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Biopolitik

Gunter Sachs: Privater Suizid und öffentliche Erklärung

10. Mai 2011, 13:18 Uhr

Als sich am 10. November 2009 der 32jährige Fußballprofi Robert Enke umbrachte reagierte die deutsche Öffentlichkeit entsetzt, weil ein erfolgreicher junger Familienvater sich getötet hatte. Für kurze Zeit rückte das Thema Depressionen in den Fokus.

Als jetzt der Suizid des 78jährigen in der Schweiz lebenden Gunter Sachs gemeldet wurde, der befürchtete an Alzheimer erkrankt zu sein, veröffentlichten Medien dagegen eher Verständnissinniges, zum Beispiel die eigentümliche Stellungnahme von Heike von Lützau-Hohlbein, der Vorsitzenden der Deutschen Alzheimergesellschaft (DAlzG): „Es gehört Mut dazu, so aus dem Leben zu scheiden." Warum mehr Mut dazu gehören soll, sich zu erschießen, als sich vom Hochhaus zu stürzen, warum es nicht mutiger wäre, weiter zu leben erläuterte weder der Artikel selbst noch Frau von Lützau-Hohlbein, die in einem Interview mit der „Süddeutschen" allerdings einen anderen Akzent setzte: „Sachs führte ein inszeniertes Leben und konnte sich einfach nicht vorstellen, weiterzuleben, wenn er darüber keine Kontrolle mehr hat. Es ist auch eine ziemlich männliche Reaktion, der die Ansicht zugrunde liegt: ‚Ich kann und muss etwas tun.‘ Diese Krankheit hat jedoch ganz viel mit Aushalten zu tun - und das ist keine männliche Stärke." Das klingt plausibler, als es bei genauerer Lektüre erscheint - und das nicht nur, weil ich Herrn Sachs nicht persönlich kannte und mir deswegen auch nicht so gut vorstellen kann, was er sich vorstellen konnte und was er sich vielleicht einfach auch nur nicht vorstellen wollte.

Die These, dass es sich bei Alzheimer um eine Krankheit handelt, bei der es „ganz viel" darauf ankomme, sie „auszuhalten" erscheint mir ebenso befremdlich, wie die Behauptung, es gehöre Mut dazu „so" aus dem Leben zu scheiden: Der Umgang mit der Krankheit und Behinderung wird so zu einer Lebens-Prüfung verklärt, gefordert sind klassische soldatische Tugenden (Mut) oder klassisch weiblich konotierte (aushalten). Warum nämlich sollten wir mutig sein oder etwas aushalten? Und wieso ist es diese Alternative, die die Vorstellung eines Lebens mit Demenz (und Depression) bestimmt? Ist es nicht mindestens ebenso plausibel, dass auch dieser Lebensabschnitt wie andere Phasen kennt, in denen man aushalten muss, in denen man glücklich ist und in denen das Leben mit uns einfach so dahinzieht?

Davon abgesehen, wissen wir aber gar nicht, ob Gunter Sachs an der Krankheit, die er mehr fürchtete als den Tod, überhaupt erkrankt war. Offensichtlich war ihm die Gewißheit selbst auch nicht entscheidend wichtig, die Eigendiagnose - festgemacht an wenig speziellen Auffälligkeiten wie „wachsender Vergesslichkeit","rapider Verschlechterung" des Gedächtnisses und Verringerung des Sprachschatzes" - reichte ihm aus, die endgültige Konsequenz zu ziehen; übrigens, was angesichts der gegenwärtigen Debatte zumindest bemerkenswert erscheint, obwohl in der Schweiz lebend ohne die Hilfe einer der Sterbehilfe-Organisationen anzufordern und auch ohne Hinzuziehung eines Arztes (weder zur Diagnose der Erkrankung, noch zur Durchführung des Suizids).

Dass Sachs schon aufgrund einer gefühlten Demenz seinem Leben ein Ende setzte, ist der Aspekt dieses Ereignisses, das in der Öffentlichkeit am wenigsten erörtert wird. Stattdessen kreisen die die meisten Stellungnahmen um die Frage, ob sich nicht auch einem Leben mit Alzheimer etwas lebenswertes abgewinnen lässt und um den Befund, dass alte Männer sich recht häufig entschließen, sich (mit brachialen Methoden) umzubringen.

Gunter Sachs war eine öffentliche Person, er hat seinen im Privaten begangenen Suizid öffentlich erläutert - damit hat er ihn zur Diskussion freigegeben, wir wissen aber nicht einmal, ob aus freien Stücken oder nur in dem Wissen, dass er ohnehin öffentlich verhandelt werden würde und in der Hoffnung, so wenigstens eine Richtung vorgeben zu können. Den Stellungnahmen der vielen, die Sachs kannten, zu kennen meinten oder die ihn heute verstehen können, haftet etwas Irritierendes an, weil sie, als handele es sich bei Gunter Sachs Entschluss um einen der vielen eher mäßig gelungenen „Tatort"-Geschichte, so reibungslos auf die Diskussion der Themen „Suizid im Alter" und „Angst vor Alzheimer" einschwenken. Ein Suizid, auch wenn er so klar begründet wird, wie Sachs es getan hat, ist aber mehr und viel komplexer, möglicherweise auch doch ganz anders begründet, als es eindeutige auf ein Thema fixierte Erklärungen jetzt vermuten lassen. ´

Jean Amery hat das in "Hand an sich legen" so gefasst: "So daß also jedesmal, wenn einer stirbt von eigener Hand, oder auch nur zu sterben versucht, ein Schleier fällt, den keiner mehr heben wird, der günstigenfalls so scharf angeleuchtet werden kann, daß das Auge ein fliehendes Bild erkennt."

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Veröffentlicht 10. Mai 2011, 13:18 von Oliver Tolmein
Kommentare

Troesch

10. Mai 2011, 14:12

http://xfinanz.de

Ihren Ausführungen zolle ich hiermit allerhöchsten Respekt. Weg von der Effekthascherei und der Scheinpseudowissenschaftlichen Begründungen und Ausführungen all derer, die sich immer und überall berufen fühlen, ungefragt Ereignisse in den Medien kommentieren zu müssen. Vorallem der Teil mit dem Anlaß der "gefühlten Demenz" als Begründung, auf den keiner dieser Fachleute bis dato eingegangen ist, trifft mitten ins Schwarze!!! Vom Niveau her, das was ich bei der FAZ erwarte - weiter so!

rene talbot

10. Mai 2011, 14:32

http://www.irrenoffensive.de/providence_deutsch.htm

Sehr geehrter Herr Tolmein,

warum gehen Sie ohne eine Sekunde zu zögern davon aus, dass "Alzheimer" eine Krankheit sei?

