Zynga und der Zynismus
17. Dezember 2011, 13:20
Uhr
Dem Kollegen Netzoeconomicus zugeschrieben.
In meinem bayerischen Gymnasium hatten
wir einen Wirtschaftslehrer, der gleichzeitig ein hohes Tier in der
CSU eines naheliegenden Landkreises war. In dieser Region, in der es
seit den 50er Jahren der bitteren Armut wirtschaftlich immer nur
aufwärts ging, wuchsen naturgemäss die Sozialisten nicht auf
Bäumen, und es war nicht gerade ein Plaisier für diesen daheim
unwidersprochenen Lehrer, in unserer 11. Klasse
einen linken Block vorzufinden. Aber er tat sein möglichstes, uns
von den Segnungen der Freien Sozialen Marktwirtschaft zu überzeugen,
selbst wenn ein Teil davon bei uns in der Region aus wenig freier
Rüstungsproduktion und mitunter auch Ölfirmenbetrug bestand. Er
glaubte fest an den gesellschaftlichen Wandel vom Agrarbereich zur
Produktion und weiter zur Dienstleistungsgesellschaft. Bei den
Produktivitätszuwächsen durch Elektronische Datenverarbeitung und
die daraus entstehenden Fortschritte sollten wir uns keine Illusionen
machen: Das sei der einzig richtige Weg, wenn wir zu den Gewinnern
gehören wollten.

25 Jahre später hat er zumindest in
meine Richtung recht gehabt: Ich arbeite am Rechner und kann mich an
ihm rächen, indem ich mich über ihn lustig mache. Wobei, genau
genommen tue ich das gar nicht, sondern seine eigene geliebte
Marktwirtschaft und die Folgen des Fortschritts lachen über ihn. Banken, Hedge Fonds
und Investoren kaufen wie verrückt Boden und Getreide auf, weil sie
dem Bauernland mehr als ihren eigenen Finanzprodukten vertrauen, der
unbesiegbare Kapitalismus und die Umverteilung haben in eine
fundamentale Krise geführt, und gestern ging der Spieleanbieter Zynga an die
Börse. Eine Milliarde floss von Anlegern dabei an die Firma, deren
Produkte wie Farmville und Mafia Wars den Nutzern die Möglichkeit
bieten, nebenbei am Rechner mal etwas Zeit totzschlagen, die in der
Dienstleistungsgesellschaft immer mal wieder anfällt. Immerhin: Bei
Farmville bekommt man wenigstens virtuell das Land, das die Banken in
echt horten.
Der Wirtschaftslehrer von damals lebt
nicht mehr, aber ich würde ihn jetzt doch gerne fragen, wie er das
so findet: Dass so eine Firma ungefähr so viel wie die Commerzbank
wert ist. Und dass wir mit unserer Produktivität so weit sind, dass
wir nicht mehr nur Leistungssteigerungen honorieren, wie es der
Kapitalismus eigentlich tun sollte, sondern auch krasse
Leistungsverschwendung. Bei Zynga kommen ausser kleinen Farmen im
Rechner erst mal keine Produkte oder Dienstleistungen heraus, nichts,
was auf den ersten Blick irgend einen Wert hätte, im Gegenteil: Die
Firma erwirtschaftet für die Firmen der Spieler enorme Verluste.

Wer pro Monat 16 Stunden Farmville
spielt, sei es in der Vorlesung oder im Beruf, tut im Kern auch
nichts anderes als zwei Tage Krankfeiern. Man stelle sich vor, ein
Arzt würde sich damit brüsten, jedem, der bei ihm eintritt, nach
Belieben krank zu schreiben, und mit diesem Geschäftsmodell wollte
er an die Börse: Der Aufschrei wäre gross, die Zulassung wäre
schnell weg. Zynga wirbt damit, 215 Millionen Spieler weltweit zu
haben. Da rauscht der Wirtschaftsblätterwald, da wittert man eine
neue Erfolgsgeschichte, das muss man kaufen, die sind Marktführer im
Bereich Zeitverschwendung, das gilt allgemein als „Zukunft" - wie
gesagt, mich würde interessieren, wie mein alter Wirtschaftslehrer
versucht, diesen Börsengang in sein schlichtes Weltbild von
Produktion, Leistung, Einkommen und freiem Wettbewerb passt. Keine
Rücksicht: Seine Klausuren waren auch voller neoliberaler Fragen,
deren Beantwortung nach meinem Rotfront-Gewissen einem freiwilligen
Sitzenbleiben gleichgekommen wären.
Die Geschichte wird auch nicht schöner,
wenn man sich das Geschäftsmodell von Zynga anschaut: Sowohl der
Erwerb von virtuellen Gegenständen als auch das Aufladen der
Spielerenergie kann Geld kosten. Dabei ist „Erwerb" natürlich
relativ; die erworbenen Leistungen bleiben bei Zynga und sind eher
ein Anspruch, Software im Dauerabo zu nutzen. Man zahlt, besitzt aber
nicht, und in meiner Schulzeit hätte man vermutlich gesagt, das sei
sittenwidrig und nicht das Verhalten eines ehrlichen Kaufmanns. Wie
bescheuert muss man eigentlich... Warum man es dennoch tut, liegt oft
an den Communities, in denen man es tut: Dort ist Zynga ein Angebot,
die Freunde machen es auch, zeigen sich gegenseitig ihre Gebäude,
Farmen und Gangeinflussbereiche, und wer dabei sein will, muss eben
zahlen. Soziale Gruppendynamik wäre ein hübsches Wort für den
Aktienprospekt gewesen, böse Zungen sagen auch: Gruppenzwang,
Abhängigkeit, Spielsucht. Die besonders viel zahlenden Dauerspieler
sind es dann auch, für die Zynga ein spezielles, nicht öffentlich
vertratschtes System für noch mehr virtuelles Kaufen auflegt:
„Platinum Purchase Program" nennt sich diese Direktgeldleitung
von Spieler zu Firma, die in der Spielewelt die besten Vorteile
bringt.

