Robert Musil erlösen!
21. Januar 2012, 10:00
Uhr
Eine Warnung
vorweg, bevor Sie sich diese Überschrift vielleicht mit einem gewissen Grad von
Verstörung als guten Bildungs-Vorsatz notieren. Robert Musil (und der Name ist
ja für die meisten -- zurecht -- gleichbedeutend mit einem einzigen großen
Buch, dem „Mann ohne Eigenschaften") hat den Status des permanenten Geheimtips.
Wer als gebildet oder gar als Intellektueller gelten will, kann zwar einerseits
kaum umhin, mit der geistigen Zunge zu schnalzen, wenn der Name oder der Titel
genannt werden. Aber andererseits hat es den einen starken Moment der Intensität,
wo kein Gespräch ohne sie auskommen kann, für Musil und den „Mann ohne
Eigenschaften" nie gegeben. Man empfiehlt die Lektüre, dringend und mit etwas
angestrengtem Enthusiasmus, um dann schnell ein anderes Thema zu finden, bevor
klar wird, wie schütter die Lese-Erfahrungen hinter der gespielten Begeisterung
sind. Und was spricht für Musils großen Roman, wenn es gar nicht wirklich eine
Anforderung kultureller Kennerschaft ist, ihn gelesen zu haben? Wem wäre mit
seiner Erlösung aus der Abseits-Position des permanenten Geheimtips geholfen?
Die meisten sonst
gängigen Gründe und Perspektiven der Literatur-Empfehlung greifen bei Musil
nicht, und das erklärt wohl auch, warum die ganz großen literaturkritischen Essays
und literaturwissenschaftlichen Bücher über sein Werk ausgeblieben sind - bei
aller „Wertschätzung." Er war außerordentlich gebildet in der philosophischen
Tradition und argumentierte mit eleganter Prägnanz, was ab und an aufscheint in
seinem Roman (gleich am Anfang zum Beispiel, in einer zugleich ernst gemeinten
und ironischen Diskussion der Frage, ob ein „Rennpferd genial sein" könne).
Doch insgesamt läßt sich der „Mann ohne Eigenschaften" nicht in die
Auseinandersetzung mit einem großen philosophischen Problem übersetzen, wie es etwa
gängig geworden ist für Prousts („Zeit der Erinnerung") oder Joyces („Bewußtsein
und Welt") Meisterromane. Gewiß, solche Übertragbarkeit ins Abstrakte sollte
eigentlich kein Kriterium für literarische Qualität sein - aber sie hilft, um
in der kulturellen Öffentlichkeit einen herausragenden Ruf und entsprechende
Lesergemeinden zu begründen. Mit „Aktualisierung" schließlich kommt man bei
Musil noch weniger voran, weil der „Mann ohne Eigenschaften" mit jedem Satz auf
die Welt der Österreichisch-Ungarischen Monarchie festgeschrieben ist, die als
Haupt-Opfer des Ersten Weltkriegs seit 1918 für immer verschwand.
Selbst auf der
Ebene der etwas weniger gehobenen Ansprüche tut sich der „Mann ohne Eigenschaften"
schwer, weil dieses Buch von weit über tausend Seiten Fragment geblieben ist -
und deshalb jenen Rückblick der Leser-Befriedigung auf die erzählte Geschichte
verweigert, von dem aus alle Einzelheiten einen spezifischen Sinn zu gewinnen
scheinen. Musils Roman wird im Fortgang des Lesens immer abstrakter - um dann
plötzlich, fast „schlagartig" aufzuhören. Einige Skizzen und Fragmente von
Fragmenten werden noch vom Herausgeber geliefert und verhelfen der Imagination
zu kurzen Sprüngen, aber über das mögliche Ende der Handlung (deren „Faden" man
vielleicht schon lange verloren hat) läßt sich nicht einmal spekulieren, denn es
scheint in sehr weiter Ferne zu liegen. Allerdings hat dieses ausbleibende Ende
keine Konsequenzen, weil Musils übergreifende Romanhandlung (es geht um die
Vorbereitung einer monumentalen Feier zu Ehren der österreichisch-ungarischen
Monarchie) ohnehin nur in Andeutungen existiert, die als Rahmen gerade
ausreichen, um eine Vielzahl von Helden mit ihren je besonderen Welten und
Szenen in Beziehung zu setzen. Nur -- wieviele Leser wollen sich einen Roman
dieser Länge zumuten, der ganz offen bleibt?