Viel plausibler ist doch nur eine Veränderung des Gehirns, die in praktisch keiner signifikanten Korrelation mit den Erinnerung-, Gedächtnis- und Verstandesleistungen eines Menschen steht:

Inzwischen sind die Ergebnisse der sog. "Nun Study" bekannt geworden, die für die psychiatrischen Konstrukte wie eine Kernschmelze sind - der Supergau. Denn wenn eines als unbezweifelbares Hirn-Korrelat von zunehmender Vergesslichkeit im Alter und als angebliche "Krankheit Alzheimer" identifiziert galt, dann war das die Plaque im Gehirn von Verstorbenen, deren Gehirn untersucht wurde. Aber das Gegenteil ist der Fall: "Ein auffälliges Ergebnis war die Abweichung des pathologischen Gehirn-Befunds (multiple Alzheimer-Plaques) von der wiederholt erhobenen psychischen/intellektuellen Leistungsfähigkeit derselben Personen zu Lebzeiten. Das heißt: Auch bei Personen, die bis unmittelbar vor ihrem Tod geistig anspruchsvolle Aufgaben lösen konnten, wurden bei der Sektion stark veränderte Gehirnbefunde festgestellt." wie der tatsächliche Befund in Wikipedia kurz und bündig zusammengefasst wird. Damit hat sich selbst das als solidest geglaubte psychiatrisch-neurologische "Wissen" über ein vermeintliches Leib-Seele Korrelat als reines Wortgestöber erwiesen. Wären Psychiater nicht unverändert mit solch staatlich legalisierter Gewalt versehen, sie wären der lächerlichste Stern am akademischen Himmel.

So sind sie allerdings staatlich geschützte Verbrecher.

Am ehesten könnte man also vermuten, dass Gunter Sachs der Verfehmdung und Verleumdung durch psychiatrische "Diagnosen" zum Opfer gefallen ist.

rene talbot

Alexander Braun

10. Mai 2011, 16:20

Aus der Tatsache, dass sich bei der von Ihnen zitierten Studie ein bisher für eindeutig gehaltenes physisches Korrelat der psychischen Symptome des Morbus Alzheimer als zumindest fragwürdig erwies, abzuleiten, dass es sich um gar keine Krankheit, sondern eine "Verfehmdung und Verleumdung (durch psychiatrische "Diagnosen")" handelt, halte ich für ziemlich abenteuerlich.

creezy

10. Mai 2011, 16:25

http://www.holyfruitsalad.blogspot.com

<em>Dass Sachs schon aufgrund einer gefühlten Demenz seinem Leben ein Ende setzte, …</em>

Nun, das war seine Aussage. Der tatsächliche Grund für den Suizid mag womöglich eine Depression gewesen sein? Also Depressive haben ja gerne mal eine „Pseudodemenz“, die gerne als Alzheimer fehlinterpretiert wird.

Ich würde nicht diskutieren wollen, ob die Entscheidung zum Suizid mutig oder nicht ist. Fakt ist, sie ist in diesem einen Moment für den Menschen die offensichtlich richtige Entscheidung. Wer zurück bleibt, muss lernen, nur dies zu akzeptieren.

Prometheus

10. Mai 2011, 19:28

Werter Herr Tolmein,

manchen Erlauterungen Herrn Talbots zustimmend, muss man stets beruecksichtigen, dass 'Alzheimer' (was ich auf jeden Fall fuer eine Krankheit, meinetwegen auch eine Gruppe von Krankheiten [vergl. "Krebs"], halte) zu Lebzeiten (und darueber hinaus) kaum zweifelsfrei diagnostiziert werden kann.

Die ueblichen Diskussionen und Interpretationen (Mut vs. Aushalten) sind tatsaechlich muessig, denn sie sind nur relevant im Kontext der jeweiligen Persoenlichkeit des Betroffenen.

So litt und verstarb beispielsweise mein Grossvater an Alzheimer. Als bekennender und zutiefst glaeubiger Katholik war es fuer ihn (solange er diesen Gedanken noch fassen konnte; danach wurde er von meiner Grossmutter weitergetragen) immer klar, dass diese Krankheit eine Art Pruefung war, die man bestehen musste. Insofern waeren sein langsamer Tod und die Art und Weise desselben das gewesen, was er auch in juengeren Jahren als Sterben in Wuerde bezeichnet haette.

Einem Atheisten wir mir aber, der sich keine Kompensation im Jenseits erwarten darf, duerfte sich die gleiche Lage aber ganz anders darstellen. Zum ersten habe ich mich stets durch meinen Intellekt definiert, das voellige Abhandenkommen desselben waere fuer mich schon alleine entwuerdigend. Dazu die vollkommene Abhaengigkeit von anderen (fuer die die Krankheit ja auch eine unvergleichliche Belastung ist) und die Ununmkehrbarkeit und Unheilbarkeit der Erkrankung haben mich damals den Entschluss treffen lassen, sollte ich einmal gesichert an Alzheimer erkranken, wuerde ich keines natuerlichen Todes sterben. Und ich verstehe Herrn Sachs, dass er damit nicht noch ein oder zwei Jahre warten konnte bis die Diagnose sicherer ist - denn dann waere der Teil seiner Persoenlichkeit, die irgendwann (wie man so schoen sagt 'im Vollbesitz der geistigen Kraefte') einmal diesen Entschluss gefasst hat, eventuell auch schon in Mitleidenschaft gezogen worden.

Ob der Suizid (Selbst"mord" ist hier ein ganz falsches Wort!) nun besonders mutig ist, sei mal dahingestellt - es ist auch voellig irrelevant. Aber eines ist er sicherlich - konsequent. Und dafuer gebuehrt Herrn Sachs mein Respekt.

Hochachtungsvoll,

P.

Raoul

10. Mai 2011, 19:36

http://www.goodnewstoday.de

Vielen Dank für ihren Beitrag! Seit gestern waren Experten und Insider medial vertreten, um ihre Sicht vom Tod des Herrn Sachs zu erläutern. Reflexartig werden Theorien, verbunden mit Popularwissenschaftlichen Randnotizen, verfasst und dargeboten. Mir erscheint es wie ein Halbwissen, dass schnell unters Volk gebracht werden muss, leider kein gepflegtes, sondern eines der unseriösen Art.

rene talbot

10. Mai 2011, 20:34

http://www.zwangspsychiatrie.de

@ Alexander Braun

Als "abenteuerlich" könnte man die Verleumdungen, die sich "psychiatrische Diagnosen" nennen, bezeichnen, wenn Sie nicht regelmäßig einen so dramatischen und umfassenden Verlust von Grundrechten zur Folge hätten, Zwangseinweisung, Zwangsbehandlung und zwangsweise Entmündigung verbrämt als "Betreuung".

Denn es gibt auch einen Beweis, warum die Existenz Psychischer Kramkheit notwendiger- und sinnvollerweise als Kathegorienfehler bestritten werden muss:

1. Beschreibung, was Krankheit ist:

Um sinnvoll im medizinischen Sinn von einer Krankheit zu sprechen, müssen die BEIDEN folgenden Bedingungen erfüllt sein:

a) es muss eine objektivierbare Veränderung des Körpergewebes oder von Körperflüssigkeit vorhanden sein, wie sie z.B. bei der forensischen Untersuchung einer Todesursache festgestellt werden.

b) die Person, die eine Krankheit hat, muss darunter subjektiv leiden, bzw. glauben, dass sie leiden wird, d.h. sie muss den augenblicklichen Zustand zumindest für unangenehm halten und ihn abändern wollen. Das ist außerdem die Voraussetzung dafür, dass so etwas wie "Therapie" stattfinden kann.

2. Es gibt keine Krankheit, wenn nicht beide Kriterien a) und b) erfüllt sind, denn:

- wenn keins der beiden Kriterien erfüllt ist, kann es sich nur um eine Verwendung des Wortes "Krankheit" als Metapher handeln: z.B. ein "kranker" Witz, oder die Wirtschaft hat eine "Krankheit".

