Kleine Kulturgeschichte des Digitalbildhasses
14. November 2011, 21:45
Uhr
Seien wir echt, auch
wenn wir hässlich sind.
Gustave Courbet
Stellen Sie sich vor, es ist Frühling.
Sie nehmen Ihre Staffelei und eine frische Leinwand und die Pinsel,
und gehen an den See. Die Sonne scheint, das Motiv ist prächtig, Sie
geben sich alle Mühe, und so entsteht langsam ein Bild in kräftigen
Farben, das Licht und die Wärme des Tages einfängt. Sie tun
keinem etwas zu Leide, und bereiten, denken Sie sich zumindest,
jemandem eine Freude, der Ihnen dann ein Lächeln schenkt für Ihre
Anstrengung. Gut, es ist kein El Greco und auch kein August Macke,
aber das ist ja auch nicht Ihr Anspruch, sondern einfach nur ein
hübsches Bild, und etwas kulturelle Betätigung. Sie denken, als Sie den Inhalt der Farbtube
ausdrücken, also an ihre Bekannte, lächeln -

und dann kommt einer daher und pöbelt
sie an. Kein Skinhead, kein Unterprivilegierter, kein Yachtbesitzer,
dem sie den Weg zu seinem Boot versperren, nein, ein Künstler. Was
Ihnen denn einfallen würde, hier Farbtuben zu verwenden und damit
auf der Leinwand herumzuschmieren. Das gehe ja wohl überhaupt nicht.
So dürfe man nicht malen. Man müsste auf die Linien und die Form
achten, die Farbe sei als Kolorierung nachrangig. Also, sagt er und
stösst die Staffelei um, zeichnen Sie gefälligst erst einmal auf
Papier vor, machen Sie Skizzen, gehen Sie dann nach Hause ins Atelier
und malen Sie dort. Dann haben Sie auch genug Zeit, am Bild zu
arbeiten. Allein das Anmischen der Farben, das Mörsern der Pigmente,
das Grundieren der Leinwand, das gute Jahr Trocknungszeit, bevor die
Firnis aufgetragen werden kann - das alles gehört dazu. Was zum
Teufel, ereifert er sich, fällt Ihnen überhaupt ein zu denken, Sie
könnten mit diesen vorgefertigten Tubenfarben irgendwas machen? Hä?
Das klingt jetzt vielleicht reichlich
übertrieben, ja, vielleicht sogar verrückt, aber die Erfindung der
Tubenfarbe - und in ihrer Nachfolge der Aufstieg der Freiluftmalerei
und der Erfolg des Impressionismus - führte im Frankreich des 19.
Jahrhunderts zu dergleichen erbitterten Reaktionen. Unter Führung
des Malers Ingres wehrte sich die akademische Strömung der Malerei
gegen die - Ihres Erachtens - schnell hingepfuschten
Farbkleckserein, die nicht im Mindesten der langwierigen, harten
Arbeit des Bildermachens entsprach: Ein geheimnisvolles Kunsthandwerk
mit vielen Arbeitsschritten, die plötzlich alle verzichtbar waren,
als es fertig grundierte Leinwände und Tubenfarben zu kaufen gab.
Wie. Konnten. Sie. Es. Wagen. Wer sich nicht an die alten Regeln
halten wollte, wurde bei Ausstellungen ausgeschlossen, verlacht, und
runtergeputzt. Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis man den pastosen Auftrag der Farben mehr als genau gemalte Locken des Klassizismus
schätzte, bis das scheinbar Nichtswürdige von den besseren
Schichten akzeptiert wurde. Ob die Farbe aus der Tube kommt, oder in
einem fast alchimistischen Prozess hart erarbeitet wird, ob das Bild an
einem Tag gemalt wurde, oder jahrelang durch Verzögerungen den
Auftraggeber zum Verzweifeln brachte, ist später nicht mehr so entscheidend.

