Eine GSG 9 gegen Missstände in Pflegeheimen?
24. Juli 2010, 00:47
Uhr
Die neue NRW-Sozialministerin Barbara Steffens (Bündnis 90/Grüne) fordert, berichten die Medien, nach "Vorfällen" in Altenheimen eine Eingreiftruppe für Pflegeheime. Es mag an meiner politischen Sozialisation in den frühen
Siebziger Jahren liegen, dass ich bei Eingreiftruppe immer an die GSG 9 denke,
an schnelle Autos, Abseilen aus Hubschraubern und den Einsatz von Blendschockgranaten.
Eingreiftruppen
handeln schnell, ihre Chefs denken in Notstandskategorien, wägen Risiken gegen
Nutzen ab und schlagen dann möglichst effizient zu. Am Ende ist (bestenfalls)
die akute Krise bewältigt und die Öffentlichkeit freut sich über die
Leistungsstärke der Eingreiftruppe oder beklagt deren schlechte Ausstattung,
Ausbildung oder Auftragslage. Skandal besiegt, sonst nichts verändert. Ja, mag
sein, dass es nicht anders geht (vielleicht aber schon) und Nein, ich bin trotzdem
kein Freund der Eingreiftruppen. Für die Bekämpfung von Mängeln in der Pflege
erscheint mir ein, wie es serienfreundlich mittlerweile so schön heißt, Task
Force Konzept aber besonders ungeeignet: Wenn in Pflegeheimen schlecht
qualifiziertes Personal arbeitet, manchmal so schlecht, wie es zu erwarten ist und
manchmal so gut es kann, bisweilen vielleicht sogar besser, dann sind Mängel in
der Pflege zu erwarten. Angesichts der dort lebenden Menschen, die einen hohen
Hilfebedarf haben, die oft krank sind und selten vor Gesundheit strotzen, hat
eine schlechte Versorgung absehbar schlimme Konsequenzen: Menschen werden
kränker, hilfebedürftiger, sie leiden, sie sterben schnell oder jedenfalls
früher als wenn sie gut versorgt werden würden. In einem Land, das sich eine
Pflegeversicherung leistet, die die Kosten der notwendigen Pflege nicht decken
kann und soll, in dem Pflege miserabel bezahlt wird und ein schlechtes Image
hat, in dem seit Jahren über den Pflegenotstand geredet wird und am Ende als
engagierteste Maßnahme Internetseiten geschaffen werden,auf denen die Heime
nach seltsamen Kritierien mit Noten bewertet werden, ist die Idee mit einer Eingreiftruppe etwas ändern zu können nicht
einmal originell.
Origineller wäre schon die Frage, warum es eigentlich
überhaupt Altenpflegeheime geben muss (und auch noch so viele)? Für eine Ministerin, die auch das schöne
Wort Emanzipation als Ressortbezeichnung trägt, wäre es angemessen, wenn sie
politische Konzepte entwickelte, wie zumindest mittelfristig die klassich fürsorglich orientierte Pflege im Alltag durch persönliche
Assistenz (fragen Sie bei der Behindertenbewegung nach) ersetzt werden könnte. Man stelle sich einmal vor, ein Großteil der
Neugeborenen würde nach der Geburt in Säuglingspflegeheime verlegt werden, weil
angeblich nur dort die erforderliche aufwändige Pflege zu leisten wäre, und regelmäßig
würden schlecht versorgte Babies in den nahegelegenen Krankenhäuser wegen Druckstellen, schlechter Ernährung etc.
pp.behandelt werden müssen. Vermutlich würde kaum jemand auf die Idee kommen,
eine Eingreiftruppe für Säuglingspflegeheime zu schaffen um auf die schlimmsten
Missstände dort aktuell reagieren zu können - naja, vermutlich käme dann doch
jemand auf die Idee, aber irgendjemand würde vielleicht auch anregen ein Elterngeld
zu bezahlen und ein Umdenken in der Gesellschaft anzuregen, die Säuglinge doch
zu Hause zu versorgen, was, ich weiß, für alte pflegebedürftige alte Menschen
nicht die Patentlösung ist, sie sind ja auch keine Säuglinge mit Zukunft, sondern
Menschen mit Geschichte, was aber nicht gerade ein guter Grund dafür ist, sie
der Art von Pflege auszusetzen, der sie ausgesetzt werden....
Das ändert natürlich nichts daran, dass solange alles so
ist, wie es ist, wenigstens die schlimmsten Auswüchse verhindert werden müssen -
und auch eingedenk aller strukturellen Mängel gibt es ja heute Pflegeheime, in
denen die Menschen passabel versorgt werden und es gibt Einrichtungen in denen
das nicht gelingt. Auch beklagt die Deutsche Hospizstiftung zu
Recht, dass Falschparken konsequenter geahndet
wird, als Körperverletzung in der Pflege - auch das gehört zum erforderlichen
Umdenken: Das Bewußtsein der Betroffenen und Ihrer Angehörigen, dass schlechte Versorgung nicht als Schicksal hinzunehmen ist und
das Wissen darum, dass man dagegen auch vorgehen kann. Das ist und bleibt aber allenfalls ein Akt
individueller Notwehr, die politischen Konzepte müssen weiter reichen und
grundsätzlicher ansetzen.
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