- wenn a) gilt, aber nicht b), dann haben die Ärzte eben eine Diagnose und ein Betätigungsfeld verloren: z.B. wurden klein gewachsene Menschen unter einer bestimmten Größe einfach als "krank" an der "Kleinwüchsigkeit" bezeichnet. Das ist alles vorbei in dem Moment, wo viele kleine Menschen sagen, dass die Zwerge ein wesentlicher Bestandteil der Menschheit sind, nix von wegen Leiden. Ein anderes Beispiel sind Gehörlose: in dem Moment, wo sie sich als Anderssprachige organisieren, ist es mit dem "Leiden" vorbei und damit mit der Möglichkeit, Taubheit eine "Krankheit" zu nennen.

- wenn b) gilt aber nicht a), dann wäre es allein der subjektiven Empfindung anheim gestellt, ob jemand eine Krankheit hat oder nicht. Die entsprechenden weit reichenden Konsequenzen ist sicherlich bisher keine Gesellschaft gewillt zu ziehen, denn es hieße, dass einerseits jede/r sich selbst die Krankschreibung unterschreiben könnte und andererseits die wesentliche Funktion der Ärzte zusammenbräche, dass- im Gegensatz zur bisherigen (Schul)Medizin - nicht mehr Untersuchungen und eine Diagnose wesentlich wären, sondern jede Befindlichkeits-Quacksalberei den Vorrang hätte.

3. Die angeblich existierende "psychische Krankheit" kann weder die Bedingung a) noch b) erfüllen - obwohl schon das Fehlen der Erfüllung einer der beiden Bedingungen diese angeblichen "Diagnosen" bei einer Kandidatur für "Krankheit" durchfallen lassen würde (siehe 1.2) denn:

- es gibt keine objektivierbaren Gewebe Veränderungen. Wie jede/r weiß, wird weder ein Bluttest, noch ein Hirnscan, noch eine mikroskopische, Röntgen- oder Ultraschalluntersuchung (oder womöglich ein "Gentest") gemacht, um irgendeine der psychiatrischen Verleumdungs-Diagnosen zu stellen.

- es kann kein "Leiden" vorliegen, das ja mit einen Wunsch nach Veränderung einhergeht, wenn in psychiatrischen Gefängnissen regelmäßig Menschen einsperrt werden. Diese sind logischerweise deswegen eingesperrt, weil sie nicht freiwillig dort sind und sonst weggehen würden und sich damit den psychiatrischen Foltermethoden wie Fesseln ans Bett, zwangsweise Penetration mit der Spritze, Elektroschocken usw. und dem ständigen Anblick dieser faschistoiden Methoden entziehen würden. Vielmehr werden die eingesperrten Menschen durch die Psychiatrie zu Leidenden gemacht, indem sie erniedrigt und entwürdigt werden, ihr Wille gebrochen werden soll, sie mit Foltermethoden unter Geständniszwang gesetzt werden, endlich "krankheits"-einsichtig zu werden, um damit im nachhinein das ganze Martyrium als "medizinische" Behandlung bezeichnen zu können.

4. Fazit: Es handelt sich bei den Worten "psychische Krankheit" um die Verwendung einer Metapher, also nur um Worte, keinen Sachverhalt oder eine Tatsache.

rene talbot

Lutz Barth

11. Mai 2011, 08:37

http://www.iqb-info.de

Ich habe einige Stunden mit mir „gerungen“, ob ich einen Kommentar verfassen soll – einen Kommentar, der „nur“ in Erinnerung rufen soll, dass es uns wohl nicht zusteht, über ein individuelles Einzelschicksal zu befinden, ohne die Innenperspektive des Suizidenten auch nur ansatzweise erfassen, geschweige denn erhellen zu können und – cum grano salis – ob er dem Niveau der F.A.Z. gerecht wird.

Dass andererseits das Schicksal bewegt, dürfte – ähnlich der Causa Walter Jens – nicht sonderlich überraschend sein, geht es doch immerhin auch darum, in einer Zeit, in der besonderes zivilgesellschaftliches Engagement gegenüber Demenzerkrankten eingefordert wird, jedenfalls dann Position zu beziehen, wenn erkennbar jemand vor der „Demenz“ in gesunden Tagen zu „flüchten“ gedenkt und zwar nicht nur im Rahmen einer Patientenverfügung.

Das Experten und insbesondere solche, die sich selbst dazu zählen, das Problem der „gefühlten Demenz“ derzeit noch nicht erörtern, halte ich für wenig problematisch, ist man/frau doch bemüht, generell die „Demenz“ dergestalt zu verklären, als dass diese sinnstiftend sei und es sich nicht schickt, dieser „Krankheit“ zu entfliehen – mehr noch, einige Experten neigen gar dazu, uns in gesunden Tagen die Pflicht für die sich in uns später konstituierende „dritte Person“ aufzuerlegen, Verantwortung dafür zu tragen, dass die „dritte Person“ in uns im Falle einer Demenzerkrankung nicht zu „Schaden kommt“ und demzufolge alle Verfügungen kritisch daraufhin zu überprüfen seien, ob wir gleichsam einen Willen bekunden, der letztlich einen „Dritten“ für die ureigene Zwecke instrumentalisiert.

Sei es drum. Auch die „gefühlte Demenz“, die vermutete „infauste Prognose“, das „lebensunwerte Leben“ schlechthin können aus der Innenperspektive des Individuums Anlass dafür sein, aus dem Leben zu scheiden, ohne hier gleich den Suizidenten pathologisieren zu wollen. Die Frage, ob es vernünftig sei, aufgrund ungesicherter Erkenntnisse aus dem Leben zu scheiden oder schlicht dem ärztlichen Ratschlag nicht folgen zu wollen, stellt sich nicht – es sei denn, der Entschluss beruht auf einer diagnostizierbaren „Krise“, die dann mit kognitiv bedeutsamen Defiziten gleichzusetzen wäre und somit der Suizident nicht mehr „Herr seines freien Willens“ ist.

Lutz Barth

Mitleser

11. Mai 2011, 10:37

http://rehsteff@gmail.com

Wenn ich absehen müßte demnächst nicht mehr in der Lage zu sein, so zu denken, wie ich glaube es jetzt zu können, dann würde ich mir auch das Leben nehmen, denn für mich ist in meinem Leben denken zu können wichtig.

Ich habe kein Recht und auch kein Interesse, darüber nachzudenken, was Herrn Enke oder Herrn Sachs zu ihren Selbstmorden bewegt hat. Es ist das gute Recht des Menschen, hierüber keine Rechenschaft aubzulegen müssen. Es ist immer eine individuelle Entscheidung, die ein Ausdruck von Freiheit ist.

Nur die altmodische Psychiatrie und die Oberethiker bezweifeln dieses Recht der Menschen. Und ich Stimme Herrn Talbot zu, dass es weder eine Einheit von Körper Geist und Seele gibt, noch dass man eine Intelligenzminderung im hohen Alter als Krankheit bezeichnen kann. So ist das eben bei manchen Menschen, wenn sie alt werden.

Und es ist richtig, dass es bis heute keinen naturwissenschaftlichen Beweis gibt, dass Demenz eine Krankheit ist.  

maddes

11. Mai 2011, 13:43

@rene talbot : Ihre Argumentation ist nicht nur Abenteuerlich, sondern geradezu absurd.

