In Fäkalgewittern
06. Januar 2012, 12:47
Uhr
Zwei Worte ist dieser Beitrag alt, und
schon steht der nächste böse Witz über Christian Wulff im
Internet, so schnell kann das gehen, eine Anspielung auf Ernst
Jünger und einen sinnlosen Krieg, schon ist er ins Lächerliche gezogen. Ja, es ist ein Kreuz mit diesem
Internet, da haben die Bedenkenträger schon recht, der Nutzer ist
ein Untier, der Respekt fehlt, und die nächste Suchanfrage mit
kompromittierenden Worten ist nie weit entfernt. Das Internet kennt
keine Grenzen und keine Zurückhaltung, es gibt Themen und die
Suchmaschinen richten sich danach aus: Die Achtung vor dem Amt, die
allgemein gern beschworen wird, spielt keine Rolle, wenn der
sogenannte „Sh*tstorm" - ich denke, ich muss nicht übersetzen -
über alle Konventionen des Betriebs von Medien und Politik
hinwegrollt. In Fäkalgewittern, wie gesagt.

Durch manche Berichte schwingt ein
gewisser Schauder über das, was im Internet so gesagt, geschrieben
und rechtlich haltlos verbreitet wird, man fragt sich, ob das kleine
Unwetter der Medien, das immer noch staatstragend grollt, nicht auch
dem Umstand geschuldet ist, dass man die Erregungspotenziale des
Netzes irgendwie aufgreifen muss. Die Medien, so die Theorie, sind
getrieben von all dem Gift und der Häme in HTML, es laste der Druck
der Leser auf ihnen, möglichst in der anschwellenden Kakophonie
mitzuspielen, und nur so sei es zu erklären, dass es überhaupt so
weit gekommen sei, wegen ein paar läppischer Vorfälle. Derweilen
wühlen in den gleichen betroffenen Medien oft genug die
Gesellschafts-, Gossip- und Gossenressorts bei Facebook und Twitter
und delektieren die Leserschaft mit inzwischen unzählbaren
Beiträgen: So lacht das Netz über Wulff. Oder: Die
Internetcommunity führt Wulff vor. Fehlt eigentlich nur noch die
Klickstrecke mit den 100 übelsten Netzgerüchten, aber die kommt
vielleicht auch noch. „Denunziatorische Ruchlosigkeit" verkauft
sich auch.
Man muss also die Schneise der
Verwüstung durch das Fäkalgewitter erst gar nicht suchen, die
Medien berichten schon gern und freudig, vermutlich, weil es sie von
der Pflicht entbindet, sich selbst die Hände schmutzig zu machen,
und die Leserschaft das auch gerne anklickt: Es ist Gaudi, es ist
Entertainment, es ist die feixend niedrige Ergänzung zur moralisch
hohen Empörung, es ist Demütigung wie in der Castingshow. Andere
müssen für solche entwürdigenden Rituale in den Dschungel, aber
der Netzdschungel hat längst Bellevue erreicht, und ist recht
innovativ beim Erfinden grausamer Spielchen. Es gibt erfolgreiche
Bildchen, Formulierungen und Witze, es verbreitet sich viral, jeder hat es gesehen, man macht das mit Freude und aus
Überzeugung und weiß, dass man nichts Unrechtes getan hat, aber
nicht alles richtig war, was man getan hat.

Die Erfahrung mit derartigen
Fäkalgewittern zeigt, dass jeder Appell für Gnade um der Gnade
willen wenig hilfreich ist; schon Freiherr von Guttenberg musste 2011
ähnlich schmachvolle Erfahrungen machen, auch wenn sich zu seinen
Gunsten Facebookgruppen gründeten und jenes Organ, das im Moment die
verfolgte Presse mimt, eine Kampagne für ihn veranstaltete. Der
scharfe Witz der Wütenden - in früheren Epochen hätte man ihn als
zersetzend bezeichnet - lässt sich dadurch nicht aufhalten; das
Fäkalgewitter ist da auch nur eine Art unvermeidliches Schicksal,
mit dem man sich abfinden muss, wie mit dem Sonnenschein der
Speichelleckerei davor. Allerdings kann man nach gut 10 Jahren Blogs,
intensiv genutzter Foren und einigen neuen Angeboten durchaus die
Parameter erkennen, die darüber entscheiden, ob nur mal ein Wölkchen
des Missbehagens im Internet aufzieht, oder ein Hurrikan vor der Tür
steht.
Entscheidend wie bei jedem Unwetter
ist, was vorher unten bei den Verantwortlichen an Ansprüchen,
Phrasen und Inszenierungen verdampft ist. Vor einiger Zeit etwa hatte
ein bayerischer Ministerpräsident eine Geschichte mit Nachwuchs -
das hat niemanden allzu sehr überrascht, auch wenn der Mann davor
recht katholisch aufgetreten ist. Medien zürnten, das Internet nahm
es als natürliche Sache hin. Dann gab es einen Ex-Kanzler und einen
Ex-Aussenminister und zwei Ministerpräsidenten, die sich der
Industrie andienten - unschön, vielleicht sogar raffgierig, aber
nichts anderes als das, was man von diesen Leuten erwartet hätte.
Weniger erwartet hätte man die Trunkenheitsfahrt einer Bischöfin,
aber sie zog schnell die Konsequenzen, bevor der Unterschied zwischen
Anspruch und Realität zu sehr auffallen konnte. Bei all diesen
Stürzen gab es eine gewisse Differenz zwischen zur Schau getragener
Moral und gelebter Nichtsoganzethik, aber es war nichts, worüber man
sich ereifert hätte. Oder, um mit dem Wulff zu heulen: „Das ist
keine Entschuldigung, das ist auch keine ausreichende Erklärung,
aber vielleicht der Impuls, der dazu geführt hat." Hat er gut
gesagt, der Wulff.

