Steve Jobs: der Totenkult
22. Oktober 2011, 14:37
Uhr
Für einen sechs- oder siebenfachen
Milliardär (bei dieser gar nicht so erstaunlichen Höhe liegen die Schätzungen
des von ihm hinterlassenen Vermögens) lebte Steve Jobs eher bescheiden. Sein
unauffälliges Haus liegt nahe bei einer High School in der Kleinstadt Palo
Alto, neben den Häusern von
Pastoren, Restaurantbesitzern und Professoren, und er scheint sich nicht
interessiert zu haben für die besten Wohnlagen auf den Hügeln zwischen der Bay
von San Francisco und dem Pazifik, wo die anderen Milliardäre ihre Schlösser
aufstellen und eher mit Ausmass als durch exquisiten Geschmack beeindrucken. Im
ersten aller Apple Stores, auf der University-Street in Downtown Palo Alto, sah
man ihn öfter mit Kunden oder Verkäufern sprechen, und die Kellner von “Jin
Sho,” dem besten japanischen Restaurant der Stadt, erzählen, dass sie zweimal
pro Woche mit ihm rechneten.
Seit die New York Times am Tag nach
Jobs’ Tod “Jin Sho” auf der ersten Seite erwähnte, weil er dorthin zu einem
letzten Essen mit einem Freund gegangen war, ist die Zahl der Reservierungen so
sehr gestiegen, dass der Besitzer nun daran denkt, den bisher leer stehenden
Raum eines ehemaligen Nachbar-Restaurants zu übernehmen. Auf meinem
Apple-Computer kann ich immer noch nicht zu den üblichen Internet-Funktionen
gelangen, ohne für den Moment des Clicks einem ernst-freundlichen Steve Jobs in
die Augen zu blicken. Vor Jobs’ Haus sammeln sich weiter, am zweiten Wochenende
nach seiner Beerdigung nun schon, Blumen, Briefe und angebissene Äpfel. Und die
Fenster des Apple Stores auf University werden Tag für Tag mit Botschaften und
Grüssen bedeckt, welche seine Bewunderer an den Toten schreiben und dort
anbringen. Der Laden ist das biographisch markierte und von den investierten
Gefühlen geladene Zentrum eines neuen Kults geworden, der von dort über
elektronische Bahnen auf die Apple Stores und Bildschirme der ganzen Welt
ausstrahlt. Ich möchte diesen Kult ernst nehmen -- der mich sehr überrascht hat
und dem ich räumlich ebeno nah wie affektiv fern bin. Anders gesagt: ich will
weder ironisch noch kritisch darüber schreiben, sondern mich fragen, welches
Bedürfnis in ihm zum Vorschein kommt und ob es ein neues Bedürfnis ist, das
Bedürfnis eines neuen Zeitalters vielleicht.
In den Kulturwissenschaften hat sich
seit geraumer Zeit eine These durchgesetzt, nach der die “Stars” unserer
Gegenwart (das Wort ist seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Gebrauch
gekommen) als säkularisierte Version und als Funktionsäquivalent der (nicht
allein) christlichen Heiligen angesehen werden. Und weil man Steve Jobs ja
immer wieder als den Star von Silicon Valley gefeiert hat, ergibt sich beinahe
zwingend die Frage, ob der neue Totenkult ihn nicht als einen Quasi-Heiligen
verehrt. Heilige und die Legenden, welche ihr Leben erzählen, haben schon immer
vor allem drei Funktionen erfüllt. Heilige werden als Verkörperungen und mithin
als Illustrationen bestimmter Tugenden erfahren. In der Nähe zu den Orten ihres
vergangenen Lebens und in der Gegenwart ihrer Reliquien steigt zweitens die
Hoffnung auf göttliche Hilfe und auf Interventionen durch Wunder. Schliesslich
sollen Heilige als Fürsprecher zwischen den Menschen und Gott vermitteln.
