Der Schöngeist in den Zeiten der Klimakrise
20. Februar 2012, 13:27
Uhr
Der moderne Mensch könnte leicht denken, daß alles notwendige
Wissen abrufbereit im Internet ist - brauchen wir da noch
Historiker, Musikwissenschaftler, oder Keltologen?
Früher saßen
Studenten in der Bibliothek, weil dort das Wissen war, das sie
brauchten. Heute sitzen viele in der Bibliothek, weil dort die
Arbeitsplätze sind - das Wissen hingegen besteht aus 0en und 1en,
in Fachaufsätzen, im Internet. Die gedruckten Heftversionen werden
ungefähr so oft genutzt, wie ein Tablet-Benutzer zur Holzzeitung
greift. Die Zeiten, in denen man nach einer Diskussion bei Tisch über
irgendein triviales zeitgeschichtliches Detail oder unnützes
Kuriosum zum Bücherregal ging, das Lexikon hervorzog und nachschlug,
sind lange vorbei - heute greifen wir zum Smartphone und googeln -
und das, bedauerlicherweise, allzuoft nicht erst nach Tisch, sondern
bei Tisch. Historische Buchausgaben, Gemälde mit Detailausschnitten,
geschichtliche Ereignisse - alles findet sich in dutzendfacher
Aufbereitung im Internet und wenn demnächst erst alle Bücher
digitalisiert sind, brauchen wir eigentlich nur noch eine Handvoll
Geisteswissenschaftler für die Instandhaltung der Webseiten -
oder? In Zeiten, in denen Produktivität und Effizienz das Maß aller
Dinge sind, sollten wir mehr Techniker, Ingenieure und
Naturwissenschaftler ausbilden - nicht brotlose Schöngeister.

Zugegebenermaßen wird
an den großen Fragen der Menschheit in letzter Zeit vor allem mit
naturwissenschaftlichen Methoden gearbeitet. Die Klimaerwärmung zum
Beispiel. Der Effekt an sich ist weitgehend unbestritten - die
Schuldfrage hingegen noch offen. Eine so komplexe Größe wie das
Weltklima ist multikausal und welchen Einfluß die Industrialisierung
westlicher Gesellschaften darauf hat, läßt sich vermutlich nicht
absoluter Sicherheit sagen. Die anthropogenen Effekte selbst setzen
sich ja zusammen aus Entwaldung, Verbrennung fossiler Rohstoffe und
intensivierter Viehhaltung, sie wirken sich über diverse
Treibhausgase auf die Atmosphäre aus, und die Konsequenzen sind
vielfältig. Kein Computer dieser Welt kann die diversen Ursachen und
Effekte sauber auseinanderrechnen und so kommt das Zentralorgan der
Klimaforschung, das Intergovernmental Panel on Climate Change denn
auch nur zu dem Ergebnis, daß ein menschlicher Beitrag zur
Erderwärmung „sehr wahrscheinlich" ist.
Bedauerlicherweise
haben auch einige der Hohepriester der Klimaforschung keine ganz weiße
Weste mehr (nicht inhaltlich, wohl aber in Bezug auf das höfliche Miteinander unter Kollegen), was den Klimaskeptikern Argumentationsspielräume
verschafft. Direkte, halbwegs verläßliche Temperaturmessungen
existieren seit gerade einmal 150 Jahren, alle weiteren Informationen
müssen also aus Fossilen, Eisbohrkernen und mittels anderer,
indirekter Methoden gewonnen werden. Neben der Datenqualität stellt
sich auch die Frage, ob nicht gelegentliche Schwankungen in Zyklen
mehr oder weniger normal sind - und wie die Welt aussähe, wenn es
noch ein paar Grad wärmer würde. Zugegebenermaßen sind
Glaziologen, Geologen und andere Naturwissenschaftler mit
entsprechenden technischen und quantitativen Fähigkeiten
unabdingbar, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Historiker,
Kunstgeschichtler und sogar Musikwissenschaftler können aber auch
helfen.

