Salamitaktik für Vegetarier - Ärztekammerpräsident "persönlich" gegen PID
12. Juli 2011, 00:27
Uhr
Unmittelbar nach der Abstimmung des Deutschen Bundestages
hat der neue Präsident der Bundesärztekammer Frank-Ulrich Montgomery jetzt in
einem Interview klargestellt, dass er ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik(PID) begrüßt hätte. Montgomery hat seine Statement mit dem Zusatz versehen, er „persönlich"
hätte den Gesetzentwurf für ein Verbot der PID unterstützt. In seiner Funktion
als oberster Funktionär der Ärzteschaft hat er also nicht gesprochen -
vielleicht erklärt das auch seine Zurückhaltung im Vorfeld der Entscheidung im
Parlament, denn die Ärzteschaft selbst hat sich zuletzt auf dem 114. Deutschen
Ärztetag eine (begrenzte) Zulassung der PID begrüßt. Nun kann man es ärgerlich
finden, dass Montgomery seine Meinung nicht vorher geäußert hat, denn sie hätte
möglicherweise auch als „persönliche" Ansicht Gewicht gehabt in einer Debatte,
in der die Abgeordneten selbst auch „persönlich", nämlich ohne Fraktionszwang
entschieden haben. Man kann es aber auch für erfreulich halten, dass Montgomery
sich überhaupt noch persönlich zu dem Thema geäußert hat, zumal mit seiner
Auffassung derzeit nicht nur wenig Staat zu machen, sondern auch in der
Ärzteschaft nur wenig Punkte zu holen sind.
Und Montgomery bleibt ja nicht dabei stehen, sein
hypothetisches Abstimmungsverhalten auf Anfrage zur Kenntnis zu geben, er macht
auch deutlich, dass mit der Entscheidung über den Gesetzentwurf, die Debatte
nicht am Ende ist, da die Umsetzung noch einiger Maßnahmen bedarf. Insbesondere
muss die Bundesregierung, deren Chefin Angela Merkel sich zwar gegen die
Legalisierung der PID ausgesprochen hat, die aber unmittelbar darauf in
beredtes Schweigen verfallen ist, ja eine Rechtsverordnung erlassen, die
festlegt, wie viele und welche Zentren die PID durchführen dürfen, wie die
Ethikkommissionen zusammenzusetzen sind, die die Anträge zu genehmigen haben
etc.pp.
Nach Auffassung des Ärztekammerpräsidenten, der in dieser
Hinsicht wiederum nicht ganz so persönlich auftritt, sondern sich zur
Verantwortung der Ärzteschaft bekennt, reichen bundesweit drei Zentren völlig
aus, in denen die PID durchgeführt werden kann. Das hätte auch zur Folge, dass
es nur dreier Ethikkommissionen bedarf, die hier jeweils Entscheidungen treffen
- womit auch die Gefahr eines Ethikkomissions-Hoppings (lehnen die Münchner
Ethikkommissionäre ab, genehmigen mein Anliegen vielleicht die von Berlin???)
minimiert werden würde. Montgomery möchte auch die Interdisziplinarität der
Ethikkomissionen betonen. Dort sollen beraten:
„Ärzte, die etwas von
der Thematik verstehen, die aber nicht unbedingt selbst mit künstlichen
Befruchtungen befasst sind, Theologen, Philosophen, Psychologen - wichtig ist,
dass eine ausgewogene gesellschaftliche Bandbreite gewährleistet ist."
Mir scheint wichtig, dass dort auch Menschen mit
Behinderungen beratschlagen. Da Behinderung ein Anknüpfungspunkt für viele PIDs
ist und Erfahrung eine wichtige Grundlage
für ethische Konzepte sein kann, sind hier wichtige Experten (mit durchaus
unterschiedlichen Meinungen) zu finden....
