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Handlungsbedarf bei Menschenrechten für Behinderte: Biopolitik im Koalitionsvertrag (II)
31. Oktober 2009, 11:55
Uhr
Wie steht es mit den Menschenrechten von Behinderten in Deutschland? Wer sich einen Tag einem beliebigen deutschen Sozialgericht die Zeit nehmen würde, in den Verhandlungssälen zuzuhören wüsste rasch: nicht allzu gut. Umso erstaunlicher klang es, als die schwarz-rote Bundesregierung 2008 erläuterte: Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen werde sich ins deutsche Recht umsetzen lassen, ohne dass es einen Euro koste. Lediglich die Einrichtung einer in der Konvention vorgesehenen Überwachungsstelle werde den Bundeshaushalt mit 463.000 EUR belasten.
Niemand weiß, welche Erkenntnisse in den Koalitionsverhandlungen das nunmehr schwarz-gelbe Bündnis gewonnen haben mag, aber im Koalitionsvertrag wird jetzt in den Zeilen 3779 ff. immerhin versprochen:
„Politische Entscheidungen, die Menschen mit Behinderungen direkt oder indirekt betreffen, müssen sich an den Inhalten der UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen messen lassen. Deshalb werden wir einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen entwickeln."
Das ist nicht gerade sonderlich konkret, klingt auch nicht rasant engagiert, signalisiert aber immerhin, dass auch die Regierungsparteien wissen, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt: Schulen und Hochschulen sind für viele Menschen mit Behinderungen nicht barrierefrei zugänglich (zum Beispiel gibt es keine Gebärdensprachdolmetscher, aber auch viele Räume sind unzugänglich und für Blinde gibt es keine ausreichenden Bestand an Literatur und Arbeitsplätzen), dass immer mehr Menschen wegen ihres Pflegebedarfs ins Heim gezwungen werden (sollen), stellt einen schweren Verstoß gegen Menschenrechte dar, dass Menschen mit Behinderungen der Weg ins Beamtenverhältnis nach wie vor erheblich erschwert wird, dass sie kaum je die Chance haben Polizist zu werden, dass ihre - oftmals nicht standardisierten - Therapien nicht anerkannt und von den Kassen finanziert werden..... die Liste ist lang und ließe sich fast beliebig verlängern. Nun gab es in der letzten Legislaturperiode schon Bestrebungen, ein umfassendes Teilhabegesetz zu verabschieden, an die die schwarz-gelbe Koalition gut hätte anknüpfen können, was sie jetzt leider versäumt hat, aber es kann ja noch Überraschungen geben. Immerhin enthält der Passus des Koalitionvertrages noch eine zweite wichtige Botschaft: die neue Behindertenrechtskonvention ist der einzige Bezugspunkt für ihre behindertenpolitische Arbeit, den die neue Regierungskoalition erwähnt. Das ist entspricht der Bedeutung der Konvention, wie sie auch von den Behindertenverbänden und Organisationen gesehen wird und schraubt auch den Anspruch an entsprechendes Handeln hoch.
Es wird spannend sein zu sehen, ob die FDP mit ihrem auf Selbstbestimmung und Entfaltung der Persönlichkeit setzenden Politikverständnis hier mehr für die Menschenrechte von Behinderten in die Wege bringen wird, als es die SPD wollte oder vermochte. Immerhin sind die USA, als eine der wichtigsten Geburtsstätten der Bürgerrechte (und einer bestimmten Form des Liberalismus), bei allen Problemen, die sich dort für Menschen mit Behinderungen im sozialpolitischen Kontext auftun, durch ihre weit reichende, weit ausgebaute, aus den Bürgerrechten schöpfende Antidiskriminierungspolitik für Menschen mit Behinderungen immer noch ein politisches Vorbild. Diese Entwicklung der Antidiskriminierungspolitik verknüpft mit sozialpolitischen europäischen Traditionen könnte für eine Politik, die die Menschenrechte von Behinderten stärkt einen Sprung nach vorn bewirken - und damit auch in bioethischen Fragen ein Umdenken einleiten: Denn wenn die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen anders akzeptiert als heute, wird es Familien und alleinstehenden Frauen und Männer auch leichter gemacht, sich für Kinder mit Behinderungen zu entscheiden.
Nunja, angesichts der bislang sparsamen Konkretisierungen, erscheint das noch als in weiter ferne liegendes Szenario. Aber immerhin: Anerkannt scheint durch den Koalitionsvertrag - auch die neue Budnesregierung sieht dringenden Handlungsbedarf. Das ist immerhin mehr, als bisher....