Kalorimetrie - zählen im Alltag
26. September 2011, 11:35
Uhr
Wir sind heute besser denn je über den Nährwert von
Nahrungsmitteln informiert und können praktisch jede Kalorie
mitzählen. Nur scheint niemand damit etwas anzufangen - oder doch?
Vor kurzem saß ich mit
einem Bekannten beim Kaffee, der sich im weitesten Sinne mit
Übergewicht und den Auswirkungen auf Gesundheitssysteme beschäftigt.
Vor uns auf dem Tisch sein Schokoriegel, mein Törtchen, eine Flasche
Limo und irgendwie kam das Gespräch auf Kalorien. Er schätzte den
Schokoriegel auf irgendeinen deutlich zu geringen Kaloriengehalt und
ich hielt spontan entgegen, der Schokoriegel (ein gehaltvolles
Snickers, oder so) habe mehr Kalorien. So um 300, mindestens. Und die
Limo? Kam die nächste Testfrage. Um 50 kcal, pro 100 ml. Er schaute
nach, ich hatte recht, er war verblüfft.
Dabei gehört das doch
für die meisten jungen Frauen meiner Generation zum Allgemeinwissen.
Glücklich, wer sich zumindest postpubertär mit seinem Körper
anfreunden kann und das Kalorienzählen aufgibt. Manchmal allerdings
beschleicht mich das Gefühl, daß es sich dabei um eine Minderheit
handelt. Die Mehrheit meiner Bekannten hat im Laufe ihres Lebens mehr
als eine Diät gemacht und in der Tat ist das Angebot ja unendlich:
Brigitte-Diät, Ananas-Diät, Kohlsuppen-Diät. Relativ einsam dürfte
jene Freundin sein, die im unterversorgten Kuba eine
Schokoladeneis-Diät macht und abnahm, weil es sonst nicht viele
Nahrungsmittel zu kaufen gab. Kalorienangaben kann jeder, der mag,
auf der Verpackung nachlesen, in New York mittlerweile bei größeren
Ketten sogar auf der Speisekarte. Im Fitnesstudio zählen die
Ausdauersportgeräte den Kalorienverbrauch mit, jeder Schritt eine
Kalorie, alle fünfzehn Minuten ein Kinderriegel. Als Kinder maßen
wir die Zeit noch in „Maussendungs-Einheiten" - heute, beim
Sport, in verbrannten Pizzen oder Latte Macchiatos.

Westliche Frauen sind
alle bestens orientiert im Bereich der Kalorimetrie. Jawohl, es gibt
tatsächlich eine wissenschaftliche Disziplin, die sich
ausschließlich der Messung und Berechnung von Energieverbrauch und
-zufuhr des menschlichen Körpers widmet. Diese ist allerdings
deutlich älter als der moderne Körperkult. Schon im 18. Jahrhundert
beschäftigten sich Wissenschaftler damit und um 1850 entwickelte der
französische Arzt Paul Broca den - mittlerweile veralteten -
Broca-Index zur Schätzung des Grundumsatzes.
Der Grundumsatz bemißt
den Kalorienverbrauch des Körpers innerhalb von 24 Stunden bei
völliger Untätigkeit. Den größten Teil der Energie konsumieren
dabei Muskulatur und Leber, zwecks Erhaltung der Vitalfunktionen, vor
allem aber auch der Wärmeproduktion. Ganze 60 % des Grundumsatzes
dienen dazu, die durchschnittliche Körpertemperatur von 36-37 Grad
zu halten.
Die heute durchaus noch
verwendete Harris-Benedict-Formel hingegen illustriert sehr schön,
welche Faktoren den Grundumsatz beeinflussen:
GU (kcal/d = 66,473 +
13,752 * Körpergewicht [kg] + 5,003 * Körpergröße [cm] - 6,755 *
Alter [Jahre]
Der Grundumsatz G (hier
für Männer) ist eine Funktion von Gewicht, Größe und Alter, wobei
GU mit Gewicht und Größe steigt, mit dem Alter hingegen fällt.
Hinzu kommt ein konstanter Korrekturfaktor für das Geschlecht, das
wiederum den Einfluß der Faktoren bestimmt.

