Bundestag: Biopolitiker gehen (und kommen)
29. September 2009, 08:54
Uhr
Biopolitische Themen werden in der 17. Legislaturperiode des
Deutschen Bundestages nicht ganz oben auf der Agenda stehen. Die absehbaren
gesundheits- und sozialpolitischen Initiativen der künftigen schwarz-gelben
Koalition wirken andererseits in diesen Bereich mit einiger Macht hinein. Zudem
könnte sich hier - an der Schnittstelle von Wertefragen und ökonomischer
Interessenpolitik - ein koalitionsinternes Spannungsfeld auftun: In zentralen
biopolitischen Fragen wie Patientenverfügungs-Gesetz, Stammzellforschung oder
Spätabbrüchen von Schwangerschaften standen- auch wenn keine Fraktionsdisziplin
gefordert war - Abgeordnete der CDU/CSU und Politiker der FDP regelmäßig und
wie selbstverständlich in unterschiedlichen Lagern.
Insofern lohnt ein kurzer Blick auf die (eher kleine) Szene
biopolitisch profilierter Politikerinnen und Politiker, die es in den 17.
Deutschen Bundestag geschafft haben - oder auch nicht mehr. Dabei mag man sich sogar
ein wenig fragen, was herauskommen würde, wenn heute die Debatte über das
Patientenverfügungsgesetz neu geführt werden würde: Der Namensgeber für den zum
Gesetz gewordenen Entwurf, der ehemalige Richter und sozialdemokratische
Abgeordnete Joachim Stünker jedenfalls hat seinen
Direktwahlkreis verloren und auch über die neidersächsische Landesliste den
Sprung in den neuen Bundestag nicht geschafft. Das Patientenverfügungsgesetz ist
so unfreiwillig sein politisches Vermächtnis geworden. Auch die mit Stünker in
dieser Frage eng zusammenwirkende Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Irmingard Schewe-Gerigk, die auch in
Fragen des Spätabbruchs der Schwangerschaft gegen jede Form von Wertkonservatismus
angetreten ist, hat es nicht geschafft in den 17. Deutschen Bundestag
einzuziehen. Ihr liberaler Mitstreiter Michael Kauch dagegen sitzt wieder im
Parlament und wird hier sein Engagement für eine weitreichende Deregulierung
gerade auch in biopolitische Fragen intensivieren können. Angesichts der
absehbaren Auseinandersetzungen in der Gesundheitspolitik und den sozialen
Sicherungssystemen wird sich hier ein beachtliches Feld auftun.
Auch maßgebliche Verfechter des zweiten
Patientenverfügungs-Gesetzentwurfes, dersich vor allem gegen die so genannte
Reichweitenbegrenzung und gegen wirksame Unterscheidungen von echten
Patientenverfügungen und nur einem gemutmaßten Willen ausgesprochen hat, werden
im aktuellen Bundestag nicht mehr vertreten sein: Der Mitautor der
Gesetzentwurfes, der CDU-Politiker und Mediziner Hans-Georg Faust verlässt nach über zehn
Jahren das Parlament. Auch die Sozialdemokratin und ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die eine der
profiliertesten biopolitisch aktiven Bundespolitikerinnen war, sitzt nicht mehr
im neuen Bundestag. Als dritte in diesem Bunde wird auch die biopolitisch sehr
aktive, wenngleich in ihrer Fraktion nie fest verankerte Monika Knoche, die erst Abgeordnete der
Grünen war, dann Abgeordnete der Linken nicht mehr ins Parlament einziehen. Nur
der CSU-Abgeordnete Wolfgang Zöller, der diesen Zöller/Faust-Entwurf Entwurf
maßgeblich mitgeprägt hat, der aber in anderen Fragen eher deutlicher als
wertkonservativer Biopolitiker aktiv ist, wird auch weiterhin im Bundestag
aktiv sein.
Die Autoren des von vielen Abgeordneten der CDU/CSU und der
Grünen unterstützten, fast als schwarz-grünes Projekt (mit allerdings
sozialdemokratisch rotem Solidaritätseinschlag) zu sehende
Patientenverfügungs-Gesetzentwurfes von Wolfgang Bosbach, Rene Röspel und Katrin
Göring-Eckardt, sowie Harald Terpe sind dagegen allesamt wieder im Bundestag
vertreten. Es wird interessant sein zu verfolgen, ob sich dieses, in dieser
Frage erfolglose Team, in künftigen biopolitischen Auseinandersetzungen als auf
Solidarität, behindertenpolitisches Engagement, Wertkonservatismus und
christliche Überzeugung setzendes schwarz-grün-rotes Team gegen anstehende technokratisch
geprägte, auf Deregulierung bzw. ungebrochenen Fortschrittsglauben setzende schwarz-gelb-rote
Projekte wird erfolgreicher behaupten können.
Dabei wird auch interessant sein zu beobachten, welche Rolle
der als Gentechnikkritiker profilierte Parlaments-Neuzugang,
der langjährige Greenpeace-Mitarbeiter Jan
van Aken, der für die Linke in den Bundestag einzieht, einnehmen wird, der in dieser Fraktion mit dem Behindertenpolitiker Ilja Seifert den biopolitisch kritischen Flügel verstärken könnte.
Sie können dieses Blog kommentieren. Sie müssen sich dafür
nicht anmelden.