Ein Jahr lang reines Inferno
27. Februar 2012, 02:09
Uhr
Falls Sie sich wundern sollten, warum dieser Blog-Eintrag morgens um 2 Uhr ins Netz kommt - ich sitze vor dem Fernseher und warte auf den Beginn der Oscar-Verleihung. Wieder mal bin ich aufs Programmschema, wie ich es den Fernsehprogrammen entnehmen konnte, hereingefallen und muss mir jetzt das blöde Defilee der Stars über den Roten Teppich ansehen. Da kann man auch etwas Vernünftigeres tun. Zum Beispiel über einen guten Comic schreiben. So bekommt man die letzte halbe Stunde Wartezeit am besten herum.
Der gute Comic heißt "Inferno". Bei diesem Titel könnte man vermuten, dass es zumindest nicht ganz so gut darin zugeht. Wir ennen ja unseren Dante. Oder doch nicht? Denn als am Ende der zweiten Seite des „Inferno" der erste
Altbekannte auftritt, ist es Silvio Berlusconi. Und der wird noch zweimal wiederkommen. Aber als Guten wird ihn wohl kaum jemand bezeichnen. Wobei bei seien drei Auftritten (Comic-Oscar als bester Nebendarsteller in einer Literaturadaption!) vom Inferno strenggenommen noch gar keine Rede ist. Wir befinden uns
erst im Anmarsch darauf, und Berlusconi hat eher einen dauergrinsenden bösen
Überraschungsgast im dunklen Wald zu spielen als einen Verdammten. Oder einen
Quälgeist, um auch die zweite Großgruppe zu nennen, die sich in den neun
Kreisen der Hölle tummelt, wie Dante sie uns vorgestellt hat.
Ach ja, Dante. Den würde man wohl auch als Altbekannten
bezeichnen. Aber so, wie Michael Meier ihn darstellt, als blondhaarigen jungen
Vollbartträger in schwarzer Jeans und weißem Tanktop, finden wir den Herrn gar
nicht mehr vertraut. Kein Lorbeerkranz, kein kantiges Profil, keine rote Tunika
- das Dante-Klischeebild ist weg. Nur einmal, ganz zu Anfang seines Comics „Das
Inferno", zeichnet Meier den alten Dante einmal so, wie wir ihn alle kennen.
Doch dem großen Dichter gegenüber steht noch ein bisschen markanter und vor
allem strenger blickend der Zeichner: Michael Meier selbst. Es spricht für ein
gesundes Ego, wenn man sich gegenüber einer Legende so souverän zu präsentieren
wagt.
Nun hat Meier alle Ursache dazu. Auch er hat, wie schon das
in der letzten Woche empfohlene Comic-Duo Felix Mertikat und Benjamin
Schreuder, den Sondermann-Preis für den besten Nachwuchskünstler gewonnen,
2009, mit seiner Oskar-Panizza-Adaption „Die Menschenfabrik". Die Umsetzung
eines berühmten literarischen Textes war damals noch nicht so gängig wie heute,
wo man sich bald fragen muss, welche Romane oder Erzählungen noch nicht zur
Comicvorlage umfunktioniert wurden. Aber ungeachtet dessen ist „Die
Menschenfabrik" weiterhin einer der besten Versuche dieser Art. Und was Meier
wirklich kann, das zeigt er jetzt mit seinem Inferno.
Ja, „seinem" Inferno, denn auch wenn er Dante genau folgt im
Ablauf des Geschehens und bei den meisten Figuren (nur einen Berlusconi, den
hat sich Dante nicht träumen lassen; einen Hitler zum Beispiel auch nicht), hat
Meier den ersten Teil der „Göttlichen Komödie" zu seinem eigenen Stoff gemacht.
Er folgte der alten Illustrationstradition, sich auf den ersten Teil zu
beschränken, weil Dante in „Purgatorium" und „Paradies" eher Ideen denn Bilder
aufs Papier gebracht hat. Dagegen ist die Schilderung der Hölle wunderbar
illustrativ, und das hat seit der Entstehungszeit des Buchs vor sieben
Jahrhunderten die Künstler zuverlässig angelockt.
So eben auch Michael Meier, der das „Inferno" als täglichen Comic-Strip
für die „Frankfurter Rundschau" gezeichnet hat, vom 2. August 2010 bis zum 30.
Juli 2011, fast genau ein Jahr lang also. Tag für Tag wurde eine der meist aus
drei oder vier Bildern bestehenden Folgen gedruckt, und drei davon ergeben nun
jeweils zusammenmontiert eine Seite im Buch. Jede Reihe, die früher ja einmal
einer Tagesfolge entsprach, bietet naturgemäß eine Pointe am Ende. So bekommt
der Weg ins Innerste der Verdammnis einen ziemlichen Zug. Kaum zu glauben, wie
gut das geht.
Vergil, der Cicerone des imaginären Dante aus dem „Inferno",
wird von Meier als Schakal gezeichnet, und aus dieser klassischen Kombination
von Mensch und treuem Begleiter zieht der Comic einigen Humor. Zugleich aber
schreckt Meier nicht vor der Darstellung höchst unerfreulicher Martern zurück,
die schon in Dantes Buch so drastisch ausfallen, dass Arno Schmidt sich mit
Grausen abwandte. Man darf nicht viel Nachsicht erwarten - nicht von der Hölle
und nicht von Michael Meier, der Dantes trichterförmige Folterindustrieanlage
als das präsentiert, was sie ist: eine Strafkolonie, gegen die Kafkas
Äquivalent als Erholungspark gelten darf.
Stripbedingt gibt es keine großen Bilder in dieser Adaption
(die einzige Ausnahme, ein Höllenpanorama, dürfte ein Erfordernis des Seitenumbruchs
gewesen sein). Aber gerade das macht nichts, weil so der Fokus auf Bitterkeit
(Dante) und Ironie (Meier) der Handlung liegt. Und so gewinnt diese
stilistische wie inhaltliche Modernisierung des „Infernos" dem Thema vieles ab,
was unseren Blick schärft, auch für den alten Text. Und sie erweist Meier als
einen der besten Erzähler im deutschen Comicgeschehen - selbst, wenn er
nacherzählt, erzählt er weiter.
(Und bei mir geht es jetzt nicht mehr weiter. Denn in Los Angeles geht es gleich los. Und man kann sich ja auch nicht den ganzen Tag nur für Comics interessieren.)
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