"Tatort": Intersexuelle war kein Gärtner - die Mörder arbeiten im Team
19. September 2011, 13:28
Uhr
Nun hat „Intersexualität“ also auch den „Tatort“ erreicht, was
aus geschlechter- und damit auch biopolitischer Sicht auf jeden Fall erstmal
erfreulich ist. Themen, die es in den „Tatort“ geschafft haben, gelten als irgendwie
relevant. Aus Sicht des „Tatort“-Zuschauers ist die Entwicklung weniger
erfreulich, weil „Themen“-Tatorte zumeist nicht die besonders
gelungenen sind. Relevanz schlägt meistens Dramaturgie und gerade der Münsteraner
„Tatort“ gefällt mir sonst eigentlich deswegen besonders gut, weil er sich, seinen
Protagonisten und den Zuschauern bemühte Erklärungen weitgehend erspart, weil die Drehbuchauotren Geschichten erzählen und niemanden zum Beackern von Problemfeldern zwingen.
Ausgangspunkt des aktuellen Münsteraner „Tatorts“ dürfte die
Geschichte eines Shootingstars in der westfälischen
Tennisszene gewesen sein, deren weibliches Geschlecht 2008 in Frage
gestellt wurde. Die Affaire um die südafrikanische Weltklasse-Läuferin Caster
Semenya wird in dem Krimi auch ausdrücklich erwähnt. Aber zu viel mehr als
kurzen Verweisen, verknüpft mit schlichten Erklärungssätzen (Prof. Börne: „Es
gibt etwa 100000 Menschen mit Merkmalen beider Geschlechter“) reicht es nicht.
Dazu trägt bei, dass die Themen-„Tatorte“ sich ihrem Gegentand immer auf
breiter Front nähern müssen: die intersexuelle Tennisspielerin, nach der
Beschreibung im Film wohl eine
xy-Frau, also ein Mensch mit männlichem Chromosomensatz, deren Zellen aber Testosteron
abblocken, bekam also einen mehr oder weniger transsexuellen Gegenspieler, eine
Motorradfahrerin und Platzwartin, die Testosteron schluckte und als Mann
auftretend mit einer offen frauenfeindlichen Motorradgang unterwegs war. Die
Situation intersexueller Menschen ist aber grundsätzlich anders, als die transsexueller
Menschen; schon die im „Tatort“ nahegelegte Ebene eines besonders intensiven
Verständnisses der beiden stigmatisierten Gruppen ist eher selten zu beobachten: während
intersexuelle Menschen damit zu kämpfen haben, dass ihre Besonderheit nicht
akzeptiert wird, dass sie nämlich nicht eindeutig zu einem der beiden
Geschlechter gehören, ist charakteristisch für Transsexuelle, dass sie selbst
im Geschlechterdualismus leben, leider aber den "falschen" Körper haben.

Echte Männer, wahre Männer: Kommissar und Verdächtigte (c) WDR/ Thomas Kost
Dass im Münsteraner „Tatort“ die Protagonistinnen nicht nur
mit den „normalen“ Problemen von biologischem, chromosomalen, zugewiesenem und sozialem Geschlecht zu kämpfen hatten, sondern die transsexuelle Frau
nur in der Motorradgang als Mann lebte, die Möglichkeiten des
Transexuellen-Gesetzes auf Vornamensänderung oder gar eine geschlechtszuweisende
Operation mit vollständiger Personenstandsänderung nicht in Anspruch nahm und
die intersexuelle Person gleichzeitig Leistungssportlerin war, hat es der
Geschichte und damit den Zuschauern auch nicht leichter gemacht (und bitte: geschlechtszuweisungskritisch aufzutreten, dann aber über die transsexuelle Motorradfahrerin äußern zu lassen "sie war schon immer ein Wildfang" und die intersexuelle Tennisspielerin dadurch zu individualisieren, dass sie jähzornig ist, ist auch nicht gerade originell). Die
dozierenden Erklärstücke von Professor Börne über große und kleine Lösungen des
Transsexuellen-Gesetzes und über das Problem geschlechtszuweisender Operationen
im Kleinkindalter, die angeblich nicht mehr Behandlungsstandard wären, konnten
die Schwächen der Story nicht ausbügeln, zumal sie fachlich immer knapp daneben lagen – auf der
Webseite „zwischengeschlecht“,
die von Interessengruppen bestückt wird, kann man nachlesen, dass gerade an
diesem Wochenende wieder Aktionen gegen Genitalverstümmelungen bei
intersexuellen Kindern stattfanden, die eben durchaus noch Praxis sind. Und mit
den Problemen der „großen“ und „kleinen“ Lösung des Transsexuellengesetzes hat
sich zuletzt im Januar 2011 das Bundesverfassungsgericht befasst, das hier
gundlegende Einwände gegen die gesetzliche Lösung formuliert hat. Das muss ein „Tatort“
natürlich nicht erklären, aber wenn er die Probleme schon zum Ausgangspunkt
einer Geschichte nimmt und sogar Erläuterungssätzchen einbaut, sollte er versuchen,
dass diese auch treffen.
