Googles Priority Inbox und Ihre kaputte Existenz
31. August 2010, 21:15
Uhr
Worin jubilieret
wird, dass Google etwas completum ney-arttiges hat!
Google Priority
Inbox, das ist der Deus Ex Machina für
Ihre verkorxte
Existenz, all die Sie das Internet
zu Hülf nehmen tun,
das Daseyn
schäntlich zu
verlottern.
Ach, was ist schon Priorität... Schauen Sie, Ende der 80er
Jahre gab es noch kein Internet, zumindest keines, das ich genutzt und gekannt
hätte. Ich war damals auch keiner der komischen Mathekönner aus der Schule, die
ihre Freizeit am C64 verbrachten oder Pacman spielten oder was auch immer
damals üblich war. Meine Spielzeuge waren ein Surfbrett, das unter vier
Windstärken kläglich absoff, und ein Rennrad. Ich hatte keinen Rechner, aber
einen Führerschein und den Kleinbus meiner Mutter, und in den warf ich zu
dieser späten Augustzeit das Rennrad, schnallte mein Brett oben drauf, holte
einen Freund ab, und dann fuhren wir, Tropi Frutti essend, bis uns sehr
schlecht war, an den Gardasee. Wir gingen am Morgen surfen, am Nachmittag radeln
und am Abend essen. In meiner Erinnerung war jeden
Morgen Sturm, jeden Nachmittag Sonne und jeden Abend Sonnenuntergang über
Malcesine. Wenn mal kein Sturm am Morgen und schönes Wetter am Nachmittag war,
lasen wir eben. In jenen Tagen habe ich die Autobiographie von Dali gelesen,
Cocteaus Kinder des Olymp, und Walter Mehring. Irgendwelche anderen Touristen
lasen die Gossenmedien aus der Heimat, aber wir nicht. Es war eine tolle Zeit.

Dann fuhren wir, braungebrannt und zufrieden, über die
Brenner Staatsstrasse heim. Am nächsten Morgen griff ich am Frühstückstisch
meiner Eltern zur Zeitung und las nach, was in den drei letzten Wochen passiert
war: Nichts. Also wirklich nichts. All die lauten, wichtigen, relevanten Themen
aus der Zeit vor den Urlaub, Glasnost, WAA, irgendwelche Sager irgendwelcher
Politiker, alles war ohne Ergebnis weiter gegangen. Es war immer noch laut,
wichtig, relevant, aber ich hatte nichts verpasst. Wenn ich drei Monate in
Italien geblieben wäre, hätte ich genauso leicht wieder in den Strom der
Nachrichten einsteigen können, mit seinen Aufregern, Thesen, Meinungen und
Informationen. Und stets dachte ich mir danach: Die echte Geschwindigkeit
meines Lebens, das ist das Funkeln der Gischt auf dem Wasser, das Blitzen der
Speichen in der Sonne, das ist relevant für mich, und der Rest, nun ja, ist
allenfalls scheinrelevant. Nach den Wochen in Italien brauchte ich lang, um mich wieder an das Tosen der Medien zu gewöhnen.
Seitdem gingen zwei Dekaden weiterer Irrelevanzen ins Land
und, Gott sei es gedankt, auch wieder hinaus, aber es kam auch das Internet und
entschloss sich zu bleiben. Zudem bildete es Geschwüre aus, als da sind
Nachrichtenportale und Email, Facebook und RSS-Feeds, und alles ist dazu
angetan, alles jetzt sofort in möglichst knapper Form an den Mann zu bringen.
Dauernd tut irgendjemand etwas, bietet eine Sache an, sagt etwas, sei es nun
die grosse Scheinrelevanz der Medien, oder die kleine Relevanz der Freunde bei
Facebook. Man kann prima einen Tag im Internet vertrödeln, ohne dass einem
langweilig werden müsste, die Content Management Systeme sind am Hintereingang
immer hungrig und am Vorderausgang stets bereit, neue Informationen zu spucken.
Es gibt im Netz immer was zu tun und zu sehen, und alles ist irrelevant. Wenn
man Glück hat.