Historische
Aufzeichnungen zeigen deutlich, daß es auch früher
Klimaschwankungen gab, namentlich die mittelalterliche Warmzeit von
ca. 900 bis 1200 und die „kleine Eiszeit" vom 15. bis ins 19.
Jahrhundert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, daß diese ihr Ende
mit der Industrialisierung der westlichen Hemisphäre fand. So
nützlich Fossilien und Gletscherforschung dabei sind, die
klimatologischen Bedingungen vergangener Jahrtausende festzustellen -
auch historische Dokumente geben erstaunliche Aufschlüsse darüber,
und über die Konsequenzen. In der Wärmezeit wurde in Preußen Wein
und in Norwegen Getreide angebaut und Grönland macht seinem Namen
Ehre und war grün. Und nicht nur das: Grönland war grün, also
eisfrei, ebenso Teile der Nordmeere und dieser Umstand erlaubt es den
Wikingern, ihre umfangreichen Schiffahrten zu unternehmen - die
Welt war ein erstes Mal kleiner und ein wenig globalisierter
geworden. Zugegebenermaßen können historische Aufzeichnungen nur
begrenzt bei den Ursachen weiterhelfen, schon gar nicht bezüglich
verstärkter Sonnenaktivität und dergleichen - aber über die
Konsequenzen und die Bedingungen eben durchaus.
Gleiches gilt für die
kleine Eiszeit. In der Toskana erfroren die Olivenbäume, in
Nordeuropa verfaulte und erfror das Getreide auf dem Halm und die
Menschen mußten hungern. Die Bevölkerung war gewachsen - zum
Hunger kamen Seuchen und die sozialen Veränderungen folgten auf dem
Fuß, bis hin zur französischen Revolution, die natürlich auch
etwas mit dem Hunger der Bevölkerung zu tun hatte. Andererseits
führte die Kälte zu Annehmlichkeiten, die heutige Museumsbesucher
verblüffen: in Amsterdam und Hamburg konnte man auf den Kanäle bzw.
der Alster regelmäßig Schlittschuhlaufen, in London gab es einen
„Frostmarkt" auf der Themse. Alle diese Lustbarkeiten sind in
hunderten von Bildern und Gemälden wohldokumentiert, mancher Maler
gründete seine gesamte Reputation auf die Wintermalerei.

Selbst in der Musik
finden sich Belege für dieses Phänomen. Vivaldis „Vier
Jahreszeiten" sind vier Sonette vorangestellt, die der Musik
programmatischen Charakter geben. Demgemäß illustriert der „Winter"
einen Eisspaziergang und Schlittschuhläufer auf der zugefrorenen
Lagune in Venedig. Auch wenn dies keine essentiellen Fakten für die
klimageschichtliche Forschung sind, geben sie doch Aufschlüsse, und
bestätigen Hypothesen aus einer gänzlich anderen Perspektive -
also gute wissenschaftliche Forschungsmethode.
Davon abgesehen würde
es unserer Gesellschaft vielleicht gar nicht schaden, sich
rechtzeitig damit zu befassen, wie die Gesellschaft funktionierte bei
wärmeren Temperaturen und aufgetauten Polarmeeren ebenso wie bei
vermehrten Klimakatastrophen. Wie sich Transportzeiten änderten, und
wirtschaftliche Bedingungen - möglich, daß solches Wissen in der
Zukunft noch nützlich wird. Möglich, daß der Gott aus der Maschine
uns dann nicht mehr weiterhelfen kann. Umstritten ist nämlich eigentlich nur der Anteil menschlichen Wirkens - die Erwärmung der letzten 100 Jahre hingegen ist eine Tatsache. Zeit also, sich mit den Konsequenzen zu befassen, sonstn müssen wir unsere Computer bald auf Pfahlbauten aufstellen.
Von solchen
utilitaristischen Erwägungen pro Geisteswissenschaften kann man sich
natürlich auch auf den vergeistigten Standpunkt stellen, Kunst,
Kultur, und Geschichte seien Werte an sich. Weil sie Freude bereiten,
eine Gesellschaft prägen, des Menschen Seele kathartisch läutern.
Dies jemandem verständlich zu machen, der keine Freude an Kunst hat,
an Läuterung oder an gesellschaftlichem Zusammenhalt, ist schwierig.
Wer in Kategorien von Nützlichkeit denkt, demgegenüber man muß mit
Nützlichkeit argumentieren. Siehe oben.