Dagegen kann man sehr gut erklären,
was Wulff und Guttenberg - letzterem gleich zweimal - aus dem Netz
ins Gesicht explodiert ist: Der enorme Unterschied zwischen lauthals
verkündeten Idealen und gelebter Bigotterie. Das allein reizt schon,
das ist das Material, der sich nachher wieder über die Personen
ergiesst. Der eigentliche Auslöser aber ist dann noch die
Unfähigkeit, das eigene Versagen einzusehen, das Negieren, das
Verschleppen, das Aussitzen, das Lügen, das Taktieren. Das dauert,
das geht bei den Betrachtern und den von diesem Personal Beherrschten
an die Nieren, und nach zwei, drei Tagen schreibt auch der brave
Familienvater ins Netz, was er vor 30 Jahren allenfalls gegen das
TV-Gerät gebrüllt hätte. Jedes ordentliche Unwetter braucht eine
gewisse Zeit, um sich zu sammeln. Wenn aber alles getan wird, damit
weiter das Versagen deutlich wird, seien es nun 80 Disketten oder
Übernachtungen bei privaten Freunden, die nur zufällig
Multimillionäre und Sponsoren sind, bleibt es nicht bei der
verärgerten Bemerkung. Die Leute haben Blogs, Twitter, Photoshop und
Google Plus, und sie werden es einsetzen. Genau so rücksichtslos,
wie man sie befäkaliert.
Die zur Schau gestellte Dreistigkeit
wird als eigene Handlungsmaxime begriffen. Die Unlauterkeit ist der
beste Anlass für die Vermutung, dass da noch mehr sein müsste. Dann
wird eben gesucht, gesucht und spekuliert. Dem einem geht es um seine
Karriere und sein Gehalt, das alle zahlen, den anderen um ihren Spass
und den Return on Investment. Kein Panzerglas, keine Bodyguards, kein
Protokoll und keine handverlesene Gästeliste können das Internet
aufhalten. Der Verursacher will nicht reden, sich nicht erklären,
die Sache klein halten? Macht nichts. Dann macht man es eben ohne
ihn. Man braucht ihn nicht. Ab einer gewissen Grösse ist so ein
Fäkalgewitter im Netz selbsterhaltend. Jemand redet von
Verantwortung und sieht nicht ein, dass dazu auch Konsequenzen
gehören? Dann ruiniert man eben seine Reputation. Egal ob beim
Blattablesen, bei den öffentlich-rechtlichen Fragenabhaken, in einer
Pressekonferenz oder mit einer Erklärung der Anwälte im Internet:
Das ist keine Kommunikation, sondern nur die nächste Verweigerung
mit dem Ziel, doch irgendwie durchzukommen. Der Ärger darüber wird
nicht aufhören, solange sich vorgebliche Tugenden und tatsächliche
Verfehlungen so angleichen, dass es wieder etwas wie Vertrauen geben
kann, oder die fragliche Person durch den Rücktritt aufhört, eine
öffentliche Schande zu sein. Die Bildzeitung mag die Macht haben,
Politiker zu bedrängen, aber auch sie ist nicht in der Lage,
Politiker vor den Mechanismen des Fäkalgewitters zu retten. Achtung gibt es vor Nichts und für Niemanden.

Und wie man beim versuchten
Guttenbergcomeback gesehen hat, ist so ein Unwetter im Internet auch
nicht wirklich vorbei: Ein paar dumme Bemerkungen, eine gewisse
Renitenz, ein Rückfall in alte Neigungen der Selbstüberhöhung, und
es geht sofort wieder los. Nicht jeder ist so dumm, Giovanni di
Lorenzo etwa hat schnell eingesehen, dass er angesichts der Kritik
mit Einsicht schnellstens Raum zwischen sich, Guttenberg und dem
niederprasselnden Unwillen über die Steigbügelhalterei bringen
muss. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass die Medien ein wenig vom
Internet und den Empörungswellen getrieben werden; sollte es so
sein, muss man das nicht bedauern.
Die meisten Beteiligten sind keine
Trolle und Hetzer, sondern ganz normale Leute, die sich nicht gern
mehr als nötig belügen und hintergehen lassen. Und wenn alles
vorbei ist, möchten sie auch wieder etwas anderes als das Elend der
politischen Kaste sehen. Dann reparieren sie wieder den Wasserhahn,
streichen den Zaun und sind recht freundlich und umgänglich, ja,
bisweilen sogar nachsichtig und verständnisvoll. Es ist nicht
schwer, sie nicht zum Äussersten zu treiben. Hätte man sie nicht
enttäuscht, hätten sie kein Gewitter entfacht. Es ist nicht das
böse Internet und seine grenzenlose Perfidie, es ist eine Antwort
auf einen, neudeutsch, Moral- und Kommunikationsfail, eine Antwort,
die gegeben wird, gerade weil sie von den anderen nicht gehört
werden möchte. Diese Leute werfen nicht den ersten Stein. Aber sie
werfen zurück, und sie warten dabei auch nicht, bis ihnen die
Priester der Medien mit der Pfeife das Zeichen geben.