Suizidbeihilfe, Schweizer Grenzen und die Vernichtung der Juden
21. November 2009, 09:35
Uhr
Eine Home-Story der ganz besonderen Art hat die renommierte
englische Tageszeitung „Guardian" über Dignitas-Chef Ludwig Minelli
veröffentlicht.
„Inside the Dignitas House" ist ein sehr ausführlicher, präziser,
wenngleich eher unkritischer Bericht über den Sterbehelfer-Alltag des Schweizer
Suizid-Papstes. Immerhin: Ein paar Informationen über die in die Tausende
gehenden Kosten des assistierten Suizids werden gegeben und ein Eindruck über
das Ambiente des Sterbehauses mitten im Industriegebiet entsteht.
Versteckt im Fließtext von Amelia Gentleman
(einer früheren Indienkorrespondentin, die sich heute in ihrer
Berichterstattung auf Menschenrechtsfragen spezialisiert) ist eine erhellende
Äußerung Minellis: „Im Zweiten Weltkrieg haben sie die Grenzen für Juden
geschlossen und Juden, die kommen wollten, wurden zurückgewiesen und in
Konzentrationslagern ermordet. Jetzt haben wir Menschen, die ihre Leben in der
Schweiz beenden wollen und sie werden zurückgeschickt und gezwungen weiter zu
leben. Wo liegt der Unterschied? Was ist grausamer?"
Das freundlichste Verständnis dieses Satzes, den die
englische Autorin gelassen als „inflammatory comment" (aufrührerische
Bemerkung) qualifiziert, setzt voraus, dass Minelli NS-Vergleiche offenbar für rhetorisch
besonders wirksam und deswegen nach Belieben einsetzbar hält. Eine andere
Deutung hat die „Deutsche Hospizstiftung" , die die Bemerkung wach
aufgegriffen hat und den Antisemitismus Minellis geißelt. Man kann sich
sicherlich darüber streiten, ob nun Außenminister Westerwelle sich tatsächlich
aufgerufen fühlen sollte, sich einzuschalten. Der Verweis lenkt immerhin die
Aufmerksamkeit darauf, dass die FDP in der Vergangenheit eine gewisse Affinittät zu „Dignitas"
verspürte. Das spielt heute nicht nur eine Rolle, weil man sich fragt, wie die Koalition das strafbewehrte Verbot der gewerbsmäßigen Suizidbeihilfe (das in der Schweiz übrigens leer läuft) umsetzen will, sondern auch, weil wir ja nunmehr einen Gesundheitsminister aus der FDP haben (der auch katholisch ist: eine brisante Mischung).
So oder so: offenbar gehen - zumindest bei einer Leitfigur der
deutschsprachigen Sterbehilfebewegung wie Minelli - Geschichtsvergessenheit und
rückhaltloses Engagement für die Ausweitung von Sterbehilfemöglichkeiten Hand
in Hand - kein überraschender, aber doch ein erwähnenswerter Befund.
Mehr zu den bemerkenswerten Entwicklungen in der Schweiz,
die auf eine Eindämmung der Aktivitäten von Sterbehilfeorganisationen
hinauslaufen könnten, in den nächsten Tagen in der Printausgabe. Hier schon mal
ein Link
zum entscheidenden Bericht des Schweizer Justiz- und Polizeidepartements
über die tatsächlichen Entwicklungen in diesem Bereich, auf dessen Basis die
Empfehlungen zur Einschränkung der Möglichkeiten zur Suizidbeihilfe verfasst
worden sind.
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