Der Alltag: Lauter schwarze Kästen
02. August 2010, 10:26
Uhr
welche im Verborgenen unser Leben mittels wundersamer Formeln
bestimmen und, wie zu zeigen sein wird, sich nicht nur dem
Verständnis sondern allzuoft auch der Sichtbarkeit entziehen,
obgleich sie uns unentbehrlich geworden sind.
Der Friseur meines Vertrauens ist nicht
nur in seinem Fach so begabt, daß er sich nach jedem Termin auf
Monate hin entbehrlich macht, nein, er ist auch ein unterhaltsamer
Gesprächspartner. Und kennt sich - man sollte es kaum glauben -
gut mit Technik aus. Er mag Aufsitzrasenmäher, Laubblasmaschinen,
kleine Spielzeughubschrauber, Autos mit Fernbedienung, und natürlich
auch Autos ohne Fernbedienung. Als er mir erklärte, ein moderner
Oberklassewagen von heute habe ähnlich viel komplexe Elektronik an
Bord wie ein Airbus von 1980, konnte ich es kaum glauben, aber sein
Mund kann als berufene Quelle gelten.
Das Internet weiß vieles, aber
manchmal findet man es nicht und so muß diese steile These
unbewiesen bleiben, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto
glaubwürdiger scheint sie mir. Für meine Eltern war die
ADAC-Mitgliedschaft noch beinahe eine Mobilitätsgarantie: hatte man
eine Panne rief man die gelben Engel, die kamen angeflogen mit gelben
Autos, packten ihre Gerätschaften aus und behoben das Problem. Heute
kommen sie, habe ich mir sagen lassen, meistens gleich mit dem
Abschleppwagen, denn reparieren kann man an modernen Autos ohne
Computer kaum noch etwas. Zuviel Elektronik. Fenster werden
elektrisch gehoben statt gekurbelt. Lenkungen laufen über Servo,
Motoren haben Stopp-Start-Knöpfe und so wird der Maschinenraum zur
Black Box, in der nur noch wenige Experten begreifen, was passiert.

Die veränderten Möglichkeiten, die
Technik, Computer und Internet uns eröffnen sind in diesem Fall für
jedermann sichtbar, wollte man nur hinschauen. Wir machen Fotos mit
Telefonen, verschicken diese in Echtzeit oder machen sie gleich allen
im Internet zugänglich, ich telefoniere mit dem Freund in Manila
genauso unbeschwert wie mit der Sandkastenfreundin um die Ecke, dank
VoiP, man recherchiert kaum noch in Bibliotheken, sondern nur noch in
Onlinekatalogen oder gleich bei Wikipedia und wo meine Mutter noch 20
Fotos vom Sommerurlaub liebevoll ins Fotoalbum einklebte, verrotten
bei mir 2.000 auf diversen Festplatten und CD-Roms. Das ist alles
nichts Neues, vielmehr ist es ein solcher Allgemeinplatz, daß es
kaum der Rede wert scheint.
Ebensowenig der Rede wert, aber aus
ganz anderen Gründen, sind die im Gleichschritt gewachsenen
Möglichkeiten von Mathematik, Modellrechnung und Simulation - dies
allerdings eine Veränderung quasi unter Ausschluß der
Öffentlichkeit. Denn Mathematik ist den meisten von uns ein Rätsel.
Wir lernen das kleine und auch das große Einmaleins, aber spätestens
mit Einzug des Taschenrechners in der Mittelstufe vergessen wir alles
wieder - wer braucht schon Kopfrechnen jenseits der 10?
Differentialrechnung, Geometrie, vielleicht auch Vektoren -
schlimme Zeiten in der gymnasialen Oberstufe, die man mehr schlecht
als recht durchzustehen hat und danach: irgendwas studieren,
möglichst ohne Mathe. Geisteswissenschaften eignen sich hervorragend
dafür, bei BWL, Psychologie oder Soziologie erwartet manchen ein
unangenehmes Erwachen, wenn man sich plötzlich gezwungen sieht,
Statistik I-III als Pflichtfach zu belegen. Mit etwas Geschick
allerdings kann mit minimalem Verständnis und maximaler
Auswendiglernerei die Pflichtklausuren bestehen und dann im
Haupstudium alles Zahlenlastige weiträumig umgehen - und ich
spreche da aus Erfahrung.
Die Kenntnis mathematischer Grundsätze
oder der klassischen, über Jahrhunderte preiswürdig gewordenen
Probleme gilt unserer Gesellschaft nicht viel. Schon beim Anblick von
Zahlenkolonnen gruselt es viele, mehr noch wenn aus Zahlen Buchstaben
werden. Formelzeugs. αβγ
- griechische Feinde, und dann die vielen Operanden und
Relationszeichen. Alles pfui. Nur für Nerds und Streberleichen.
Mathematische Operationen, die über die Möglichkeiten eines
ordinären Werbegeschenk-Taschenrechners hinausgehen, gelten als
höhere Mathematik und bedürfen keiner weiteren Aufmerksamkeit. Nun
hat niemand mehr Verständnis dafür als ich, Mathematik weiträumig
meiden zu wollen - nennen Sie es meine Spezialdisziplin, verfeinert
durch viele Jahre Studium hindurch, bis der Teufel mich am Ende doch
eingeholt hat -, aber bei allem Verständnis: wir machen damit
weite Teile unseres Lebens zu einer Black Box. So, wie der
Maschinenraum eines Autos für den gemeinen Pannenhelfer
undurchschaubar geworden und seinen Zugriffsmöglichkeiten entzogen
worden ist, sind auch unendlich viele Entwicklungen und Mechanismen
heute in einem Umfang durch Mathematik und Modelle und
Rechnerkapazitäten bestimmt, daß sie sich unserem Verständnis fast
völlig entziehen. Maschinenräume des Alltags, in die wir kaum noch
eingreifen können, weil die Eigendynamik sie vorwärts treibt, weil
sie sich an der Peripherie unseres Blickfelds befinden, unter
Motorhauben verborgen, aber dennoch von erheblichem Einfluß auf
unseren Alltag.