Schön ist das alles nicht, aber wer
sich heute in der Wirtschaft umschaut, findet durchaus
Entsprechungen: Unsere aktuelle Finanzkrise begann bei Papieren, die
manche erst reich und danach viele arm machten, als diese CDOs und
CDS plötzlich ihre Irrealität aufzeigten, und die Staaten für die
Banken und diese virtuellen Ansprüche, unter Umständen einen Profit
zu machen, einspringen mussten. Besitzer von Lehman-Zertifikaten
mussten erfahren, dass sie keine Aktien besassen, sondern nur
Wettscheine auf Kursentwicklungen. Sogar Anlagen wie offene
Immobilienfonds können geschlossen werden, und dann bleibt dem
Anteilseigner erst mal nur die Hoffnung, dass alles wieder gut wird:
Bis dahin sind seine Ansprüche gegen den Fonds auch nicht viel
realer als der eines Spielers gegenüber Zynga auf sein in Cityville
aufgebautes Immobilienimperium. Und letztlich ist Wert auch nur das,
was Menschen darin sehen: Zynga ist da nur die konsequente
Weiterentwicklung vom Tauschhandel über das Gold und Bargeld zur
Kreditkarte. Die Realität des Besitzes schwindet. Und Zynga hat die
perfekte Antwort darauf.
Und, ironischerweise, schafft damit
einen Wert: Einen Börsenwert für sich selbst. Ob die Käufer der
Aktien mehr haben als eine schöne Hoffnung auf zukünftige Gewinne,
wird sich noch zeigen müssen: Andere, die ähnliche Ideen hatten,
sind mittlerweile schon wieder vom Markt verschwunden, wie etwa die
börsennotierte Firma hinter der Moorhuhnjagd, oder das in Korea
extrem erfolgreiche, in Deutschland aber gescheiterte Cyworld. Das
Schicksal von Zynga ist eng mit Facebook verknüpft, und
möglicherweise gibt es auch so etwas wie natürliche Grenzen der
Zeitverschwendung, gerade unter dem Eindruck einer schweren
Rezession. Dann wird sich vielleicht auch zeigen, was den Abhängigen
lieber ist: Ihre schönen Äcker und Scheunen in Farmville oder doch
vielleicht ein Stück Fleisch und Brot. Der Mensch macht unter Druck
ganz extreme Sachen; ausgeschlossen ist es nicht, dass er sogar
einmal den Rechner ausschaltet und sich anderen Dingen zuwendet.
Sicher, Ackerbau und Architektur sind in der Realität nicht ganz so
leicht wie im Internet - aber Hunger und Kälte lassen sich auf
Dauer auch mit Internet negieren, und so schlimm waren die 50er Jahre
in Buxheim oder Kösching auch nicht. Die haben anständige Lehrer
hervorgebracht, die ich, wenn ich ein Interview mit dem Chef von
Zynga lese, nachgerade sympathisch und liebenswert finde.

Und vielleicht bekommt Zynga irgendwann
den gesellschaftlichen Druck, den inzwischen auch die Tabakindustrie,
die Komasaufanbieter, die Callcenterabzocker und die
Anrufgewinnspielbetreiber bekommen haben. Sogar ein ehemaliger Gigant
der Zeitverschwendung wie StudiVZ ist gefallen. Und das Mitleid mit
den Profiteuren bei Zynga ist bei mir - und wäre wohl auch bei
meinem im Grunde sehr anständigen Wirtschaftslehrer - nicht recht
viel grösser als mit dem Schicksal eines Geschäftspartners von
Pablo Escobar. Wer davon lebt, anderen Nichts für Geld zu verkaufen,
sollte sich auch nicht wundern, wenn er selbst Geld für Nichts geben
muss.