Versuch über den Selbstbetrug: Joghurt, Hamburger und Inflation
02. September 2010, 14:23
Uhr
Worin die Autorin sich befleyssigt, den hochverehrten Leser über
die Fehlbarkeit seiner Urtheile zu belehren, so er Viktualien und
andere Nothwendigkeiten erwerbet.
Ich liebe Supermärkte. Ich schlendere
gerne die Regale entlang, bewundere die Vielfalt der Waren, die
unendliche Auswahl für jedes Produkt, stelle mir vor, was ich aus
all den Köstlichkeiten kochen könnte. Wenn ich im Ausland unterwegs
bin, suche ich immer schleunigst den nächsten großen Supermarkt auf
und fühle mich ein bißchen wie Alice im Wunderland ob der
Unterschiede. Wie anders die Produkte sind, die Anordnung der Waren,
das Aussehen der Gänge! Wieviel man über ein Land und seine
Bewohner lernen kann, wenn man nur mit aufmerksamen Augen durch die
Konsumtempel der kleinen Alltagsdinge wandert. Flüssig-Ei in
Flaschen zum Beispiel sind mir bislang nur in den USA begegnet.
Andere Produkte hingegen findet man dort nur mit Mühe, Joghurt mit
normalem Fettanteil zum Beispiel. Dafür mußte ich immer mit der
U-Bahn zum Wholefoods pilgern - in meinem teilgentrifizierten
Stadtteil-Groß-Megamarkt gab es unendliche Vielfalt an
zuckerreduzierten oder fettreduzierten oder Sonstwie-reduzierten
Joghurts, aber keine normalen. In anderen Ländern wiederum - etwas
ferner der Zivilisation, oder dem, was sich so gemeinhin als
Zivilisation betrachtet - gibt es zwar durchaus vernünftigen
Joghurt, allerdings zum Preis einer Flasche Champagner in
Deutschland. Solcherart meiner Frühstücksgrundlage (Joghurt mit
Müsli) beraubt, mußte ich auf flüssigen Trinkjoghurt aus lokaler
Produktion ausweichen. Der nämlich war gerade noch zähflüssig
genug und dabei bezahlbar. Ich kann also zwar über Joghurtpreise in
diversen Ländern Auskunft erteilen, muß aber gestehen: ob mein
Joghurt in Deutschland 2 Cent teurer geworden ist, könnte ich nicht
sagen. Muß ich auch nicht, dafür gibt es ja das Bundesamt für
Statistik.

Die vielen Chefstatistiker der Nation
zeichnen natürlich nicht nur für den berüchtigten
Verbraucherpreisindex verantwortlich, sie verwalten in ihrem
Computern und Speichern auch Milliarden Datensätze zur Konjunktur,
zu den Auswirkungen der Wirtschaftspolitik, der Haushalte und
Lebensgewohnheiten und auch der Bevölkerung. Ins Blickfeld geraten
die Datenhüter jedoch vor allem in der Debatte um die nächste
Volkszählung - dies aufgrund ihres enormen Datenhungers - und
der Inflationsmessung. Für letztere werden monatlich Preisdaten für
ausgewählte Güter in repräsentativen Orten und Regionen gesammelt,
und diese wiederum werden basierend auf einer Umfrage bei
gleichermaßen repräsentativen Haushalten zu einem deutschen
Durchschnittswarenkorb gesammelt und gewichtet - natürlich mit
mathematischen Methoden. Besonders interessant ist hier das kleine
Wörtchen „repräsentativ". Die zu befragenden Haushalte werden
im Vorfeld in Gruppen eingeteilt, die der Verteilung aller deutschen
Haushalte - zum Beispiel nach Einkommensklassen - entsprechen,
aber die Teilnahme ist freiwillig. Mit dem Ergebnis, daß sehr
einkommensstarke Haushalte von mehr als 18.000 Euro im Monat
unterrepräsentiert sind, weil diese Gruppe wenig auskunftsfreudig
ist. Auch stellen 11 % der befragten Haushalte fest, daß ihnen die
Belastung, drei Monate lang ein Haushaltsbuch zu führen zu aufwendig
ist, und beenden ihre Teilnahme vorzeitig. Nach Abzug aller
unverwertbaren Observationen und Problemfälle bleiben etwa 50.000
auswertbare Haushalte. Das ist ohne Zweifel eine vernünftige
statistische Grundlage, aber wie immer steckt der Teufel im Detail,
oder besser: der Methode. Reparaturen an Möbeln,
Einrichtungsgegenständen und Bodenbelägen ist vertreten durch eine
einzige Kategorie: Abschleifen und Versiegeln von Parkettfußböden.