Im Zusammenhang mit dem täglichen
Wetterbericht interessieren uns meteorologische Modelle und deren
Qualität kaum. Meist treffen die Vorhersagen in etwa ein, und ob es
am Ende regnet oder nicht - wen kümmert das schon. Als jedoch der
isländische Ascheregen Europas Flugverkehr zum Erliegen brachte,
wurde das Modell interessant. Woher weiß man eigentlich, daß...?
Und wie funktioniert das eigentlich? Können die sich sicher sein...?
Sollte man nicht...? Völlig unerwartet rückte plötzlich die
Methode ins Bewußtsein, verschiedene Parteien hinterfragten die
Simulationen und Schätzungen und Experten meldeten sich zu Wort, das
Unerklärliche zu erklären. Und man konnte sich fragen: wenn in
diesem Fall das eine Modell der Flugaufsichtsbehörde über Wochen
das Schicksal aller großen europäischen Fluggesellschaften ebenso
wie vieler Millionen Menschen beeinflussen konnte, wo sonst noch wird
unser Leben durch Algorithmen, Simulationen und Mathematik in ihren
komplizierteren Formen geprägt, ohne daß wir jemals darüber
nachdenken? Kreditscoring und Versicherungsprämien, Klimamodelle und
Treibhauseffekt, wirtschaftspolitische Prognosen und Bank-Bail-Outs,
Suchmaschinen und die deutsche Bahn - ohne Mathematik wäre alles
anders.
Nicht der Wetterforsch entscheidet, wie
das Wetter wird, ebensowenig wie der Bankangestellte über den Kredit
entscheidet: das tun die Modelle. Natürlich gehen in eine
Kreditbeurteilung die verfügbaren Informationen über frühere
Kredite und das Verhalten als Schuldner ein, aber Banken und
Agenturen hüten die Details ihrer Modelle mit äußerster Sorgfalt,
und selbst wenn der Mechanismus wirklich bekannt wäre: wir würde
ihn nicht verstehen. Ob mittels logistischer Regression oder über
Ratingpunkte und Ausfallwahrscheinlichkeiten: wir wären dennoch
nicht schlauer, denn vor das Verständnis hat die Entwicklung der
Moderne die Mathematik gesetzt.

Unser Gegenüber im Fernsehen oder am
Bankschalter ist nur noch Erfüllungsgehilfe und könnte in vielen
Fällen vermutlich selbst kaum erklären, wie ein bestimmtes Ergebnis
errechnet wurde. Nun liegt es im Wesen der arbeitsteiligen
Gesellschaft, auf das Fachwissen von Experten zu vertrauen, das tun
wir auch bei Ärzten und bei Automechanikern. Andererseits schadet es
aber nicht, gelegentlich darüber nachzudenken, wieviele Prozesse wir
ausgelagert, an Maschinen übergeben haben, und uns blind auf das
verlassen, was der Computer als Ergebnis ausspuckt. Denn alle diese
Ergebnisse bedürfen der Interpretation - und das erfordert
Verständnis. Ohne Verständnis können wir zur Not auch noch
zurechtkommen, Fehlverständnis hingegen kann eine Katastrophe sein.
Wir haben Journalisten, die Korrelation und Kausalität nicht
auseinanderhalten können, wissenschaftliche Referenten verkürzen
Memoranden nach Gutdünken und am Ende ziehen Politiker
Schlußfolgerungen und leiten daraus Handlungsempfehlungen und
politische Strategien ab - alles gänzlich unbefleckt von jeder
Sachkenntnis, wie das Ergebnis in der Black Box eigentlich zustande
kam.
Natürlich können wir uns nicht alle
in der knappen Freizeit zum Statistiker und Mathematiker
weiterbilden, wenn ich beim Friseur sitze, möchte ich keine
Fachbücher lesen, sondern die Frauenzeitschrift meiner Wahl und mein
Pannenhelfer muß auch kein promovierter Computertechniker werden -
aber ein bißchen kritische Grundhaltung, Neugier auf die versteckten
Motoren unseres Alltags und ein bißchen mehr Verständnis für das,
was unser Leben so wesentlich beeinflußt, das wäre doch schön.
Damit wir wenigstens wissen, was wir eigentlich aus der Hand geben.