Organe spenden - zukünftig Gemeinschaftspflicht auf Widerruf?
30. August 2010, 10:23
Uhr
„Das Private ist politisch" war für die autonome
Frauenbewegung zu Zeiten der Studentenrevolte weniger eine Erkenntnis, als eine
Forderung. Dass heute ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier, der ungefähr damals
seinen Wehrdienst leistete und weder Haarnetz tragen musste, noch sonstwie als
rebellisch aufgefallen wäre, aus diesem politischen Fundus schöpfen würde, war
nicht abzusehen. Vor einer Woche hat er im Blitzlichtgewitter verkündet, er
ziehe sich einige Wochen aus dem öffentlichen Raum und von der politischen
Bühne zurück, weil er seiner schwerkranken Frau eine Niere spenden werde. Es
kam anders.
Tatsächlich war der bislang mit dem "Glamourfaktor
Null gesegnete" SPD-Politiker wohl selten in der Öffentlichkeit so nachhaltig
präsent, wie er es jetzt ist, in dieser Zeit der angeblichen Abwesenheit: „stern"
widmet ihm eine sentimentale Geschichte, „Spiegel"-TV strahlt
seine Stellungnahme aus, die „Tagesschau" strahlt das Krankenbulletin aus, „Bild" ist immer wieder
selbstverständlich auch dabei und nahezu jedes andere Medium ebenfalls- und
keineswegs nur mit knappen Nachrichtenfünfzeilern.
Aber auch auf der, in diesem Fall bio-politischen Bühne fehlt
Steinmeier nicht, aelbst wenn er nicht persönlich im Bundestag spricht. Mit
seiner öffentlich gemachten Entscheidung für eine Lebendorganspende zugunsten
seiner Frau hat der SPD-Politiker einiges in Bewegung gebracht. Dass der Anlass
gut dafür sein würde, wieder einmal den Mangel an Spender-Organen in
Deutschland zu beklagen, war zu erwarten. Aber jetzt wollen Gesundheitspolitiker
aus CDU
und SPD
gleich das ganze Transplantationsgesetz
ändern. Dass sie dabei so skurrile Vorschläge in die Debatte werfen, wie den
Organspendeausweis für alle Fahranfänger, macht den Vorstoß zwar unterhaltsamer,
aber nicht klüger. In ihrer Rätselhaftigkeit illustrativ für die Substanz der aktuell
auf den Weg gebrachten Diskussion ist die Überlegung des christdemokratischen
Bikers Jens Spahn, der nebenher noch als CDU-Gesundheitsexperte firmiert: „Jeder Motorradfahrer sollte sich angesichts
des erhöhten Unfallrisikos aus eigenem Interesse Gedanken über einen
Organspenderausweis machen." Aus
eigenem Interesse? Weil es so schön ist, nach einem tödlichen Unfall in
möglichst jungen Jahren dem Gesundheitswesen wenigstens noch als Organbank zur
Verfügung zu stehen?
Da lohnt wenigstens mal ein Blick auf die Seite der Gruppe „Kritische Aufklärung zur Organtransplantation" , einer
Initiative von Eltern, die ihre tödlich verunglückten Kinder zur Organentnahme
freigegeben haben (und das nicht wieder tun würden). Ich kann und will in
diesem Blog nicht umfassend das Für und
Wider der Organspende erörtern, es gibt aber jedenfalls mehr als eine Seite, die es zu beleuchten gilt und auch
angesichts der Not von Menschen, die auf Organe warten, muss nicht jede andere
Überlegung sofort verstummen. Das unbedingt formulierte Ziel der öffentlichen
Vorstöße von Politikern und mitfühlender Reporter kann sich nicht so
selbstverständlich auf einen breiten Konsens stützen, wie es scheint: Mehr
Organe müssen her.
Dass die „Spendenbereitschaft" erhöht werden müsste, klingt
caritativ und freundlich. Wer wollte das auch bezweifeln: Spenden ist gut, zumal
wenn es so viele Bedürftige gibt, die dringend Lunge, Leber, Niere oder auch Hornhaut benötigen. Allerdings
haben „Organspenden"´mit der herkömmlichen Vorstellung von „Spende" wenig zu tun -und das nicht nur,
weil die Spender zumeist Sterbende sind, deren endgültiger (mit dem
diagnostisch bedeutsamen Hirntod nicht zu gleichzusetzender) Tod allerdings mit
intensivmedizinischen Mitteln hinausgezögert wird.