1) Eine Krankheit mit ausgeprägter Phänomenologie (und auch ziemlichem Leidensdruck auf die Erkrankten und deren Umwelt) einfach dadurch weg zu diskutieren, dass man ihre organischen Grundlagen (noch) nicht verstanden hat, stellt wissenschaftliches Arbeiten auf den Kopf.

2) zur Definition einer Krankheit den "Willen zur Veränderung" hinzuzufügen, macht auch alle Menschen gesund, die sich trefflich mit einer Krankheit eingerichtet haben, weil es manchmal auch sehr bequem sein kann, sich rundum "versorgen" zu lassen. Und damit meine ich durchaus und gerade nicht sogenannte psychisch Kranken.

3) Ihr Rundumschlag beim Thema Psychische Erkrankungen geht am Thema Demenz und Alzheimer weit vorbei. In Fällen, wo es zu Beschneidung der Freiheit kommt, wären eher mehr Mittel für die Pflege wünschenswert - und nicht weniger nach dem Motto "die sind ja eigentlich gesund". Da zu sagen, man lässt den Dementen halt einfach ihre Freiheit, führt zu einer akuten, oft lebensbedrohenden Situation. Das ist unverantwortlich.

Andererseits gibt es zu psychischen Erkrankungen wie Depression durchaus die von ihnen geforderten organisch feststelbaren faktoren, z.B. bei Depression die  Störung des Serotonin- und/oder Noradrenalin Haushalts im Gehirn.

Mitleser

11. Mai 2011, 16:28

http://proxifilm@gmail.com

Absurd ist, wenn man lediglich als Begründung für das Vorliegen einer Krankheit einen "Leidensdruck" heranzieht. Das reicht für eine "Psychotherapie", nicht aber für eine vernünftige gesellschaftliche Diskussion. Die Psychiatrie ist groß im Erfinden von Krankheiten. Aber ich vergass, da gibt es ja noch den toten Fisch unter dem Mfrt, dessen Hirnscan mitteilte, er würde sich gerade paaren.

ThorHa

12. Mai 2011, 15:53

Es zeichnet den Herren im Gegensatz zum Sklaven aus, dass er über seinen Tod selbst entscheidet. Nur diese Geisteshaltung ermöglicht die innere Freiheit, bis zu seinem Eintritt sich selber (und seinen Grundsätzen) treu zu bleiben. Gunter Sachs hat sich diese Freiheit genommen - und die öffentlichen Kommentare zu seinem Tod beweisen einmal mehr, wie sehr diese Freiheit andere Menschen verstört. Die sie dann wahlweise als Unfreiheit kennzeichnen, reflexartig mehr staatliche Betreuung einfordern oder sie dem Selbsttöter sogar anklagend vorwerfen. Wir können uns den Eintritt ins Leben schon nicht selbst aussuchen - das erledigen andere, ohne uns zu fragen. Aber der Austritt kann (hoffentlich!) selbst gewählt werden - und gehört in die Entscheidungssphäre eines wirklich freien Individuums.

Gruss,

Thorsten Haupts

Oliver Tolmein

12. Mai 2011, 15:58

@Haupts: ... hm. Ich dachte, die Zeit der Herrenmenschen und Sklaven wären vorüber. Nun soll das in der Debatte um Suizid wieder auferstehen? Ich kann mir nicht mal vorstellen, dass Gunter Sachs das recht gewesen wäre.....

ThorHa

12. Mai 2011, 20:13

@Oliver Tolmein

Die Zeit der Herrenmenschen und Sklaven ist ganz sicher vorbei, und das ist ebenso sicher ein positiver Menschheitsfortschritt. Nur dass Herrenmensch exakt nichts mit "Herr" zu tun hat, wissen Sie als Journalist natürlich besser als ich. Vor allem - was macht der "Herrenmensch" in Ihrer Reaktion auf meine Meinungsäusserung? Ach so - ein bisschen Diskreditierungsumdeutung ... Na dann. Ich würde ungern genauso antworten, obwohl ich die Methoden in den späten achtzigern von der politischen Linken gelernt habe.

Gruss,

Thorsten Haupts

Oliver Tolmein

12. Mai 2011, 20:22

@ThorHa: Haben Sie? "Herr", also - und nichts zu tun mit "Herrenmensch" (der ja auch nicht aus dem Nichts kam, sondern Radikalisierung eines schlechten Gedankens war)? Und wo kommt dann bei Ihnen der Sklave her (noch nicht einmal der "Knecht")? Diskreditierungsumdeutung (woher haben Sie denn das Wort?)? Wohl kaum.

Lutz Barth

12. Mai 2011, 20:27

http://www.iqb-info.de

@Tolmein: Nun, verehrter Herr Tolmein, bei einiger Phantasie erschließt sich Ihnen sicherlich auch der dezente Hinweis von T. Haupts: Ersetzen wir den "Herrenmenschen" durch den Gutmenschen, der nach ethischer Macht strebt, weil er glaubt, über die höherwertigen moralischen Wertmaßstäbe zu verfügen, so wird er stets gewillt sein, seinem "Gewissen" folgend Druck auf seine Mitmenschen, manchmal auch Kollegen, auszuüben und zwar jenseits einer einzufordernden Toleranz.

Gegenwärtig zeigt gerade die BÄK eindrucksvoll, wie sie meint, ihre arztethischen Vorstellungen "durchdrücken" zu können; so gesehen übt die BÄK moralischen Druck auf ihre Kammerangehörigen aus und versenkt dabei zugleich das Grundrecht der Gewissensfreiheit. Nun - um den "hochstehenden Berufsstand" scheint es nicht gut bestellt zu sein, wenn Oberethiker sich aufschwingen, per Berufsrecht Druck auf das Gewissen ihrer Kollegen auszuüben!

Oliver Tolmein

12. Mai 2011, 20:36

Aber lieber Herr Barth,  wer hat Ihnen denn diese Idee eingegeben? Der Gutmensch als Irgendwie-Abart des Herrenmenschen, diesem Gleich nach (ethischer) Macht (warum denn nicht gleich: Versklavung) strebend.....?? Als Jurist ist Ihnen ja der Unterschied zwischen Normsetzung und Druck ausüben bekannt: Mit der Formulierung des neuen § 16 Musterberufsordnung wird eine Norm formuliert, an die man sich halten oder gegen die man (mit den entsprechenden Konsequenzen) verstoßen kann. Unter Druck gesetzt wird da niemand: Das ist meines Erachtens ja gerade das Gelungene an der Ersetzung des "ärztlichen Ethos" durch die "Aufgabe des Arztes" und die Verlagerung des Konflikts aus den Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung in die Musterberufsordnung: An die Stelle eines schwabbeligen Appells an den Ethos tritt eine nüchterne Aufgabenbeschreibung, die durch ein klares Verbot flankiert wird. Nix moralischer Druck, normative Grenze. Oder empfinden Sie das Verbot sich fremde bewegliche Sache anzueignen auch als "moralischen Druck" unter den wir Anhänger der klassenlosen Gesellschaft, die gerne allen Besitz der Reichen an den Rest der Welt verteilen würden, gesetzt werden?  