Tatsächlich sind diese
Zusammenhänge aber nicht monoton, sondern haben einen kurvigen
Verlauf. Folgt man vereinfachten Durchschnittssätzen gestaffelt nach
Altersgruppen, sieht man, daß der Grundumsatz zwischen 20 und 50
Jahren höher ist als in der Jugend oder im Alter. Auch steigt der
Grundumsatz zwar prinzipiell mit steigendem Körpergewicht, aber
jenseits gewisser Schwellen (auch bezogen auf Muskelmasse vs.
Körperfett) sinkt der Mehrverbrauch pro Kilogramm. Entsprechend
werden Formeln wie oben für Body-Mass-Indizes größer 30 gerne
korrigiert, um diesen Faktor zu berücksichtigen.
Eigentlich sind diese
Formeln natürlich allenfalls noch für Mediziner im Alltagsgeschäft
relevant. Große Krankenhäuser ermitteln den Grundumsatz durch
aufwendige Messungen der Atemluft (Sauerstoffverbrauch und die
Kohlendioxidabgabe), die Rückschlüsse darüber zulassen.
Anorektische Teenager und gesundheitsbewußte Normalbürger hingegen
finden im Internet Rechenmaschinen en masse, die auf Anfrage jede nur
denkbare, personalisierte Information ausgeben. Da der Grundumsazt
weitgehend ausserhalb unserer Möglichkeiten liegt, halten wir uns am
Leistungsumsatz schadlos. Turnen die Kalorien beim Aerobic weg (250
kcal/h), trösten uns beim Rasenmähen mit dem Gedanken an den Umsatz
(145 kcal/h) und bemitleiden den Computer-Nerd (klägliche 46
kcal/h). Paradoxerweise kommt all die Überinformation vor allem bei
jenen an, die sie nicht bräuchten (man kann natürlich auch
mutmaßen, daß sie bei den Normalgewichtigen ihren Zweck erfüllt
hat). An den Rändern der Gewichtsverteilung hingegen herrscht die
Irrationalität.

Kaum ein
ǘbergewichtiger Mensch dieser Welt läßt sich die Tüte Chips vom
Kalorienaufdruck auf der Packung vermiesen, oder verkneift sich den
Latte Macchiato bei Starbucks nach einem Blick auf die Zahl hinter
dem Preis (in New York, siehe oben). Dasselbe gilt für all die
Magersüchtigen, die dem anderen Extrem verfallen sind. Als
hochspezialisierte Kalorimetriker wissen sie ganz genau, daß mit
sinkendem Gewicht der Grundumsatz sinkt und sind überhaupt mit den
evolutionsbiologischen Notmaßnahmen des menschlichen Körpers
bestens vertraut. Sie wissen , daß beim Eindruck von Hungersnot der
Körper den Grundumsatz sogar deutlich unter das Normalmaß senkt, um
die Unterversorgung auszugleichen. Sogar, daß der Körper bei
vermeintlicher Hungersnot Glückshormone ausschüttet, damit der
Mensch nicht in Apathie verfällt, und daß gerade diese Mechanismen
zur Krankheit beitragen - aber von Sinn und Zweck einer normalen,
ausgewogenen Ernährung haben solche rationalen Argumente noch kaum
jemanden überzeugt.
Wobei sich natürlich
auch weite Teile der optisch Unauffälligen mit mehr Planung als
Genuß dem Essen nähern. Keinesfalls, so ein beliebtes Märchen,
dürfe man nach 18h Essen. Ob das auch für Krankenschwestern in der
Nachtschicht gilt, wird nicht kolportiert. Wenn ich heute die Pizza
esse, dann muß ich aber morgen... . Kaffee und Joghurt nur mit 1,5 %
Fett - aber andererseits zeigen Studien ja nun, daß man dann mehr
konsumiert, also vielleicht doch lieber Vollfett? Drei Mahlzeiten am
Tag, oder fünf? Zwischenmahlzeiten ja oder nein? Und steigert Ananas
nun den Stoffwechsel und macht, daß man beim Essen abnimmt?
Dabei könnte es so
einfach sein: Essen, wenn man Hunger hat. Aufhören, wenn man satt
ist. Die ganze Zählerei, Rechnerei und Planerei könnte man sich
auch sparen. Statt dessen einfach das Essen genießen.
Die
Tarte au Citron
enthält neben drei sehr gesunden Zitronen 250 g Zucker, 6 Eier und
fast 200 g Butter. Die Kalorien könnte man nachzählen, aber wer will das schon?