Comicsalon Erlangen, zweiter Tag
04. Juni 2010, 14:13
Uhr
Man mag es ja
für irre halten, angesichts des nun doch prächtigen Wetters, aber meine
Empfehlung für den Erlanger Comicsalon lautet: in die Ausstellungen gehen! In
die zu Jens Harders Album „Alpha" (ein großartiger Sachcomic zur Evolution)
sowieso, selbst wenn der Band oder der Zeichner heute Abend nicht zu den
Preisträgern bei der Max-und-Moritz-Gala zählen sollten (Jury, sei gewarnt!).
Denn Harders Bildstrategie bietet reine Augenlust, und man lernt auch eine für
den Salon neue Örtlichkeit kennen: die sogenannte Salon-Galerie, die an der
südlichen Seite des Schlossgartens in einer früheren Buchhandlung ihr
temporäres Domizil gefunden hat (Universitätsstr. 16). Zugegeben, die
faszinierenden Räumlichkeiten des früheren Siemens-Werks, die der Salon 2008
nutzen durfte, werden von mir wohl zeitlebens vermisst werden, aber hier hat
man wenigstens wieder Platz, um neben dem eigentlichen Salongelände in Rathaus
und Heinrich-Lades-Halle einen starken Nebenschauplatz zu etablieren, wo nicht
nur die „Alpha"-Schau, sondern auch der unvergleichliche Nicolas Mahler mit
seinem „Mahlermuseum", eine kleine Werkschau des französischen Zeichners Pascal
Rabaté (mit „Bäche und Flüsse" auch unter den Nominierten um die
Max-und-Moritz-Preise) und die Arbeiten der Absolventen des Erlanger
Comic-Zeichner-Seminars von 2009 untergebracht sind. Viel zu schauen, und auf
dem Weg zur Salon-Galerie kommt man in die Sonne. Oder man geht danach nach
nebenan in den Schlosspark.
Zwischen Galerie
und Rathaus liegt noch das Kunstmuseum. Dort sind traditionell auch
Satellitenausstellungen des Salons zu sehen, diesmal eine verkleinerte Version
der kürzlich in Hannover gezeigten „Mecki"-Schau und etwas, das ich mir fast
erspart hätte, weil der Titel „Künstlerische Comics und Cartoons" so
abschreckend klang. Dann wäre mir aber etwas entgangen. Nicht die Arbeiten des
Illustrators Kevin Coyne, die man aus den unterschiedlichsten popkulturellen
Zusammenhängen kennt (inklusive seiner Musik), ach nicht Heike Pillemann, die etwas
zu sehr von Tomi Ungerer inspiriert wurde, als dass man sich an ihren Collagen
freuen könnte, aber da gibt es auch noch einen Raum, in dem insgesamt fünfzig
Comic-Strips gerahmt hängen - als langes doppelreihiges Band rund um den Raum.
Jeder Strip besteht aus drei Bildern, der Text steht meist darunter und bietet
eine Beschreibung dessen, was man sieht, und das, was man sieht, erinnert an
eine Mischung aus Lewis Trondheim und Moebius. Doch der Zeichner heißt Wolfgang
Herzer, lebt in Weiden in der Oberpfalz als Kunstlehrer und hat 1996 dadurch
zum Comiczeichnen gefunden, dass er eine Hausordnung für seine Kinder
illustrierte. Daraus entstand die Phantasiewelt Everywen, in der die
Titelhelden, die „Lückenknüllerkids" agieren. Das wirkt so ungewöhnlich und
witzig, dass man kaum aus dem Raum rauskommt, ehe man die ganze Geschichte „Der
verschwundene Hase" (vierzig Folgen) gelesen und bedauert hat, dass von der
zweiten Serie „Unter dem Wandervulkan" nur die ersten von insgesamt 92 Episoden
ausgestellt sind. Aber Jubeltrubel: Am Ausgang gibt es für fünf Euro eine
hektographiertes Heft, in der sich der gesamte „Wandervulkan" findet. Wäre
Wolfgang Herzer nicht Jahrgang 1948, ich würde ihn für jeden Nachwuchspreis
vorschlagen.
Die größte
Ansammlung ans Ausstellungen hat natürlich die Heinrich-Lades-Halle zu bieten.
Und so wenig mich bisher die Erzählweise des Worpsweder Schriftstellers Peer
Meter als Comic-Szenarist begeistert hat (weder sein vor zwei Jahrzehnten
erschienener „Hamann" noch der brandneue Band „Gift", den die wunderbare
Barbara Yelin illustriert hat), so geglückt ist die Ausstellung, die sich
seinem bemerkenswerten Zyklus von gleich sechs neuen Comics widmet, die,
beginnend mit „Gift", im Laufe der nächsten zwölf Monate erscheinen sollen.