ThorHa

12. Mai 2011, 21:31

@Oliver Tolmein

Lieber Herr Tolmein. Herrenmensch war die Vulgarisierung eines sehr guten Gedankens für die Zwecke des braunen Massenpöbels. Herren waren - im besten Sinne - zuerst einmal die Herren ihrer selbst, ihrem eigenen Ethos verpflichtet und bereit, diese Verpflichtung notfalls mit dem Leben zu bezahlen. Und der Slave war zum einen der rhetorischen Figur geschuldet - ich bin zu sehr in knackige Formulierungen verliebt. Danach diente er allerdings der Illustrierung des Gegensatzes - ein Sklave mag historisch der leibeigene Zwangsdiener eines anderen Menschen gewesen sein. Trotzdem sprechen wir (alltagsdeutsch) noch heute von einem Sklaven z.B. seiner Gier. Und ich sprach vom Sklaven des Überlebenstriebes - nach meiner Überzeugung ganz sicher eine der Ursachen dafür, dass zu viele Menschen alleine zur Besitzstandswahrung (also für das eigene Überleben im weiteren Sinne) alles tun würden ...

Und selbstverständlich war Ihr Herrenmensch der reflexhafte Versuch, meine Gedanken in eine bestimmte Ecke zu drängen. Ich verstehe vor Ihrem biographischen Hintergrund die Entstehung des dahinter stehenden Generalverdachtes. Das allerdings macht den Versuch nicht fairer, und ich erwarte von einem seriösen Menschen kaum die schnelle Bestätigung von godwins law ohne ausreichenden Grund!

Gruss,

Thorsten Haupts

Oliver Tolmein

12. Mai 2011, 22:00

Lieber Herr Haupts, die "Zwecke des braunen Massenpöbels"? Nun ist das Biopolitik-Blog nicht der richtige Ort für NS-Theorien, aber zumindest der biopolitisch besonders interessierende Teil des Nationalsozialismus (Zwangssterilisation, Euthanasie in Form des Behindertenmords, rassehygienische Visionen) wurden von einer akademischen Elite getragen und vorangetrieben. Und ohne pingelig sein zu wollen: ein Sklave "mag" nicht nur "Zwangsdiener" gewesen sein, Sklaven waren und sind Menschen, die von anderen als ihr Eigentum behandelt werden. Aber gut. Für Sie ist es Alltagsdeutsch. Ich finde den Begriff in diesem Zusammenhang dennoch bemerkenswert, zumal Sie sich damit erheben zu einem, der meint beurteilen zu können, ob einer nur noch aus "Überlebensgier" lebt, obwohl es, ja was eigentlich, besser für ihn wäre zu sterben?  

Und wo sehen Sie bitte in meinem biografischen Hintergrund die "Entstehung eines dahinter stehenden Generalverdachts"? Was meinen Sie damit? Meine langen aktiven Jahre in der Jungen Union in Meinerzhagen? Oder meine kürzere Zeit als Redakteur von "konkret"? Meine Zeit am Theater oder meinen Spaß am Kampfsport? Ich kenne  Sie ja nicht. Warum sollte ich also einen Verdacht und dann auch noch einen Generalverdacht gegen Sie hegen? Mit "godwins law" hat das herzlich wenig zu tun..... mit Sprache sehr viel mehr. Schönen Abend noch.

ThorHa

12. Mai 2011, 22:32

Lieber Herr Tolmein, den schönen Abend auch Ihnen. Die von Ihnen als  biopolitisch interessante Teil der Nazi-Ideologie bezeichneten Ideologien kamen ganz sicher aus den Reihen einer sich als intellektuelle Elite fühlenden bürgerlichen Akademikerschicht. Und damit genau nicht aus den Reihen derjenigen, die sich historisch vorher mit einigem Recht als einzige als "Herren" ansehen durften. QED - die Pervertierung eines guten Gedankens, damit sich auch die Masse endlich als Herren betrachten durfte, beim Quälen, Unterdrücken und letztendlich Töten anderer. Was den Generalverdacht angeht - lassen wir´s einfach? Sie haben mir ein bestimmtes Gedankengut untergeschoben, ich über Ihre Motive spekuliert, beides wenig erhellend und noch weniger interessant für andere.

Gruss,

Thorsten Haupts

hansgeier333

13. Mai 2011, 04:32

Ich glaube eher, die Umgebung eines dahinsiechenden Deppen muss einiges aushalten, ob man ihn nun als dement oder an Alzheimer erkrankt einstuft. Ich darf das so bitter sagen, meine Mutter hat gerade das Zeitliche auf diese Weise gesegnet. Es war ein langer Abschied. Quälend lange Monate von den letzten lichten Minuten bis zum endgültigen Aus. Es ist gar nicht erfrischend, den langsamen körperlichen und geistigen Abstieg eines geliebten Menschen mit zu begleiten und ihn als Wrack in Erinnerung zu behalten. Die Probleme eines überalterten Playboys müssen natürlich die Welt interessieren, der Inhalt des nächsten Altersheims, aus dem keiner mehr aufrecht entkommt und der letzter Aufenthaltsort für drei Viertel der Bevölkerung sein dürfte, wird sanft verdrängt. Von privatisierter Nächstenliebe und Berufsbetreuern abgekocht, warten sie im Rollstuhl und am Rollator auf den nächsten Abgang. Es dürfte eine Gnade sein, nicht mehr alles mitzukriegen, was und wie es um einen geschieht. Vielleicht gibt es nach der Gnade der späten Geburt auch eine solche des frühen bzw. rechtzeitigen Todes. Dem Dicken ist letztere wohl nicht mehr zuteil geworden.

Lutz Barth

13. Mai 2011, 07:20

http://www,iqb-info.de

Verehrter Herr Tolmein.

Die "Verlagerung der Debatte" in das Berufsrecht mag als ein geschickter Schachzug gewertet werden, zumal nunmehr konkrete Sanktionen bei einer ärztlichen Assistenz beim Suizid möglich sind. Indes verbleibe ich freilich bei der Auffassung, dass hier die Ärzteschaft letztlich unter Druck gesetzt werden soll. Ungeachtet dessen wird die Zukunft zeigen, ob der § 16 MBO Bestand haben wird. Ich habe hier meine Zweifel, denn ich persönlich halte die Bestimmung schlicht für verfassungswidrig. Völlig zureichend wäre es gewesen, bei der Formulierung in den Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung zu bleiben, zumal das Arztethos zu keinem Zeitpunkt "rechtsverbindlich" war und ist.

Anna

13. Mai 2011, 09:31

Die Kommentare hier sind weitestgehend hochgestochenes Geschwafel. Da wird mal wieder eine Plattform benutzt um seinen geistigen Durchfall abzulassen. Das finde ich sehr schade. Zum Thema: Mal abgesehen von medizinischen Diagnosen oder Beschreibungen des Krankheitsbildes; Hat hier jemand schon mal miterlebt, wie es für betroffene Menschen ist, wenn sich die Krankheit Alzheimer so langsam einschleicht und man zu Beginn der Erkrankung -noch völlig bei Sinnen- mit erlebt, wie die Leistungen nachlassen? Wie alltägliche Gedanken plötzlich nicht mehr greifbar sind oder wie sich das so genannte Gedankenkarusell dreht ohne einmal anzuhalten, so das man einen Gedanken näher aufgreifen kann? Selbst Menschen mit der Alzheimer-Krankheit in den späteren Stadien haben noch lichte Momente in denen ihnen um ihren eigentlichen Zustand für einen kurzen Moment bewusst wird oder ist. Ich habe jahrelang mit Alzheimerkranken gearbeitet und genau deswegen kann ich Hr. Sachs gut verstehen, wenn er diesem erbärmlichen Dasein, das ihm gedroht hätte, vorzeitig ein Ende gesetzt hat. Es kann natürlich versucht werden, das Beste daraus zu machen, aber alleine schafft man das eh nicht mehr, man ist völlig auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen, die dann versuchen, ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu gestalten. Ich denke, wenn der Mut zum Suizid vorhanden ist, dann hätten viele andere Menschen genau das getan, was Hr. Sachs getan hat. Alzheimer ist eine Krankheit, die sich über sehr viele Jahre ziehen kann wie ein Kaugummi, es kann aber auch ganz schnell gehen. Alzheimer ist eine Krankheit, wo man sich selber verliert und auch alles das was man gelernt hat. Viele Grüße.