Wenn nicht, fängt man an, diesen Strom an Nachrichten und
Infobrocken wichtig zu nehmen. Man verlagert sein Leben in diese Sphäre und
wirft den Schlüssel zum Ausgang weg. Das kleine Problem an der Sache: Der
Mensch hat nur ein Leben und eine Auffassungsgabe. Die Menschen und Maschinen
auf der anderen Seite aber sind so konzipiert, dass sie sich alle um diese
Aufmerksamkeit streiten. Da ist dann immer was los, man muss sich nicht mit
sich selbst beschäftigen, die anderen liefern schon was: Coole Sprüche bei
Twitter, Bitchslapping beim VZ, Likes bei Facebook und Society bei
Onlineablegern bekannter Wochenpostillen, und dazu noch Mails von Leuten, die
etwas wollen und belegen, dass man noch existiert, mehr als nur die
Kohlenstoffhülle, die vom Netz entlang der Timeline zugedröhnt wird. Es ist das
Surfen auf der grundrauschenden Gischt, und wenn man sich am Abend fragt, was
man den lieben, langen Tag getan hat, steht man schnell noch mal auf und schaut
in die Mails, weil man die Frage nicht beantworten will: Scheinrelevantes
Getrödel, um nicht nachdenken, entscheiden und handeln zu müssen.
In Amerika hat die bedrohliche Versuppung in Irrelevanz
einen griffigen Namen bekommen: "Facebook Fatigue",
Facebook-Erschöpfung nennt man diese Zustände der Überfüllung mit immer
gleichen Nichtigkeiten der Freunde, wunderbar in einem Kurzfilm
zusammengefasst. Es ist die Freiheit des Menschen, dorthin zu gehen und sein
Dasein im Datenbrei zu vertrödeln, aber vielleicht wünscht er sich auch etwas
anderes. Etwas, das ihn einerseits in dieser bequemen Agonie belässt, die alles
an ihm vorübertreibt, und dennoch das Gefühl von Relevanz und Struktur erzeugt.
Und hier kommt nun die Google Priority Inbox ins Spiel. Das System schaut einem
bei der Nutzung von Google Mail auf die Finger, beobachtet das Verhalten, und
versucht zu verstehen, was für einen wichtig ist. Im ersten Schritt lernt die
Maschine vom Menschen. Im zweiten Schritt simuliert sie ihn. Und im Ergebnis
macht sie aus dem Brei der Emailbenachrichtigungen eine stukturierte
Relevanzbeurteilung. Eine grandiose Idee: Der Mensch kann weiterhin in seinem
Informationssumpf hausen, aber die Maschine sagt ihm, was wichtig ist, was für
ihn wichtig ist, für wen er wichtig ist, und in letzter Konsequenz auch: Warum
er deshalb eine Relevanz hat. Gewisse Dinge, sagt die Priority Inbox, muss er
unbedingt gleich machen. Loslos schnellschnell. Das soll eine Woche Lebenszeit
bei Netzmenschen einsparen, sagt Google. Viel wichtiger aber, denke ich: Es
gibt dem Leben in der Überflutung wieder eine Art Sinn.

Obendrein gibt es Google auch famose Möglichkeiten, Werbung
zu platzieren und genauer auf das Nutzerverhalten abzustimmen, und natürlich
auch: Etwas über die Nutzer zu erfahren. Gestatten Sie mir die Bemerkung, kein
Mensch mit einem Funken Hirn würde zulassen, dass sich ein anderer eine Weile
neben einen setzt, die Mails mitliest und dann Notizen macht, um dann,
weiterhin mitlesend, eine Vorauswahl zu treffen. Aber Google verspricht dazu
eine Woche Lebenszeit, Effektivität, Leistung, Priorität, und dazu Relevanz.
Bedeutung. Wichtigkeit. Die Illusion, aus dem Siff des Onlinetrödelns erhoben
zu werden. Jemand zu werden, der noch ein wenig mehr Überflutung erträgt, weil
die Maschine für ihn sortiert. Da geht jetzt wieder was. Eine Woche im Leben
noch mehr Farmville spielen, Bilder der Kollegen im VZ suchen, und der Gott in
der Maschine entsorgt derweilen die unwichtigen Dinge. Auf die Knie und Google um
diese Woche danken!
Es ändert natürlich nichts am Problem, dass die Menschen zu
viel im Internet zu tun haben, weil sie zu viel im Internet sind. Google nimmt
die Junkies nicht von der Nadel, sondern erklärt ihnen, wie sie effektiver
Schüsse setzen können. Wie jeder eifersüchtige Gott, der Werbung verkaufen
will, muss Google die Menschen abhängig von seinen Diensten machen. Sie müssen
das Gefühl haben, dass sie dabei der Gewinner sind, dass es ihnen nutzt, und
vor allem: Dass all die Trödelei irgendeinen Zweck hat. Das Onlineleben einen
Sinn zeitigt. Googlegott hat kein
Jenseits zu bieten, und in den Suchergebnissen für Pr0n ist keine Seele, aber
es gibt immerhin eine Woche Lebenszeit im Diesseits und Priorität im eigenen,
kleinen Internetkasten. Das ist für einen Gott ziemlich erbärmlich.

Aber jeder Gläubige bekommt den Gott, den er haben möchte.