Kleider machen Leute. Und Computer machen Kleider.
21. Januar 2012, 13:28
Uhr
In vielen Bereichen sind die Segnungen der modernen Technik für
jedermann sichtbar. In anderen nicht - wie zum Beispiel in der
Fertigung von Kleidungsstücken.
Ich bin ein
Kleidungsfetischist. Nicht so wie jener Herr meiner Bekanntschaft,
dessen Wohnung quasi ein begehbarer Kleiderschrank ist. Auch nicht so
wie jener Verflossene, der mehr Schuhe als ich hat. Ich mag
Qualität, schöne Stoffe. gute Schnitte. Und gutangezogene Menschen
- aus rein ästhetischen Gründen. Ich drehe mich auch nach Frauen
auf der Straße um, wenn sie schick angezogen sind, aber
gutangezogene Männer machen mir noch etwas mehr Freude. Nach meiner
völlig unerheblichen und gleichermaßen subjektiven Meinung gibt es
kein kleidsameres Kleidungsstück für den Herrn als einen Frack. Da
der im Alltag fast verschwunden ist, kann ich mich auch an Anzügen
erfreuen, wenn auch mit Einschränkungen.
Einer der Vorteile des
Frackes ist, daß man damit wenig falsch machen kann. Die
Auswahlmöglichkeiten sind relativ begrenzt und der Kauf von
Abendgarderobe findet zumeist in Läden statt, wo man vernünftig
beraten wird - für Anzüge kann das leider nicht gelten, und
entsprechend lang ist die Liste gruseliger Scheußlichkeiten, die man
in deutschen Durchschnittsbüros und Straßenbahnen zu sehen bekommt.
Gestreifte Hemden, wo die Streifen nicht aneinanderpassen. Schuhe mit
Kreppsohlen und unsäglichen Nähten an Stellen, wo keine Nähte sein
sollten. Oder es fehlen Nähte, wo sie hingehören. Hosen zu kurz,
Hosen zu lang, was sich dann häufig bei den Jackettärmeln und der
Krawatte wiederholt. Hosen ohne Gürtel - mich schaudert's beim
bloßen Gedanken. Schrecklich auch, wenn Hemdkragen und Jackettkragen
nicht vernünftig aneinandersitzen. Ich weiß auch, wem ich das zu
verdanken habe: Computern und Maschinen. Und der Massenkonfektion.

Jeder, der schon mal
Papier in Stapeln geschnitten hat, kennt das: ein, zwei, drei Blatt
kann man sauber schneiden, bei mehreren Blättern werden einige
zwangsläufig schief. Das gleiche passiert mit von Maschinen
geschnittenen Stoffen: werden viele T-Shirt oder Anzugteile für die
Billigware großer Bekleidungsketten gleichzeitig in Stapeln
geschnitten, fallen die Zuschnitte unweigerlich unterschiedlich aus.
Weshalb es sich in den fraglichen Läden immer lohnt, drei Teile
derselben Größe durchzuprobieren: sie fallen meistens
unterschiedlich aus. Man kann das natürlich auch als Vorteil
betrachten, von den unschlagbaren Preisen ganz abgesehen, die es
jedermann zumindest theoretisch ermöglichen, sich geschmackvoll und
modisch zu kleiden (wenn man denn wollte).
Ohne Zweifel hat die
Maschinisierung des Schneiderhandwerks einschneidende Folgen für die
Modewelt gehabt. Allerdings nicht nur am unteren Ende der Bandbreite.
Sehr fraglich, ob es ohne Computer die Maßkonfektion - was für
ein Widerspruch in sich - überhaupt gäbe, und ob sie derartige
Verbreitung gefunden hätte. Unzählige Firmen bieten heute
Baukastenkollektionen an, bei denen man sich vor Ort vermessen läßt, Hosen, Röcke und Jacketts im Rahmen mehr oder weniger beschränkter Möglichkeiten
individualisiert, die dann in manchen Punkten an die persönlichen
Maße angepasst werden. Junge Damen mit Armen wie ein Orang-Utan
kommen so zu Blusen, deren Manschetten am Handgelenk sitzen. und nicht
am Ellenbogen. Und Herren mit Überlänge zu Hosen in Überlänge.