Solche Debatten sollte man sich stets
vor Augen führen, wenn es um den angeblichen Niedergang einer
Kunstgattung durch das Digitale geht. Führende Publikationen - auch
diese hier - gefallen sich immer wieder mal im Kritisieren von Nutzern, die einfach Unmengen von schlechten Bildern und Videos ins
Netz stellen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Über
Modeblogs, in denen junge Frauen Kleider, Flohmarktfunde und Bücher
vorführen, ohne dafür eine Lizenz zu besitzen. Aber dafür digitale
Gerätschaften, die ihnen helfen, das mühelos und ohne jede
Ausbildung und Kenntnis der journalistischen Kriterien zu
bewerkstelligen. Wie. Können. Sie. Es. Wagen. Damit stehen die
Kritiker in einer, für sich genommen, durchaus respektablen
Tradition, und wenn sie das in einer guten Zeitung verkünden, ist
meist auch ein Photograph vor Ort, der sie kenntnisreich und
schwarzweiss in Szene setzt. Auf Film natürlich, 24x36 Millimeter.
Digital? Niemals!
Auf der gleichen Art Film, in der
gleichen Art Spiegelreflexkamera übrigens, die vor einem halben
Jahrhundert mit bösen Worten von Andreas Feininger verdammt wurden.
Ohne Zweifel war Feininger einer der wichtigsten Photokünstler des
20. Jahrhunderts, und seine Lehrbücher zur Photographie sind bis
heute grundlegend und amüsant zu lesen. Allerdings war Feininger
auch ein Anhänger jener Haltung, die, soweit möglich, mit
Lichtmessgerät und Mittelformatkamera unterwegs war, und alle
Einstellungen von Hand und aus langjähriger Erfahrung vornahm. Als
„Die neue Foto-Lehre" erschien, kamen die ersten
Spiegelreflexkameras auf den Markt, die dem Besitzer mit
Belichtungsautomatik viel Arbeit abnahmen: Die Konica Autoreflex war
in ihrer Zeit das für die Photographie, was 100 Jahre zuvor die
Farbtube für die Malerei gewesen ist. Eine Revolution. Die einen
sagten mit Feininger, dass hier eine Kunst ruiniert wird. Andere
verwiesen schon damals darauf, dass die Technik eine Reihe von
Aufgaben übernehme, und deren Besitzer sich deshalb anderen Aufgaben
wie der Bildkomposition zuwenden könnte. Nachträglich muss man
wirklich fragen, ob ein Bild weniger Gefallen erregt, wenn das Motiv
vorher nicht von Hand mit dem Belichtungsmesser untersucht wurde,
der, offen gesagt, ja auch nur ein technisches, vereinfachendes
Instrument ist, für ein Ergebnis, das unbegrenzt vervielfältigt werden kann - übrigens fanden auch Kupferstecher und Lithographen die Knipserei und ihre Verwendung in Zeitungen ganz, ganz schlimm.

Diese beiden Stiche aus der Zeit um
1750, die wie Kreidezeichnungen aussehen, stammen übrigens Francios
Boucher, der für die Verbreitung solcher leichten Sujets zu seiner
Zeit bekannt war. Und beliebt. Und sehr verhasst bei den
Traditionalisten. Boucher war das herzlich egal, er liess seine
Entwurfe auch auf Tapeten drucken, als Gobelins weben und damit
Porzellan verzieren, sehr zum Ärger der Kulturpessimisten
katholischer oder aufklärerischer Natur. Boucher erzählte mit
seinen Bildern ausgesprochen leichte, man könnte fast sagen, seichte
und belanglose Geschichten. Bei Boucher ringt kein Held ein Ungeheuer
nieder, er malte auch keine geistliche Erbauung. Er machte das, was
der Markt wollte, und nicht das, was seine Gegner verlangten.
So ähnlich ist das auch mit all den
Bildern und Videos im Netz: Es geht, es findet ein Publikum, es muss
nicht allen gefallen, aber die Kreativität macht den Erstellern
Spass. Sie bemühen sich. Sie könnten auch Ballerspiele spielen,
Pr0n herunterladen oder die Rechner noch Kulturpessimisten hacken.
Ihre Vorstellungen entsprechen nicht dem, was Medien vielleicht gerne
abdrucken. Ihre Neigung zu Inszenierung der eigenen Person mag
seltsam wirken, aber wer Portraits des 18. Jahrhunderts kennt, wird
davon ebenso wenig schockiert sein, wie von der mangelnden
Bildkomposition - auch das 18. Jahrhundert neigte dazu, Gesichter mit
dem Pinsel zu photoshoppen und dann bei den kleinen Details, die
keiner so genau anschaut, weil daneben das Inkarnat der fast nackten
Brust ist, zu schludern.

Alles wie gehabt, der Zweikampf der
unbedarften Macher und der Kulturpessimisten darf weiter gehen. Wobei
man vielleicht neben der schwindenden Qualität der Bildersteller
nicht übersehen sollte, wie auch die Qualität der Pessimisten
abnimmt: Boucher wurde von Diderot kritisiert, die Impressionisten
von Ingres, Leica-Kleinbildfreunde wie Capa von Feininger -
und heute beklagen uns plaudernde Blogger die
Medienwissenschaftler und Journalisten. Da würde man sich von den
Menschen mit hängenden Mundwinkeln, bevor man das nächste hübsche
Blog mit Mädchen und Rädern oder Retromode besucht, ein klein wenig mehr Qualität
wünschen.