Vor diesem Hintergrund stellt sich
nun – einigermassen überraschend wohl -- heraus, dass sein Kult Steve Jobs
offenbar nicht zum Heiligen macht. Denn buchstäblich keine der weiterhin
täglich erneuerten Botschaften an ihn unterstellt, dass er Tugenden in einer
besonders markanten Weise vergegenwärtigt habe. Im Gegenteil: die sich schnell
verbreitenden und bestärkenden Gerüchte, dass Jobs wohl eher ein unangenehmer
Kollege und Zeitgenosse gewesen sein muss, scheinen der Verehrung keinen
Abbruch zu tun. Ebensowenig verschwendet irgendjemand einen Gedanken oder gar
eine Hoffnung auf die Möglichkeit, dass in der Nähe des ersten Apple Stores
etwa ein Wunder als Ereignis die Kontinuität des Alltags durchbrechen könnte.
Und mit wem, mit welcher “höheren Ebene” sollte der verstorbene Steve Jobs
seine Bewunderer wohl vermitteln und vermittelt haben? Denn der Kult nimmt
seinen Ursprung zwar in einer amerikanischen Welt, wo die meisten Individuen
für das private Leben eine Religion wählen und ihr treu bleiben -- doch eine
gemeinsame Vorstellung von einer die alltägliche Welt übersteigenden Sphäre
gibt es auch dort schoin längst nicht mehr.
Vielleicht hilft besser als die These
vom heiligen Jobs ein biographisches Detail weiter, das zu erwähnen – und ernst
zu nehmen – zunächst wie ein Sakrileg wirkt. Der junge Steve Jobs soll zu einer
Halloween Party als Jesus Christus verkleidet erschienen sein. Anders als bei
Heiligen ist es nicht die Funktion der Figur von Jesus Christus, die Menschen
mit Gott zu vermitteln – vielmehr ist Jesus Christus aus der Sicht christlicher
Theologie selbst eine Dimension des “dreieinigen Gottes.” Er ist Gott als
Verkörperung, Gott, wie er unter den Menschen leben kann -- und genau um diesem
Aspekt geht es mir. Denn die Lebensleistung von Steve Jobs hatte sich ja nicht
darin verwirklicht, neue naturwissenschaftliche Entdeckungen gemacht oder neue
technische Möglichkeiten erfunden zu haben. Vielmehr hat er die bestehenden
Möglichkeiten der elektronischen Technologie über Dispositive wie den
Apple-Bildschirm und die Maus, das I-Phone und den I-Pad ins Alltagsleben
gebracht und zu einem Teil des gelebten Alltags werden lassen -- so wie Jesus
Christus die Konkretisierung und Vergegenwärtigung Gottes im Alltag sein
wollte. Eben weil es ihm um Konkretisierung, Vergegenwärtigung und mithin um
das Erlebbar-Machen ging, war Jobs so konzentriert auf ästhetische Details, ja
wahrhaft besessen von ihrer Optimierung. Und genau auf diese Weise haben Jobs
und Apple am Ende den Konkurrenten Microsoft hinter sich gelassen.
Für das Erlebbar-Machen sind ihm
unendlich viele Menschen dankbar, deshalb erinnern sie sich an ihn. “You made
my world a happier place. I will carry your inspiration in my happy
moments for the rest of my life,” habe ich auf einem der Sticker am Fenster des
Apple Stores gelesen. Oder, spezifischer: “Thank you for your vision. Your
products helped my daughter forget her pain during my hospital stay this
summer.” Auch Jesus Christus hat für seine Gläubigen die “Welt zu einem
glücklicheren Ort gemacht,” indem er sie von der Erbsünde erlöste. Weil ich
aber die wohl unleugbare Konvergenz zwischen Jobs und der Christus-Figur nicht
zur Vollständigkeits-Obession geraten lassen will, ist es wichtig, zunächst
einmal festzustellen, dass es ein Äquivalent zum Mythos der Erlösung in der
Jobs-Geschichte und im Jobs-Kult nicht zu geben scheint.
