Pflegereport konfrontiert Ökonomie mit Menschenwürde
30. November 2010, 23:03
Uhr
„Jeder dritte Deutsche wird dement" , „Demenz wird neue
Volkskrankheit", „jeden zweiten Deutschen wird es treffen" - die Reaktionen auf
den aktuellen „Pflegereport 2010", den die Barmer GEK am 30. November
vorgestellt hat, sind alarmistisch, wie es zu erwarten war. Pflege ist ein
Thema, bei dem schnell der Notstand ausgerufen wird - danach muss man nicht
mehr so genau hinsehen, grässlich ist es ja eh. Den Anschluss liefert dann die
Debatte über Patientenverfügungen und Sterbehilfe.
Der Pflegereport
2010, den eine Gruppe des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen
erarbeitet hat, konzentriert sich speziell auf denZusammenhang von Pflege und
Demenz (der Report 2009 befasste sich mit der Frage unterschiedlicher
regionaler Versorgungsqualität). Der Fokus ist dabei nicht untypisch: die
Pflegeforscher konzentrieren sich auf statistische Daten wie Entwicklung der
Zahl von Menschen mit Demenz, Vergleichen zwischen den Kosten der medizischen
Versorgung von Menschen mit und ohne Demenz, Erfassung der längeren
Pflegezeiten für Menschen mit Demenz. Qualitative Erhebungen oder eine Auseinandersetzung
mit neuen Versorgungsansätzen für die Pflege von Menschen mit Demenzen werden
dagegen weitgehend ausgeblendet. Die Schlußfolgerungen im „Perspektiventeil"
klingen dementsprechend sozialtechnokratisch bedenklich:
„Im späten Stadium hingegen werden als Therapieziele auch
die Pflegeerleichterung und die Reduktion der Angehörigenbelastung formuliert. Wie
groß die Belastungenfür Pflegebedürftige und für Pflegende im Einzelnen sind,
wie viel Lebensqualität einerseits gewonnen und andererseits verloren wird, welche
Helfer oder welche Therapieformen dem Einzelnen und der Gemeinschaft am meisten
Nutzen oder am wenigsten Leid bereiten, ist schwerlich in Zahlen zu fassen.
Es wird dennoch deutlich, dass der Wunsch nach Lebensqualität, nach Versorgung, nach
menschenwürdigem Leben in Konflikt steht mit der Leistungsfähigkeit der
einzelnen Menschen und der Gesellschaft. Wenn Menschenwürde mit Ökonomie
konfrontiert wird, dann ist dies ein Grundstein für heftige Debatten, in denen
der zu findende Kompromiss nicht leicht zu finden ist und ständig aufs Neue hinterfragt
werden muss. Der Pflegereport kann mit seinen Ergebnissen nicht
entscheiden, was richtig oder falsch ist; er kann nur Grunddaten liefern, auf Basis derer
dann die Debatten stattfinden können."
So richtig es ist,dass Pflege in der Gesellschaft stärker
thematisiert werden muss, wie es auch der Pflegereport einfordert, ist doch
auch die Perspektive dieser Diskussionen wichtig. Der Blickwinkel den der „Pflegereport
2010" eröffnet ist viel zu klein und falsch ausgemessen. Pflege ist nicht in
erster Linie eine Kostenfrage, sondern eine Frage der Vorstellungen und
Ansprüche: Wie wollen wir leben, wenn wir mal eine Demenz haben? Dann erst
schließt sich sinnvollerweise die Frage an: Wie soll das bezahlt werden? Oder
auch: Was ist es uns wert?
Eugen Brysch von der Patientenschutzorganisationen Deutsche
Hospizstiftung hat hübsch formuliert: "Wie
`Stuttgart 21´ brauchen wir auch eine Demonstration `Pflege 21´". Ob die
Pflege eine Durchgangsstrecke werden soll bzw.ob sie heute als Kopfbahnhof
verstanden werden muss,bleibe hier einmal ausgeblendet. Aber der Streit um die
Vorstellung, wie unser Leben organisiert sein soll, wie sehr wir uns auf
technokratische Planungen am grünen Tisch einlassen und mit wieviel Vehemenz und Phantasie auch dem scheinbar
Unabänderlichen entgegengetreten wird, sind Bindeglieder von „Stuttgart 21" und
einem zukünftigen Projekt „Pflege 21". Die Polizeieinsätzen könnte man sich
allerdings gerne sparen....
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