Alzheimer Forschung: Ethik und eine geplante klinische Studie in Kolumbien
10. Oktober 2011, 10:16
Uhr
„Dorf
des Vergessens", das ist vielleicht ein gelungener Titel, für einen Beitrag
über eine kleine Gemeinschaft, in der fast jeder zweite an einer genetisch
bedingten früh ausbrechenden Form von Alzheimer erkrankt. Aber wird der
eingängig-flotte Titel auch der Lage der Menschen dort unten in Kolumbien im
Medellin gerecht? Das könnte ein Thema für einen Kurs über journalistische Ethik sein - sicherlich wird es auch
Leser des Blogs geben, die hierzu eine
Meinung haben. Tatsächlich geht es nicht
um ein einziges Dorf, sondern um 25 große Familien, die vor allem an vier Orten der Region Antioquia insgesamt
(mit allen familiären Verästelungen) 5000 Menschen umfassen, von denen ein
erheblicher Teil Träger einer genetischen Besonderheit ist, die zu einem frühen
Ausbruch der Alzheimerschen Erkrankung führt. Mich interessiert daher mehr, was
in dieser Region, die aufgrund mehrerer wissenschaftlicher Veröffentlichungen in
den letzten Jahren ins Visier der Alzheimer-Forscher geraten ist, geforscht
wird und wie. Ich bin über eine
Reportage in der „New York Times"
auf das Thema gestoßen (es war schon die zweite dort, erst danach habe ich
entdeckt, dass sich auch das ZDF-Auslandsjournal- deutlich weniger gründlich - mit dem Thema befasst hat).
Nachdem vor allem von Forschern vor Ort über die Jahre die
Daten der Familien und umfangreiche genetische Studien vorangetrieben worden
sind, zielen jetzt us-amerikanische Wissenschaftler darauf, in Kolumbien umfangreiche
Studien durchführen zu können, mit denen die Wirksamkeit von präventiven
medikamentösen Therapien erforscht werden soll. Solche Studien haben in der
Vergangenheit stets gezeigt, dass der Ausbruch von Alzheimer nicht gestoppt
werden kann, aber die Forscher haben die Hoffnung, dass dieses Ergebnis nur an
der falschen Konzeption der Studien lag: Behandelt wurden stets Patienten, bei
denen die Krankheit im Frühstadium festgestellt worden war, da war es für eine
solche Behandlung aber vielleicht schon zu spät. Ziel der neuen Studien, die
möglicherweise nächstes Jahr beginnen könnten, ist es, Menschen präventiv gegen
Alzheimer zu behandeln, bei denen man zwar aufgrund der genetischen Befunde
weiß, dass sie Alzheimer bekommen werden, bei denen die Krankheit aber eben
gerade noch nicht zu Tage getreten ist.
Vorerst sind aber noch vorbereitende Studien in Gang bei
denen beispielsweise mithilfe von PET-Scans untersucht wird, in welch unterschiedlichem Ausmaß die
Beta-Amyloid-Plaques bei Menschen mit und ohne dem Alzheimer Gen im Hirn
nachweisbar sind. Die Ergebnisse werden mit den Ergebnissen genetischer
Untersuchungen in Beziehung gesetzt. Das geschieht derzeit bei etwa 300
Probanden. Glaubt man den Medienberichten, erfahren die untersu chten Menschen
allerdings aus ethischen Gründen nicht, ob sie zu denen gehören bei denen
Alzheimer früh (zu Beginn des 4 Lebensjahrzehnts) Symptome verursachen wird
oder nicht. Sie sollen nicht beunruhigt
werden. Ich kenne das genaue Design der Studien nicht - sollte das zutreffen,
erscheint es mir zumindest fragwürdig: selbstverständlich müssen die Probanden
ein Recht auf Nichtwissen haben, dass die Forscher berechtigt sein sollen,
ihnen ihre Erkenntnisse zu verweigern, halte ich dagegen für problematisch. Es
passt auch nicht gerade zum Umgang mit genetischen Daten, der sich sonst Bahn bricht.Vor
allem frage ich mich, ob für jeden die , angesichts der in diesem Kollektiv recht
hohen Wahrscheinlichkeit eine Alzheimer begünstigende genetische Dispositionen zu
haben, konkrete Unsicherheit, ob man zu denen gehört, deren Leben hier recht
früh eine andere Bahn einschlägt, oder nicht, nicht genau so belastend sein
kann, wie das Wissen darum, wie sich das eigene Leben an diesem Punkt
entwickeln wird.
Möglicherweise sind die Forscher auch weniger von der Sorge um das
psychische Wohlbefinden der Patienten getrieben, als von dem Bemühen, sich
weitere Forschungspfade mit diesem wertvollen Pool von Genträgern offen zu
halten.
Der nächste Schritt der Forscher soll nämlich eine groß
angelegte Arzneimittelstudie sein, die
die Wirkung von Alzheimer-Medikationen auf die Plaques zeigen soll. Zwar ist
noch nicht ganz klar, welches Medikament getestet werden soll, das Gerüst für
das Studiendesign steht aber wohl schon fest: Es soll sich hier, gemäß
internationalen klinischen Standards um eine kontrollierte Doppel-Blind-Studie handeln
- hundert Menschen, die die Genmutation haben, aber noch keine Symptome sollen
mit dem Medikament behandelt werden, weitere hundert Genträger erhalten, ebenso
wie weitere hundert, die keine genetische Mutation haben, ein Placebo.
Doppelblindstudien sind zwar in den letzten Jahren immer
wieder (insbesondere aus dem Bereich biologischen Medizin und Homöopathie) in
die Kritik geraten, sie gelten aber nach wie vor (mit, wie mir scheint guten
Gründen) als der Goldstandard der Forschung. Ethisch unproblematisch sind sie ,
wie dieses Beispiel zeigt nicht. Dass die Probanden im Wissen darum, was und
wie geforscht wird, den Weg der Forscher mitgehen ist dabei aus meiner Sicht
kein überzeugendes Argument: Es handelt sich hier um ein Kollektiv in dieser
Hinsicht verzweifelter Menschen, die
angesichts der Massivität mit der sie mit Alzheimer konfrontiert sind, (fast)
alles tun würden, was Heilung oder Linderung verspricht.
Für eine ethische Bewertung wichtig ist die
Antwort auf die Frage, für wie wahrscheinlich die Forscher halten, dass sie mit
ihrer Medikation Erfolg haben, wie sie diesen Erfolg beurteilen und wie schnell
sie dann ggf. auch Patienten der nur mit Placebos behandelten Gruppe mit Medikamenten
versorgen könnten. Betrachtet man die die Geschichte der Suche nach eine r Behandlung
für Alzheimer stehen die Chancen
allerdings nicht niedrig, dass auch dieser weg nicht den ersehnten Erfolg
bringen und damit das e thische Dilemma der Forscher nicht in persönliche
Katastrophen der Probanden überführt wird.
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