Inzwischen wissen
Sie immerhin, warum die Haupt-Gründe, Robert Musil nicht zu lesen, kaum
stechen. Aber noch einmal: was spricht
dafür, den „Mann ohne Eigenschaften" vom Status des permanenten
Geheimtips zu erlösen? Ich will eigentlich nur behaupten, dass dieses Buch
enorm unterhaltsam ist, und versprechen, dass sein Unterhaltungswert (um im
Wortspiel zu bleiben) ein hinreichender Erlös für Ihre Lese-Investition sein könnte.
Vergessen Sie die Befürchtung, ein „bloß unterhaltsames" Buch sei eine Gefahr für
ihre ästhetischen und intellektuellen Selbstansprüche und gestatten Sie sich,
zu lachen wenn Sie den „Mann ohne Eigenschaften" lesen, fühlen Sie sich wohl,
wenn das paßt (wie die Österreicher so gerne sagen), in jener Wiener Welt von
vor genau hundert Jahren, seinen Sie offen für den besonderen Gestus dieses
Romans. Denn er bringt Ihnen eine vergangene Welt als konkrete Stimmung auf und
unter die Haut - und ich meine dies fast wörtlich. Das fängt gleich mit dem
zurecht berühmen Absatz zum Auftakt an:
Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum;
es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch
nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotopen
taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis
zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten
Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und
Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des
Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage
in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste
Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das
Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war
ein schöner Augusttag des Jahres 1913.
Spezialisten lesen diese Sätze als geballte Ironie „zugunsten" (sozusagen)
des abschließenden Satzes, also etwa im Sinn der Frage: was sollen solch ausführlichste
Beschreibungen, wenn sich „das Tatsächliche" in den zwei Worten vom „schönen
Augusttag" sagen läßt? Ich halte dagegen, dass genau eine Umkehrung in der
Richtung der Ironie zum impliziten Programm des Romans führt: eine Welt, auch
und vor allem eine vergangene Welt kommt uns dann sinnlich nahe und wird
gleichsam „von innen" wahrnehmbar, wenn sie mit Genauigkeit als physische
Realität beschrieben wird. Und genau so geht es bei Musil im folgenden Absatz
weiter, wo er den Verkehr in der Innenstadt heraufbeschwört (den wir gewiß für
außerordentlich harmlos gehalten hätten), so wie er von den Wienern des Jahres
1913 erlebt worden ist: „Autos schossen aus den schmalen, tiefen Straßen in die
Seichtigkeit heller Plätze. Fußgängerdunkelheit bildete wolkige Schnüre. Wo kräftigere
Striche der Geschwindigkeit quer durch ihre lockere Eile fuhren, verdickten sie
sich, rieselten nachher rascher und hatten nach wenigen Schwingungen wieder
ihren gleichmäßigen Puls." Ganz langsam sollten solche Sätze gelesen werden
(welchen Grund kann es überhaupt geben, Literatur schnell zu lesen?), bis man
die Wiener Innenstadt von 1913 vor Augen hat und ihre Geräusche auf der Haut
spürt -- wie eine Stimme, die aus der Nähe kommt und sich der Oberfläche des Körpers
im leichtesten Vibrieren mitteilt.
