versicherungswirtschaft maßgebliches Verzeichnis für psychische Krankheiten eintragen lassen will, der muß erst noch beweisen, dass seine übrigen Thesen Hand und Fuß haben. Es sei denn, Sie gehen von einem Verfallsdatum für "BIID" aus, so wie im Bereich Homosexualität und später die Transsexualität, die ebenfalls jedenwals vom EUgh schon nicht mehr als Krankheit akzeptiert wird. In den Foren der intesexuellen und transsexuellen Menschen, die sich mit den politischen und sozialen Implekationen der beiden Tatbestände befassen, können Sie leicht erkennen, dass hier schon zur Jahrhundertwende ein massives Umdenken eingesetzt hat.

Neben bei bemerkt, ich hoffe, dass Sie an dem Kongress als mein Antipode in München teilnehmen. Ich jedenfalls habe nirgendswo der Frauenriege das Recht abgesprochen an diesem Kongress teilzunehmen. Ich weise nur darauf hin, wie in der Öffentlichkeit von dieser Gruppe u.a. BIID betrachtet wird, denn auch die bekommen für wissenschaftlichen Unfug kein Geld (sie bezahlen die Fahrt ja nicht selbst).

Weder die Gruppe in Norderstedt noch die Gruppe in Köln ist an einer Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Psychologen oder Psychiatern interessiert und ich werde meine Kenntnisse und Erkenntnisse an niemanden weitergeben. Uns geht es ausschließlich um eine Realisierung.

Abschließend rate ich dringend zum besuch einer größeren Bibliothek. Dort finden sich Bücher zum Thema Stigmatisierung u.a. von einem US-amerikanischen Soziologen namens Erving Goffman. Dessen Thesen könen wir nach Kenntnisnahme bezüglich BIID sicher hier oder an einem anderen Ort mal diskutieren.

Ob allerdings die Gesellschaft für Psychiatrie in den USA eine Krankheit in ein zwar immer mehr umstritteneres Buch (siehe die britischen Kritikpunkte am DSM und die Teilfinanzierung durch die Pharmaindustrie) eintragen wird, das darf doch bezweifelt werden in Anbetracht der Tatsache, dass der ganz überwiegende Teil der sogenennaten Betroffenen gar keine Hilfe beim Psycho sucht und somit das Potential für Menschenversuche der Psychos nicht ausreicht aber auch nur annähernd statistisch wissenschaftlich haltbare Aussagen zu treffen.

Peter Hagenbecht

14. März 2009, 00:17

Nicole schrieb: "Wenn sie sich eine Behinderung (ich benutze jetzt diesen Begriff mal der Einfachheit halber), dann sollen sie doch bitte genug Mumm haben, sich selbst zu verstümmeln oder es einfach drauf ankommen zu lassen, z.B. im Straßenverkehr - da habe ich mir meine Behinderung zugezogen. Dann haben sie das richtige, das echte Erlebnis: Schock, Verlust der Kontrolle, Lebensgefahr, etc., alles eben, was so dazu gehört, wenn man durch einen Unfall oder eine Krankheit körperlich behindert wird -  von den Menschen, die bereits mit einer schweren Behinderung geboren werden, ganz zu schweigen. Aber nein, sie wollen alles schön sauber und ordentlich und geregelt, diese erbärmlichen Jammerlappen!! Medizinische Eingriffe, alles schön unter Kontrolle, womöglich auch noch von den Krankenkassen bezahlt, zu fordern - wie jämmerlich und feige!!"

Ich finde auch, dass das Nacheifern oder gar Anstreben einer Behinderung und das Erleben dann viele eine normale Behinderung ausmachenden, dramatischen, belastenden Elemente umgeht, wenn "alles unter Kontrolle" sein soll. Und weder bei mir noch bei bekannten Behinderten zahl(t)en die Kassen alles, das Geschrei nach Kassendeckung gerade aus der BIID-Gruppe stört mich sehr.

BIID ist ausserdem keine Krankheit sondern ein Geisteszustand, der genauso wenig medizinisch behandelt werden muss wie der tiefe Wunsch, ein Ritter an König Arthurs Hof zu sein.