Nun wäre es interessant zu wissen, wieviel Prozent der deutschen
Haushalte auf Echtholz residieren, aber bei einem Gewicht von 1,23
Promille kann man die Position vielleicht auch vernachlässigen. Die
Position Bekleidungsartikel hingegen mit dem Gewicht von 37,10
Promille enthält ganze 50 Artikel, von der Unterhose bis zum
Herrenanzug - mehr Details habe ich nicht gefunden. Ich zumindest
kann aber mitteilen, daß ich deutlich öfter Unterwäsche als Anzüge
kaufe - ob und wie das berücksichtig ist, bleibt unklar, das macht
der schwarze Kasten mit seiner Software.
Eigentlich gehen die Schwierigkeiten
aber damit gerade erst los: das Spitzenhöschen von Victoria's Secret
ist ja nicht zu vergleichen mit Feinripp aus dem Discounter,
ebensowenig wie schottischer Wildlachs mit industriell gezüchteten
Fischstäbchen Pressfleisch. Ganz schlimm wird es für die
Statistiker, wenn Produkte aus dem Markt verschwinden oder sich
gravierend verändern - man nehme nur Autos oder Computer. Lösungen
dafür - natürlich mathematischer Natur - gibt es immerhin noch,
kurzfristig gar nicht beobachtbar sind hingegen Substitutionen im
Warenkorb - wenn die finanziell eingeschränkte Studentin zum
Beispiel statt teurem Joghurt auf billigen Trinkjoghurt ausweicht.

Angesichts all dieser Schwierigkeiten
kann man trotz berechtigter Kritik dem Statistischen Bundesamt doch
immerhin bescheinigen, daß es sich bei einer geradezu herkulischen
Aufgabe redlich bemüht. Wenn sich die Mehrzahl der Bundesbürger von
den Vorgängen der Black Box der Computerberechnung verschaukelt
fühlt und eine deutlich höhere Inflation wahrnimmt, so liegt das
wenigstens zum Teil daran, daß das Bundesamt eben niemandes
individuelle Inflation berechnet, sondern Durchschnitt auf
Durchschnitt und Stichprobe auf Stichprobe häuft, um einen
Mittelwert über die gesamte Bevölkerung zu finden. Folglich aber
naturgemäß keiner einzelnen Gruppe gerecht wird.
Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen geben zum Beispiel einen
deutlich höheren Anteil ihres Budgets für Grundbedürfnisse aus -
Miete, Heizung, Grundnahrungsmittel und - honi soit qui mal y pense
- möglicherweise auch Unterhaltungselektronik. Würde man nur die
Grundbedarfsgüter in einem individuellen Preisindex ermitteln, läge
die Inflation für solche Haushalte deutlich über dem des
Verbraucherpreisindex: für 2005-2007 etwa mehr als 6 % statt der
offiziellen knapp 4 %.