Mehr ist gar nicht gefragt, um unendlichen Spaß zu haben am Panoptikum der
Gestalten jener Welt, die meist etwas kantig sind, weil Musil sie gerade so viel überzeichnet
hat, dass sie komisch und zugleich sympathisch wirken. Die eine Ausnahme ist
Ulrich, der Titelheld, weil er alle denkbaren (und für positiv gehaltenen)
Eigenschaften zu besitzen scheint - weshalb gerade er kein Profil gewinnt und
von der Logik der Erzählung dazu verdammt ist, eben ein „Mann ohne
Eigenschaften" zu bleiben. Dagegen
gibt der General Stumm von Bordwehr, eine der Lieblingsgestalten der
Musil-Leser, sofort die Frage auf, was denn wohl - außer seiner „hellblauen
Uniform" - einen Mann zum Soldaten macht, der seine Tage in ehrfürchtig-distanzierter
Bewunderung für große Bibliotheken und gebildete Damen verbringt. Und kein
Protagonist im „Mann ohne Eigenschaften" hat mehr Profil als Moosbrugger, ein
Zimmermann, dem die Todesstrafe droht, weil er Prostituierte umgebracht hat und
nun vor Gericht die gelassenste Überzeugung an den Tag legt, mit seinem
Verbrechen die vom Staat (er würde sagen „vom Gemeinwesen") zu verkörpernde
Moral verteidigt zu haben. Moosbrugger übt eine ganz unwiderstehliche
Faszination (nicht nur) auf den Intellekt von Clarisse aus, einer jungen Frau,
die ich mir „knabenhaft" und etwas fahrig vorstelle, wie sie ganz im Stil ihrer
Gegenwart davon besessen ist, Nietzsches Philosophie und Wagners Musik zu
leben, vor allem im Klavierspiel mit ihrem Mann Walter, der immer einverstanden
sein will, aber auch beständig mehrere Schritte hinter Clarisses Enthusiasmus
zurückfällt: „Clarisse war es, welche die weiterdrängende musikalische Erregung
schließlich in zwei gewaltigen Schlägen entlud."
Moosbrugger und Clarisse machen eine Achse beinahe gefährlich überdrehter
Intensität aus im „Mann ohne Eigenschaften," während Diotima und Arnheim jene goetheanisch
„schönen Seelen" ihrer Epoche vergegenwärtigen, deren Erfüllung meist eine als
Entsagung verkleidete erotische Ungeschicklichkeit war. „Von höchster Stelle"
ist Diotima, die viel begehrte Gattin eines Ministerialbeamten, ermutigt
worden, in ihrem Salon erste Gespräche über die Jahrhundertfeier des Reiches
unter den Spitzen der Gesellschaft anzubahnen -- und einer ihrer Gäste ist
Arnheim, ein preußischer Größt-Industrieller mit geistigen Ambitionen, Arnheim,
der die ihm geneigten Drehungen des Walzers von Diotimas langsamem Charme so wenig
trifft wie das politische Klima in Wien. Ganz anders zur Sache gehen da Diotimas
niedliches Stubenmädchen Rachel und Arnheims Sarotti-Mohr-hafter Diener
Soliman, während Gerda Fischel, die gegen ihre besten Absichten spröde Tochter
eines jüdischen Bankbeamten, und Hans Sepp, ihr sehr national- und
naturbewegter Freund, wie eine Parodie auf die ja schon selbst durchaus
komische Zweisamkeit von Diotima und Arnheim wirken.
Überhaupt die Paare bei Musil! Gegen Ende des Riesen-Fragments gewinnt
selbst der Mann ohne Eigenschaften etwas Profil, als seine Schwester Agathe die
Bühne der Erzählung betritt und beide im ersten Augenblick schon von den Wellen
einer ebenso unerwarteten wie unwiderstehlichen erotischen Anziehung elektrisiert werden. Manche Frauen
lehnen Musils Roman wegen dieses Endes ab, weil sie festzustellen glauben, dass
Agathe im Vergleich zu ihrem Bruder weniger vollkommen dargestellt wird. Ich
meine dagegen, dass Ulrich nichts als die Vollkommenheit eines korrekt ausgefüllten
Fragebogens hat und dass solche „Vollkommenheit" ganz in den Schatten gestellt wird von Agathes selbstsicher
gelebter Unvollkommenheit, die sie aussehen läßt wie ein Renaissance-Portrait.
Doch mein Text soll nicht in eine Inhaltsangabe ausarten und noch weniger in
ein Protokoll meiner Lesephantasien. Es genügt, wenn Sie sehen, wie schwer mir
das Aufhören fällt - wohl weil ich manchmal glaube, Clarisse, Diotima, Rachel
und die Diana-artige Agathe persönlich kennengelernt zu haben - aber auch, mit
etwas mehr, durchaus respektvoller Distanz vielleicht, Ulrich, Arnheim und natürlich
Moosbrugger. Der Roman hat meiner Imagination eine vergangene Welt so gegeben,
dass mir diese Welt auf und unter die Haut geht. Sich genau diese Weise des
Lesens gegen alle ehrgeizigeren Kultur-Instinkte zu erlauben, ist das Rezept,
um Robert Musil und den „Mann ohne Eigenschaften" zu erlösen - und mit Freude
zu lesen.