Sansibar oder der letzte Grund

15. März 2009, 16:13

Tja, nur dass der Ritter nicht zum Ritter werden kann aber Trockeneis und weniger ethisch vertretbare Realisationen möglich sind. Der Mensch hat ja nicht nur einen Erhaltungstrieb sondern auch die Intelligenz, Identität zu leben. D.h. für BIID, in Deutschland wird es so bleiben wie es immer war: Die Personen, die nicht aus Sexsucht ihren Körper verändern wollen, werden es tun. Dass das die Gesellschaft mehr kostet, das wurde bisher ja in Kauf genommen. Die Psychos glaubten vermutlich, in dem sie das Problem an die deutsche Presse vermarkten, würde es bekannter werden und die Zahl von realisierten Personen sinken. Das war einer der falschen Gedanken. Nun haben alle Pech: Die Wissenschaftler bekommen nicht genug "Forschungsmaterial", dank eines Professors namens Erich Kasten haben alle Personen mit BIID ein Sexproblem und in den Foren wird über die deutschen Forscher und die Menschen mit BIID im übertragenen Sinne Gülle ausgegossen. Politisch würde man soetwas als Supergau bezeichnen. Aber wer denkt in diesem Bereich noch politisch? In soweit sind wird bezüglich dieses Themas gar nicht weit weg vom Mittelalter.

Gaitis

17. März 2009, 23:03

http://www.biid-dach.org

Lieber Saturn,

was ist denn daran ein Super-GAU, wenn für eine Vielzahl von Betroffenen BIID auch eine sexuelle Komponente hat? Erich Kasten hat viele (und nicht nur neun, wie in seinem Vortrag zu hören war) BIIDler befragt und etliche hatten eine sexuelle Komponente, die zu 'ihrem' BIID gehört, genannt. Dies deckt sich übrigens mit den Erkenntnissen von Michael First. Auch hier war die sexuelle Komponente für zwei Drittel der Befragten ein wesentliches Kriterium. Das zu verheimlichen, nur um die Bevölkerung nicht gegen uns aufzubringen, hielte ich für zu kurz gegriffen und daher nicht ratsam. Wenn die Menschen hier in Deutschland über BIID informiert werden, dann gehört diese sexuelle Komponente genauso zum Erscheinungsbild von BIID wie das Pretenden oder die Selbstverstümmelungsversuche mit Kettensäge o.ä. Die Menschen, die BIID (nur) wegen der sexuellen Komponente ablehnen, können uns m.E. gestohlen bleiben.

Und noch eine Richtigstellung ist hier angebracht: Kein 'Psycho' vermarktet hier irgendwelche Patienten, Interviewpartner oder Erkenntnisse an die Presse. Es ist eher so, dass die Kolleginnen in Frankfurt hunderte von Presseanfragen erhalten, von denen sie selbst viele 'aussieben', da sie lediglich reißerische Yellow Press-Rcherchen dahinter vermuten. Nur Anfragen wirklich seriöser Journalisten werden an Betroffene weitergeleitet, die allesamt selber darüber bestimmen, ob sie für ein Interview/eine Fernsehdoku... zur Verfügung stehen. Und alle Betroffene machen nur dann mit, wenn von vornherein gewährleistet ist, dass sie den Artikel vor Drucklegung zu lesen und zu kommentieren bekommen. Und das ist auch richtig so.

Sansibar oder der letzte Grund

18. März 2009, 10:22

Niemand, der tatsächlich BIID hat, hat sich in Deutschland auf Grund der von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Psychiatrierechtslage bei einem Psychiater jemals geoutet. Dort waren bisher ausschließlich Personen, die eine Erkrankung haben, die man Apotemnophilie nennt. Diese Personengruppe macht nach Angaben von Michael First 15 % der von ihm untersuchten 52 Personen aus. Beleg:

Michael First. Desire for amputation of a limb: paraphilia, psychosis, or a new type of identity disorder. Psychol Med. 2005 Jun;35(6):919-28.