In den Ethikkommissionen wird auch möglicherweise eine Frage
verhandelt werden, die im Gesetzgebungsverfahren bedauerlicherweise kaum eine
Rolle gespielt hat, die aber von einiger Brisanz ist: Das Gendiagnostikgesetz,
das aber für die PID keine Anwendung findet, untersagt die pränatale
Untersuchung auf sogenannten spätmanifestierende Erkrankungen, wie die
Huntingtonsche Chorea. Das neue Embryonenschutzgesetz hat hier dagegen kein
klares Verbot verhängt, sondern sich zu diesem Problem der genetischen Erkrankungen,
die erst im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt (oder möglicherweise noch
später) zu Tage treten, gar nicht geäußert. Grundsätzlich muss man daher wohl
davon ausgehen, dass die PID auch in diesen Fällen eingesetzt werden kann, was
Montgomery - nach meiner Auffassung zu Recht - kritisiert:
„Ich lehne es völlig
ab, auf Erbanlagen für Krankheiten zu testen, die in der Regel erst nach dem
30. Lebensjahr auftreten, etwa die Chorea Huntington. Da wird es wirklich
gefährlich, auch weil wir nicht wissen, welche Therapien wir in 30, 40 Jahren
haben. Außerdem können die Menschen mit entsprechenden Gendefekten Jahrzehnte
ohne Erkrankung leben."
Ein Ansatzpunkt dafür, die PID in diesen Konstellationen
konkret nicht zuzulassen könnte sein, dass man hier davon ausgeht, dass spät
manifestierende genetische Erkrankungen nicht „schwer" im Sinne des
Embryonenschutzgesetzes sind.
Etwas zweifelhaft erscheint Montgomerys Feststellung, dass
der PID möglicherweise deswegen nicht mehr ganz so entschieden entgegenzutreten
sein, weil „der Damm" schon an andere Stelle gebrochen sei - womit er sich auf
die ebenfalls selektierende Pränataldiagnostik bezieht. Das erscheint mir zu
undifferenziert: bei der PID findet eine direkt diskriminierende Selektion
statt. Es werden „gute" von „schlechten" Embryonen selektiert. Eine solche
direkte Diskriminierung gibt es in der Schwangerschaft in der Regel nicht mehr:
hier entscheidet sich eine schwangere Frau gegen die Fortführung einer konkreten
Schwangerschaft, auch wenn die befürchtete Behinderung eines Embryos den Anlaß
dafür bieten mag, wird die Schwangerschaft ja doch nicht mit einem anderen,
nichtbehinderten Embryo fortgeführt. Außerdem ermöglicht die Pränataldiagnostik
nur bestimmte Eigenschaften zu vermeiden. Die PID kann dagegen auch bestimmte
Eigenschaften gezielt zu fördern. Es geht hier also nicht darum, ob der Damm nur
etwas breiter aufgebrochen wird, als ohnedies schon geschehen. Es handelt sich
um eine neue Qualität des Vorgehens.
Überdies bin ich auch kein Freund des Dammbrucharguments, denn
das suggeriert eine gewisse Zwangsläufigkeit und entlastet damit spätere
Entscheidungen: sie erscheinen nicht mehr als bewußtes Handeln, sondern als
geradezu zwangsläufige Folge aus dem Bruch des Damms. Tatsächlich sind es aber
doch jedesmal eigenständige Entscheidungen, die von den Parlamentariern oder
auch Ärzten bzw. den Paaren, die Kinder oder eben auch nur bestimmte Kinder
wünschen getroffen werden. Das von Montgomery gewählte Bild, dass wir uns in einer "Welt der Salami-Ethik" befänden, in der "Stückchen für Stückchen" abgeschnitten werde, mag kulinarisch nicht ganz glücklich gewählt sein, hebt aber doch auch hervor, dass es zwar um die Wurst geht, dass aber keineswegs der erste Schnitt schon bedeutet, dass am Ende alles verspeist sein wird: man kann auch nach drei Scheiben auf einen ganz anderen Geschmack kommen oder Vegetarier werden.
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