Überhaupt kann man sich fragen, ob ein
Gewicht von knapp 14 % für Lebensmittel, Alkohol und Tabakwaren
angemessen ist, zumal unter Berücksichtigung verschiedener
Lebensgewohnheiten. Für den geschätzten Kollegen Don Alphonso zum
Beispiel müßte eine eigene Kategorie Fahrräder und Antiquitäten
eingerichtet werden, und für andere Kollegen aus der Internetwelt
wäre Chickendöner unentbehrlich für die korrekte Erfassung. Es ist
also tatsächlich nicht leicht für die Statistiker, es allen recht
zu machen. Dazu kommt noch die Unberechenbarkeit des Menschen, der
leider wirklich nicht dem Idealbild des rationalen Homo Oeconomicus
entspricht - auch wenn die Volkswirtchaft von diesem Konzept nicht
so recht lassen möchte. Preise werden nämlich nicht rational
bewertet, sondern kontextabhängig gefühlt.

Wer für einen Wochenendetrip nach
London fährt, erwartet happige Preise und wäre sicher überrascht
und erfreut, dort ein Dinner für unter 20 Euro zu finden. Wer
hingegen nach Djerba zum All-inclusive Urlaub reist, würde sich
schön bedanken, dort 20 Euro fürs Abendessen bezahlen zu müssen.
Die subjektive Wahrnehmung hängt also erstens von der Erwartung ab.
Zweitens tun den meisten Menschen Verluste mehr weh als Gewinne. Eine
Steuererstattung erfreut uns einen Abend lang - eine
Steuernachzahlung in gleicher Höhe kann einem die ganze Woche
verderben.
Der größten Selbsttäuschung jedoch
geben wir uns hin, wenn seltene deutliche Preisminderungen nicht
sauber mit häufig erlebten kleinen Preissteigerungen verrechnet
werden. Elektronikgeräte zum Beispiel werden dauernd billiger, aber
beim Computerkauf alle vier Jahre passiert das unser Bewußtsein ohne
große Reflektion. Die täglich steigenden Nachkommastellen bei Brot,
Gemüse und Benzin jedoch setzen sich im Kopf fest, jeder nimmt sie
täglich wahr, redet drüber und versteht die Welt und die Statistik
nicht mehr. Ein kluger Kopf hat basierend auf der Hypothese des
irrationalen Individuums einen „Index der wahrgenommenen
Inflation" berechnet, der diese Preissteigerungen angemessen
berücksichtigt - aber eben unter völlig anderen Annahmen und
Voraussetzungen, die die Zahl für den internationalen Vergleich
unbrauchbar machen.

Korrekterweise sollte man vielleicht
den Verbraucherpreisindex nicht als alleinseligmachende Wahrheit
betrachten, sondern als statistische Maßzahl ohne Bedeutung für den
Einzelnen, dafür aber mit Bedeutung im internationalen
Wirtschaftsverkehr. Der wiederum kämpft mit noch viel größeren
Problemen, da der hochverarbeitete Kunstjoghurt in den USA kaum noch
mit dem deutschen Naturjoghurt vergleichbar ist, und der
durchschnittliche Afrikaner ohnehin keinen Joghurt aus industrieller
Produktion kaufen kann. In die internationale Vergleichbarkeit
schlagen Wechselkurse, Kaufkraftparitäten und unterschiedliche
Konsumverhalten eine riesige Bresche, der Statistiker nur mit Mühe
beikommen können. Der Economist hat für dieses Problem eine spaßige
Lösung gefunden, und zieht seit einigen Jahren den Preis eine
Hamburgers bei McDonald's zum Vergleich heran. Den nämlich gibt es
in 140 von etwa 190 Ländern weltweit und zwar in mehr oder minder
identischer Zusammensetzung. Theoretisch - bei korrekt bewerteten
Währungen - sollte er folglich überall zu jeder Zeit gleichviel
kosten - tut er aber natürlich nicht. Fast-Food Junkies in
Norwegen zum Beispiel könnten sich mit regelmäßigem Konsum bei
Preisen von mehr als 6 USD glatt pleite futtern und sollten den
Burgernomics zufolge lieber nach Paraguay oder Malaysia auswandern -
dort bekämen sie ihr Leibgericht für unter 2 USD. Und ich, in der
Schweiz, kann mir selbst im Supermarkt eigentlich nur Window-Shopping
leisten, aber ein Big Mac wäre geradezu ruinös.