Als PDF: www.biid.org/bladerunner.pdf

D.h. Personen mit Apotemnophilie werden selbst durch den Psychiater First nicht als mit dem angeblichen Makel "BIID" beschrieben. Für diese Personengruppe gibt es, wenn sie sich behandeln lassen will, Psychptherapie. Personen mit Apotemnophelie leiden unter ihrem sexuellen Zwang. Darin unterscheiden sie sich von Personen mit "BIID", die nicht mit einer anderen Identität leben, als der Zustand ihres Körpers tatsächlich ist. Die angelsächsische Literatur und öffentliche Diskussion pro und contra freiwillige Amputation bezieht sich ausschließlich auf Personen, deren Ursache für den Wunsch nach einer Amputation keine sexuelle Grundlage hat.

Auch der Definitionsansatz von Christopher Ryan unterscheidet deutlich zwischen einer von der Psychologie so genannten sexuellen Abartigkeit und BIID. Christopher Rayn weist richtig darauf hin, dass 15 % der Fälle gar nicht in das BIID Konzept passen und legt mit dem Hinweis darauf, dass es andere DSM Erklärungen für Amputationswünsche gibt, auch nicht so wie "BIID" Betroffene behandelt werden sollten. Beleg: www.springerlink.com/.../fulltext.pdf

Die Tatsache, dass diese angelsächsischen Thesen und Hypothesen in Deutschland entweder entstellt oder gar nicht veröffentlicht werden, ist der ethischen Grundeinstellung zu verdanken, die die derzeit an der öffentlichen Diskussion beteiligten vertreten.

Während Dr. Robert Smith und andere in UK in Zusammenarbeit mit dem NHS (Britisches Gesundheitssystem) nach Wegen suchen, den Personen zu helfen, bei denen es keine sexuelle Komponente gibt, kümmert sich hier niemand um eine mögliches Angebot zur Operation.

Nicht zu glauben, dass hier Berufsinteressen mit allen legalen Mitteln vertreten werden, dafür bedarf es sicher einer gewissen unkritischen Haltung gegenüber Berufsgruppen, die einen nicht unerheblichen Teil ihres Einkommens aus dem öffentlichen Gesundheitssektor beziehen.

Die Verknüpfung von "BIID" und Apotemnophilie ist genau der Punkt, den die Journalisten natürlich interessieren, denn wer auf dieser Welt wird sich bei vollem Bewußtsein für eine freiwillige Amputation aussprechen auf der Grundlage einer sexuellen Einstellung, die ich und andere "Betroffene" und Beobachter für in ethischer Hinsicht als Perversion betrachte. So wird man natürlich gerade in Deutschland niemals zu einer Möglichkeit legaler Realisierungen kommen, die, wie oben schon angemerkt, derzeit im Gesundheitssystem ja auch noch nicht einmal angedacht wird.

Es wird Ihnen und deutschen Psychiatern nicht gelingen, die Öffentlichkeit dahingeehnd zu beeinflussen, dass schon allein deshalb, weil es Trittbrettfahrer mit besonderen sexuellen Neigungen im Bereich "BIID" gibt, es aus ethischen Gründen keine legalen Behandlungen geben kann.

Selbst ich lehne aus ethischen Gründen freiwillige Amputationen für Personen ab, bei denen dieser Wunsch ein sexueller Wunsch ist. Dies nicht nur deshalb weil das gesellschaftlich gar nicht durchsetzbar ist, sondern auch ich bin dafür, dass die Gesellschaft den Wert des menschlichen Körpers hoch achten sollte und der "Schutz der Freiheit der Sexualität" ein dann niedrigerer Wert ist.

Wenn Sie hier den Lesern und der Öffentlichkeit nahelegen wollen, dass neun Personen, wovon eine Person mit Herrn Professor Erich Kasten lediglich am Telefon gesprochen hat, ihn aber niemals getroffen hat, eine wissenschaftlich haltbare statistische Größe sei, dann unterschätzen Sie die Intelligenz der Leser dieser Seiten und sogar vieler Leser der Bild-Zeitung wissen, dass ihnen da ein Bär aufgebunden werden soll.