Mitleser

13. Mai 2011, 17:27

http://rehsteff@gmail.com

Nochmal, was gibt der Psychiatrie das ethische Recht, bestimmte Arten des Leids als Krankheit zu bezeichnen? Aber die Qualität der Kommentare wird flacher. Schade. Es sei den verehrten Beitragenden folgendes Buch empfohlen:

Wie wir die Welt verstehen

Sandra Mitchell: "Komplexitäten", Suhrkamp, 174 Seiten

Zitat Deutschlandfunk:

Der Mensch versucht, die Welt meist mittels einfacher Kausalzusammenhänge zu erklären. Was jedoch im Alltag bisweilen ein brauchbares Rezept sein mag, stößt bei komplexeren Problemen an seine Grenzen. Sandra Mitchell warnt in ihrem Essay "Komplexitäten" davor, die Welt mit einfachen Formeln zu entschlüsseln.

Zitat Ende

Link:

www.dradio.de/.../851958

Plindos,

13. Mai 2011, 18:56

Mein Beitrag zielt bewußt an dem angeschlagenem Thema etwas vorbei.

ars vivendi-ars moriendi. Beides will von früh an geübt sein. Um es in beidem zur Meisterschaft zu bringen hilft die Lektüre von Seneca, dagegen dem Atheisten ein Greuel: Wahlweise die der Bibel. Mir scheint Alzheimer medizinhistorisch eher eine "Errungenschaft" der letzten hundert Jahre zu sein, will sagen, damit auch eine unsrer  heutigen Seelenverfaßtheit. Verblüffend für mich die Äusserungen sowohl eines Soziologen wie auch eines,  ihm beipflichtenden, Kunsthistorikers, daß es immer noch das Skandalon des Todes gäbe....

de.wikipedia.org/.../Alzheimer-Krankheit

Armin Rieble

14. Mai 2011, 14:09

http://decemsys.de

Die meisten, die sich mit dem Selbstmord/Freitod eines Menschen wie dem von Gunter Sachs beschäftigen, klammern – wie durch ein Tabu sprachlos –wesentliche Lebensfragen aus: Was kommt nach dem Tod? Löst sich der Mensch mit seinem physischen Ende in Nichts auf, oder wird er von Gott für seine Lebensführung zur Rechenschaft gezogen, ist er dazu bestimmt, in ewiger Freude bei Gott zu wohnen oder zu einer nie endenden Gottesferne verurteilt zu sein? Es geht also radikal um die Gottesfrage, nicht die theoretische, sondern die personale: Lasse ich mein Leben von Gott bestimmen oder ist er mir ein Unbekannter, der meinem Selbstverständnis völlig fern ist? Mit Gott ist hier der Gott des Alten und Neuen Testamentes gemeint, der die Identität der europäischen Geschichte geprägt hat. Und es geht um Jesus Christus, der aus Liebe für das ewige Heil der Menschen sein Leben hingegeben hat und zum einzigen Mittler beim Vater geworden ist. Es zeichnet sich ab, daß man heute entweder ganzer Christ oder gar keiner ist. In letztem Resumée ist dies die Frage des Christen zum Tod von Gunter Sachs: Ist Jesus Christus vergeblich für ihn am Kreuz gestorben?

"Wir können uns den Eintritt ins Leben schon nicht selbst aussuchen - das erledigen andere, ohne uns zu fragen. Aber der Austritt kann (hoffentlich!) selbst gewählt werden - und gehört in die Entscheidungssphäre eines wirklich freien Individuums." Das sagt oben Thorsten Haupts. Die Frage ist, woher hat der Mensch seine Freiheit? Wodurch ist er von seinen Eltern frei, die ihn hervorgebracht haben? Solange jemand diese Frage nicht überzeugend beantworten kann oder will, kann man ihn nicht wirklich als einen denkenden Menschen ansehen. Dazu gehört auch Gunter Sachs, ein Narr, der auf der Bühne der Schönen und Reichen und der Kulturidolatrie einherstolziert ist und mit lässiger Hand einen letzten spektakulären Abgang suchte – nach dem Motto "Wenn ich meine Rolle gut gespielt habe, klatscht Beifall." Er war Gefangener der Erwartungen anderer, die er sich einbildete und denen er sich verpflichtet fühlte. Das ist die andere Seite einer als konsequent gepriesenen Handlungsweise.

Es ist bezeichnend, daß Sachs in seinem Abschiedsschreiben in lächerlich gestelztem Stil prompt einen Fehler produzierte, den ich nicht auf Alzheimer-Symptome zurückführen möchte. Er schreibt: "Ich stelle dies (Alzheimer) ... fest ... an der rapiden Verschlechterung meines Gedächtnisses und dem  (statt 'des', auf 'Sprachschatzes' zu beziehen) meiner Bildung entsprechenden Sprachschatzes."

So wie Sachs, und viele seiner dümmlichen Bewunderer, seine Autonomie verstand, war er unfähig zu beständigen menschlichen Beziehungen. Er blieb letztlich egoistisch allein und hinterläßt eine Familie, die mit der Belastung eines Selbstmordes fertig werden muß.

Lutz Barth

15. Mai 2011, 06:41

http://www.iqb-info.de

@Rieble: Mit Verlaub - "Wer frei von Sünde, der werfe den ersten Stein" und es steht ohne Frage jedem zu, sich zum Lebensstil oder Lebensphilosophie einer Person zu äußern, freilich mit gehörigem Respekt und einzufordernder Toleranz.

Indes überzeugen der moraltheologische Ansatz und einige zentrale Dogmen etwa der verfassten Amtskirchen nicht: Selbstverständlich sind wesentliche Lebensfragen angesprochen und da darf denn daran erinnert werden, dass Gottes Sohn nicht aufgefordert war, ein heroisches Opfer für die Menschen im Allgemeinen oder einzelner Suizidenten zu erbringen. Dies zu "glauben", ergibt sich aus Art. 4 des Grundgesetzes so wie wir letztlich auch nicht "glauben" dürfen mit der Folge, dass wir zur Erkenntnis gelangen, dass Jesus nicht für uns am Kreuz gestorben ist. Immerhin entsprach es auch zeitweilig der Wunsch Jesus, dass der "Kelch" an ihm vorübergehe möge, wenngleich nach dem Plan Gottes sein "Opfer" unausweichlich war. Wohl in Kenntnis dieser Tatsache hat sich der Sohn Gottes ganz der Liebe seines Vaters anvertraut und sich in sein Schicksal begeben, dem zu entfliehen - sofern man/frau glauben mag - ihm sicherlich ein Leichtes gewesen wäre. Mithin könnte gar die These aufgestellt werden, dass Jesus einer der prominenten "Suizidenten" war, denn schließlich hat er "aus Liebe für das ewige Heil der Menschen sein Leben hingegeben" - er ließ dem "weltlichen Geschehen" auf Geheiß seines Vaters den Lauf, ohne dessen Vollendung einige Zentraldogmen ihrer Strahlkraft einbüßen würden.

