Alltagsdenken - sind wir nun rational oder nicht?
27. November 2011, 08:08
Uhr
Der Beruf prägt die Sprache und das Denken, weshalb Volkswirte
auch im Alltag gerne von Reservationspreisen und Opportunitätskosten
sprechen- und dabei illustrieren, daß der Mensch doch nicht völlig irrational
ist.
Kleider, so sagt man,
machen Leute, und Studiengänge auch. Lehrer halten häufig auch
außerhalb der Schule gerne Vorträge, egal für wen, und
leidenschaftliche Blogger denken bei jedem Alltagsereignis gleich an
die Geschichte, die sie daheim ihrer Leserschaft präsentieren
werden. Ärzte haben keine Bäuche, sondern Abdomen und wenn Sie sich
über eine Freundin ärgern, ist die Person kein bösartiges Biest
sondern ein malignes Miststück.
Besonders gravierend
scheint der Effekt jedoch bei Wirtschaftswissenschaftlern zu sein, wo
sich das Fachvokabular schleichend aber sicher im Alltag ausbreitet,
bis sie irgendwann von ihren Mitmenschen kaum noch verstanden werden.
Ein Betriebswirt meiner Bekanntschaft referierte einmal in Länge
über seine „unique selling propositions" bei der Partnersuche
und verstand beim besten Willen nicht, warum ihn keine der Damen
seiner Wahl haben wollte. Im Sprachgebrauch geradezu endemisch
geworden sind „win-win Situationen", „Kickoffs" und „Deals"
- allerdings ist das Denken in Fachbegriffen kein Privileg der
Betriebswirte, bei Volkswirten hört es sich lediglich klüger an
(und ist es manchmal auch, weil mit den Begrifflichkeiten ernsthafte
gedankliche Konzepte verbunden sind).
Wäre ich Volkswirtin,
ich würde morgens nicht mit meinem inneren Schweinehund darüber
diskutieren, ob ich den Bus zur Arbeit nehme oder doch die eigenen
Füße bewege, sondern eine rationale Abwägung der
Opportunitätskosten [~, die: Alternativkosten, Verzichtskosten,
die dadurch entstehen, dass vorhandene Möglichkeiten zur Nutzung von
Ressourcen unterblieben sind] vornehmen: wenn ich den nächsten
Bus genau rechtzeitig erwische, spare ich Zeit - gebe aber Geld
aus. Die Zeit könnte ich alternativ auch zum Lesen nutzen, das Geld
wiederum auch für Schuhe oder Wein ausgeben.

Beim Schuhkauf wird
ebenfalls sorgfältig abgewogen: sehr teure Schuhe bekommt die Frau
von Welt für sehr teures Geld auf der Goethestrasse - oder auch in
der Internetauktion. Mit ein bißchen Mühe finden sich dort kaum
getragene 300-Euro-Schuhe für 30 Euro, allerdings: mit Suchkosten
[~, die: Bestandteil der Transaktionskosten, bemisst die
Anstrengung eines Agenten, eine bessere oder die beste Alternative zu
identifizieren]. Nur wem es geradezu Freude bereitet, stundenlang
Wortkombinationen durchzuprobieren und endlose Paare Schuhe zu
sichten, für den lohnt sich die Strategie, denn der Zeiteinsatz ist
erheblich. Würde man sich in derselben Zeit entlohnter Arbeit
widmen, könnte man vom verdienten Geld auch gleich neue Schuhe
erwerben. Andererseits führt der physische Einkaufe auf der
Goethestrasse natürlich auch zu Suchkosten, schließlich muß man
sich von Laden zu Laden bewegen, anprobieren, auf- und ablaufen, und
mit Verkäufern diskutieren. Ein risikoadverses Individuum ist mit
internetbasierten Plattformen grundsätzlich nicht gut bedient, denn
die Risiken (Größe! Zustand! Ehrlicher Händler!) sind natürlich
erheblich. Kann man natürlich auch miteinpreisen, aber dann wird die
Auswahl noch enger.
Überhaupt, Preise. Als
Volkswirt muß man Entscheidungen überlegt angehen. Wann immer
verschiedene Konsumoptionen zur Befriedigung eines Bedürfnisses zur
Auswahl stehen, macht sich der Volkswirt Gedanken über den
Reservationspreis [~der, aus Sicht des Konsumenten der maximale
Preis, den er für ein Gut oder eine Dienstleistung zu zahlen bereit
ist]. Das Hotel in guter Lage bildet den Maßstab für
alternative Untekünfte, wie zum Beispiel Pensionszimmer oder
Schlafsofa bei Freunden. Der Kombipauschalurlaub ist die finanzielle
Meßlatte für selbst zusammengestellte Angebote - oder umgekehrt.
Hat man jedoch erst mal einen Fixpunkt gefunden, vergleicht es sich
leichter und im Zweifelsfall verhandelt es sich auch leichter, weil
die Grenzen gesteckt sind.