Gaitis

18. März 2009, 21:43

http://www.biid-dach.org

Lieber Sansibar,

ich denke, die 15 % nach Ryan greifen zu kurz. First selbst hat in seinem Vortrag gesagt, dass etwa zwei Drittel seiner Befragten sexuelle Motive als 'eine wesentliche Größe' bei der Beschreibung ihres BIID nannten (siehe auch den von Dir zitierten springerlink-Beitrag). Es gibt hier - wie in vielen anderen Fällen - kein Schwarz/Weiß, sondern eine Mischung verschiedener Einflüsse, so dass vermutlich 'reine' (sexfreie) BIIDler als auch 'reine' Apotemnophile nur höchst selten vertreten sein dürften. Ich denke, dass beide 'Störungen' nur zwei Seiten der gleichen Medaille sind und finde es daher gut, dass die deutschen Psychologen, die sich mit diesem Thema befassen, für ihre Untersuchungen beide 'Störungen' zunächst zusammenfassen.

Die BIID-Kommission hat sich ja schon die Aufgabe gestellt, dass bei BIID eine Differentialdiagnostik notwendig ist, die die verschiedenen Aspekte (es gibt nämlich noch einen dritten, nämlich den Wunsch, behindert zu werden, ohne ein ganz bestimmtes Körperteil loswerden zu wollen und ohne sexuelle Beteiligung) etwas aufdröselt, genauer untersucht und für die verschiedenen Spielarten optimale Behandlungsmethoden erarbeitet.

Erich Kasten hatte in seinem Vortrag so eine Art dreidimensionalen Würfel vorgestellt, der die drei o.g. Aspekte von BIID individuell bewertet und so eine genauere Zusammenfassung von Gruppen verschiedenartig Betroffener zusammenfasst. Diese ließen sich gezielter untersuchen, und auch eine differenzierte Auswertung der Ergebnisse der fMRT-Untersuchungen im Hinblick auf die drei o.g. Aspekte wird sicher weitere Aufklärung bringen.

Die Ausgrenzung der Apotemnophilen von der Gruppe der BIID-Betroffenen halte ich daher derzeit für verfrüht und nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse belegt. Wenn genügend Information zusammengetragen und ausgewertet wurde, dann wird man sicherlich nochmals über eine Einteilung von BIID in Untergruppen nachdenken müssen. Das wird aber sicherlich noch einige Jahre in Anspruch nehmen...

Außerdem bitte ich Dich nochmals (siehe schon unser Mail-Verkehr Dez/Jan), endlich von Deinem hohen Ross zu steigen und nicht so besserwisserisch-herablassend aufzutreten (siehe z.B. das Zitat Bild-Zeitungs-Niveau des letzten Beitrags). So gewinnt man weder Freunde noch Vertrauen noch Achtung in der Gemeinschaft der BIID-Betroffenen!

Sansibar oder der letzte Grund

19. März 2009, 10:26

Es handelt sich nicht um eine Ausgrenzung sondern um die Notwendigkeit, mit einigermaßen nachvollziehbaren Argumenten, bestimmte Bereiche der Öffentlichkeit für Notwendigkeit freiwilliger Amputationen zu sensibilisieren.

Aus Deutschland gibt es kein statistisch belastbares Zahlenmaterial. Von einer kleinen Gruppe von in überwiegend in Bayern und dem Rheinland wohnenden Personen, die katholisch sind und ihre Identität nicht realisieren wollen, zu schließen, dass es sch um eine Krankheit handelt, das ist abenteuerlich. Die Diskussion auf dieser Website haben Sie entweder nicht gelesen oder Ihr Herz hat die nicht nur von mir angeführten Sachargumente nicht aufgenommen. Ich werde mich an diesem geistlosen und wenig intellektuellen Ping-Pong Spiel nicht weiter beteiligen. Das Ziel ist hier eh durch zwei Tatsachen erreicht:

1. Hat Oliver Tolmein auf einen sinnvollen angelsächsischen Beitrag hingewiesen zum Thema BIID

2. Hat die interessierte Öffentlichkeit verstanden, dass die öffentliche Darstellung eines so komplexen Themas durchaus auch daneben gehen kann, wenn Psychologen und Psychiater versuchen, mit diskreditierenden, stigmatisierenden und falschen Argumenten sie zu fangen

3. Die am Jahresende entweder bewußt gesteuerte oder rein zufällig gehäufte Veröffentlichung von persönlich gefärbten Meinungen aus dem Bereich der Psychiatrie und Psychologie hat zu einer längst überfälligen Fraktionenbildung im Bereich BIID geführt

4. Die Glaubwürdigkeit der bisher an dieser Diskussion beteiligten Psychiatern und Psychologen ist angeschlagen.

Die Punkte 1-4 haben sowohl positive als aber auch negative Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Diskussion und die Lösung des sogenannten BIID-Problems.