Nun - ich persönlich halte es für vermessen, von jemanden einzufordern, für mich sein "Leben" herzugeben so wie ich es ebenfalls für vermessen erachte, wenn jemand sein Leben opfert, um so meine "Schuld" auf sich zu nehmen und hieraus folgend dann moraltheologische Pflichten konstruiert werden, will heißen: Ich habe keinen gebeten, sich für mich zu opfern!

Insofern mag ein Jeder für sich selbst beurteilen, welchen Lebenswandel er zu führen gedenkt und zwar innerhalb der Grenzen dessen, die wir jenseits einer Religion zu beachten haben.

Plindos

18. Mai 2011, 16:46

Lutz Barth@: Vermutlich ist es eine Scheinautonomie der Sie, mit Verlaub gesagt, anhängen, so auch ihre Jesuskritik, die brandneu ja nun auch nicht mehr ist. Siehe F. Nietzsche. Konzedieren muß ich Ihnen allerdings, daß damit durchaus ein Durch-

kommen bis zum letzten Stündlein gelingen kann (muddling through).

ThorHa

18. Mai 2011, 23:30

@Plindos: Scheinautonomie

Scheinautonomie ist ein beliebter Vorwurf aus der Deckung einer festgefügzen Ideologie heraus, die sich a priori z definieren anmasst, was in welchem Zusammenhang als "autonom" zu bezeichnen ist. Das schöne daran ist - als Agnostiker kann ich diesen Vowurf ohne Angst vor göttlicher Verdammung auf exakt der selben Grundlage lächelnd zurückgeben, weil Ihre Ideologie nicht besser (und nicht besser begründet) ist, als meine.  Wer den japanische Samurai des 16. Jahrhunderts - extremstes Beispiel der aktiven Bejahung des eigenen Todes als Mittel zum Zweck - vorwerfen wollte, scheinautonom zu sein, hat sich auf ein ziemlich Ross gesetzt :-),.

Gruss,

Thorsten Haupts

Plindos

19. Mai 2011, 11:54

ThorHa@:  Besten Dank für Ihre Riposte.

Auf hohen Kothurn stehend lässt sich sicherlich schlecht und wenig überzeugend argumentieren, sollte ich den Eindruck vermittelt haben, so bedaure ich das zutiefst.

Nun, ich meine und vermute, dass Sie als Offizier ohne weiteres ein gefestigtes Selbstvertrauen im Umgang mit der Tatsache des Todes gewonnen haben. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, daß gewiß auch der Bushidokodex der Samurai in nichts vor dem Grauen bewahrt, welches das Überschreiten der Ziellinie ausstrahlt. Davor können Sie auch weder die Lektüre von Laplace mit seiner Hypothese "Gott" bewahren noch die von La Mettrie's "L'homme machine". Ihre Haltung kann ich durchaus verstehen, da ich sie mir Jahrzehnte meines Lebens hindurch ebenfalls zu eigen gemacht hatte. Für mich persönlich empfand ich sie jedoch auf die Dauer als extrem unfruchtbar. Damit komme ich auch auf den Ideologievorwurf zu sprechen, den ich nicht erhoben hatte. Der Vorwurf selber geht jedoch glatt ins Leere, da sich an dem Stachel der Transzendenz noch deren größte gegnerische Geister (m. E.) schlüssig vergebens abmühten. Um es anders auszudrücken, so wie es Plato Jahrhunderte vor Christi schon erkannte und formulierte: Die Unsterblichkeit der Seele lässt hoffen und ist durch ihre Evidenz mit nichts zu erschüttern. So wird sie auch gewiß G. S. zuteil, dessen Freitod der Anlaß unseres Disputes ist. In aller gebotenen Ernsthaftigkeit, so wie ich hoffe, ohne dessen göttliche Verdammnis, sondern ihn die göttliche Liebe umfängt.

Mitleser

22. Mai 2011, 16:38

http://rehsteff@gmail.com

@Rieble

Sie missbrauchen Religion für politische Zwecke. Das tun auch die Eiferer im Nahen Osten und die buddhistischen Terrosristen in Indien. Sie schreiben:  In letztem Resumée ist dies die Frage des Christen zum Tod von Gunter Sachs: Ist Jesus Christus vergeblich für ihn am Kreuz gestorben? Das Problem von Ihnen und Ihren Genossen sehe ich nämlich dadrin, dass Ihr Ansatz so fundamental gar nicht ist, denn die Frage stellen Sie, die Kirchen und die Relgiösen immer nur dort wo es ihnen gefällt. Sie wird nicht im Zusammenhang mit zum Himmel schreienden UUnrecht gegen Einzelpersonen in unserem demokratischen und sozialen Rechtsstatt gestellt, sie wird eben nicht dort gestellt, wo Menschen ihr Recht auf Freiheit nutzen wollen etwa wenn es um Geschlechtsanpassungen, körperliche Veränderungen (freiwillige Amputationen) oder den Kinderwunsch von Unfruchtbaren und älteren Frauen geht. Wo ist da die Kirche? Wo ist da die Barmherzigkeit des Rechtsstaats? Ich nenne Ihren Beitrag Selbstgerechtigkeit, offenbar nicht nur ein Problem der über 50 Jährigen in unserer Gesellschaft, sondern von Personen, die ihre eigenen Überzeugungen für so gut und gerecht halten, dass sich Alle an ihnen zu orientieren haben. Und das soll dann in der Bibel stehen. Ich glaube da haben Si e das alte und neue Testament nicht ganz verstanden.

Meine Generation, die der heute 20 bis 30 Jährigen, kann das ganze selbstgerechte Ethikgefasel in Deutschland nicht mehr hören.

Atomkraft, die Staatsverschuldung, die für vier weitere Generationen reicht, das Verbot der PID, selbstherrliche und selbstgerechte Ärzte, die einer Berufsgruppe angehören, die weltweit mit über die höchsten Einkommen verfügen in einem Gesundheitssystem, das aus vielen weiteren Gründen so nicht mehr finanzierbar ist, all diese ungelösten politischen Fragen werden zugekleistert als vermeintlich ethische Fragen, die jedoch gar keine sind.

Hier wollen offensichtlich religöse Eiferer gepaart mit altkonservativen Kreisen das Rad der Geeschichte herumdrehen zum eigenen Nutzen. Und Sie argumentieren mit Religion.

Das ist aus meienr Sicht ein klarer Missbrauch von Religion.

Gott, um im Bilde und beim Thema zu bleiben, hat gewiss tatsächlich nicht gewollt, dass die Familie von Herrn Sachs leidet. Er hat aber auch nicht gewollt, dass Herr Sachs leidet. Dessen Recht auf Freiheit von Leiden ist ihnen weniger Wert als das Recht seiner Familie. Warum? Können wir Gleicheit und Freiehit (Demokratie) nicht auch aus christlich religiösen Überzeugungen ableiten? War es nicht so, dass vor Gott alle gleich sind?