Weil es nicht einfach um „Spenden" geht, weil die
Bereitschaft, sich im Fall einer aussichtslosen eigenen Situation Organe
entnehmen zu lassen, auch das eigene Sterben verändert und möglicherweise auch
dessen Wahrnehmung durch Freunde und Familie, wäre es wünschenswert, wenn auch
die politische und mediale Debatte sich etwas perspektivenreicher entwickelte,
als es derzeit den Anschein macht. Das betrifft übrigens auch die
Empfängerinnen und Empfänger von Spenderorganen: Längst nicht immer erfüllt die
Transplantation die Erwartungen und Hoffnungen, die in sie gesetzt werden. Auch
das Leben mit dem neuen Organ (oder gar den neuen Organen bei der immer öfter
angepeilten Multiorgantransplantation) kann qualvoll sein (häufig allerdings
sind die Patienten mit ihrem neuen Leben froh und zufrieden).
Der Bedarf nach einer differenzierteren Diskussion ist um so
größer, als der Anlaß für die neuerlichen drängenden Appelle, mit Leib und
Seele zur Deckung der Organknappheit beizutragen, eine Lebendspende ist.
Lebendspenden sind besonders erwünscht, weil Organe von Lebenden besser
angenommen werden, als die von Sterbenden. Gleichzeitig sind die ethischen
Probleme weitaus gewichtiger, denn der Spender oder die Spenderin schädigen
sich durch die Spende selbst.
Was geschieht mit dem Nierenspender, dessen verbleibende
Niere nach Jahren versagt? Was ,wenn sich das Ehepaar nach der Transplantation
zerstreitet? Und wie kann die Freiwilligkeit der Spende sichergestellt werden?
Wie freiwillig ist es noch, wenn ein Ehepartner ein Organ spendet, nachdem ihm
eine Ärztin mitgeteilt hat, er könne so das Leben seines Partners erheblich
erleichtern oder sogar retten? Und wie kann dem Organhandel oder Handeln auf
sonstige finanzielle Anreize hin vorgebeugt werden? Fragen dieser Art sind in
der Debatte unpopulär, weil die Transplantationsmedizin das heroische Etwas
hat, das sie attraktiv macht: Sie verspricht aus leidenden Sterbenskranken
könnten wieder lebenslustige Hochleistungsfähige werden. Und so unbeliebt
High-Tech-Medizin ist, wenn Nichtbehinderte befürchten, am Ende nur als
Halbgenesene oder gar Pflegebedürftige aus dem Krankenhaus entlassen werden zu
können, so attraktiv erscheint sie der Öffentlichkeit
offenbar angesichts eines umfassenden Heilungsversprechens. Dass dennoch deutlich
weniger Menschen bereit sind zu spenden, als die Politik sich das wünscht,
weist allerdings darauf hin, dass Zweifel geblieben sind, die allerdings in den
Medien zumeist lieber als mangelnder Altruismus abgetan werden, als dass sich
jemand näher mit ihnen befasste. Es ist schon bemerkenswert: Während im Diskurs
um Patientenverfügungen über Jahre das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen als
Höchstwert behandelt wurde (auch gegen jede Nachfrage, ob bestimmte
Entscheidungen wirklich einem Selbstbestimmungsrecht entspringen), führt die
nach Auffassung von Transplantationspromotern zu wenig verbreitete
Bereitschaft, einen Spenderausweis mit sich zu führen, nur zur Forderung nach
einem neuen Gesetz, das das Selbstbestimmungsrecht wirkungsvoll aushebeln soll:
Die Bereitschaft zur Organspende soll dabei de facto (wenn auch nicht mit
diesen Worten) als allgemeine Pflicht begründet werden, der man nur durch einen
ausdrücklichen Widerspruch entkommen kann. Zugespitzt ließe sich formulieren: Selbstbestimmung
erscheint nur solange opportun, wie die Ergebnisse stimmen - wer auf langen und
kostspielige Pflege verzichten und lieber sterben will, darf sich und sein Schicksal selbst bestimmen, wer sich nicht engagiert zur Organspende bereit
findet hat das Selbstbestimmungsrecht erstmal verwirkt. Aber so dürfen die
gegenwärtigen Vorstöße selbstverständlich nicht verstanden werden, so hat das
auch niemand gemeint.
Erfreulich übrigens, das als Notiz am Rande, dass
Gesundheitsminister Rösler den gegenwärtigen Tendenzen, die sogenannte
Widerspruchslösung in Gesetzesform zu bringen ausdrücklich sehr skeptisch
gegenübersteht.
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