Was die Sachdarstellung der sexuellen Komponente anbelangt, so ist sie in den beiden Artikeln sehr genau abgebildetet worden und es gibt m.E. nach bisher auch keine Schrift, die die abgebildeten Thesen widerlegt. Dass Sie das anders gerne hätten, ist nicht mein Problem.

Das BIID-Problem hat nun einmal für die Mehrheit der Personen, die legal oder illegal eine Behandlung erhalten haben, nichts mit Sex zu tun. Ich kann verstehen, dass es schwer ist, das zu akzeptieren. Das Gegenteil zu unterstellen, wäre ein weiterer Versuch der Stigmatisierung.

Dass Sie hier versuchen die Arbeit der schreibenden Zunft als Vasallentat (Ihr Hinweis, die Journalisten schreiben nur das was ich will) zu diffamieren, das passt zu Ihrem naiven Hinweis, ich hätte mit Ihnen schon vor derm Erscheinen des oben abgebildeten Artikels etwas zu tun gehabt. Ihre Argumentationsweise ist mir zu platt.

Obwohl sich die postmodern Wissenschaftskritik gewandelt hat, sind die Magazine voll von guten Artikeln über die umstrittenen Ergebnisse und Berechnungen sogenannter Korrelate.

Auch hier sind Sie offensichtlich nicht fähig, kritische Fragen zu stellen oder zuzulassen. Sie wollen, dass Ihre Sicht und Ihre vermutlich negative Einstellung zu Ihrem Problem sich auch auf andere Personen überträgt. Das werden Sie und Ihre Freunde nicht schaffen, denn wir leben bereits im 21. Jahrhundert. Und nun warte ich auf Ihren finalen Beitrag, denn so wie ich Sie einschätze, wird der folgen. Allerdings werde ich den nicht mehr kommentieren.

Gaitis

19. März 2009, 21:36

http://www.biid-dach.org

Ich habe überhaupt keine negative Einstellung zu dem Problem. Du bist es, der andere Meinungen als Deine nicht zulässt. Dass bei der Mehrzahl der BIIDler Sex eine Rolle spielt, scheinst Du einfach auszublenden, denn auch diejenigen bereits realisierten, die ich kenne, haben in der Mehrzahl eine sexuelle Komponente bei BIID, selbst wenn diese nicht unbedingt die ausschlaggebende ist.

Dass die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Problem freiwilliger Amputationen wichtig ist, steht außer Frage. Und es ist noch ein weiter Weg, bis es die erste hier in Deutschland gibt. Ausschlaggebend für diese Verwirklichung kann aber nicht die Bedingung sein, dass es sich dabei nur um Personen handeln muss, deren BIID keinerlei sexuelle Komponente aufweist. Diese Tatsache bewirkt auch keinesfalls eine Stigmatisierung, denn stigmatisiert kann nur derjenige werden, der selbst unsicher und tendenziell depressiv ist. Keiner der mir bekannten deutschsprachigen Psychologen und Ärzte, die sich ernsthaft mit BIID beschäftigen, hat je eine stigmatisierende Äußerung von sich gegeben. Das sind also einfach falsche Tatsachen, die hier behauptet werden und die ich so nicht unkommentiert stehen lassen kann. Du hättest Dich ja selbst in Frankfurt aus erster Hand informieren können, wie aufgeschlossen Roth, Kasten, Stirn, Thiel, Singer, Brugger und die anderen uns gegenüber sind. Stattdessen rufst Du zum Boykott auf - was für ein Unsinn angesichts der kleinen Schar Betroffener, die sich einig sein sollten, wie es weitergeht. Und hier werden Spiegelfechtereien ausgeführt, die einfach nur peinlich sind.

Niemand in der BIID-Gemeinde ist übrigens der Ansicht, dass BIID eine Krankheit ist. Ich weiß nicht, woher Du diese Informationen hast, von mir können sie nicht stammen. Und nicht jeder Rheinländer und nicht jeder Bayer ist katholisch und ich kenne wiederum katholische Rheinländer, die eine OP erhalten haben...