Die Vielfalt anderer Affinitäten ist
hingegen einfach erstaunlich. Wie Jesus Christus ist Jobs früh, aber doch im
erfüllten Alter gestorben (man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, dass die
dreiunddreissig Jahre des Sterbealters von Jesus in seiner Welt einen ähnlichen
Stellenwert gehabt haben müssen wie die sechsundfünfzig Jahre, die Steve Jobs
gelebt hat). Keine der Botschaften an Jobs klagt je darüber, dass er zu früh
gestorben sei – so wenig wie die Evangelien im Blick auf Jesus das tun. Sie hatten
beide ihre Aufgabe erfüllt. Genauso wie es in den Geschichten über Jesus
Christus der Fall ist, hat das Leben von Steve Jobs unter aussergewöhnlichen
Bedingungen begonnen. Von einer unverheirateten Mutter (und als Sohn eines
syrischen Vaters) einer Adoptivfamilie übergeben worden zu sein, das entspricht
zwar nicht ganz einer Jungfrauengeburt, aber die beiden erzählten
Lebens-Anfänge stellen eine Distanz her zwischen dem zu Höherem geborenen Kind
und jenen Eltern, bei denen es aufwächst. Wie im Leben von Jesus Christus
schliesslich, das hatte ich eingangs schon erwählt, gibt es nun in der
Geschichte von Steve Jobs auch ein “letztes Abendmahl.”
Vor allem trägt die Akkumulation der
vielen individuellen Gefühle von Dankbarkeit -- und nicht eine kollektive und
deshalb abstrakte Dankbarkeit -- den Steve Jobs-Kult. Seine Bewunderer sprechen
über ihn – und zu ihm -- wie zu einem vertrauten Freund, der noch am Leben ist.
Neben das “Thank you for everything” sind immer wieder kleine Herzchen gemalt.
“Steve Jobs you were awesome!” “Thanks for sharing your gift.” “You are my hero
and inspiration to be better and ‘different’ in life.” Und sie alle, die dem
toten Steve Jobs schreiben, wollen unterstellen, dass er in einer anderen
Sphäre – im Himmel der technologischen Welt sozusagen – weiterlebt. Man scheint
sich dies – wie bei Jesus Christus – als eine Rückkehr vorzustellen und weniger
-- wie bei den (anderen) Sterblichen -- als Belohnung für ein vorbildlich
geführtes Leben.
Welches Bedürfnis unserer Welt sollte
nun in diesem Kult seine Konkretisierung, Erscheinung und Erfüllung gefunden
haben? Natürlich wird man die These noch einmal erwähnen, dass in einer Kultur,
die ihre religiösen Horizonte weitgehend verloren hat, Sehnsüchte nach einer
“höheren Sphäre” alle Möglichkeiten ihrer Vergegenständlichung suchen. Aber
genau die zentrale Voraussetzung dieser These trifft ja zumindest auf die
Privatsphäre in den Vereinigten Staaten nicht zu. Dort leben die meisten
Menschen mit einer individuellen Vorstellung vom Himmel. Die allermeisten jener
Verehrer, die Steve Jobs nach seinem Tod persönliche Worte voller Dankbarkeit
geschrieben haben, werden am Wochenende den Gottesdienst einer expliziten und
offiziellen Religion besuchen – und dort zu andere Göttern beten.
Vielleicht muss es also im Jobs-Kult
doch noch einen zusätzlichen Aspekt von Erlösung geben, der freilich ohne
Erbsünde und Selbst-Opfer auskommt. Vielleicht ist es nicht genug zu sagen,
dass Steve Jobs die – abstrakten und sozusagen “neutralen” – Möglichkeiten der
Technologie ins Alltagsleben gebracht hat. Dadurch dass er jene Möglichkeiten
in Phänomene des “Zuhandenen” verwandelte, hat er auch – und vor allem -- einen
Teil jener Furcht gebannt, die lange Zeit mit der Technologie verbunden war
(und natürlich für immer mit ihr verbunden bleiben wird). Technologie, das kann
die Bedrohung nuklearer Verstrahlung und nuklearer Waffen sein, die Zerstörung
der überlebensnotwendigen Biospähere und der Atmosphäre, die absolute
Manipulation des Verhaltens, aber auch die Zerstörung und Manipulation jener
Veranlagungen, die man genetisch an neue Generationen weiterzugeben hat. In
einem Apple-Computer hingegen oder in einem I-Pad wird Technologie, statt zu
bedrohen, zu einer Annäherung an und zu einer Öffnung auf die Welt, die sich
wie ein weicher Handschuh über unser Leben zieht. Dies genau vergegenwärtigen
und zelebrieren, ohne dafür Begriffe zu brauchen, die Momente und die Dauer des
Kults von Steve Jobs. Und all dies ist so plausibel, dass man daran nicht
Anstoss nehmen braucht. Ob das, was Jobs geleistet hat, die Angst vor der
Technologie auf Dauer bannen wird, ist eine ganz andere Frage.