So umständlich und
kompliziert sich diese Konzepte anhören - sie haben ihren Nutzen.
Sowohl die Kaufentscheidung von Schuhen als auch die Verhandlungen
über berufliche Optionen oder Gehälter lassen sich damit
strukturieren. Natürlich braucht man keinen Abschluß in
Volkswirtschaftslehre um zu wissen, daß ein neuer Job - so der
alte gesichert ist - eine Verbesserung bringen muß, sei es in
Aufgaben, Finanzen, Freizeit oder geldwerten Vorteilen. Dennoch hilft
es sehr, sich die diversen Risiken und die alternativen
Entscheidungsmöglichkeiten vor Augen zu führen. Viele
volkswirtschaftliche Konzepte sind am Ende nur Definitionen, die
eigentlich ganz selbstverständliche Zusammenhänge beschreiben.
Risikoaversion, Preisfindung, Transaktionskosten, Reservationspreis -
aber mit ihnen denkt es sich manchmal leichter als ohne. Denn so viel
auch allenthalben auf den homo oeconomicus [~, der: Konzept vom
rationalen Menschen, der vorwiegend seine eigene Interessen verfolgt]
- so irrational wie der Investmentbanker auf seinen Märkten agieren
die wenigsten Menschen.
Sogar die Bild-Zeitung
weiß, daß Arbeit sich lohnen muß, gehaltsmäßig: sofern nicht die
intrinsische Motivation [~, die: Bestreben, etwas um seiner selbst
willen zu tun] sehr groß ist, arbeitet der Mensch nur, wenn er
mit Arbeit mehr verdient als mit staatlichen Transferleistungen. Für
mehr Wert ist man auch bereit, mehr Geld auszugeben, für subjektive
Präferenzen ebenfalls, aber alles innerhalb bestimmter Grenzen. In
Zeiten großer Unsicherheit zum Beispiel ist die Option „null Zins,
null Risiko" durchaus attraktiv, was der Schweiz zu ungeahnten
Geldzuflüssen verhilft, aber am Ende ist dieses Verhalten eben
keineswegs völlig irrational, sondern unter den gegebenen Umständen
höchst rational angesichts der Tatsache, daß in vielen anderen
Länder potentiell der Vermögenstotalverlust droht.

Die Umstände und die
vielschichtigen Entscheidungen von Menschen sind keineswegs völlig
irrational, allerdings ist Rationalität in der Realität
kompliziert. Entscheidungen orientieren sich nicht nur am
finanziellen oder wenigstens quantitativ meßbarem Nutzen, sondern an
vielen anderen Kriterien, die schwer zu greifen und noch schwerer zu
modellieren sind - darunter auch Faktoren wie Gemeinwohl,
Hilfsbereitschaft, oder Narzissmus oder Verantwortung (oder deren
Vermeidung). Das aber läßt sich kaum messen, kaum modellieren und
sieht schnell irrational aus, ohne es wirklich zu sein. In
Ermangelung besserer und gleichermaßen handhabbarer Konzepte ist der
rationale Mensch immer noch ein guter Ansatz - und die daraus
abgeleiteten Begriffe und Theorien gar nicht so dumm und nachgerade
alltagstauglich. Der Mensch ist keine Maschine und kein Computer,
aber völlig irrational ist er - im statistischen Durchschnitt
zumindest - auch nicht. Tausende Kaufentscheidungen im Internet
illustrieren täglich, daß manche Menschen Suchkosten in Kauf
nehmen, während andere lieber Geld ausgeben und Zeit sparen, zeigen,
daß die meisten Bieter bei Auktionen erst auf die letzte Minute ihre
Maximalgebot abgeben, und daß ähnliche Produkte sehr wohl
verglichen werden. Die wenigen Idioten, die schon Tage vor
Auktionsende den Preis in die Höhe treiben, oder keine
Vergleichsseiten nutzen sind Ausnahmen - und bestätigen die Regel.