Außerdem ist es unverschämt, die Leute zu tadeln, die ihre Realisierung - aus welchen Gründen auch immer - noch nicht vollzogen haben. Du selbst hast doch wie oft Deinen 'Eingriff' angekündigt...und ist 'was passiert?

Was Deinen Einwurf mit den Journalisten angeht - ich habe mehrere Interviews geführt und die Artikel lagen mir bzw. den 'Kollegen' zum Korrekturlesen vor und waren - von geringfügigen Änderungen zwecks hübscherem Zeilenumbruch beim Setzen einmal abgesehen - genau so in den Zeitungen wiederzufinden.

Ich weiß auch nicht, was der Anwurf mit dem 21. Jahrhundert ständig soll. Wir leben in 2009 und das ist definitiv 21. Jahrhundert. Aber darüber muss man doch nicht streiten.

Genial finde ich übrigens, dass Du das jetzt nicht mehr kommentieren willst - Du hast doch sonst immer das letzte Wort...

Gaitis

19. März 2009, 22:25

http://www.biid-dach.org

Lieber Sansibar,

ich will noch einmal auf Dein vorletztes Posting hier zurückkommen. Ich frage mich, mit welchem Recht Du nur für diejenigen, deren BIID keine sexuelle Komponente hat, eine legale Realisierung durchsetzen willst. Du setzt Dich ungefragt über die Sorgen und Nöte der anderen einfach hinweg und betreibst somit eine Spaltung in 'gut' und 'böse'.

Dass BIID auch eine sexuelle Komponente haben kann, ist den Fachleuten längst bekannt (siehe die vielen dazu erschienenen Artikel) und kann und sollte der Öffentlichkeit nicht verheimlicht werden. Nicht ohne Grund hat auch Michael First in seinem Frankfurter Vortrag die Störung 'Apotemnophilie' als früheren Begriff für die Störung bezeichnet, die später AID und jetzt BIID genannt wird. Somit ist BIID einfach nur der Überbegriff für alles, was mit einem Wunsch nach Behinderung, dem Wunsch nach Entfernen von Gliedmaßen o.ä. zu tun hat, unabhängig nach den 'Motiven' der Betroffenen. Und Michael First ist nun wirklich über jeden Zweifel erhaben ein Fachmann auf dem Gebiet.

Die von Dir geschilderte Ausgrenzung von BIIDlern mit sexueller Komponente hat First in seinem Vortrag ganz bewusst nicht gemacht, viel zu klar ist ihm, dass es eine ganze Bandbreite (siehe mein Beitrag von gestern) von mehr oder weniger stark sexuell gefärbten BIIDlern gibt.

Wenn also Dein Einsatz für eine legale OP Betroffener darum geht, dass man die Öffentlichkeit schonen müsse vor sexuellen Motiven bei der freiwilligen OP, dann wäre es an der Zeit, dass Du das auch einmal klar und deutlich ausdrückst. Nur ist es dafür eigentlich zu spät, siehe die bereits erschienenen Veröffentlichungen und Beiträge. Wir sollten der Öffentlichkeit alle Facetten von BIID zeigen, und nicht nur die Minderheit der 'sexfreien' Betroffenen, selbstverständlich mit dem Risiko, dass der eine oder andere an 'pervers' oder 'Fetisch' oder sonst irgend etwas denkt. Vor 40 Jahren waren Homosexuelle in einer vergleichbaren Lage, und sieh Dir die (sicherlich immer noch verbesserungswürdige) Lage heute einmal an.

Dein Ansinnen erscheint mir also so, als wolle man Homosexualität in der Öffentlichkeit salonfähig machen - aber die Männer dürften sich höchstens küssen, Geschlechtsverkehr wäre aber immer noch verboten...

Wir leben im 21. Jahrhundert, zur Erinnerung

Gaitis

Peter Hagenbecht

28. März 2009, 23:42

Läuft man amputiert durch die Landschaft, fällt einem schon auf, dass es Gegenden gibt, in denen Leute damit ohne grosse Aufhebens umgehen. Mittelmeerländer zum Beispiel. Dazu gehören *nicht* der deutschsprachige Raum, und nicht England und etwas weniger auch die USA. Dort wird damit übertrieben, das Thema heruntergespielt, dramatisiert, ignoriert, oder hysterisch betrachtet. Es ist jedenfalls ein sehr starker Eindruck. Ist dies etwa die Diskussion eines bestimmten Kulturkreises, eine kulturspezifische Manifestation von "irgendetwas", irgendeine Art unverarbeitetes Nachkriegstrauma, zum Beispiel?