Toll ist diese Präsentation, weil sie in die Kulisse eines Ateliers, eines
„Shops", wie die klassischen Comic-Werkstätten genannt wurden, wo große Gruppen
von Zeichnern und Autoren zusammenarbeiteten, gesetzt wird. Im vorderen Raum
steht der Schreibtisch von Peer Meter, übersät mit Recherchematerial, plus
einem Bildschirm, auf dem der Szenarist Auskunft zu seiner Arbeitsweise und der
Kooperation mit seinen sechs verschiedenen Zeichnern (Bemerkenswerterweise fünf
Frauen und nur einem Mann) gibt. Dahinter folgt der große Arbeitsraum, in dem
sechs Schreibtische für die sechs Zeichner stehen, auf jedem wieder ein
Bildschirm, auf dem nun die Künstler ihre Eindrücke von der Zusammenarbeit
wiedergeben. Dadurch entsteht ein sich ständig überlagerndes Gemurmel im Raum,
wie in einem echten Studio, und die Wände sind beklebt mit zahlreichen
Bildquellen, Ausrissen aus Zeitungen und Akten oder E-Mail-Ausdrucken aus den
Korrespondenzen zwischen Szenarist und Zeichnern. Dann folgen noch sechs
Kabinette, in denen jeweils die einzelnen Comics mit Originalseiten oder
manchmal auch deren Reproduktionen vorgestellt werden - fertig ist ein höchst
vergnüglicher und interessanter Parcours. Der seit dem Beginn des Salons vor
einem Vierteljahrhundert als Ausstatter der Ausstellungen tätige Franzose
Didier Moulin hat wieder ganze Arbeit geleistet.
Das gilt auch
für die anschließende Westerncomics-Ausstellung, für die er ein Pueblo auf die
Bühne der Lades-Halle gesetzt hat, in dessen heißflimmernden orangegelben
Gängen und Räumen die großen Klassiker des realistischen Westerns
frankobelgischer Provenienz zu sehen sind: Jijé und Jean Giraud, Hermann und
Derib, Michel Blanc-Dumont und Francois Boucq, sowie mit Gilles Mezzomo und
Patrick Prugne zwei jüngere Vertreter des Genres. Scahde zwar, dass de humoristische
Seite des Themas fehlt (und damit Morris genauso wie Christophe Blain, um nur
die beiden besten zu nennen), aber das ist die einzige Ausstellung, die in
diesem Jahr der Sparsamkeit einen internationalen Touch hat.
Obwohl es auf
der Galerie der Lades-Halle noch eine kleine Präsentation von in Deutschland
noch unveröffentlichten Arbeiten Milo Manaras gibt (die allerdings verstehen
lassen, warum sie hier unveröffentlicht blieben) und direkt darunter eine
kleine, aber schöne Schau zur Geschichte des amerikanischen Comic-Strips, die
aber in weitaus größerer Form vor Jahren schon duch Deutschland getourt ist.
Das ist also Zweit- beziehungsweise Resteverwertung, die wohl eher aus der Not
geboren sein dürfte.
Ein Tip aber
doch noch, auch wenn es draußen eher immer schöner wird: Im ersten Stock des
Rathauses werden neuere deutsche Zeitungscomics ausgestellt. Natürlich sind mit
Volker reiche, Ralf König, Flix und Kat Menschik gute F.A.Z.-Bekannte dabei,
aber auch die Arbeiten für den Berliner „Tagesspiegel", der Flix, Mawil, Tim
Dinter und Arne Bellstorf beschäftigt, sind höchst beeindruckend. Toms „Touché"
aus der taz ist ohnehin der Klassiker des neueren deutschen Strips, und in der
„Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" finden mit Ralf Ruthe und Hansi Kiefersauer
zwei Zeichner ziemlich unterschiedlichen Alters zu überzeugender
Zusammenarbeit. Ergänzend stellt der Bulls Pressedienst noch seine
Erfolgsserien „Hägar" und „Garfield", sowie den wunderschönen Strip „Lio" von
Mark Tatulli vor, der wie die Serien von König und Menschik für die
Max-und-Moritz-Preise nominiert ist. Und dann gibt es noch eine kleine
Ausstellung weiter hinten, die für Netznutzer ganz besonders interessant ist.
Aber zu der in einer späteren Folge der Berichterstattung aus Erlangen. Jetzt lockt
die Sonne.
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