Eigentlich beklagenswert ist aber, die Abstufung von
Unterhaltungswert und Lust an der politischen Inkorrektheit: Während Professor
Börne über seine kleinwüchsige Assistentin immer lästern darf, wenn sich eine
Gelegenheit bietet, bot den „Tatort“-Machern ihr Themenschwerpunkt dagegen vor
allem Anlaß zu eher moralinsauren Statements, die hier in erster Linie bei den
Eltern und dem Mananger der intersexuellen Protagonistin abgeladen wurden,
denen vorgehalten wurde, dass sie Leben und Karriere der Sportlerin durch ein gezielt
in Auftrag gegebenes falsches Gutachten, das bestätigte, dass sie Frau sei,
verpfuscht hätten. Hier geriet die Geschichte aber ohnehin ins Trudeln. Zwar
ist es immer wieder für Gerüchte und einen Aufschrei in den Medien gut, wenn
eine Frau als xy-Frau „enttarnt“ wird und dann anschließend eine Debatte
darüber entbrennt, ob sie nicht ein Mann wäre und der Wettkampf mit Frauen unfair;tatsächlich ist aber weithin,
wenn auch eher stillschweigend akzeptiert, dass xy-Frauen bei den Fraun starten
können: Durch die Androgenresistenz ihrer Zellen haben sie gegenüber Frauen mit
dem xx-Chromosomensatz nämlich keinerlei biologischen unlauteren Vorteil. Weder
war es also erforderlich ein falsches Gutachten in Auftrag zu geben, noch
erscheint plausibel, dass die Protagonisten so erpressbar war, wie hier
behauptet wurde. Deswegen erscheint auch eher unwahrscheinlich, dass die
Familie der Sportlerin diese und damit ihre Einkommenschancen durch einen Mord
an der Motorradfahrerin hätte retten müssen.

Staatsanwältin nach gescheitertem Geschlechtstest: Pullover falsch ausgezogen (c) WDR/Thomas Kost
Um keine Mißverständnisse zu provozieren: „Tatorte“ müssen
nicht plausibel sein, im Gegenteil, die Langeweile des Plausiblen plagt einen
ja schon an den Werktagen, sonntagsabends darf es dann auch gerne mal so
zynisch, schlagfertig und phantastisch sein, wie man dem beruflichen Gegner
auch Mittwochmorgens gerne gegenüber treten würde. Aber wenn man nun schon auf dem
Sendeplatz ein kleines Seminar in Sachen „Intersexualität“ offeriert bekommt, dann
doch bitte etwas präziser und vielleicht weniger bemüht aufbereitet.
Auch „Tatort“-Macher können ja gerne richtig recherchieren….
PS.: Lucie Veith vom Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V. sieht den "Tatort", wie sie im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur erläutert hat, positiver: "Für Menschen, die in diesem Tabu leben, kann so ein Film der Aufbruch zu sich selbst sein. Raus aus der dunklen Höhle, in das Leben hinein, in die Gesellschaft zurück."
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