Proxifilm

14. Januar 2010, 10:30

Im Mai 2009 erschien in der Zeitschrift MedR ein interessanter Beitrag von Christof Stock mit dem Titel: Ist die Verbesserung des Menschen rechtsmissbräuchlich? Er widmet sich u.a. den Fragen der Einwilligung und des § 288. Die Zusammenfassung seiner Dissertation ist auch hinsichtlich der Rechtsfragen zum Thema Körperveränderung im o.g. Zusammenhang interessant. Google bietet einen Auszug seiner Überlegungen:

books.google.de/books

Sabrina Schwanczar

01. Juni 2010, 00:20

Body Identity Integrity Disorder (BIID)

wird von der Psychoszene als neue STRATEGIE DER MENSCHENRECHTSVERLETZUNG gegen Zwitter eingesetzt.

Wenn Zwitter mit und ohne Ausprägung eines intersexuellen Genitales mit der ihnen aufgezwungenen Geschlechtszuweisung nicht klar kommen wurden sie bisher als sogenannte "Transsexuelle" psychopathologisiert, also verleumdet, denn das Wesen des frei erfundenden Postulats "Transsexualität" ist, dass die sexuelle Identität nur ein psychiatrisches Hirngespinst ist, und nicht - wie seit den 1960er Jahren bekannt - eine körperlich festgelegte Fortpflanzungsvoraussetzung, die es einem menschen überhaupt erst ermöglicht, sich so zu geben, dass ein potentieller Partner sich verlieben kann.

Ohne eine weibliche sexuelle Identität wird keine Frau Freude daran haben, sich als Frau optisch schön zu machen und gar solche unpraktischen Sachen wie Strumpfhosen und Röcke zu tragen. Das geht nur über die Sexualtät.

Eine sexuelle Identität ist unverzichtbare Voraussetzung, dass es zu Fortpflanzungsfähigen Handlungen kommt und somit notwendigerweise körperlich festgelegt, was längst wissenschaftlich gesichert ist.

"Transsexuelle" sind keine "Transsexuellen", sondern Zwitter mit mehr oder wenig starker Ausprägung der Zwittrigkeit.

Es sei schließlich darauf verwiesen, dass Ärzte auch bei als "transsexuell" verleumdeten Personen genauso wie bei Zwittern im Kindesalter ein eindeutiges äußeres Genital durchsetzen, indem sie die Hormontherapie an die "Diagnose" "Transsexualtät" binden und diese wiederum an die Bereitschaft zur Inkaufnahme einer Genital-Operation:

Es heißt in den sogenannten "Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen" www.bernhard-breuer.de/.../StandardsTS.pdf, Zitat:

"Transsexualität ... Dazu gehören ... der Wunsch, durch hormonelle

und chirurgische Maßnahmen soweit als möglich die körperliche Erscheinungsform des Identitätsgeschlechts anzunehmen"

Es heißt ausdrücklich UND - nicht und/oder.

und weiter die Pseudo-"Standards"

"4.1 Indikation zur Hormonbehandlung

Vor der Indikation zur hormonellen Behandlung müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

• Der Therapeut kennt den Patienten in der Regel mindestens seit einem

Jahr.

• Der Therapeut hat die diagnostischen Kriterien überpüft.

• Der Therapeut ist zu dem klinisch begründeten Urteil gekommen, daß bei

dem Patienten die drei genannten Kriterien der Psychotherapie (die innere

Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts und seiner individuellen

Ausgestaltung, die Lebbarkeit der gewünschten Geschlechtsrolle und

die realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen somatischer

Behandlungen) gegeben sind.

• Der Patient hat das Leben in der gewünschten Geschlechtsrolle mindestens

ein Jahr lang kontinuierlich erprobt (sogenannter Alltagstest).

