Wer bekommt im Scheidungsfall die Organe? Oder: Anreiz zum Altruismus
06. Januar 2010, 22:52
Uhr
Ein neues
Organtransplantationsgesetz, das in Israel Anfang nächsten Jahres (also
2011) in Kraft treten soll, hat die Aufmerksamkeit der Biopolitiker auf sich
gezogen (Einzelheiten zur Regelung in diesem englischsprachigen Aufsatz eines
der Initiatoren des Gesetzes -Professor Jakov Lavee-, der im Lancet
erschienen ist). Wer selbst bereit ist Organe zu spenden, so die schlichte
Grundidee, soll künftig auch bei der Vergabe des knappe Gutes „menschliche
Organe" bevorzugt behandelt werden. Um den Anreiz selbst Spender zu werden noch
zu erhöhen, sollen künftig auch Eltern, Kinder, Ehegatten und Geschwister von
der damit nicht mehr ganz so altruistischen Spendenbereitschaft profitieren.
Um Mißbrauch vorzubeugen, gibt es die Bonuspunkte für die
Spendenbereiten erst, wenn sie den Organspendeausweis seit drei Jahren haben -
der Raucher, der das Ende seiner Lunge nahen sieht, soll sich also nicht durch
die kurz entschlossene Bereitschaft, seine Organe zu spenden, noch schnell mal einen Platz ganz
vorne auf der Lungenspenderlisten ergattern können.
Quasi als Einführungsrabatt
für das neue Gesetz und damit die Erfolge der neuen Regelung nicht allzu lange auf sich warten
lassen, müssen aber Menschen zwei Jahre weniger auf Bonuspunkte warten, die im Vorfeld des
Inkrafttretens, in 2010, einen Spenderausweis ausfüllen: Sie haben sich und
ihren Familien schon für 2011 einen guten Wartelistenplatz gesichert.
Israel ist mit dieser gesetzlichen Regelung der erste Staat,
der offiziell zulässt, dass auch nicht-medizinische Kriterien die Verteilung der
knappen Ressource „menschliche Organe" steuern. Dass dieser Schritt gegangen
wurde, hängt damit zusammen, dass bislang in Israel deutlich weniger
Organspender registriert sind, als
in anderen westlichen Ländern ( etwa 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung
im Vergleich zu mehr als 30 Prozent in vielen westlichen Ländern. Auch die Einwilligungssrate,
errechnet aus dem Anteil von tatsächlichen Spendern an allen hirntoten,
medizinisch geeigneten potenziellen Spendern, betrug im letzten Jahrzehnt
durchgehend etwa 45 Prozent und damit erheblich weniger als die 70 bis 90
Prozent Einwilligungsrate in den meisten westlichen Ländern). In der
öffentlichen Debatte haben Befürworter die neue Regelung damit verteidigt, dass
sie ethisch besser zu vertreten sei, als die - auch viel diskutierte - Lösung,
Organspender für ihre Spendenbereitschaft finanziell zu entschädigen. Außerdem
würden auch Menschen, die selbst keinen Organspendeausweis haben, davon
profitieren, wenn insgesamt mehr Organe zur Verfügung stehen, argumentiert Professor Lavee in dem Lancet-Aufsatz.
Damit das Projekt „Steigerung der Organausbeute" gelingt, hat
die israelische Regierung, das in dieser Frage einer 2006 gestarteten
Initiative des Israelischen Nationalen Transplantationszentrums folgt, beschlossen,
eine groß angelegte Medienkampagne durchzuführen.
Auch die neue israelische Regelung kennt allerdings Grenzen:
Menschen, die keine Organspendeausweis haben können, weil sie jünger als 18 Jahre
alt sind oder geistig behindert, werden nicht gegenüber den Inhabern von
Bonuspunkten zurückgesetzt werden. Auch Menschen, die wegen eines
lebensgefährlichen medizinischen Zustandes Anspruch auf eine Herz-, Lungen-
oder Lebertransplantation haben, sollen ihren bevorzugten Warteplatz nicht
verlieren. Wenn aber zwei Menschen aus medizinischen Gründen einen gleichrangig
dringenden Anspruch auf eines dieser Organe haben, wird am Ende derjenige, der
selbst als Spender registriert ist, das Organ erhalten. Wäre ich Zyniker, was zu
sein mir (anders als „Lebensschützer"-Sein oder Gutmenschentum) noch niemand
vorgeworfen hat, merkte ich an: Unkluge Entscheidung. Wer dem Diktat der
maximalen Organausbeute folgt, muss im Zweifelsfall natürlich den selbst Organspendenbereiten
sterben lassen und nicht den „free rider".