Überlegen Sie sich mal, warum die beiden großen Volksparteien mit jeweils klaren Grundsätzen heute immer weniger ein Bindeglied bzw Transmissionsriemen darstellen. Die eine vertritt ungefähr Ihre Linie. Ihre Thesen sind m.E. demokratiefeindlich und zuletzt auch menschenfeindlich, besonders weil Sie sich auf die Relgion berufen.

Würden Sie mit einem Theologen die von Tolmein aufgeworfenen Fragen diskustieren müssen, würden Sie arm aussehen, denn auch theolgisch gibt es durchaus andere Positionen zum Selbstmord, Abtreibung, Sterbehilfe als Sie es glauben (!) mögen und hier darstellen.

Lutz Barth

24. Mai 2011, 07:57

http://www.iqb-info.de

Nun sehe ich mich doch noch einmal veranlasst, einen Kurzkommentar abzugeben. Dass die Religion "missbraucht" werde, ist ein harscher Vorwurf, der allerdings durchaus berechtigt sein kann und zwar gerade in den sog. bioethischen Hochdiskursen, die allerdings sich zunehmend durch eine gewisse Trivialisierung auszeichnen und zwar gerade in den Fällen, in denen eine Institution glaubt, in unserer Gesellschaft gleichsam das vermeintliche Prädikat "moralische Autorität" für sich beanspruchen zu können und hierbei Zentraldogmen verkündet, über die nicht mehr verhandelt werden darf (es sei denn, man/frau ist bereit, der "Sünde Lohn" zu empfangen). Die Kirchen können - dies sei zugestanden - allerdings nicht über ihre eigenen Fundamentalpositionen disponieren, wollen sie sich nicht dem Ruf aussetzen, ihre eigene Lehre zu verleugnen. Die Verfassung räumt den Kirchen letztlich auch das exklusive Recht ein, ganz bewusst auf Distanz zu "Werten" zu gehen, die sich möglichweise mit den Dogmen nicht harmonisieren lassen - Dogmen, die wir glauben oder halt nicht glauben.

Allerdings sieht dies mit Blick auf den ärztlichen Berufsstand schon anders aus: Auch die BÄK sieht sich als eine "moralische Autorität", wie derzeit gerade aktuell u.a. von den Kandidaten bezüglich der Nachfolge von dem scheidenden Präsidenten der BÄK ganz artig betont wird. Ungeachtet der sicherlich interessanten Frage, was hier die einzelnen Kandidaten mit dem Begriff der "moralischen Autorität" verbinden, bleibt doch zu konstatieren, dass das "Arztethos" im Berufsrecht mit Blick auf das Verbot der ärztlichen Suizidassistenz einem moralischen Zwangsdiktat gleichkommt, das die einzelnen Berufsangehörigen künftig zu beachten haben, wollen sie sich nicht Sanktionen aussetzen.

Hier stellt sich die Frage, ob dies "gerechtfertigt" ist und im ferner von der Normsetzungskompetenz der Ärztekammern abgedeckt ist. Zwischenzeitlich hat die BÄK in ihrer Mitteilung BÄK-Intern (Mai 2011) nochmals versucht, darzulegen, dass es keinen Anlass zu Irritationen gab, auch wenn die Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung überarbeitet worden sind und demzufolge "ein Verstoß gegen das Arztethos" nicht mehr anzunehmen sei. Die Autoren Hoppe, Lipp und Simon überzeugen in ihrer Argumentation allerdings nicht, geschweige denn mit ihrem Ergebnis, blenden diese doch wesentliche verfassungsrechtliche Aspekte aus, mal abgesehen davon, dass es geradezu zynisch ist, einerseits auf die unterschiedlichen moralischen Werthaltungen der Ärztinnen und Ärzte Rücksicht nehmen zu wollen, andererseits aber für ein Verbot im Berufsrecht plädieren zu wollen. Das "Arztethos" ist danach "zweigeteilt und es gehört schon eine Menge Phantasie dazu, zu glauben, der Arzt dürfe nicht als "Privatperson" Suizidbeihilfe leisten, zumal die ärztliche Suizidassistenz keine ärztliche Aufgabe sei! Der Kernbereich ärztlicher Aufgabe ist mithin nicht berührt und demzufolge maßt sich die "moralische Autorität" an, eine Regelung zu verabschieden, über die zu befinden weder die BÄK noch die Landesärztekammern legitimiert sind.

Der Suizid ist und bleibt eine freie Entscheidung des Patienten oder halt derjenigen Personen, die da meinen, dem Leben entfliehen zu müssen. Ob G. Sachs ein "falsches Signal" mit seinem Abschiedsbrief ausgesendet hat, ist eine Frage, die vornehmlich von den ethischen Überzeugungstätern in den Raum gestellt wird, da diese ohnehin meinen, dass sich mit zunehmender Manifestierung einer Demenzerkrankung eine "dritte Person" konstituiert, über die wir in "gesunden Tagen" nicht "verfügen" dürfen. Es entspricht dem Mainstream, nicht nur die Palliativmedizin sondern zugleich auch die Demenz als Erkrankung zu "verklären", auch wenn die Fundamentalisten unter den "Ethikern" und "Hobbyphilosophen" hierbei nicht im Ansatz bereit sind, ihre Position unter rechtsethischen Aspekten kritisch zu reflektieren.

Nun - hierüber "Klage" zu führen, mag Sinn machen, wenngleich nicht damit gerechnet werden kann, dass die wahren Überzeugungstäter von ihrem unsäglichen Vorhaben ablassen werden, denn immerhin gilt es, "weiter zu forschen" und im Zweifel "Fördergelder" einzustreichen, auch wenn im Ergebnis die eine oder andere ethische Grundposition jenseits von Gut und Böse ist - zumindest aber jenseits einer pluralen Werteordnung in einem säkularem Verfassungsstaat, in dem nach wie vor das Selbstbestimmungsrecht neben der "Würde" (als Metapher?) als höchstes Freiheitsrecht ausgewiesen ist. Es ist schon mehr als dreist, in der einschlägigen Debatte das Selbstbestimmungsrecht und damit generell die Autonomie klein reden zu wollen und dass bitte schön alles unter dem Tarnmäntelchen der "moralische Autorität", die so moralisch nun wahrlich nicht ist, werden doch in einem liberalen Verfassungsstaat existentielle Freiheitsrechte denaturiert!

Und in der Tat: Auch in der Theologie gibt es Ansätze, die m.E. weitaus tugendhafter erscheinen, als die gängigen Botschaften mancher Moralisten. Beredtes Beispiel hierfür sind die Beiträge u.a. von Hartmut Kreß, die sich wohlwollend im Diskurs von den "Botschaften" mancher Oberethiker und Missionare im 21. Jahrhundert unterscheiden: Er plädiert für mehr Toleranz und genau dies ist der springende Punkt in dem Diskurs!

Wir brauchen keine Arzteethik, die mehr und mehr zu einer Ersatzreligion mutiert und noch weniger "Oberlehrer", die da versuchen, ein gesamtes Staatsvolk resp. die ärztlichen Berufsgruppe für ihre ureigenen Zwecke instrumentalisieren zu wollen: Nicht die Moral der Herrschenden ist der Maßstab, an dem die individuelle Gewissensentscheidung oder das Selbstbestimmungsrecht der Patienten und der Bürgerinnen und Bürger sich auszurichten haben, sondern im Bereich der "Selbst-Entleibung" die Innenperspektive der Individuen. Punkt um!

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