Sind die Voraussetzungen erfüllt, erfolgt die Indikation in Form einer schriftlichen

Stellungnahme"

Der Alltagstest steht dabei im Kontext mit der Einheit aus Hormontherapie mit der Genitaloperation, wie sie sich auch hinter der Formulierung "die innere

Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts und seiner individuellen

Ausgestaltung, die Lebbarkeit der gewünschten Geschlechtsrolle" verbirgt.

Mit psychiatrischen Sprüchen kann man gegen alles und jedes vorgehen und jedes Menschenrecht verletzen. Deshalb ist Psychiatrie auch so gefährlich.

Und die Tatsache, dass es psychotische Stimmenhörer gibt, liefert noch lange keine Rechtertigung für eine derart umfassende und teure Gefährdung der öffentlichen und persönlichen Sicherheit, wie dies durch Psychiatrie geschieht.

Warum sollte ausgerechnet die Psychiatrie, die sich solcher Verbrechen wie Leukotomie, Elektroschocktherapie/Elektroheilkrampftherapie, Hypothalamotomie und die Genitalverstümmelung an Zwittern schuldig gemacht hat und weiter macht, dem Wohl von Menschen dienen wollen.

Psychiatrie will nicht das Wohl von Menschen, sondern die Schädigung.

Das gehört in die juristische Ausbildung.

Sabrina Schwanczar

01. Juni 2010, 00:42

Wenn ich die Äußerungen der PsychoVertreterin Ilja Ruhl vom 07. März 2009, 03:56 zur sogenannten "Transsexualität" lese, wird mir schlecht.

Seit den 1960er Jahren gibt es kontrollierte Studien, die bei vermeintlich "Transsexuellen" signifikant von Kontrollgruppen abweichende körperliche Befunde (insbesondere hormonelle, genetische, polyzystische Ovarien, Spermiogenesestörungen) ergaben und somit nachwiesen, dass sich hinter einer "Transsexualität" nichts anderes als eine Ausprägung von Zwittrigkeit verbirgt.

Ungeachtet aller wissenschaftlichen Erkenntnisse wird in der Gemeindepsychiatrie offensichtlich weiterhin die Psychopathologisierung von Zwittern betrieben.

Vielleicht kann ja Frau Ruhl sich mal dazu äußern, wie man sich das in diesem Umfeld weiter vorstellt. Gibt es dort überhaupt die Bereitschaft, von psychopathologischen Postulaten Abstand zu nehmen, oder will man weiter das Mittelalter zementieren ?

Proxifilm

21. Juli 2010, 19:05

Es darf daon ausgegangen werden, dass die Neurerfindung des angeblich psychischen Problems "BIID" damit in Verbindung steht, dass z.B. Frankreich die Diagnose GID als Psychokrankheit bereits verboten hat und auch das Europäische Parlament darüber nachdenkt, dies zu tun. Mit "BIID" hätten die Psychos eine neue Diagnose mit der man dann auch die Transsexualität wieder pathologisieren könnte (die Lust am Abschneiden von Brüsten oder dem Penis). Immerhin ist einer der führenden Kopfe der BIID Psychohelden Michael First, der eine herausragende Stellung in der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie hat und den aktuellen DSM herausgegeben hat. Auch ihm wird klar geworden sein, dass man Transsexualität nicht weiter als Psychokrankheit ausgeben kann.

In Deutschland gehören die wenigen Befürworter der Pathologisierung von Körperveränderungswünschen nur der akademischen "Mittelklasse" an, die keinen großen Einfluß und weniger Reputation haben. Diese Aglaja Stirn ist eh nur Privatdozentin mit medizinischen Doktor, dafür hat sie versucht eine gute Pressearbeit u machen, die allerdingsöffentlich kaum beachtet worden ist.

Jeglicher Vergleich des Wunschs nach einer Amputation mit Transsexualität ist Hohn und Psyciatriefolklore. Der Vergleich war lediglich als wissenschaftliche Analogie gedacht aus der dann weniger begabte Altfreudianer eine Ähnlichkeit konstruiert haben, die es logischerweise nicht gibt. Das sogannte "BIID-Problem" wurde und wird abseits der Psychiatrie gelöst, so wie es seit Menschen-Gedenken immer gwesen ist. Daran ändert auch das Geschriebsel einer hellblonden Doktorin der Medizin aus Frankfurt/M. nichts.

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