Die Befürworter der neuen Lösung befassen sich hauptsächlich
mit der Frage, ob sie vertretbar ist , weil damit die Spendenbereitschaft nicht
mehr einzig und allein altruistisch motiviert sei. Sie kommen zu dem, für ihre
Lösung freundlichen, Ergebnis, dass sie aber doch noch „überwiegend" altruistisch
motiviert sei und daher ethisch einwandfrei.
Mir scheint das nicht überzeugend. Je erfolgreicher das
israelische Modell sein sollte, desto deutlicher wird, dass es sich dabei nicht
mehr um Organspenden handelt, sondern um eine Art Organversicherung: Mit ihrer nach
diesem Gesetz formulierten Spendenbereitschaft erstreben Menschen eine
verbesserte Chance, im Ernstfall selbst Organe zu erhalten. Die Spende ist also
ein Art Einsatz. Umgekehrt gilt damit auch: wer keinen Organspendeausweis
unterzeichnet, sieht sich damit der Drohung ausgesetzt, im Ernstfall auch kein
Spenderorgan zu erhalten. Die Freiwilligkeit der „Spende" ist dahin, damit das
Ziel, mehr Organe zur Verfügung zu haben, erreicht werden kann. Damit macht der
Mensch sich und seinen Körper immer mehr zu einem Mittel.
Und wie der Zufall so will, habe ich zur Illustration dieses
Verdachts, dass „Spenden" zu einem Mittel werden können, bestimmte Zwecke zu
erreichen, auf meiner Surftour durchs Web (wo ich ergebnislos eine
englischsprachige Fassung des israelischen Gesetzestextes gesucht habe) die zugegebenermaßen
bizarre Geschichte von Dr.
Richard Batista gefunden, der mit einer Frau verheiratet, die immer kränker
wurde. Da die Ehe der Batistas auch nicht sonderlich glücklich war, versuchte
der Arzt den ganz großen Befreiungsschlag: Er ließ sich als Lebendspender eine
Niere explantieren, die seiner Frau implantiert wurde. So sollten die Frau und
damit auch die Ehe gesunden. Der Frau ging es bald deutlich besser, die Ehe
scheiterte endgültig. Also verlangte Dr. Batista in der Scheidungsverhandlung seine
Niere wieder heraus - und als seine Frau sich nicht bereit zeigte, ihm das
Organ, dessen Übertragung jedenfalls nur einen Teil des beabsichtigten Zwecks
erfüllt hatte, zurückzugeben, forderte er hilfsweise 1,5 Millionen Dollar, den
Wert der Niere. Dass die us-amerikanische Justiz ihn mit dieser Forderung ins Leere
laufen ließ, zeigt zwar, dass letzte Hemmschwellen noch existieren, macht
die Angelegenheit insgesamt aber nicht weniger problematisch
Ach ja: International hagelt es jetzt Kritik an dem
israelischen Regelungs-Modell. Auch die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie grenzt
sich deutlich von
dem Vorstoß ab. Die Argumente sind allerdings eher pragmatisch orientiert.
Es wird vermutet, dass das israelische Modell wenig Aussicht habe, erfolgreich
zu sein. Interessant werden die Reaktionen also erst dann sein, wenn sich
herausstellen sollte, dass das israelische Experiment Erfolg hat. Denn auch die
Deutsche Gesellschaft für Nephrologie will in erster Linie, dass die Zahl der
Organspenden höher wird....
Sie können dieses Blog gerne kommentieren. Sie müssen sich
dafür nicht anmelden.