Möglich macht es unter
anderem das Computer-Aided-Design. Wer einmal die unterschiedlich
gebogenen Linien eines Schnittmusters in verschiedenen Größen
gesehen hat, weiß, wie kompliziert es ist, Schnittstücke auf Papier
an andere Größen anzupassen. Ein am Computer entworfenes
Schnittmuster hingegen läßt sich mittels Algorithmen und Rechnerleistung mit relativ wenigen Klicks in
vielen Dimensionen anpassen, wenn man erst in die erforderlichen
Vorarbeiten investiert hat. Tatsächlich ist auch hier die Bandbreite
groß: bei manchen Anbietern wird fast jeder Sonderwunsch
berücksichtigt. Bei anderen ist die Passform am Ende immer noch
weitgehend standardisiert, und die Flexibilität erstreckt sich eher
auf die dekorativen Details. Zwar gab es schon früh Anbieter dieser
Dienstleistung, aber erst mit der Verbreitung des
Internetversandhandels wurde es ein Massengeschäft. Einmal
vermessen, kann man problemlos vom heimischen Rechner aus nachordern
- wenn man auf das Vergnügen, die Stoffauswahl befingern zu
wollen, verzichten kann - und die Ware sogar postalisch verschicken
lassen.
Dreidimensionale Darstellungen vermitteln ein ziemlich
realistisches Bild vom Endergebnis, von der Haptik abgesehen - und
auf die verzichtet der moderne Mensch ja ohnehin oft genug beim
Onlinekauf. Auch die Bastion des „liebevollen Details" wurde
längst gestürmt: farbig abgsetzte Hemdkragen, durchgeknöpfte
Jackettärmel - alles kein Problem für die Maßkonfektion.
Minimaler Aufwand, moderate Preise - ein unschlagbares Angebot in
Zeiten der in dunklem Zwirn uniformierten
Dienstleistungsgesellschaft. Knapp unterhalb der bereits etablierten
Maßkonfektion entsteht seit kurzem sogar ein noch etwas günstigeres
Segment, bei dem der Kunde sich selbst vermißt und seine Daten in
entsprechende Formulare einträgt - das funktioniert für Hemden
ebenso wie für Abendkleider. Durchaus möglich, daß zukünftig die
verrufenen dreidimensionalen Körperscanner auch vermehrt zum Einsatz
kommen und das leidige Vermessen vereinfachen werden.
Die einzigartige
Passform der maßgeschneiderten Luxusliga ist damit allerdings
trotzdem nicht zu erreichen. Echte Maßbekleidung ist aus gutem Grund erheblich teurer und in Bereichen, die sich kaum automatisieren lassen. Die reine Nähzeit für einen Anzug dürfte bei etwa 10-20 Stunden liegen, ein richtiger Maßschneider hingegen investiert eher an die fünfzig Stunden in einen Anzug. Wo die Computer aufhören, werden sämtliche körperlichen Eigenheiten des Kunden ins Schnittmuster eingearbeitet, dann wird eine Rohversion "geheftet" (also mit großen Stichen lose genäht) und probiert, erst danach folgt die eigentliche Fertigung, erneute Anprobe, wieder Änderungen - es ist nicht die reine Nähmaschinenlaufzeit, die die Kosten hochtreibt, sondern die menschliche Dienstleistung eines erfahrenen Auges und geschickter Hände beim Anpassen.

Die Handarbeit der do-it-youself Individualisten hat der Computer hingegen sehr vereinfacht. Schnittmuster von Hand zu zeichnen
ist ein mühsames Geschäft und erfordert erheblichen Sachverstand.
Oder leidlich versierten Umgang mit Schnittmusterprogrammen, die es
für die gesamte Bandbreite - vom Profi bis zur ambitionierten
Hausfrau - gibt. Die kauft allerdings im Zweifel im Online-Shop ein
Schnittmuster in ihrer Größe - oder sogar ein Schnittmuster, bei dem die
eigenen Maße im Standardschnittmuster punktuell berücksichtigt
werden. Quasi Maßkonfektion zum Selbernähen, wobei man ja bei
selbstgenähten Stücken immer noch an der Paßform manuell
nachbessern kann. Meine Großmutter hat noch Kurse an der Volkshochschule belegt - ihre Enkelin kauft heute ein Buch und schaut sich Lernvideos im Internet an. Der Computer hilft, das Ergebnis zu visualisieren, er kann die Zuschnitte optimal auf der Stoffbahn verteilen, und offene Fragen werden in Foren ausgetauscht, gewissermaßen im virtuellen Kaffeekränzchen.
Für ein wirklich exquisites Kleidungsstück muß man entweder viel Geld oder viel eigene Zeit investieren, ohne daß man es dem Ergebnis sofort ansieht. Maßgeschneiderte Kleidung, von Hand genähte Schuhe aus dem Leder glücklicher Rinder, nach eigenen Wünschen - das fällt den wenigsten, im Zweifel nur dem Träger auf. Und darauf kommt es an, sagt mein aus Ex-Gründen zum Schuhfetischismus gewechselter Verflossener.